«Gottweuche» an der Nordstrasse in Zug. (Bild: mam)
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«Gottweuche» an der Nordstrasse in Zug. (Bild: mam)

«Wilkumis» in der Stadt Zug, wo man unverständliches Zeug redet

5min Lesezeit

Wie begrüssen Menschen in Zug fremde Besucher? «Grüezi mitenand», oder «hoi zäme»? «Wilkummu» oder «Wilchä» sagen sie, belehrt uns eine städtische Plakatkampagne. Wir haben es überprüft.

Markus Mathis

«Gottweuche!», grüsse ich meinen Arbeitskollegen. Der 24-jährige Zuger lächelt verwundert. «Gottweuche!», wiederhole ich, während er versucht, dem Wort einen Sinn zuzuordnen. Er scheitert, obwohl seine Ahnenreihe bis zum Schwarzen Schumacher, wenn nicht bis zu Wilhelm Tell zurückreicht. Eigentlich müsste er den urchigen Ausdruck doch kennen?

Er ist bereits der zweite Proband meiner volkskundlichen Versuchsreihe, der versagt. Als Erstes habe ich versucht, mit einer jungen Kassiererin im Einkaufszentrum Herti Kontakt aufzunehmen. Die hatte mein herzhaftes «Gottweuche» einfach mit Nichtbeachtung beantwortet. Vermutlich dachte sie, sie würde dumm angemacht.

Die spinnen, die Zuger

«Gottweuche» – so sagt man angeblich im Kanton Bern. Und weil in der Stadt Zug Menschen aus allen 26 Kantonen leben, wie uns ein grosses Plakat am nördlichen Ortseingang der Stadt Zug verrät, sagt man eben auch in Zug so willkommen. In Obwalden soll es «Wilkumis» sein, ist derzeit an der westlichen Einfallstrasse zu lesen. Und im Süden von Zug, in Oberwil, steht «Wilchä» – daneben ist der Uristier abgebildet.

«Wilchä» an der Artherstrasse in Zug-Oberwil.
«Wilchä» an der Artherstrasse in Zug-Oberwil. (Bild: mam)

Nun ist nicht zu bezweifeln, dass in Zug Menschen aus allen 26 Kantonen leben. Aber sagen die tatsächlich so «Hallo» – oder haben ihre Vorfahren im Hochmittelalter so «Willkommen» gesagt? Im Kanton Uri bestehen da erhebliche Zweifel. Als das «Wilchä»-Plakat vergangenes Jahr zum ersten Mal in Zug auftauchte, war das dem «Urner Wochenblatt» einen eigenen Artikel wert. Was die Zuger für komisches Zeug über ihre Mundart verbreiten würden, fragte man sich im Gotthardkanton.

Idiotikon gibt Auskunft

Wir machen die Probe aufs Exempel und geben die Worte im Online-Wörterbuch des schweizerischen Idiotikons ein. Das ist das grosse Nachschlagewerk der Deutschschweizer Mundarten. Auch mittelhochdeutsche und frühneuhochdeutschen Wortformen wurden hier erfasst. «Gottweuche» und «Wilkumis» kennt das Idiotikon nicht, aber ausgerechnet bei «Wilchä» werden wir zu «wilchen» geleitet. Das war oder ist eine Kurzform für «Willkommen».

Bleibt die Neugierde, welches Kraut man auf der Zuger Stadtverwaltung raucht, während man sich solche Plakatkampagnen ausdenkt. «Gar keins», sagt uns Thomas Gretener aus der Kommunikationsabteilung, der die Kampagne vor Jahren zusammen mit dem Grafiker Heiri Scherer lanciert hat. Die Plakate seien ein Füller – die Kampagne eine Verlegenheitslösung, die sich zum Glücksgriff entwickelt habe.

Die Leute lieben die «Offene Stadt Zug»

An den Ortseingängen von Zug stehen Plakatwände im Breitformat, auf denen auf wichtige Veranstaltungen in der Stadt hingewiesen wird, erfahren wir. Weil es aber nicht immer wichtige Veranstaltungen anzukündigen gibt, blieben diese bisweilen leer. Weshalb Mitarbeiter des Werkhofs Gretener fragten, ob man die Lücke nicht irgendwie füllen könne.

Svaagat in Zug!
Svaagat in Zug! (Bild: zvg)

So entstand die Willkommenskampagne, die zuerst strikt international war. Man erfuhr, dass in Zug Leute aus 127 Ländern wohnen – und wurde auf Japanisch, Hindi oder Arabisch willkommen geheissen. Daneben der Vermerk «Offene Stadt – Zug».

Spontane Geschenke

«Wir erhielten unheimlich viele positive Reaktionen», erinnert sich Thomas Gretener. Ukrainer, die entzückt waren, an ihrem neuen Wohnort mit «Laskavo prosimo» begrüsst zu werden, brachten Geschenke vorbei, Leute aus anderen Ländern folgten. 

Irgendwann müssen sich die Plakatmacher nach mehr Heimatgefühl gesehnt haben und schickten einen jungen Grafiker auf Literaturrecherche, um Schweizer Ausdrücke aufzuspüren. Er kam mit Wörtern wie Bainveigni (rätoromanisch) zurück, mit Benvegnüü (Tessiner Dialekt) und Willkummu (Walliserdeutsch). Daraus wurde eine erste Eidgenossenserie gezimmert, später folgte die aktuelle Auflage mit den seltsamen Wörtern aus Bern, Uri und Obwalden. 

«Wilkumis» an der Chamerstrasse in Zug.
«Wilkumis» an der Chamerstrasse in Zug. (Bild: mam)

Überraschung zum Schluss

Was erwartet uns demnächst? Ein antiker Willkommensruf aus dem Jura oder ein vergessener Gruss aus dem Appenzellischen? «Vielleicht wieder etwas Internationales», sagt Thomas Gretener. Besser so: Dass Österreicher (in Zug und anderswo) mit «Servus» grüssen, ist gewiss. «Gottweuche» hingegen scheint in Zug niemand zu verstehen.

Wirklich nicht? Ich leere meinen Briefkasten und schmettere dem Nachbarn schon fast gewohnheitsmässig ein launisches «Gottweuche» entgegen. Der Mann sieht gemütlich aus und hat einen grauen Bart. «Grüeziwohl», antwortet er und scheint angenehm berührt. 

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