Trudi und Josef Baumgartner vor ihrer imposanten Bücherwand – von einigen werden sie sich trennen müssen. (Bild: jwy)
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Trudi und Josef Baumgartner vor ihrer imposanten Bücherwand – von einigen werden sie sich trennen müssen. (Bild: jwy)

Wie es sich im berühmtesten Hochhaus der Zentralschweiz lebt(e)

9min Lesezeit

Beim Einzug kostete ihre 5-Zimmer-Wohnung 800 Franken – jetzt das x-Fache. Doch damit ist nun nach bald 50 Jahren Schluss: Das Aalto-Hochhaus im Luzerner Schönbühl-Quartier wird saniert, bald müssen alle Mieter raus. Auch das Ehepaar Baumgartner. Sie trauern schon heute um ihre Traumwohnung.

Josef und Trudi Baumgartner geniessen den Ausblick, solange sie noch können: auf den See, die Berge, die andere Seeseite. Ein prächtiges Panorama. «Wir hatten diese Aussicht jetzt 50 Jahre, wir gönnen sie in Zukunft auch jemand anderem für 50 Jahre», sagt er. Es sei sehr schmerzlich, diese schöne Wohnung verlassen zu müssen, «wir fühlen uns etwas heimatlos».

Er (76) und seine Frau Trudi Baumgartner (78) wohnen seit 1970, also fast von Anfang an, im 5. Stock des wohl berühmtesten Hochhauses der Zentralschweiz: dem 50 Meter hohen Turm des finnischen Architekten Alvar Aalto. Er ist Architekt, sie hat 10 Jahre lang für die Verwaltung des Gebäudes gearbeitet.

Nun müssen sie wie alle anderen 83 Mieter ausziehen, weil das Hochhaus komplett ausgehöhlt und saniert wird (zentralplus berichtete). Im Sommer 2018 geht es mit dem Umbau los, wenn alles so läuft, wie sich der Eigentümer das vorstellt.

Was sich anhäuft in 47 Jahren

Baumgartners 5-Zimmer-Wohnung ist von erlesener Hand eingerichtet, mit stilvollen Möbeln und allerlei Schnickschnack. Blickfang ist ein riesiges Büchergestell. In 47 Jahren hat sich einiges angehäuft, weshalb sich das Ehepaar schon jetzt langsam Gedanken macht, was sie ausmisten wollen und müssen.

«Als ich die neuen Grundrisse sah, wusste ich, was geschlagen hat.»

Josef Baumgartner, Hochhausbewohner

An einer Versammlung wurden die Mieter kürzlich von der Verwalterin über die Pläne informiert, viele wurden von der Nachricht förmlich überrumpelt. Die Baumgartners hatten es schon länger geahnt, weil einziehende Mieter nur noch befristete Verträge erhielten. Sie hatten erst gehofft, dass es eine sanfte Renovation gibt – Fassade, Küchen, Bäder. «Aber als ich die neuen Grundrisse im Internet sah, habe ich gewusst, was geschlagen hat», so Josef Baumgartner. «Für viele war das ein Schock, und zwar ein gewaltiger.»

Das Leben in luftiger Höhe ist begehrt, die Mieter möchten nicht raus.
Das Leben in luftiger Höhe ist begehrt, die Mieter möchten nicht raus. (Bild: jwy)

24 zahlbare 1-Zimmer-Wohnungen gibt es heute im Hochhaus mit zum Teil sehr alten Bewohnern. Etwas Vergleichbares zu finden, dürfte für viele schwierig sein. «Die Bewohner haben Panik und wollen im Quartier bleiben, aber wo sollen die hin?», fragt Josef Baumgartner. Seine Frau Trudi ergänzt: «Das Leben im Hochhaus ist eben praktisch.» Mit dem Lift ist ein ganzes Einkaufszentrum – Migros, Post, Apotheke – in den Hausschuhen erreichbar. Man schaut zueinander und hilft sich gegenseitig. Von wegen Anonymität im Hochhaus: Einmal im Monat gibt’s einen runden Tisch mit Kaffee und Kuchen. «Das ist hier wie ein Dorf», sagt Trudi Baumgartner.

«Das wird danach keine Alvar-Aalto-Wohnung mehr sein.»

Trudi Baumgartner

Träume von der Züglete

Die Baumgartners haben sich mit dem Schicksal abgefunden, aber auch für sie ist es schwierig, die Gedanken kreisen und rauben den Schlaf. «Ich habe schon geträumt, dass ich zügle, so etwas ist mir noch nie passiert», sagt Josef Baumgartner und muss lachen.

Das Aalto-Hochhaus

Das 14 Stockwerk hohe Hochhaus des finnischen Architekten Alvar Aalto wurde zwischen 1966 und 1968 gebaut. Der elegant gekrümmte Kasten ist ein Prunkstück und das einzige Bauwerk des Stararchitekten in der Schweiz. Das Haus gehört der Familie von Schumacher, Bauherr Beat von Schumacher wohnte bis zu seinem Tod 2011 selbst in der riesigen Attika-Wohnung des Hochhauses. Heutiger Vermieter ist Nicolas von Schumacher.

Ab Sommer 2018 wird das Haus für über 20 Millionen Franken innen und aussen komplett saniert, allen Mietern wird auf September gekündigt – spätestens Ende Juli 2018 müssen sie ausgezogen sein. Grössere Wohnungen werden kleiner, die kleineren grösser – und somit markttauglicher. Zudem soll das Haus Erdbebensicher und energetisch optimiert werden. Wie teuer die neuen Wohnungen werden, ist noch unklar.

