Service für potenziell Ertrinkende: Rettungsbox beim Mühlenplatz. (Bild: jwy)
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Service für potenziell Ertrinkende: Rettungsbox beim Mühlenplatz. (Bild: jwy)

Diese Dinger retten Leben – tun aber dem Auge weh

7min Lesezeit

Vor der Kapellbrücke, am Quai, beim Theater: Knallige rote Plastikboxen prägen seit Neustem zu Dutzenden das Luzerner Altstadtbild. Was findet man darin? Und wieso sind die neuen Rettungsgeräte so gross geraten? Eine Spurensuche.

Über Nacht waren sie plötzlich da. Wie Ufos quasi aus dem Nichts haben sie Luzern erreicht, sich über die Stadt verteilt und sich fix installiert. Bevorzugte Lage: an Fliessgewässern. Sie sind Einzelgänger und an ihrem knalligen Rot gut zu erkennen.

Die neuen Rettungsgeräte in grossen leuchtenden Plastikboxen setzen Dutzende farbige Akzente im grauen Stadtbild: vor der Kapellbrücke, beim Luzerner Theater, am Mühlenplatz. Wie vor einiger Zeit die Defibrillatoren haben sie den öffentlichen Raum still aber bestimmt erobert. Nun gut, ein bisschen hässlich sind sie, aber das haben Geräte zur Lebensrettung leider an sich. Auffällig müssen sie sein, leicht verständlich und auch in grösster Eile gut auffindbar.

Rettungsbox vor der Kapellbrücke.
Opulent und knallig: Rettungsbox vor der Kapellbrücke. (Bild: jwy)

Metallstangen genügen nicht mehr

Der neue Service für potenziell Ertrinkende kommt zur rechten Zeit. Jetzt, da Luzern lange nach Bern oder Basel das Schwimmen im Fluss für sich entdeckt (zentralplus berichtete). Es dauerte ein bisschen länger, weil der Schwumm im Fliessgewässer bei Luzerns Seeschwimmern kaum Tradition hat. Doch nun geht es zügig voran, auch die städtische CVP hat das Flussschwimmen für ihre Politik entdeckt und forderte mit einem Postulat, dass das Freizeitvergnügen in der Reuss sicherer und attraktiver wird (zentralplus berichtete).

Doch das geschieht bereits: Die Schweizerische Lebensrettungsgesellschaft (SLRG) hat im Auftrag der Stadt Luzern eine Risikobeurteilung gemacht und kam zum Schluss: Die bisherigen Geräte genügen nicht mehr, beispielsweise die unhandlichen Metallstangen. «Diese sind in fliessendem Gewässer kein ideales Rettungsmittel mehr: kleine Reichweite, schlechte Haltemöglichkeit und keine Auftriebshilfe», sagt Ueli Bärtschi, Präsident der SLRG Luzern, auf Anfrage. An gewissen Orten hätten Rettungsmittel bisher sogar gänzlich gefehlt.

27 Boxen bis Ende Juli

Die Stadt reagierte und hat grosse, rote Schalen entlang der Reuss installiert: elf Rettungskästen mit sogenannten Wurfsäcken und drei Stück mit Rettungsringen auf den Brücken. Dazu kommen vier Kästen beim neu gestalteten und überaus beliebten Reusszopf. «Bis Ende Juli sollte das ganze Projekt mit total 27 neuen Rettungskästen abgeschlossen sein», so Bärtschi. Die neuen Rettungsringe haben übrigens keine Leine mehr, was im Notfall Zeit spart.

Nichts gegen lebensrettende Säcke oder Ringe – aber aus stadtplanerischer Optik sind die Boxen etwas gar opulent und knallig geraten. Können die Plastikkästen nicht schlichter daherkommen? Gerade in der optisch sensiblen Uferzone der Altstadt, wo jeder Farbanstrich am Haus unter der strengen denkmalschützerischen Lupe beurteilt wird.

Rettungsbox beim lauschigen Sitzbänklein.
Immer schön im Blickfeld: Rettungsbox beim lauschigen Sitzbänklein. (Bild: jwy)

Die Antwort ist: Sicherheit geht vor, für den potenziell Ertrinkenden und seinen potenziellen Retter sind Fragen der Stadtplanung nicht eben vorrangig. Zudem entsprechen die neuen Boxen internationalem Standard und kommen auch in anderen Städten und Ortschaften zum Einsatz. «So sieht jede und jeder bei einem Notfall, wo sich das nächste Rettungsgerät befindet», so Bärtschi. Zudem seien die Rückmeldungen bis jetzt ausschliesslich positiv: «Die Leute interessieren sich für die Installation und freuen sich darüber, dass die Stadt Luzern sich zusammen mit der SLRG Luzern für die Sicherheit der Bevölkerung einsetzt», so Bärtschi.

Das «Guardian™ Lifebuoy Housing», wie das Ding vom Hersteller genannt wird, kommt aus England. Und England ist von Wasser umgeben, sicher keine schlechte Referenz.

Ebenfalls von Vorteil: Die Box ist kaum zu zerstören, wie dieser Mann beweist:

 

Bitte nur im Notfall öffnen

Nun aber zur wichtigen Frage der Handhabe: Wie funktionieren die neuen Rettungsgeräte? An der Unterseite öffnet man einen Gummihebel und klappt die Box wie den Kofferraum eines Autos nach oben auf. Darin findet man das Utensil, das der Ertrinkende dankbar in Empfang nimmt. Der Rettungsring ist selbsterklärend. Für den Wurfsack, der aussieht wie eine gequetschte Tube, gilt: auspacken, öffnen, Seilende festhalten und mit der anderen Hand das Ding möglichst nahe an die Person in Not beziehungsweise darüber hinaus werfen. «Die Person im Wasser soll sich am Seil oder am Sack mit Auftriebskörper halten, wird ans Ufer pendeln und kann bei einer nahe liegenden Ausstiegsstelle ans Trockene gelangen», sagt Ueli Bärtschi.

Und so sieht die Rettungsbox im Innern mit der Variante Wurfsack aus.
Und so sieht die Rettungsbox im Innern mit der Variante Wurfsack aus. (Bild: zvg)

Auf dem Deckel hat es zudem eine Notfallnummer und nützliche Anweisungen, was im Notfall zu tun ist: Ruhe bewahren! Eigene Sicherheit beachten! Massnahmen gegen Unterkühlung! Stabile Seitenlage! usw. Eine einheitliche Beschriftung auf allen Deckeln folgt noch.

Trotz Neugier sollte man die Box nur im Ernstfall öffnen. Denn die Dinger sind plombiert – und einmal geöffnet, geht bei der SLRG eine Meldung ein. Ueli Bärtschi und Team müssen dann kontrollieren, ob mit der Rettungsbox noch alles in Ordnung ist.

PS: Es hätte optisch viel schlimmer kommen können! Der Hersteller hat auch den «Slimline™ Storage Container» im Angebot – und der sieht so aus:

Ein Rettungscontainer wurde bisher in Luzern nicht gesichtet.
Ein Rettungscontainer wurde bisher in Luzern nicht gesichtet, im Gegensatz zur Küste Englands. (Bild: zvg)

Wo man die neuen Boxen überall findet – hier in der Bildgalerie:

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