Leidenschaftlicher Guide durch die Villa Bellerive: Denkmalpfleger Mathias Steinmann. (Bild: hae)
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Leidenschaftlicher Guide durch die Villa Bellerive: Denkmalpfleger Mathias Steinmann. (Bild: hae)

«Ein Gesamt-Kunstwerk, das jeder Luzerner einmal gesehen haben sollte»

6min Lesezeit

Die Villa Bellerive ist eine der prunkvollsten Schweizer Privatvillen des 19. Jahrhunderts. Das Neurenaissance-Haus ist am Samstag öffentlich begehbar. zentralplus liess sich den monumentalen Bau schon im Vorfeld zeigen, ganz unter dem Motto des Denkmal-Tages: «Macht und Pracht». Vorhang auf für schmucke Lüster, opulente Gemälde und Parkanlagen ohne Ende.

Mathias Haehl

Beim Empfang vor den Toren der Prachtsvilla wedelt Denkmalpfleger Mathias Steinmann (53) mit einem kleinen grünen Blatt. Es stammt vom Ginkgobaum, der schon Dichterfürst Goethe zu einer Ode hinriss, so perfekt ist die Form des fächerartigen Blattes.

Steinmann möchte zeigen, wie die Natur beim Bau der Villa 1887-1890 in die Architektur integriert wurde: Das Ginkgoblatt findet sich überall wieder an den Schmiedeeisengeländern und auf den Mosaikböden. Und auch das Wasser fliesst symbolisch an allen Ecken und Enden durch das Monumentalgebäude hoch oben im Luzerner Bellerive-Quartier, das einst einen Umschwung bis ans Bahngeleise am See aufwies.

Das Blatt des Ginkgobaumes findet sich überall in der Dekoration wieder.
Das Blatt des Ginkgobaumes findet sich überall in der Dekoration wieder. (Bild: hae)

Wir stehen im Park zwischen Lustgarten, Bauernhaus und künstlicher Grotte, und unser Guide staunt auch heute noch. «Grundsätzlich ist der Park der Villa Bellerive öffentlich zugänglich, doch nur wenige spazieren hier durch oder liegen hier im Park», sagt Steinmann. Dieses Highlight wird so manchen Besucher beeindrucken.

«Auch ich war beim ersten Mal bass erstaunt, wie reich die Innenausstattung dieser Villa ist.» Und los geht’s mit Historiker Steinmann, der Lüster, Gemälde und Parks ohne Ende erklärt. Ganz Europa durfte liefern und mitbauen: Marmor wurde via Eisenbahn aus Carrara eingeführt, aus Wien wurden die Leuchter und sämtliche Schmiedeeisenarbeiten geliefert, die Bronzefigur, die das Wasserbecken im Atrium speist, wurde in Paris gefertigt.

Bildungsbürger zeigten Trendbewusstsein

Der venezianische Maler Emilio Paggiaro durfte 1892 einen Lebenszyklus auf die Wände verewigen: zwar Grau in Öl, doch schillernd bunt in den Geschichten, die da erzählt werden. Von der Taufe über die Schule hin zu Liebe und Heirat bis in die Freuden des Alters. Wie schön war’s doch in der Antike! Die in der Prachtsvilla wohnenden Bildungsbürger zeigten Trendbewusstsein, was damals angesagt war.

Die Antike verfolgt einen in der Bellerive-Villa auf Schritt und Tritt.
Die Antike verfolgt einen in der Bellerive-Villa auf Schritt und Tritt. (Bild: hae)

Bauherr und langjähriger Besitzer war der aus der Zürcher Industriellen-Dynastie Bodmer stammende Martin Bodmer-Muralt. Er übernahm 1886 den ehemaligen patrizischen Landsitz, der Mitte des 19. Jahrhunderts durch eine französische Edeldame zum Namen Bellerive gekommen war.

Bodmer war Seidenfabrikant, er kaufte in Italien ein, übernachtete anfangs jeweils im Schweizerhof bei den Hausers. Bis er sich entschloss, sich das Bellerive-Anwesen als Ferien-Residenz zu kaufen und ab 1887 drei Jahre lang umzubauen. Man gönnt sich ja sonst nichts!

