Tolle Architektur: Perron mit Überdachung im Luzerner Bahnhof. (Bild: Flickr/Frank_Lepper)
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Tolle Architektur: Perron mit Überdachung im Luzerner Bahnhof. (Bild: Flickr/Frank_Lepper)

Ärgernisse? Sieben Gründe, wieso der Luzerner Bahnhof grossartig ist

10min Lesezeit

Grossstadt-Chic, versteckte Kunstwerke und ein vergessenes Brötli: Man muss den Luzerner Bahnhof einfach gernhaben, gerade weil er nicht perfekt ist. Eine Minderheit der Redaktion möchte die Ehre des Bahnhofs retten, nachdem wir die sieben grössten Ärgernisse vorgestellt haben.

«Der Bahnhof ist einfach perfekt», entgegnete eine Userin auf unsere sieben grössten Ärgernisse im und um den Luzerner Bahnhof (zentralplus berichtete). Perfekt ist er nicht, das ist natürlich übertrieben. Aber trotzdem hat sie Recht: Man muss den Luzerner Bahnhof einfach mögen.

Wer eine perfekte geschmierte Wohlfühloase sucht, ist hier falsch. Der Bahnhof ist mit täglich 163’000 Personen einer der grössten Verkehrsknotenpunkte der Schweiz, eines der meistbesuchten Einkaufszentren und Tummelplatz für Münzbettler, Strassenmusiker und Sonntagseinkäufer. Auf engstem Raum drängen Bedürfnisse aufeinander. Man nennt das auch Stadt.

Hier also sieben Gründe, um die Ehre des Luzerner Bahnhofs zu retten:

1. Grosse Architektur

Wo in der Schweiz wird man denn von einer Bahnhofshalle des spanisch-schweizerischen Stararchitekten Santiago Calatrava (66) empfangen? Der hat immerhin schon in Metropolen wie New York, Dubai oder Barcelona gebaut.

Die elegant geschwungene Beton-Glas-Konstruktion in Luzern führt die Ankömmlinge direkt vom Perron auf den grossen, leeren Bahnhofplatz hinaus Richtung Triumphbogen. Dieser heisst zwar gar nicht so, aber das ist unwichtig.

Der Torbogen ist ein Relikt des 1971 abgebrannten alten Bahnhofs und steht stoisch da. Es ist der wichtigste Treffpunkt der Stadt. Wenn man da also steht und wartet, könnte man wieder mal bewusst auf den Bahnhof blicken statt aufs Handy und denken: «Momoll, nicht schlecht für so eine kleine Stadt.»

Nachher: Der Luzerner Torbogen mit Plan-Lumière-Beleuchtung.
Grosse Architektur in schöner Beleuchtung: Der Torbogen vor dem Luzerner Bahnhof. (Bild: zvg/Gabriel Ammon)

2. Die Skyline

Schon mal am Schweizerhofquai auf der anderen Seeseite gesessen und Richtung KKL und Bahnhof geblickt? Blöde Frage, alle haben das schon einmal gemacht. Und ist Ihnen dabei schon mal aufgefallen, dass das KKL-Dach praktisch nahtlos in den Bahnhof übergeht? Wie das Ensemble zusammen mit der Hauptpost und weiteren Gebäuden praktisch eine ein wohlige Einheit bildet? Es ist ein stimmiges Bild, eine ruhende Skyline, die ohne Bahnhof jäh unterbrochen wäre.

3. Grossstadt-Chic – und ein Gipfeli

Neustadtpendler umgehen den Trubel der Bahnhofshalle, sie stechen direkt von der Zentralstrasse in die Unterführung. Der Tunnel, der zu den Gleisen und weiter zur Velostation sowie Uni führt, gewinnt keinen Schönheitspreis. Viele empfinden ihn als trostlos oder ereifern sich über fehlende Uhren.

Pipifax! Luzern ist nirgends so urban wie hier. Durch den langen Schlauch hindurch geht’s zuhinterst in den stinkenden und ratternden Frohburg-Lift. Auf dessen Gitterdach liegt anscheinend seit geraumer Zeit ein Gipfeli, wie unsere aufmerksamen User bemerkten. «Fast schon legendär», meinte ein Leser. Man kann nur zustimmen, ausser dass es sich eher um ein angebissenes Baguette handelt, begleitet von einem einsamen Nüssli und einem Zigipäckli.