Sie wissen, dass sie eine vergleichbare Wohnung nicht mehr finden. Einerseits wegen der Lage, andererseits wegen des berühmten Architekten: Die fächerartige Anordnung der Wohnungen flutet diese mit Licht, der Grundriss ist grosszügig, viel charmanter als in manchen Neubauten. Ein wichtiges Detail: Die Türen reichen bis an die hohe Decke – wenn sie geöffnet sind, wirkt die Wohnung wie ein grosser Raum.

«Wir hatten immer wieder Architekturstudenten auf Besuch, einst reisten sie sogar aus Barcelona an», sagt Trudi Baumgartner. Es machte sie immer stolz, in einem Haus des finnischen Architekten zu wohnen. «Auch wenn viele Leute keine Ahnung hatten, wer Alvar Aalto ist», sagt Josef Baumgartner amüsiert.

Nach dem Auszug gibt’s Tabula rasa

Der Architekt Baumgartner hat die neuen Grundrisse genau studiert – die Wohnung wird nach dem Umbau nicht mehr dieselbe sein. «Das wird Tabula rasa, Wände, Fenster und Böden kommen raus, Zimmer werden abgezwackt, Abstellräume werden zu Bädern», so Baumgartner. Seine Frau ergänzt: «Das wird furchtbar, es wird danach keine Alvar-Aalto-Wohnung mehr sein.»

Josef Baumgartner weiss natürlich, dass Wohnungen heute andere Standards erfüllen müssen, Mieter haben andere Ansprüche an Küchen und Bäder. Aber ob ein kompletter Rückbau nötig ist – oder eine sanftere, energetische Sanierung gereicht hätte? Josef Baumgartner zuckt mit den Schultern – vielleicht.

Diese Aussicht werden sie vermissen: Trudi und Josef Baumgartner auf dem Balkon im fünften Stock.
Diese Aussicht werden sie vermissen: Trudi und Josef Baumgartner auf dem Balkon im fünften Stock. (Bild: jwy)

Mit 800 Franken Miete angefangen

Als sie 1970 einzogen, zahlten sie 800 Franken für die 5 Zimmer, da waren sie noch keine 30. «Daran hatten wir damals zu beissen», erinnert sich Josef. Sie verdienten noch nicht viel, aber wollten die Wohnung unbedingt. «Schön zu wohnen, war uns viel wert», so Trudi.

Heute ist es mit Nebenkosten und Parkplatz fast das Dreifache. Josef Baumgartner weiss: «Alles, was wir danach mieten werden, ist sicher nochmals 1000 Franken teurer.» Für eine kleinere Wohnung notabene. Also haben sie mit dem Auszug keine Eile und bleiben möglichst lange hier.

Kompromissfindung läuft

Ab Januar 2018 bis zum letztmöglichen Auszugstermin Ende Juli beträgt die Kündigungsfrist einen Monat. Für dieses Jahr gelten noch die regulären Fristen von drei oder vier Monaten, zudem muss die Wohnung in einer Grundreinigung abgegeben werden. Diese Haltung der Verwaltung sorgte für Empörung unter den Mietern (zentralplus berichtete), im Haus werden gar Unterschriften gesammelt.

«Wissen Sie, in unserem Alter zügle ich nicht zweimal hin und her.»

Trudi Baumgartner

«Dass man nicht grosszügiger ist, haben viele Mieter als unsozial empfunden», sagt Josef Baumgartner. Auch wenn sich die Verwaltung grosse Mühe gebe in der Vermittlung von neuen Wohnungen. Sowieso ist das letzte Wort noch nicht gesprochen: Die Gespräche zwischen Verwaltung und Vermietern laufen und eine Lösung sei auf gutem Weg, wie Redinvest auf Anfrage bestätigt.

Das 50-Meter-Hochhaus von Alvar Aalto im Schönbühl.
Das 50-Meter-Hochhaus von Alvar Aalto im Schönbühl. (Bild: jwy)

Wieder ein Hochhaus?

Die Baumgartners wissen schon, wie sie ab August 2018 wohnen wollen: Am liebsten in einem Neubau – und sicher wieder in der Stadt. «Wir sind Stadtbürger und wollen hier bleiben», sagt Trudi Baumgartner. Schon Kriens kommt für sie nicht infrage. Ein Neubau darum, weil sie nicht nochmals einen Auszug wegen Renovation erleben wollen.

Nach dem eineinhalbjährigen Umbau wieder ins Aalto-Hochhaus zurückzukommen, ist auch keine Option. «Wissen Sie, in unserem Alter zügle ich nicht zweimal hin und her», sagt Trudi Baumgartner. Und Josef vermutet, dass der Bauherr ohnehin eine jüngere, zahlungskräftigere Klientel anpeilt.

Aber vielleicht wieder in ein Hochhaus? Das können sich die Baumgartners gut vorstellen, sie haben sich daran gewöhnt, dass ihnen niemand in die Wohnung blickt. In Betracht ziehen sie einen der Allmend-Türme. Statt auf den See, ginge die Aussicht auf den Pilatus oder aufs Fussballstadion. Aber die Migros ist ähnlich bequem zu erreichen wie hier – dazu kommt das Hallenbad.

Und sie wünschen sich weiterhin unkomplizierte Nachbarn, so dass sie in der Wohnung auch in Zukunft Saxofon üben können – eins ihrer gemeinsamen Hobbys.

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