Der Zuger Oskar Rickenbacher blättert in seinen «Schätzen» zum Bomberabsturz im Zugersee. (Bild: woz)
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Der Zuger Oskar Rickenbacher blättert in seinen «Schätzen» zum Bomberabsturz im Zugersee. (Bild: woz)

Er war dabei, als der US-Bomber aus dem Zugersee gezogen wurde

7min Lesezeit

Als man den havarierten US-Bomber am 25. August 1952 aus dem Zugersee zog, war Oskar Rickenbacher gerade 13 Jahre alt. Dieses Ereignis fasziniert den flugzeugbegeisterten Zuger heute noch. Er erinnert sich am 65. Jahrestag aber zuerst an den Krieg.

 

Wolfgang Holz

«Ich habe den Überflug des Bombers als Fünfjähriger erlebt und hatte Angst, dass nun auch bald Bomben fallen», erzählt der 78-jährige Zuger in seiner Wohnung hoch über dem Zugersee. Radio Beromünster habe ja während des Zweiten Weltkrieges immer Bombardierungen in den Kriegsgebieten gemeldet, aber auch in der Schweiz.

«Beim Mittagessen mussten wir Kinder immer sehr leise sein, weil mein Vater stets das Neueste von Beromünster wissen wollte», erinnert sich Oskar Rickenbacher. «Am 16. März 1944, als der US-Bomber plötzlich über Zug geflogen kam, habe ich mich deshalb unter einer Aussentreppe unseres Wohnhauses an der Industriestrasse in Zug versteckt.»

Was war damals passiert? Am 16. März 1944 musste ein viermotoriger US Bomber B-17G auf dem Zugersee notlanden und versank. Der Bomber, wegen seiner Rundumbewafffung die «Fliegende Festung» genannt, war am frühen Morgen des 16. März 1944 in England losgeflogen. «Ziel war die Zerstörung der Messerschmitt Flugzeugwerke und des Flugplatzes im deutschen Augsburg», wie Rickenbacher erzählt.

«Zwei Mitglieder der zehnköpfigen Bombercrew wurden durch den Beschuss verletzt.»

Oskar Rickenbacher, Zeitzeuge

Östlich von Stuttgart, bei Schwäbisch Gmünd, seien die Bomber jedoch von deutschen Jagdflugzeugen angegriffen worden. Bei dieser Luftattacke wurde die «Lonesome Polecat», wie das Flugzeug hiess, an zwei Motoren und am Bug getroffen und schwer beschädigt. «Zwei Mitglieder der zehnköpfigen Bombercrew wurden durch den Beschuss zudem verletzt», sagt Rickenbacher.

Über Baar mit dem Fallschirm abgesprungen: Ein Crew-Mitglied verunglückte tödlich

Während der Zuger einen leidenschaftlich in die Details dieser Geschichte einweiht, sitzt er am Esszimmertisch in seiner Wohnung und breitet seine ganzen «Schätze» aus, die er all die Jahre über dieses Ereignis gesammelt hat: Alte Journale, Hefte, die er vollgeklebt hat mit Bildern des abgestürzten Bombers und vielen anderen Flugzeugen sowie natürlich Schwarz-Weiss-Fotos vom Tag, an dem man das Flugzeugwrack am 25. August 1952 aus dem See gehievt hat. Vor genau 65 Jahren also.

«Der US-Pilot der beschädigten Maschine scherte schliesslich aus dem Bomberverband aus und entschied sich, Richtung Schweiz und dann weiter Richtung Spanien zu fliegen», erzählt der 78-Jährige weiter. Per Notabwurf wurden die Bomben und weiteres Material über Deutschland abgeworfen. An der Schweizer Grenze fingen Schweizer Jagdflugzeuge die Maschine ab und versuchten, sie zum Flugplatz Dübendorf zu lotsen. Der Pilot habe aber Spanien erreichen wollen.

«The Flying Fortress», die «Fliegende Festung» wurde der US-Bomber wegen seiner Rundumbewaffnung genannt.
«The Flying Fortress», die «Fliegende Festung» wurde der US-Bomber wegen seiner Rundumbewaffnung genannt. (Bild: zvg)

«Er flog nun deshalb Richtung Südwesten. Angesichts der hohen und stark verschneiten Berner Oberländerberge entschied Pilot Bob Meyer jedoch, im Raum Brünig umzudrehen. Und so flog er über den Urnersee, Goldau, Zug, Richtung Baar, stets begleitet von den Schweizer Jagdflugzeugen.

