Unterwegs mit der Jagdgesellschaft Schwändeliflue in ihrem 20 Hektar grossen Revier. Mit dabei ist auch Hamschter. (Bild: jav)
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Unterwegs mit der Jagdgesellschaft Schwändeliflue in ihrem 20 Hektar grossen Revier. Mit dabei ist auch Hamschter. (Bild: jav)

Weidmannsheil – die entspannte Realität der Treibjagd

10min Lesezeit

Der Treibjagd haftet ein zweifelhafter Ruf an. Nicht so im Entlebuch. Hier haben wir die Jäger auf der letzten Treibjagd des Jahres begleitet und einiges dabei gelernt. Nicht nur über die Jagd, sondern auch über Demut und Tod. Doch kaum hat man sich akklimatisiert, taucht der Fuchs im Unterholz auf.

Es ist früh am Morgen, es ist kalt und mir ist etwas übel. Bilder von blutenden Tieren und Gedärmen, von kalten Augen und heraushängenden Zungen geistern durch mein inneres Auge.

Die letzte Niederwild-Treibjagd im Gebiet Schwändeliflue für dieses Jahr steht an. Jäger Heinrich aus Entlebuch holt mich am Bahnhof Schüpfheim ab. Ich bin gespannt. Ich erwarte urchige Gesellen, derbe Sprüche und Schnupf. Und ich erwarte eine Treibjagd, wie man sie aus dem Mittelalter kennt. Ich stelle mich darauf ein.

Was nicht passt, wird passend gemacht

Als Erstes wird klar: Mein Schuhwerk entspricht nicht den Vorstellungen eines Jägers. Und eine grüne Jacke hätte es ebenfalls sein sollen. Glücklicherweise ist Heinrich ausgerüstet und bald stecke ich in einem «Helly Hansen».

Als Nächstes wird klar: Der Jäger entspricht weder mit seinem Beruf als Biologe und Schulrektor noch mit seinem Umfeld in der Kulturszene dem Klischee.

Kaffee und Schnaps

Bevor’s losgeht, wird gemütlich zusammengesessen – ganz, wie man es erwartet. Rund 20 Mannen und Frauen und fünf Hunde sind bei der heutigen Treibjagd dabei. Die meisten kennen sich gut. Einige jedoch sind nur für den Trieb angereist.

Obmann Bio, Jagdleiter Peter, Hamschter, Tanner Beni, Franz, Sarah und Ruedi – jede einzelne Hand wird geschüttelt, Funktionen werden verkündet und Befindlichkeiten ausgetauscht.

Dann gibt’s Kaffee und ein Schnäppschen zum Zmorge, bevor sich die Gesellschaft in Richtung Kragenberg aufmacht.

Vor der Jagd gibt es eine kleine Stärkung.
Vor der Jagd gibt es eine kleine Stärkung. (Bild: jav)

Weidmannsheil – Fachjargon für Laien

Die Jagd wird mit vier Jagdhörnern eröffnet. Die Hüte werden gezogen und ganz andächtig blicken die Jäger in die Weite. Im Kofferraum bellen die Hunde.

Dann wird geklärt, wer wo stehen wird und welche Tiere heute geschossen werden dürfen. «Führende» Muttertiere und ihre Jungen sind tabu, verkündet Jagdleiter Peter – ich atme innerlich erleichtert aus. Auch die Hasen sind «zu». Hirsche, also Hochwild, sind «offen». Es wird jedoch nicht damit gerechnet, dass am Kragenberg welche angesprochen werden können. Dann wünscht man sich Weidmannsheil und geht seines Weges.

Niederwild und Hochwild

Die Begriffe haben nichts mit der Grösse der Tiere oder den Höhenmetern zu tun. Es geht tatsächlich ums niedere Volk und die höheren Stände und welche Tiere von wem bejagt werden durften.

Er ist steil, der Kragenberg. Wir keuchen den Berg hoch. Ich bin froh, habe ich die falschen Schuhe an und darf deshalb nicht mit auf den Trieb. Der Aufstieg alleine reicht. Doch die Aussicht entschädigt. Auf die Schrattenfluh und die Brienzer-Rothorn-Kette.

Nachdem wir unseren Stand auf einem kleinen Wiesenvorsprung bezogen haben, erklärt Heinrich den Fachjargon, die Jägersprache. Einen jungen Bock erkennt man beispielsweise daran, dass sein Pinsel noch nicht zu sehen ist. Auch das Kurzwildbret ist noch nicht besonders ausgeprägt – die Brunftkugeln. Bei den Geissen, den Weibchen, ist es das Feuchtblatt oder die Blume, aber genug der ordinären Sprache.

Krickel oder Krucken nennt der Jäger die Hörner der Gämsen. Loosig heisst Hirschgaggi, ansprechen bedeutet sehen und Schweiss heisst Blut. Schweisshund klingt halt doch einiges besser als Bluthund. Ausser vielleicht bei Game of Thrones.

Die letzte Treibjagd des Jahres im Gebiet Schwändeliflue wird eröffnet.
Die letzte Treibjagd des Jahres im Gebiet Schwändeliflue wird eröffnet. (Bild: jav)

Treiben oder warten

Nachdem die sprachlichen Differenzen aus dem Weg geräumt sind, wird es ernst. In der Ferne beginnen die Hunde zu bellen, die Treiber zu lärmen. Sie klopfen an Bäume und stampfen durch den Wald in unsere Richtung.

Lässt man den Blick über den Hang schweifen, sieht man in grösseren Abständen die orangen Signalbänder an den Jägerhüten leuchten. Alle sind bereit, das Gewehr mit Schrot und Kugeln geladen im Anschlag, sollte im nächsten Moment ein Reh, Hirsch, Fuchs oder eine Gämse aus dem Wald treten. Die Stimmung ist angespannt.

