Jolanda Spiess-Hegglin und Andi Lustenberger konfrontierten die Konzernleitung von Glencore Xstrata mit viel Kritik. (Bild: zvg)
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Jolanda Spiess-Hegglin und Andi Lustenberger konfrontierten die Konzernleitung von Glencore Xstrata mit viel Kritik. (Bild: zvg)

13min Lesezeit

Auf Einladung von Glencore Xstrata trafen die Zuger Politiker Jolanda Spiess-Hegglin und Andi Lustenberger die Konzernspitze am Firmenhauptsitz in Baar. Ein Gespräch über ein Gespräch mit CEO Ivan Glasenberg, den vermuteten Versuch einer Gehirnwäsche und ein unterschiedliches Verständnis von Demokratie und Entwicklungshilfe.

Kritik an der Rohstoffbranche gibt es in Zug seit den 70er-Jahren und der Ansiedlung der ersten Unternehmen. Zum ersten Mal nun hat der grösste Rohstoffkonzern der Welt Kritiker in seine Gemächer nach Baar eingeladen. Weshalb gerade jetzt die Einladung zum Gespräch mit dem CEO von Glencore Xstrata, Ivan Glasenberg, erfolgte, hat für Jolanda Spiess-Hegglin einen einfachen Grund: «Es brodelt in der Bevölkerung und die Medien schreiben kritischer.»

Ein weiterer möglicher Grund: Die Einzelinitiative von Spiess-Hegglin mit dem Titel «Zug handelt solidarisch». Wie zuvor im Zürcher Säuliamt geschehen wollte sie die Stadtzuger Gemeinde dazu bringen, 100'000 Franken aus Steuergeldern, die im Zusammenhang mit den Rohstoffkonzernen anfielen, zu spenden (zentral+ berichtete). Der Grosse Gemeinderat der Stadt Zug lehnte ihr Begehren ab. Enttäuscht über das Ergebnis sagt Spiess-Hegglin: «Die Zuger Bevölkerung sieht das ein wenig anders als der Zuger Gemeinderat. Es ist nicht das erste Mal, dass dieser völlig anders politisiert als die Zuger Bevölkerung es eigentlich möchte.» Stattdessen folgte die überraschende Einladung von Glasenberg.

Seinem per E-Mail geäusserten Wunsch kam die Zuger Politikerin am Dienstag nach. «Ich habe das Gefühl, Ivan Glasenberg ist gefrustet», so der Eindruck von Spiess-Hegglin. Er habe ein paar Beispiele aufgezählt, die in seinen Augen gegen Glencore laufen würden. «Glasenberg klagte, dass überall, wo Glencore Xstrata auftaucht, die Alarmglocken schlagen.» Das Unternehmen sei während Jahren allen Anfragen aus dem Weg gegangen und habe nicht kommuniziert. «Nun will man uns wohl einfach beruhigen», vermutet die 33-Jährige das Motiv der Einladung.

«Ich habe das Gefühl, Ivan Glasenberg ist gefrustet.»
Jolanda Spiess-Hegglin

Zum Gespräch auf dem Baarer Firmenareal wurde sie von Kantonsrat Andi Lustenberger und von Stephan Suhner begleitet. Suhner arbeitet bei einer Nichtregierungsorganisation (NGO), der Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien. Und er brachte Glasenberg in Rage. Er könne nicht verstehen, dass ein Buch mit dem Titel «Drecksgeschäfte – Milliarden mit Rohstoffen» über Glencore Xstrata erschienen soll, erzählt Jolanda Spiess. Suhner ist einer von mehreren Autoren, ebenso der Zuger alt-Nationalrat Jo Lang.

Börsenkotierung sorgt für mehr Transparenz

Dass Glencore sich zunehmend aus seiner Kommunikationshöhle heraus wagt, hat noch einen anderen Grund. Die Fusion zu Glencore Xstrata und der Börsengang 2011/2012 zwingen den Rohstoffkonzern zu mehr Transparenz und Öffentlichkeit. Gerade dieser Börsengang entfachte bei den Branchenkritikern gleichzeitig ein neues Feuer. «Der Börsengang machte ein paar wenige Menschen von Glencore sehr reich», sagt Jolanda Spiess-Hegglin.

Gemäss der Co-Präsidentin der Zuger Alternative – die Grünen habe man früher lediglich gewusst, dass im weissen Haus von Glencore in Inwil «steinreiche» Personen arbeiteten. Die Mitarbeitenden sprechen bis heute nur sehr ungern über ihren Arbeitgeber. Sie machten sogar ein Geheimnis daraus, meint Spiess-Hegglin. «Durch Berichte wie jene von ‹Fastenopfer› und ‹Brot für alle› weiss die Öffentlichkeit langsam, was bei den Rohstoffkonzernen geht. Viele Personen sind damit nicht einverstanden», so die Zuger Politikerin. Die beiden Nichtregierungsorganisationen deckten in Zusammenhang mit Glencore Kinderarbeit und Umweltverschmutzungen auf.

Glasenberg «ein gewiefter Hund»?

