Der Zuger Niklaus Weiss vor seiner Wohnung beim Delta. (Bild: wia)
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Der Zuger Niklaus Weiss vor seiner Wohnung beim Delta. (Bild: wia)

Das Zuger Stadtoriginal, das keiner beim Namen kennt

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Die «Alti Sagi» beim Zuger Delta hat schon bessere Tage gesehen. Dennoch ist das 200-jährige Haus am See bewohnt. Darin lebt mit Niklaus Weiss ein regelrechtes Zuger Original. Wir haben den gross gewachsenen Mann mit dem markanten Wuschelkopf zuhause besucht. Und wissen nun weshalb er sich nur von Rohkost ernährt – und wohin er fahren muss, um duschen zu können.

Niklaus Weiss ist eine Bekanntheit in Zug, obwohl die meisten Zuger seinen Namen nicht kennen und ebenso wenig wissen, was er beruflich macht. Doch Weiss fällt äusserlich auf. Den grossen Mann mit dem vollbärtigen Wuschelkopf vergisst man nicht so schnell. Auch führt Weiss während seiner Zugfahrten mit seinen Sitznachbarn gerne Gespräche über dies und das. Wir wollten mehr über das Zuger Stadtoriginal erfahren und haben ihn in seiner Wohnung besucht.

Das Haus «Alti Sagi» beim Zuger Delta ist leicht zu finden. An der Sagistrasse gibt es nur zwei Wohnhäuser. Fast schwieriger ist es, die Haustüre des Gebäudes auszumachen, die unter den wuchernden Efeuranken beinahe verschwindet. Wir klingeln, kurz darauf öffnet Niklaus Weiss die Tür. Über die knarzende Treppe geht's nach oben in die Wohnung, in der Weiss seit seiner Kindheit wohnt. Zur Miete, wie er betont.

Die «Alti Sagi» ist in der Tat etwas in die Jahre gekommen.
Die «Alti Sagi» ist in der Tat etwas in die Jahre gekommen. (Bild: wia)

«Wir waren sechs Kinder, haben also zu acht hier gelebt. Meine Eltern wohnten bis 1999 hier, also bis zum Zeitpunkt, als sie ins Altersgefängnis mussten», sagt Weiss. So nennt er das Altersheim konsequent, ohne dabei mit der Wimper zu zucken. «Nun schlafen sie auf dem Friedhof St. Michael und warten auf ihre Auferstehung.»

Ein Haus mit Tücken

Wir sehen uns um. Es ist finster in der Wohnung, der letzte Frühlingsputz scheint schon einige Zeit her zu sein. Der Charme, den das Haus von aussen verströmt hat, ist weitgehend verschwunden. Und Weiss bestätigt: Das Haus hat seine Tücken. «Im Winter kriege ich die Wohnung fast nicht warm, da kann ich noch so einheizen.» Mit Holz, versteht sich. In zwei Räumen steht je ein alter Holzofen. Die andern Räume sind nicht heizbar.

«Brennmaterial erhielt ich früher vom Holzleimwerk nebenan. Doch seit einigen Jahren heize ich überhaupt nicht mehr», sagt er. Wie bitte? «Ich muss heizen wie gestört, um auf knapp 20 Grad zu kommen, habe dann den Arbeitsraum voller Rauch, und nach wenigen Stunden ist es sowieso wieder kalt.» Das liege am Baumaterial, das schlecht sei. Der Sandstein sauge sich mit Wasser voll. Darum halte er sich während des Winters tagsüber nur mit kleinen Elektroöfen warm und ziehe eine Faserpelzjacke an. «In der Nacht mache ich mir drei Bettflaschen mit dem Wasserkocher.»

«Ich arbeite jedoch weiter. Einerseits, weil es schade um meine Fähigkeiten wäre. Andererseits, weil ich mit der AHV alleine nur auf rund 1200 Franken käme.»

Niklaus Weiss

Weiss betritt sein Arbeitszimmer, wir tun es ihm nach. Hier stapeln sich Hefte, Bücher und Elektro-Material, vier Computer stehen auf dem überladenen Pult. «Ich arbeite nicht mit Windows oder dem angebissenen Apfel, sondern mit dem Betriebssystem Risc OS.»

Niklaus Weiss an seinem Arbeitsplatz.
Niklaus Weiss an seinem Arbeitsplatz. (Bild: wia)

Er repariert alles, vom Flipperkasten bis zur Jukebox

Eigentlich wäre der Mann seit eineinhalb Jahren pensioniert. «Ich arbeite jedoch weiter und schiebe die Rente auf. Einerseits, weil es schade um meine Fähigkeiten wäre, wenn ich sie brachliegen liesse. Andererseits, weil ich mit der AHV nur auf rund 1200 Franken käme. Das würde sehr knapp.» Das, obwohl der Zuger auf kleinem Fuss lebt und seine Lebenskosten gering hält. Erspartes habe er fast keines. «Nur das GA leiste ich mir, damit ich meine Kunden erreiche, deren Geräte ich bei diesen vor Ort repariere.»

Wenn Weiss von seinen Fähigkeiten spricht, dann meint er sein Geschick bei der Reparatur älterer Apparate. «Ich fange an, wo andere aufhören», liest man auf seiner selbst programmierten Webseite. Tatsächlich hat sich der 66-Jährige auf die Reparatur von Flipperkästen, Musikboxen sowie Heim-Elektronik-Geräten spezialisiert. Er scheint ein gefragter Mann zu sein. «Ich habe Kunden in der ganzen Schweiz und auch im nahen Ausland. Ich muss die Kunden sogar auf die Warteliste nehmen, da ich so viele Anfragen habe», bestätigt er.