Steiler Aufstieg am Kragenberg.
Es ist ein steiler Aufstieg am Kragenberg. Heinrich hat schon Vorsprung. (Bild: jav)

Von Jagdlust und Reue

Wir stehen seit ungefähr einer Stunde mitten im Hang und flüstern. Heinrich erklärt, was geschieht, sobald ein Tier getroffen ist: vom letzten Biss des Wildes in den Tannenzweig, vom Respekterweisen und dem Lied, das zu viert gespielt wird.

«Unsere Gesellschaft delegiert das Töten.»
Heinrich, Jäger

Es erinnert an die indianische Jagd, wenn er von den Ritualen erzählt. Als Jäger setze man sich mit dem Kreislauf von Leben und Sterben auseinander, lehre Achtung, Demut und Respekt der Natur und den Tieren gegenüber. Die Jäger kennen ihr Revier, sie beobachten das Wild, kennen ihr Verhalten, lesen Spuren und stehen oft Auge in Auge mit den Tieren.

Heinrich gibt zu, er habe diesen Jagdtrieb, jedes Mal sei es wieder da, «dieses Fieber». Aber danach, wenn er ein Tier geschossen habe, tue es ihm immer unheimlich leid. «Ich weiss, es ist primitiv, es ist unterste Schublade, wenn ich abdrücke. Ich töte ein Lebewesen.» Den Vorwurf, er sei ein Mörder, den lasse er aber nur von Vegetariern gelten. «Jeder, der Fleisch aus dem Supermarkt isst, der macht dasselbe, jedoch ohne die Reue hinterher.»

«Unsere Gesellschaft, jeder Einzelne, delegiert das Töten», sagt Heinrich. Er habe Grossschlachtereien besucht, in welchen die Tiere im Sekundentakt betäubt und aufgeschnitten würden. Diese Massenabfertigung von Leben und die schlecht bezahlten, abgestumpften Arbeiter hätten ein unheimliches Bild abgegeben.

Dann sind wir wieder still und beobachten konzentriert den Waldrand. Ein Baum bewegt sich. Es ist nur ein Hund, der seiner Nase folgt. Und schon ist Mittagspause.

In einer kleinen Lichtung im steilen Hang wird gegessen und getrunken. Die Sonne brennt auf die grünen Kleider. Am Hang gegenüber liegt Schnee und doch läuft der Schweiss den Rücken runter.

Bei der Mittagspause wird die Aussicht genossen.
Bei der Mittagspause wird die Aussicht genossen. (Bild: jav)

Stille – nur Stille

In der zweiten Runde werden neue Stände verteilt. Die Treiber machen sich auf den Weg, wir beziehen unseren Platz mitten im Wald.

Wir warten, wir schauen und lauschen. Jedes Knacken, jedes Rascheln, jedes fallende Blatt wird registriert. Am Anfang flüstern wir noch ein paar Worte. Dann benötigen wir alle Sinne für den Wald rundherum.

Es sind fast meditative Stunden, die wir auf dem Stand im Wald verbringen. Totale Aufmerksamkeit und absolute Bewegungslosigkeit. Wir werden zu einem Teil des Waldes. Ein Eichhörnchen hüpft an uns vorbei. Dann raschelt etwas im Unterholz. Ein Fuchs. Ein Fuchs! Heinrich nimmt das Gewehr auf. Er legt an. Der Fuchs ist verschwunden.

Und wieder setzen wir uns. Und wieder lauschen wir. Kein Mucks. In der Ferne bellt ein Hund. Wir sitzen. Wir schauen. Dann wird in der Nähe das Horn geblasen. Drei Mal: Abbruch.

Eine Null-Runde. Nach der Jagd wird Bilanz gezogen,
Eine Nullrunde. Nach der Jagd wird Bilanz gezogen, (Bild: jav)

Bei der Jagd gibt es keine Garantie

Eine Nullrunde. Die Treiber haben kaum Tiere gesehen. Die Jäger einige: Rehe, Füchse, Gämsen, sogar eine Hirschkuh. Doch kein einziger Schuss ist gefallen. Die umstrittene Treibjagd ist um einiges ruhiger ausgefallen als erwartet.

Während wir den steilen Abstieg am Kragenberg in Angriff nehmen, kommt trotz meditativem und informativem Tag etwas Enttäuschung auf. Heinrich hingegen wirkt entspannt. «Auf der Jagd gibt es keine Garantie. Nicht einmal dafür, dass man ein Tier sieht.»

Und auch ohne Erfolg wird am Abend in der holzig-romantischen Jagdhütte zusammengesessen. Die Jäger zeigen stolz Handy-Bilder und -Videos von der Jagd, von lebenden und erlegten Tieren und von Sonnenaufgängen. Am Feuer wird über Ethik diskutiert und darüber, wie unsere Gesellschaft das Töten delegiert. Über bewussten Konsum und über Demut. Über die Fuchspelzjacke aus eigener Jagd, welche Heinrichs Frau im Schrank hat und sich trotzdem nicht zu tragen traut.

Zwischen Wein, Wurst, Lebkuchen und Kafi Schnaps kreisen die Gespräche aber bald schon um den neusten Dorftratsch, es wird politisiert und sich geneckt. Und über unseren Köpfen an den Wänden hängen die Trophäen.

Die Aussicht von der Jagdhütte kann sich sehen lassen.
Die Aussicht von der Jagdhütte kann sich sehen lassen. (Bild: jav)

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