«Ähm … Und warum bist du so hier?» Um solche Szenen zu vermeiden, bietet Chris Oeuvray Flirt-Kurse an. (Bild: Fotolia)
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«Ähm … Und warum bist du so hier?» Um solche Szenen zu vermeiden, bietet Chris Oeuvray Flirt-Kurse an. (Bild: Fotolia)

zentralplus lernt erfolgreiches Turteln

8min Lesezeit

Sie hocken an der Bar, neben Ihnen steht ein toller Kerl oder eine wunderbare Frau. Nichts wie anbaggern! Nicht doch. Charmant wollen Sie sein beim ersten Kontakt, wortgewandt, natürlich sexy. Aber wie stellt man das bloss an? Im Flirt-Kurs im Zuger Parkhotel wollen wir es lernen. Und scheitern am Augenkontakt.

Genug vom Single-Dasein? Zeit für eine richtige Beziehung, mit dazu passendem Facebook-Status und allem? Oder vielleicht auch nur einen schönen Abend in netter Gesellschaft? 

Doch so einfach ist das wirklich nicht mit dem Kennenlernen. Trotz – oder vielleicht insbesondere wegen – der kürzlich entwickelten Swipe-Kultur auf virtuellen Dating-Plattformen. Denn wenn man sich erst einmal in Fleisch und Blut gegenübersteht, geht’s ans Eingemachte. Dann zählt jeder intensive Blickkontakt, jedes Lockenzwirbeln, jede sanfte Berührung. Aber leider auch jedes verpatzte Kompliment («Oh, das ist aber ein interessantes Hemd!»), jede billige Anmache («Hat es eigentlich weh getan, als du als Engel vom Himmel auf die Erde gefallen bist?») und jeder Hauch von Verzweiflung (Das Thema Kinderwunsch sollte vielleicht nicht gleich in den ersten drei Sätzen auftauchen).

Nur die Mutigen haben’s hierher geschafft

Flirten will gelernt sein und erfordert auch immer etwas Mut. Und jene, die viel davon haben, sind am Freitagabend im Parkhotel Zug. Denn sie wissen, dass es da womöglich noch das eine oder andere zu lernen gibt.

Just vor sieben Uhr abends trete ich also ins besagte Konferenzzimmer ein, habe ein wenig Schiss vor peinlicher Berührtheit und seltsamen Spielen. Dreizehn Frauen sind gekommen und fünf Männer, die sich in der Kunst des Flirtens üben wollen. Doch, und das ist auch gleich die erste Frage der Kursleiterin Chris Oeuvray: Was ist das überhaupt, Flirten?

«Solange mich ein Mensch nicht wirklich interessiert, ist Flirten kein Problem.»

Eine Kursteilnehmerin

Etwas verhalten äussert sich eine kurzhaarige Rockerfrau mittleren Alters. «Blickkontakt. Erste Gespräche, mit denen man ein Interesse aneinander bekundet.» Und sie fügt gleich an: «Nur ist dort halt die Luft oft ziemlich schnell draussen.» Berührungen werden genannt, ein erstes Herantasten an einen Menschen. Und als eine jüngere Frau sagt: «Solange mich ein Mensch nicht wirklich interessiert, ist Flirten kein Problem», nicken alle zustimmend.

Blickkontakt? Kann ich. Oder etwa doch nicht?

Die Befürchtung, dass an diesem Kurs lauter bemitleidenswerte Gestalten anzutreffen seien, bestätigt sich nicht. Etwa der Herr in den späten Fünfzigern, der sympathisch, gewitzt und durchaus entspannt wirkt. Oder die blonde Frau Ende vierzig, die über eine ganz eigenartige Anziehungskraft verfügt. Drei Frauen sich als beste Freundinnen entpuppen, Anfang 30 und – vor lauter Nervosität? – etwas gar laut plaudernd.

Aber wo klemmt’s denn eigentlich? Das finden wir etwas später heraus. Erst einmal geht’s an eine Übung. Hoffentlich keine Vertrauensübungen, hoffentlich kein Wollknäuel, den wir uns zuschmeissen müssen.

Nein. Erst einmal sollen wir uns – auf einer Skala von 1 bis 10 – überlegen, wie gut wir darin sind, Blickkontakt herzustellen. Und den auch zu halten. Ach pah! Sieben! Locker. Als wir dann jedoch aufstehen und uns gemäss Auftrag im Raum bewegen, während wir anderen Kursteilnehmern in die Augen blicken, wird plötzlich alles sehr persönlich. Ich lächle also in die Welt heraus, blicke in erstaunlich vertraut wirkende Gesichter, während ich mir ziemlich albern vorkomme.

«Ich musste lernen, mich selber auszuhalten. Und auch mal hinzuhören, was das mit mir macht.»

Eine ältere Kursteilnehmerin

Nach kurzer Zeit weist uns Oeuvray an, das Lächeln zu unterlassen. Hui. Eine wunderbar gekleidete Dame mit rotem Lippenstift besticht mit ihrem ruhigen Blick. So lange, bis ich den meinen senken muss. Und das geht mir andauernd so.