Das Gitter im Liftdach verbirgt ein paar Geheimnisse: ein Nüssli, ein Brötchen und ein Zigipäckli.
Das Gitter im Liftdach verbirgt ein paar Geheimnisse: ein Nüssli, ein Brötchen und ein Zigipäckli. (Bild: jwy)

Jedenfalls: Dieser Lift befördert den Gast gemächlich in die Höhe. Weiter geht’s zu Fuss über eine metallene Brücke in luftiger Höhe Richtung See – den Frohburg-Steg. Was für ein Spaziergang: vom dunklen Tunnel auf eine Brücke über den Dächern der Citybay. Wer hier nicht war, hat Luzern nicht erlebt.

Wandern für Ferrophile: Der Frohburgsteg führt vom Bahnhof an den See.
In luftiger Höhe: Der Frohburgsteg führt vom Bahnhof an den See. (Bild: jwy)

4. Platz für alle

Der Luzerner Bahnhof ist nicht nur das verkehrstechnische Zentrum der Stadt, sondern hier nimmt das Leben in all seinen Facetten seinen Lauf. Im Bahnhof spielt die Musik, hier strömen Menschen aller Couleur her. Hier kaufen die einen am frühen Morgen die Pille danach, während sich Gipfeliduft breitmacht. Während beim Busperron das Dosenbier fliesst, spaziert die feine Gesellschaft des KKL nasenrümpfend vorbei.

Hier im und neben dem Bahnhof hat’s Platz für Weihnachtsmärkte, Guuggen-Treffs und nervige Spendensammler. So soll es auch sein: Zwischen Torbogen, Unterführung und Perrons schlägt der Puls – es ist das gesellschaftliche Zentrum dieser Stadt.

Sogar für Lamas hat’s Platz:

 

#lama #luzernbahnhof

Ein Beitrag geteilt von Karthik Radhakrishnan (@krmlive) amDez 23, 2017 um 3:13 PST

5. Das Einkaufszentrum für alle Fälle

Eine Verlegenheitsblume für die Schwiegermutter, eine Milch in der Express-Migros, der kurzfristige Städtetrip nach Paris, das Notbier für die Zugfahrt und immer frisches Brot: Der Bahnhof ist Ausgangspunkt für Träumereien, Rettung von Beziehungen und Konsumtempel. Zu fast jeder Zeit findet man hier, was man braucht. Klar hätte es nicht zwingend einen weiteren H&M in dieser Stadt gebraucht. Aber kaum mehr einer will auf Sushi, das Tibits mit der besten Aussicht oder eine schnelle Currywurst verzichten.

Mjam:

6. Versteckte Kunst

Die Zürcher Bahnhofshalle hat den schwebenden Riesenengel von Niki de Saint Phalle. Ok, die grosszügige Bahnhofshalle – immerhin die grösste Europas – vermissen wir in Luzern. Aber dem Engel haben wir etwas mindestens Ebenbürtiges entgegenzusetzen: das verschämt versteckte Werk des Berner Bildhauers Bernhard Luginbühl (1929–2011).

«Lucerne en recul» heisst die Eisenkonstruktion aus lauter Rädern, die ebenso gut von Tinguely stammen könnte (kein Wunder, Luginbühl war gut befreundet mit ihm). Das Kunstwerk hängt beim Gleis 3 über dem Eingang zur Tourismus-Information. Schade nur, wird die Konstruktion – so versteckt wie sie ist – kaum wahrgenommen. Sie hätte einen besseren Platz verdient.

Versteckte Kunst beim Gleis 3: Nicht von Tinguely, sondern von Bernhard Luginbühl.
Versteckte Kunst beim Gleis 3: Nicht von Tinguely, sondern von Bernhard Luginbühl. (Bild: jwy)

7. Damit Luzern nicht nur glänzt

Ja, die fehlenden Veloparkplätze um den Bahnhof sind ein Ärgernis, zudem wäre ein Tiefbahnhof nun wirklich für alle Pendler ganz gäbig und würde allen Zugfahrenden etwas Zeit sparen. Und ob die Ticketschalter zuoberst im Gebäude statt zuunterst wirklich das Gelbe vom Ei sind, ist wirklich fraglich.

Aber darum geht’s doch: In einem Luzern, das glänzt, das von Touristen eingenommen wird und so piekfein daherkommt, braucht es ein Objekt, das für alle da ist und an dem sich alle reiben können. Alle haben eine Meinung zum Bahnhof, er führt überall hin und ist immer da – für alle. Einfach perfekt.

Wandern für Ferrophile: Vom Steg hat man eine prächtige Aussicht auf das Gleisfeld.
Wandern für Ferrophile: Vom Steg hat man eine prächtige Aussicht auf das Gleisfeld. (Bild: jwy)

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