«Bellerive entspricht funktional eher einem Landsitz wie dem Schloss Meggerhorn.»

Mathias Steinmann, Historiker bei der kantonalen Denkmalpflege

Und wie grossartig das Ganze wurde: Bellerive ist keine Stadtvilla, wie es sie im Säli- und Bramberg-Quartier zu Dutzenden gibt. Steinmann: «Es entspricht funktional eher einem Landsitz wie dem Schloss Meggerhorn oder der Villa Dreilinden.»

Zum grossen Haus gehörte ein riesiger Umschwung von nahezu 100'000 Quadratmetern, das Pförtnerhaus war weit weg am Bahngeleise bei der Dietschibergbahn, ein Badhaus, Hühnerställe, ein Bauernhof, ein Pächterhaus, Gewächshäuser, dazu Turn- und Wandelhallen. Steinmann, der als gelernter Historiker seit bald zehn Jahren bei der kantonalen Denkmalpflege arbeitet und dort auch Leiter Inventarisation ist, sagt: «Das ist schweizweit eine der grössten Privatvillen!»

Parks ohne Ende: Mathias Steinmann im Garten.
Parks ohne Ende: Mathias Steinmann im Garten. (Bild: hae)

Nahezu 50 Jahre blieben die Bodmers hier, dann wurde Bellerive 1937 verkauft und aufgeteilt: Es entstanden 66 Parzellen mit Minimum 1000 m2, 1964 übernahm der Kanton, 1970 wurde das Haupthaus zum Kindergartenseminar umgebaut, heute wird es von der Pädagogischen Hochschule Luzern genutzt.

Hereinspaziert zu «Macht und Pracht»

«Hereinspaziert», so heisst die Website der europäischen Tage des Denkmals. Unter kundiger Führung besichtigen kann man diverse der prächtigsten Gebäude jeder Region: Stadthaus Luzern, Museggmauer, Pfarrhof Ruswil, Schloss von Willisau. Das Thema der Gratis-Führungen lautet «Macht und Pracht». Ein breites Feld präsentiert sich – von Burgen, Schlössern, Kirchen und Klosteranlagen über Rathäuser, Verwaltungsbauten bis hin zu privaten Villenbauten oder auch Bauernhäusern.

Den jeweils einstündigen Einblick in die Villa Bellerive leitet Mathias Steinmann am Samstag, 9. September: 10, 11, 13, 14 und 15 Uhr. Anmeldungen sind nicht notwendig, Besammlung ist beim Haupteingang, Bellerivestrasse 19.

Ach, waren das famose Zeiten: Den Bodmers trat im Bellerive die Antike auf Schritt und Tritt entgegen. Und trotzdem liessen sie modernste Ausstattung integrieren: Bellerive war das erste Privathaus in Luzern mit elektrischem Licht, eine durchdachte Heizung führte die Warmluft durchs Gebäude.

Der Brunnen plätschert immer noch Indoor, eine Grotte ist heute noch begehbar. Im Erdgeschoss gab es allerlei Räume wie Raucher- und Billardsaal, im ersten Stock waren die Gemächer der Familie. «Bellerive ist ein unbezahlbares Gesamt-Kunstwerk, das jeder Luzerner einmal gesehen haben sollte.»

Da steht man dann, dreht sich zwischen Stuck und Lüstern und Marmor, schliesst die Augen und glaubt schon, die ehemaligen Besitzer in schicken Hüten und weitgeschweiften Gewändern wandeln zu sehen. Stünde da nicht Mathias Steinmann, der ganz verzückt sagt: «Bellerive ist ein unbezahlbares Gesamt-Kunstwerk, das jeder Luzerner einmal gesehen haben sollte.»

Führungen diesen Samstag

Der Historiker ist bereit, er brennt darauf, einen Samstag lang das alles wieder und wieder zu zeigen. «Ich freue mich auf den guten Austausch mit Interessierten!» Steinmann lächelt. Man spürt seine Vorfreude.

Freut sich auf seine Führungen am Samstag: Historiker Mathias Steinmann vor der Villa Bellerive.
Freut sich auf seine Führungen am Samstag: Historiker Mathias Steinmann vor der Villa Bellerive. (Bild: hae)

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