Der gewitzte Herr wirkt zwar deutlich weniger entspannt als zuvor, doch auch er hält meinem Blick locker stand. Wieder senke ich meinen und ziehe von dannen. Etwas in mir drin wehrt sich. Dagegen, dass mir wildfremde Leute so frech und unverhohlen mitten in die Augen und – trotz abgedroschener Plattitüde – in die Seele blicken können. Das ist unangenehm. Und ich bin froh, als endlich Schluss damit ist. Vielleicht doch lieber ein gegenseitiges Wollknäuel-Zuwerfen?

Und alle haben die Hosen voll

In geschlechterspezifischen Gruppen diskutieren wir das Erlebte. Praktisch allen geht es gleich. Wir alle merken, wie selten wir eigentlich den Blickkontakt halten können. Denn plötzlich wird man schrecklich verwundbar. «Wenn mir jemand gefällt, dann beginnt mein Blick automatisch von einem Ort zum nächsten zu zirkeln», sagt eine sympathische Teilnehmerin, überrascht über diese Erkenntnis.

Eine Ü50-Frau erklärt, dass sie manchmal alleine in Bars geht: «Sonst käme ich nur selten raus. Und mittlerweile geht es zwischendurch ganz gut, mit Männern in Kontakt zu treten. Doch das musste ich erst lernen. Ich musste lernen, mich selber auszuhalten. Und auch mal hinzuhören, was das mit mir macht.»

«Wir müssen in Kontakt mit uns selber treten, erst dann ist ein echter Kontakt mit dem Gegenüber möglich.»

Chris Oeuvray, Kursleiterin

Wenig später tauschen wir unsere Gedanken mit den Herren aus. Und oh Wunder, denen geht es gleich. Die Unsicherheiten scheinen bei allen präsent zu sein, sobald man ernsthaft interessiert ist an einer Person. Oder wie es eine jüngere Frau in schicken Pumps benennt: «Letschtändlich hend beidi Siite d’Hose voll.»

Oeuvray sieht es als Ziel des Abends, dass die Teilnehmer Augenkontakt mit jemandem halten können, ganz ohne Strategie. Das klingt simpel. Ist es aber nicht, wie Figura vorhin gezeigt hat. Denn dafür brauche es eine Grundoffenheit, erklärt die Leiterin weiter.

NLP-Programmierung: Ich bin skeptisch

Nach einer kurzen Pause wird’s mir dann etwas zu esoterisch. Oeuvray spricht davon, Herzkontakt aufzubauen. Will heissen: «Wir müssen in Kontakt mit uns selber treten, erst dann ist ein echter Kontakt mit dem Gegenüber möglich.» Und dazu machen wir eine NLP-Übung. «Es geht darum, dass ihr euch selbst mittels einer Programmierung ein Verliebtheitsgefühl vermittelt. Mit diesem Gefühl ist es viel einfacher, auf Menschen zuzugehen.» Es gehe darum, das Körpergedächtnis zu aktivieren. Kurz: Fanden meine schönsten Kindheitserinnerungen in Grosis Küche beim Zimtstern-Backen statt, habe ich auch heute noch positive Gefühle, wenn ich Zimt rieche. 

Zu sanfter Musik und mit leichter Skepsis meinerseits begeben wir uns also in eine kurze Meditation, in der uns Oeuvray an schöne Dinge denken lässt. Das Ziel ist es, tatsächliche Verliebtheitsgefühle heraufzubeschwören. Fühlen wir die erst einmal, pressen wir Daumen und kleinen Finger aneinander. Diese Bewegung soll uns ein Anker sein, unsere guten Gefühle abspeichern. Und wenn wir diesen – etwa während eines nervösen Dates – nötig haben, können wir ihn mit der gleichen Fingerbewegung wieder abrufen. Werde ich mir für den nächsten Swisscom-Kundencenter-Krach merken. Und es kommt, was kommen muss: Eine weitere Blickkontakt-Runde wird angekündigt.

«Es geht darum, mit dem Leben zu flirten.»

Chris Oeuvray, Kursleiterin

Und ob es am Rettungsanker, an der Freitagabendmüdigkeit oder an der Gewohnheit liegt: Diese Runde läuft viel besser. Die Blicke sind tiefer, intimer, viel länger, gar merke ich bei einer Teilnehmerin, wie sich unser Atem während des gefühlt ewigen Kontaktes angleicht.

Und langsam dämmert es uns allen. Es geht hier nicht ums Flirten. Hier geht es um den Umgang mit sich selber. Kann ich mich so nehmen, wie ich bin? Bin ich bei mir? «Eigentlich geht es um eine Leichtigkeit, die man in allen Situationen mittragen sollte. Es geht darum, mit dem Leben zu flirten», sagt die Kursleiterin. Das klingt mir zwar etwas gar zu einfach. Hat aber bestimmt einen Funken Wahrheit. Und ich schliesse mich ganz dem an diesem Kurs vorherrschenden Motto an: Nützt’s nüt, so schadt’s nüt.

Im Kunstprojekt von Marina Abrahamović geht’s zwar nicht ums Flirten, durchaus jedoch um die Verbindung zu anderen Menschen:

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