Das alte Zeughaus des Kantons Luzern thront mächtig über der Altstadt.
  (Bild: giw)
Regionales Leben

Das alte Zeughaus des Kantons Luzern thront mächtig über der Altstadt.   (Bild: giw)

Was tut sich im alten Zeughaus ob Luzern?

9min Lesezeit 1 Kommentare

Das einstige Korn- und Salzlager wechselte seinen Verwendungszweck im Laufe der Jahrhundert mehrmals. Das alte Zeughaus ist inzwischen vor allem eines: Relativ leer geräumt. Trotzdem verbirgt das altgediente Gemäuer mindestens ein dunkles Geheimnis.

Wer seinen Blick über den Mühleplatz in Richtung Museggmauern schweifen lässt, kommt am alten Zeughaus, das mächtig über der Altstadt thront, nicht vorbei. Hier beginnt der zentralplus-Rundgang – nach einem kurzen aber heftigen Aufstieg erreicht man die massive Holztür, welche den Eingang zum Erdgeschoss markiert. Die angenehme Kälte im Innern entschädigt für den schweisstreibenden Aufstieg an der sengenden Frühlingssonne. Den hohen Raum dominieren massive Holzbalken – sie sind die zentrale Stütze des alten Bauwerks und ziehen sich durch alle Etagen.

Früher verlief hier der Lastzug in das Dachgeschoss – deshalb durften moderne, grössere Fenster angebracht werden.
Früher verlief hier der Lastzug in das Dachgeschoss – deshalb durften moderne, grössere Fenster angebracht werden. (Bild: giw)

Erst Uniformlager, dann Waffenwerkstatt

Doch bevor der Aufstieg durch die zahlreichen Geschosse beginnt, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit. Diese Geschichte beginnt mit Essen – überlebenswichtiges Grundbedürfnis und Antrieb für viele historische Ereignisse. In der Stadt entstanden im Laufe des 16. Jahrhunderts verschiedene Standorte für die Aufbewahrung wichtiger Grundnahrungsmittel.

1684 beschloss der Rat den Bau des Magazins respektive des Vorratshauses auf der Musegg. Die Fertigstellung des siebengeschössigen Barockbaus dauerte rund zwei Jahre. Ab 1707 wurde auch Salz gelagert und nach 1818 wurden in Luzern Uniformen aufbewahrt. Die Bezeichnung Zeughaus stammt aus dieser Zeit: Neben den militärischen Kleider fanden gewerbliche Betriebe wie eine Schneiderei, Schuhmacherei und eine Waffenwerkstatt Platz im damaligen Magazin. Hier im Erdgeschoss lagern heute noch einzelne kantonale Mobilien.

Kaum bewohnt

Nach diesem Exkurs durch die Jahrhunderte geht es durch eine Kantine zum Treppenhaus. Die ersten drei Obergeschosse nutzt die Pädagogische Hochschule (PH). Früher war hier deren gesamte Verwaltung untergebracht, die ist jedoch an die Pfistergasse gezogen. Inzwischen finden in den scheinbar nie enden wollenden Büroschluchten theaterpädagogische Lektionen statt. Nur vereinzelte Mitarbeiter schreiten durch die Gänge, die Studenten sind nicht da, sie bereiten sich auf die baldigen Semesterprüfungen vor.

Man verlässt die sterile Bürolandschaft und schreitet auf der knartzenden Holztreppe einen weiteren Stock nach oben. Und plötzlich steht man vor einer rustikalen Holztür mit grossen, weissen Farbklecksern. Für den tapsigen Anstrich ist die Armee verantwortlich, im Laufe der Zeit blättert die Farbe langsam von den Wänden ab. Die Armee räumte das Gebäude zu Beginn der Zweitausenderjahre.

Taubenschlag im Dachgeschoss

Die Luft wird stickiger – die nicht vorhandene Isolierung macht sich bemerkbar. Nach wenigen Metern erreicht der Besucher einen Raum mit enormen Ausmassen – der sich komplett leer präsentiert. Die Räumlichkeiten vermietet der Kanton für Ausstellungen oder Wettbewerbe, doch Kunstschaffen gibt es dieser Tage nicht zu betrachten im Zeughaus. Rechtsumkehrt zurück zu Treppe in das fünfte Obergeschoss. Dieser Stock ist wieder ausgebaut – er beherbergt eine grosse, betretbare Karte der Stadt Luzern (siehe Box). Ein Prestigeprojekt der hiesigen Ingenieurs- und Architektenzunft.

Der Schlag reguliert die Population

Zuoberst im Zeughaus befindet sich der Taubenschlag. Das Ziel des Schlags? Weniger und gesündere Tauben in Luzern und den schädlichen Kot weg von der Strasse bringen: Die Tauben sollen im Schlag brüten und schlafen, dann geben sie am meisten Kot ab. Gefüttert werden sie im Schlag nicht, denn das wäre kontraproduktiv; die zussätzliche Nahrung würde zu einer Zunahme der Anzahl Tauben führen. Die Tiere im Schlag sollen in der Stadt essen suchen und den anderen Tauben die verfügbare Nahrung in der Stadt streitig machen: «Es gibt nur soviele Tauben, wie es Essen gibt.»

Der Kot ist ätzend und führt zu Schäden an Dächern und Mauerwerk. Ausserdem sind die Ausscheidungen ein hervorragender Nährboden für Krankheitserreger. Der kleine Raum mit Tauben riecht dementsprechend streng: «Wenn man sich länger im Taubenschlag aufhält, tragen wir eine Gesichtsmaske», erklärt Keller. Denn der aufwirbelnde Staub kann der Gesundheit abträglich sein.

