Julia Ineichen strahlt. Nach dreissig Jahren hört sie auf, in der Höllgrotten zu wirten und freut sich auf ihre Pension. (Bild: wia)
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Julia Ineichen strahlt. Nach dreissig Jahren hört sie auf, in der Höllgrotten zu wirten und freut sich auf ihre Pension. (Bild: wia)

Julia Ineichen: «30 Jahre, das ist eine verrückte Sache»

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Nach dreissig Jahren übergibt die Baarer Höllgrotten-Wirtin Julia Ineichen ihren Betrieb und lässt sich pensionieren. Worauf sie sich freut? Endlich wieder mal ein Buch zu lesen, ohne nach der ersten Seite gleich einzuschlafen.

«Nur kein Stress, es ist noch nicht neun Uhr», ruft Julia Ineichen ein wenig resolut, als sie die Türe von innen aufschliesst. Dann begrüsst sie uns freundlich und bittet in die Gaststube. Dafür, dass es erst (knapp) neun Uhr ist, herrscht im und rund um das Restaurant Höllgrotten bereits rege Betriebsamkeit. Lieferanten kommen an, in der Küche werden Kartoffeln geschält, ein Mann mit Jagdhund genehmigt sich einen Kaffee.

Zum letzten Mal wird ausgetrunken

Frau Ineichen lotst uns ins Stübli, dort haben wir unsere Ruhe, sagt sie, und verscheucht zwei Herren, die gerade ihre Wochenplanung zu machen scheinen. Neben uns an der Wand hängen Plakate und Karten. «Atrinkete», «Metzgete» und «Ustrinkete» steht auf ihnen.

Bald wird erneut ausgetrunken. Denn Ende Oktober schliesst das Restaurant, wie jedes Jahr, für sieben Monate seine Türen. Und für Julia Ineichen beginnt damit ein neuer Lebensabschnitt. Die Pächterin gibt nämlich den Betrieb nach drei Jahrzehnten ab.

«Früher kam ich nie vor 1 Uhr ins Bett, denn die Gäste blieben viel länger hocken als heute.»

Julia Ineichen, Höllgrotten-Pächterin

«Primär freue ich mich sehr auf meine Pension und darauf, einfach mal nichts zu tun», sagt sie. Und sie ergänzt nachdenklich: «30 Jahre bin ich nun hier. Das ist eine verrückte Sache. In dieser Zeit ist viel passiert.»

Zum Beispiel? «Früher kam ich nie vor 1 Uhr ins Bett, denn die Gäste blieben viel länger hocken als heute. Das hat sich nicht zuletzt mit dem neuen Alkoholgesetz geändert. Um 10, halb 11 ist das Restaurant leer.» Bedauert sie das? «Nein, ich bin noch so froh. Früher habe ich häufig von 8 Uhr früh bis 2 Uhr nachts gearbeitet.» Streng sei das gewesen. Aber auch gut.

Wo sind sie bloss, die Beizen?

Sowieso habe sich die Beizensituation in den letzten Jahrzehnten stark verändert. «Früher, da starteten wir unsere Beizentour jeweils beim Falken in Baar und zogen in Richtung Bahnhof weiter. Meistens schafften wir es vor lauter Beizen gar nicht bis zum Kreuzplatz.» Ineichen macht mit der Hand eine Zickzack-Bewegung. «Heute gibt es da fast nichts mehr», sagt die baldige Rentnerin und schüttelt ihr kurzes, rotgefärbtes Haar.

 «Dass hier kaum Empfang herrscht, ist super, dann schreien die Gäste nämlich nicht dauernd in ihre Telefone rein.»

Julia Ineichen

Seit Ineichen die Pacht der Höllgrotten 1987 übernommen hat, wohnt sie in diesem historischen Riegelhaus, das von Wald und Hügeln umgeben liegt und ein regelrechtes Funkloch ist. «Das ist super, dann schreien die Gäste nämlich nicht dauernd in ihre Telefone rein. Hie und da fragen die Leute, ob wir WLAN haben. Ich tue dann jeweils so, als wenn ich gar nicht wüsste, wovon sie reden.»

Der Winter dient zum Auftanken

Rambazamba und keine ruhige Minute über die Sommermonate, dafür schierer Stillstand während der Winterzeit. Wird es dann nicht schnell langweilig? «Überhaupt nicht. Der Winter ist für mich sehr wichtig, um mich zu erholen. Dann ist es hier hinten herrlich. Vor allem, wenn es schneit. Und doch bin ich nur fünf Minuten von der Zivilisation entfernt», erklärt die Baarerin.

Das geschichtsträchtige Haus war Ineichens Wohn- und Arbeitsort während der letzten 30 Jahre.
Das geschichtsträchtige Haus war Ineichens Wohn- und Arbeitsort während der letzten 30 Jahre. (Bild: wia)

Mit der Aufgabe der Pacht muss Ineichen auch aus ihrer Wohnung ausziehen. Ist sie deshalb wehmütig? «Aber nein. Mein Lebenspartner und ich haben bereits eine neue Wohnung gefunden. Noch weiter hinten im Lorzentobel, beim Wasserwerk», sagt sie und lächelt. «Ich freue mich sehr darauf. Einfach einmal Zeit zu haben, um zu wohnen und vielleicht wieder einmal ein Buch zu lesen. Heute schlafe ich immer schon bei der ersten Seite ein.»