«Über Baar gab der Pilot dann den Befehl, dass die neun Besatzungsmitglieder mit dem Fallschirm abspringen sollen. Der Navigator Robert A. Williams verletzte sich dabei tödlich, weil der Fallschirm sich nicht rechtzeitig öffnete», berichtet der Zuger weiter. «Die zwei beim Luftkampf Verletzten landeten indes sicher und wurden ins Spital Baar gebracht. Der Rest der Besatzung landete ebenfalls sicher.»

Notlandung des US Bombers B-17G auf dem Zugersee

Der 22-jährige Pilot blieb dagegen an Bord und steuerte die Maschine zurück auf den Zugersee, erzählt Rickenbacher weiter. Mit einer grossartigen Leistung und viel Geschick notwasserte der Pilot. Er stieg aus dem Cockpit aus und vom Flügel sprang er ins kalte Wasser. Er wurde bald durch die Gebrüder Norbert und Werner Henggeler in ihr Ruderboot aufgenommen und in der Unteraltstadt Zug, unterhalb des Restaurants «Taube», an Land gebracht.

«Der Bomber versank kurz vor 13 Uhr ausserhalb des Casinos.»

Oskar Rickenbacher

Eine grosse Zahl an Zugern habe das Geschehen verfolgt. «Der Bomber versank dann kurz vor 13 Uhr ausserhalb des Casinos», sagt Rickenbacher. Die Crew-Mitglieder wurden in Dübendorf und später in einem Hotel in Wengen interniert. Der tödlich verunglückte Robert L. Williams wurde mit militärischen Ehren bei der protestantischen Kirche in Baar beerdigt, später nach Münsingen, Bern, und dann in die USA überführt.

Bergung des US Bombers B-17G nach acht Jahren auf dem Seegrund

Nach dem Zweiten Weltkrieg, nach zwei Monaten intensiver Arbeit, wurde der viermotorige US-Bomber schliesslich durch den Tankstellenhalter Martin Schaffner von Suhr aus 45 Metern Tiefe gehoben. Am 25. August 1952 brachte man das Wrack beim ehemaligen Kiesplatz, hinter dem heutigen Bootshafen und neben dem Zuger Hafenrestaurant, an Land.

Aber warum holte man das Wrack überhaupt aus dem Zugersee?

Die Drei haben den abgestürzten US-Bomber aus dem Zugersee am 25. August 1952 gehievt: Ganz links der «Bomber-Schaffner».
Die Drei haben den abgestürzten US-Bomber aus dem Zugersee am 25. August 1952 gehievt: Ganz links der «Bomber-Schaffner». (Bild: zvg)

«Schaffner war ein geschäftstüchtiger Selfmademan», sagt Rickenbacher und schmunzelt. Ihm habe das Unternehmertum im Blut gesteckt. Der 18-Jährige begann 1941, Altstoffe zu sammeln – zunächst mit Leiterwägeli und Hund, ziemlich bald mit einem Motorrad mit Seitenwagen. «Er wusste, dass in dem Flugzeugwrack 15'000 Liter Flugdiesel schlummern, und die wollte er bergen, um sie an seinen Tankstellen zu verkaufen.»

Schaffner wurde später als Spezialist für das Heben von Flugzeugen und Schiffen in der Schweiz und im Ausland bekannt und bekam den Übernamen «Bomber-Schaffner». Der Ami-Bomber wurde in Zug und an vielen anderen Orten ausgestellt und konnte jeweils für ein Eintrittsgeld von 1,10 Franken bestaunt werden. Am letzten Ausstellungsort in St. Moritz-Bad wurde der Bomber 1972 schliesslich verschrottet.

Modell des B-17G auf dem Wohnzimmertisch

Oskar Rickenbacher steht auf vom Esszimmertisch und geht zum Wohnzimmertisch. Sorgfältig nimmt er dort das Revel-Modell des B-17G-Bombers aus der Halterung und betrachtet es liebevoll. Über den Absturz hat er schon viele Vorträge gehalten und Beiträge geschrieben. Der Bomber ist eigentlich zu einem Teil seines Lebens geworden. Das Fliegen ist stets eine Leidenschaft für den einstigen Mitarbeiter von British Petrol geblieben. «Ich bin ein flugzeugbeisterter Zeitgenosse und bin schon um die halbe Welt geflogen.»

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