Doch es gibt auch ein wenig kommuniziertes, pikantes Detail, was die Schläge betrifft: Denn damit es im Schlag stets Platz hat für zufliegende Tauben und damit die Tauben im Schlag gesund sind, werden manchmal erwachsene Tiere und zuweilen auch Junge getötet. Traurig für das Einzeltier, wichtig für die Ziele des Projektes, weniger und gesündere Tauben in Luzern zu haben.

Aufklärungsarbeit im Fokus

Laut Keller bringt sowohl Abschiessen wie auch Einfangen der Tauben kaum etwas. Denn es ist die Nahrungsmenge, welche die Anzahl Tauben bestimmt, die in einer Stadt leben können. Wenn weiterhin viel Nahrung vorhanden ist, werden Verluste sehr schnell kompensiert: Die übrigbleibenden Tiere haben mehr Nahrung, pflanzen sich stärker fort und auch eine grössere Anzahl Jungtiere werden erwachsen.

Die wichtigste Massnahme im Kampf gegen zu viele Tauben ist und bleibt also Aufklärungsarbeit: Die Leute überzeugen, die Tiere nicht zu füttern. Die Stadt tut dies unter anderem mit Plakataktionen und Medienarbeit. So ist es gelungen, dass heute nur noch halb so viele Tauben wie vor zirka 15 Jahr in Luzern leben.

Froh, den stechenden Geruch loszuwerden, tritt man aus dem separierten Raum wieder in den Dachstock. Einsam steht weiter hinten das Drehkreuz aus Holz für den inzwischen ausgemusterten Lastenzug – dessen Arbeit übernimmt seit den 80er-Jahren ein Lift. Bevor der Rundgang durch leere Gemäuer endet, bleibt ein letztes, oberstes Stockwerk. Ganz oben haust zwar kein Geist, der Blick in die Dunkelheit in niedrigen und äusserst schmalen Raum lässt trotzdem erschaudern.

Monika Keller, arbeitet beim städtischen Umweltschutz, hier im Taubenschlag.
Monika Keller, arbeitet beim städtischen Umweltschutz, hier im Taubenschlag. (Bild: giw)

Zukunft ungewiss

Das uralte, denkmalgeschützte Gebäude wird in den unteren Räumen geheizt – doch nicht in den oberen Dachstöcken, in denen es auch keine Isolation gibt. Nur eine Schicht Ziegel trennt einem hier von der frischen Stadtluft. Die wäre sehr willkommen, denn an warmen Tagen wird es hier sehr stickig. Auf dem Boden reihen sich hundert Ziegel – sie wurden als Ersatz beschafft, sollte das Dach beschädigt werden. Doch so schnell wird das alte Zeughaus nichts erschüttern, steht es doch bereit seit über 349 Jahre hier.

Ein letzter Blick in die Dunkelheit und der lange Abstieg beginnt. Nicht nur oben, sondern auch in den Räumen der PH kann es ganz schön ungemütlich werden – fällt die Heizung im Winter über Nacht aus, ist am nächsten Morgen für Studenten und Dozierende kein produktiver Arbeitstag mehr denkbar. Solche Unwegbarkeiten schränken die Möglichkeiten der Nutzung ein.

Wie die Zukunft des ehemaligen Kornlagers aussieht, darüber herrscht denn auch Unklarheit beim Besitzer des Zeughauses, dem Kanton Luzern. Der Mietvertrag läuft noch bis in die Jahre 2026. Substantielle bauliche Veränderungen sind aufgrund des Denkmalschutzes, besonders an der Fassade, nicht möglich.

Jörg Enzmann, Leiter des Portfoliomanagement der Kantonalen Dienstelle Immobilien schreibt: «Wir suchen eine Nachfolgenutzung nach dem Auszug der PH. Studien sind schon in den Bereichen, Museum, Verwaltung, Schulen, Gewerbe erfolgt. Konkrete Projekte sind noch keine vorhanden.» Fürchtete sich der Staat Luzern einst um fehlenden Stauraum für das Getreide, so weiss der Kanton heute kaum noch, was er mit all der Fläche anfangen soll.

Grösstes 3D-Modell der Zentraschweiz

Im Dachstock des alten Zeughauses des Kantons Luzern entsteht zurzeit das grösste 3D-Modell der Zentralschweiz, wie die Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein (sia), Sektion Zentralschweiz, auf ihrer Webseite schreibt.

Der Projektraum der sia.
Der Projektraum der sia. (Bild: giw)

Die Stadt Luzern gehört zu den letzten Schweizer Städten, welcher für die Planung der städtebaulichen entwicklung kein physisches Modell zur Verfügung steht. Mehr als 1‘000 Kacheln und 8.5 × 12 m gross – das sind zwei Kennwerte des Stadtmodells der Region Luzern. Auf städtebaulicher Ebene ist das Ziel des Projektes politische Prozesse zu beschleunigen, Planungssicherheit zu schaffen und die raumplanerische Zusammenarbeit innerhalb der Stadtregion Luzern zu fördern. Für die Realisierung des Modells wurden 2 Millionen Franken budgetiert. Ab dem 14. Juni 2016 wird über die Crowdfunding-Plattform «Funders.ch» Geld gesammelt.

Weitere Bilder aus dem alten Zeughaus:

x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Mehr Regionales Leben