«Was ich gelernt habe, ist, selber zu denken.»

«Als Autodidakt habe ich mir alles Mögliche beigebracht über Computer und Elektronik, nachdem ich anfangs der 90er-Jahre meine Stelle bei der Landis & Gyr verloren hatte», sagt Weiss. Er machte sich nach erfolgloser Jobsuche selbständig. «Einfach so, ins Blaue hinaus, obwohl ich damals nicht das Geringste über berufliche Selbständigkeit wusste.»

Das Telefon an der Wand erinnert an alte Zeiten.
Das Telefon an der Wand erinnert an alte Zeiten. (Bild: wia)

Ein Wasserscheuer, der am See lebt

Einen Beruf gelernt hat der gebürtige Zuger nie. «Was ich jedoch gelernt habe, ist, selber zu denken. Der Berufsberater befand damals, dass ich keinen Beruf ausüben könne, ich hätte nämlich schlechte Hände», erklärt Weiss. Überhaupt ist er etwas unglücklich, wenn er zurückdenkt an seine Schulzeit. «Damals wollte man mir ‹ums Verrode, ums Verrecke, um alles i de Wält› das Schwimmen beibringen, aber erfolglos.»

Der Lehrer habe ihn so sehr geplagt, dass er einmal mit Wasser in der Lunge nach Hause zurückgekehrt sei, empört sich der Zuger. Noch immer fühlt sich Weiss im Wasser und in dessen Nähe nicht wohl. Er, der gleich am Wasser wohnt? «Ich gehe nicht bis ans Seeufer. Im Gegenteil, ich wäre froh, wenn das Haus nicht hier stünde.»

Eine Küche ohne Herd

Während Weiss erzählt, schreiten wir durch den Gang in Richtung Küche. Sie ist karg eingerichtet verglichen mit den anderen, eher überladenen Zimmern. Das ist kein Wunder, denn Weiss erklärt: «Ich ernähre mich seit 30 Jahren nur von Rohkost, auch im Winter.» Denn er merke, dass es ihm viel besser gehe, wenn er nur ungekochtes Gemüse und Obst esse.

«Wenn ich schwerer als 80 Kilo bin, habe ich das Gefühl, dass mir das auch auf die Seele drückt.»

Er ergänzt: «Wenn ich schwerer als 80 Kilo bin, habe ich das Gefühl, dass mir das auch auf die Seele drückt.» Aus diesem Grund gibt es in der Küche auch keinen Kochherd mehr. «Den habe ich dem Pfarrer Sieber geschenkt.»

Weiss' Küche wird nicht zum Kochen benützt. Der Mann ernährt sich seit 30 Jahren ausschliesslich von Rohkost.
Weiss' Küche wird nicht zum Kochen benützt. Der Mann ernährt sich seit 30 Jahren ausschliesslich von Rohkost. (Bild: wia)

Keine Heizung. Kein Herd. Und wie Weiss erzählt, funktionieren die Wasserboiler nicht mehr. «Wenn ich duschen möchte, muss ich bis nach Zürich. Dort befindet sich die nächste öffentliche Dusche.» Vielleicht wäre es an der Zeit, auszuziehen? Mit dem Gedanken spielt Weiss seit Längerem. «Das ist gar nicht einfach. Ich bräuchte viel Platz, da ich meinen Arbeits- und Lebensraum am selben Ort haben möchte.»

Tatsächlich braucht Weiss Platz, wenn er seine Computer, elektronischen Orgeln, die Stereo-Anlage und weitere Geräte mitzügeln will, die heute unter anderem im Erdgeschoss des Hauses stehen.

Auch einige Jukeboxen erhoffen sich, bald wieder Musik spielen zu können.
Auch einige Jukeboxen erhoffen sich, bald wieder Musik spielen zu können. (Bild: wia)

Kein Kontakt zu den fünf Geschwistern

«Eigentlich tut das den Geräten überhaupt nicht gut, denn hier unten ist alles feucht», gibt Weiss zu bedenken, als wir im dunklen EG stehen. Tatsächlich riecht der Raum nach Keller. Als wir aus dem Haus treten, deutet der Autodidakt auf die Sandsteinmauer: «Hier kann man gut sehen, wie sich die Feuchtigkeit ins Gemäuer frisst.»

«Ich wusste, dass ich nie so viel Geld verdienen würde, dass es für eine Familie reicht.»

Seit dem Tod seiner Eltern hat Weiss keinen Kontakt mehr zu seinen fünf Geschwistern. «Wir hatten früher nur Zank und Streit miteinander. Das war nicht schön. Diese Konflikte wollte ich selber nicht. Was mitunter ein Grund war, warum ich nie geheiratet habe», sagt Weiss, und senkt den Blick. «Abgesehen davon war mir schnell klar, dass ich die Verantwortung für eine Familie nie tragen könnte. Ich wusste, dass ich nie so viel Geld verdienen würde, dass es dafür reicht.»

Der Sandstein sauge die ganze Feuchtigkeit auf, erklärt uns Weiss. Entsprechend drückend sei die Luft im Gebäudeinnern oft.
Der Sandstein sauge die ganze Feuchtigkeit auf, erklärt uns Weiss. Entsprechend drückend sei die Luft im Gebäudeinnern oft. (Bild: wia)

Weiss wohnt in ziemlicher Abgeschiedenheit. Abgesehen vom Kanu-Club und dem daneben liegenden Holzleimwerk, der Holzhandlung und der Schreinerei gibt es nur einen Nachbarn. Ist er einsam? «Tatsächlich habe ich fast nur mit meinen Kunden Kontakt», sagt er. «In der Schweiz ist es schwierig, Freunde zu finden. Da beisst man auf Granit.»

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