«Anfangs war ich wohl einigen Gästen mit meiner Art zu direkt, weshalb sie dem Restaurant dann fernblieben. Die meisten sind jedoch mit der Zeit wiedergekommen.»

Julia Ineichen

Das Restaurant Höllgrotten läuft heute ganz gut. War es denn immer so leicht, die Bude voll zu bekommen? «Klar musste man sich das am Anfang erarbeiten. Anfangs war ich wohl einigen Gästen mit meiner Art zu direkt, weshalb sie dem Restaurant dann fernblieben. Die meisten sind jedoch mit der Zeit wiedergekommen», so Ineichen, die heute eine Vielzahl von Stammgästen hat.

«Auch sonst gab es natürlich hie und da Krisen, etwa mit dem Personal. Doch das gehört wohl einfach dazu.» Das nötige Herzblut sei jedoch immer da gewesen, betont sie. «Man muss wirklich Lust darauf haben, einen solchen Betrieb zu führen.»

Und schwupps, bekommt man zehn Eier geschenkt

Das Interview wird unterbrochen. Ein Herr guckt ins Stübli. Julia Ineichen freut sich sichtlich über den Besuch. Sie juckt auf, spricht ein paar Worte mit dem Mann, kommt zurück und erklärt: «Dieser Mann beliefert mich mit den besten Eiern der Welt. Die sind so fein!» Und sie beginnt gleich, von der Beschaffenheit dieser scheinbar weltbesten Eier zu schwärmen.

Auf unsere Skepsis hin erhebt sie sich und holt kurzerhand einen Zehnerkarton aus der Küche. «Hier, die müssen Sie probieren», versichert sie. Überhaupt sei ihr die Qualität ihrer Lebensmittel sehr wichtig. «Ich würde den Gästen nichts servieren, was ich nicht selber essen würde», so ihre Devise.

Eine etwas andere Erziehungsmassnahme

Die Arbeit ruft. Doch bevor Ineichen bei ihrem Personal für Recht und Ordnung sorgt, erzählt sie uns noch eine hübsche Anekdote: «Zwischendurch gibt es bei uns Tage, die sind so anstrengend, da weiss man gar nicht, wo beginnen. Jedenfalls hatten wir einen völlig verrückten Mittag, überall in der Küche hingen Zettel mit Bestellungen.» Das Küchenteam habe geschuftet wie verrückt, um alle Bestellungen abarbeiten zu können, erklärt Ineichen.

«Ein Herr, der an der Selbstbedienungstheke Schnitzel und Pommes bestellt hatte, benahm sich völlig daneben und forderte, sein Essen sofort zu bekommen. Er war derart ausfällig, dass er meine Angestellte beinahe zum Heulen gebracht hätte.» Nachdem auch die Pächterin erfolglos versucht habe, den Mann zur Vernunft zu bringen, sei ihr der Kragen geplatzt. «Ich habe einen Teller genommen, gefrorene Pommes und ein ungekochtes Panierschnitzel auf dem Tisch drapiert, habe es ihm gebracht und bin wieder zurück in die Küche gerauscht.»

Als der Gast etwas später befand, das Essen sei ja noch kalt, habe Ineichen erklärt: «Wenn es so schnell gehen muss, dann reicht die halt Zeit nicht, um das Essen zu kochen.» Und endlich sei man zum Gast durchgedrungen. «Er wurde dann plötzlich ganz nett, hat uns gebeten, ihm das Essen doch bitte zu kochen und hat sich für sein Verhalten entschuldigt.»

Vor der Pension kommt die grosse Feier

Derart mühsame Kunden seien jedoch die Ausnahme, sagt die Bald-Pensionierte mit Nachdruck. «Sonst würde ja niemand diesen Job machen.»

Wer führt denn eigentlich künftig den Betrieb weiter, wenn sich Julia Ineichen zurückzieht? «Wir haben grosses Glück, dass Caroline Greipl, die schon sechs Jahre im Service arbeitet, das Restaurant weiterführen wird.»

Ein grosses Highlight hat die jetzige Pächterin jedoch noch vor sich, bevor sie sich tiefer ins Lorzentobel verschanzt. «Am 9.9. feiern wir mein 30-Jahr-Jubiläum und gleichzeitig das 40-Jährige der hiesigen Band Concerto Furioso. Da freue ich mich sehr drauf! Auch wenn ich meinen Abgang gar nicht an die grosse Glocke hängen möchte.»

Die Pächterin vor der Gartenbeiz der Höllgrotten.
Die Pächterin vor der Gartenbeiz der Höllgrotten. (Bild: wia)

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