Wie haben die beiden eigentlich Ivan Glasenberg so erlebt? «Ich habe ihn mir aus dem Fernsehen und aus der Zeitung mächtig vorgestellt. Dieses Gefühl hatte ich gar nicht», sagt Jolanda Spiess. «Ich kann mir gut vorstellen, dass er ein ‹gewiefter Hund› ist», so Andi Lustenberger. «Ein eiskalter Verhandler», glaubt Jolanda Spiess. Die Verabschiedung sei zwar sehr herzlich gewesen, vermutlich aber auch Fassade, glauben die beiden.

Weshalb spricht Glencore Xstrata dann nicht mit Vertretern dieser Organisationen? «Ivan Glasenberg sagte uns, er täte dies. Doch die Organisationen würden nicht die Wahrheit schreiben.» Zwischen der Aussagen der NGO-Vertreter und jenen von Glencore Xstrata abzuwägen sei für sie schwierig. «Ich schenke den Aussagen einer Nichtregierungsorganisation jedoch mehr Glauben», sagt Spiess-Hegglin.

«Transparenz mit Vorbehalt»

Das Unternehmen suche zukünftig vermehrt die Öffentlichkeit, nimmt Andi Lustenberger an. «Sie planen, mehr Veranstaltungen durchzuführen. Diese werden vermutlich aber nur halböffentlich sein. Glencore Xstrata wird selber entscheiden, wer dann dabei ist und wer die Leitung hat.» Lustenberger bezeichnet dies als «Transparenz mit Vorbehalt». «Ivan Glasenberg ist ein schlauer Fuchs», ergänzt Spiess-Hegglin. «Er kennt seine Kritiker und er weiss, dass er sich jetzt mit uns abgeben muss.»

Dabei hatte die Co-Präsidentin der Alternative – die Grünen des Kantons Zug ein «abtastendes» Gespräch erwartet. Es sei nicht so gekommen. Sie hatte den Eindruck, Glasenberg habe sich nicht wirklich für ihre Tätigkeiten und ihre Beweggründe interessiert. Inwieweit er versucht hat, sie in ihren Ansichten zu beeinflussen, kann Spiess-Hegglin nicht sagen. «Eine Gehirnwäsche hätte sowieso nicht funktioniert.»

Kein «Demokratiebringer»

Sie seien schon auch zu Wort gekommen und hätten den im zürcherischen Rüschlikon wohnhaften Milliardär konfrontiert. Beispielsweise müsste der Rohstoffkonzern, nachdem er jahrelang geschwiegen habe, jetzt die Fakten auf den Tisch legen. «Da haben wir gemerkt, dass Glencore Xstrata das schon realisiert hat», so Jolanda Spiess-Hegglin. Auch die grassierende Korruption in Ländern wo das Unternehmen Rohstoffe abbaue, sei dem Weltkonzern durchaus bewusst, sagt Andi Lustenberger. Glasenberg habe jedoch gemeint, er sei ja kein «Demokratiebringer», dies gehöre nicht zu seinen Aufgaben. «Es sei ihm jedoch ein Anliegen, dass es den Leuten vor Ort gut geht», sagt der 27-jährige Kantonsrat und Präsident der Jungen Grünen Schweiz – und will nicht so recht daran glauben.

Während dem rund zwei Stunden dauernden Gespräch hätte es aber auch Themen gegeben, die nicht angesprochen wurden. «Ich fand keine passende Möglichkeit, ihn auf seinen Reichtum ansprechen», so Jolanda Spiess-Hegglin. Störend sei auch, dass Glencore in Zug kaum Lehrlinge ausbilde, sagt sie weiter.

Verantwortung gegenüber Zuger Bevölkerung

Sieht Glasenberg denn überhaupt eine lokale Verantwortung seines Unternehmens gegenüber Zug, der Bevölkerung? «Sie machen Gutes, so lautet die Aussage von Ivan Glasenberg», sagt Andi Lustenberger. Die Zuger Bevölkerung müsste eigentlich stolz sein auf das Unternehmen. Das habe Glasenberg mehrmals gesagt. Jolanda Spiess-Hegglin fügt an, dass Glencore aber nicht ins Zusammenleben investiere. «Es ist im Gegensatz eher problematisch. Die fremdsprachigen Kinder von Glencore-Mitarbeitern besuchen eine Privatschule.»

«Glencore-Mitarbeiter verstehen diese Kritik nicht und fühlen sich persönlich angegriffen», sagt Andi Lustenberger. Das Problem liege gemäss Glencore Xstrata eher bei der Bevölkerung, die die Tätigkeit von Glencore falsch einschätze. «Für die Konzernleitung war es selbstverständlich, dass wir uns beim Gespräch auf Englisch unterhielten», sagt Spiess-Hegglin. Sie hätte dennoch Deutsch gesprochen, da sie wusste, dass Glasenberg Deutsch versteht. Dennoch hätte er sich immer wieder bei seinem Assistenten erkundigt. «Das machte er absichtlich», glauben Jolanda Spiess-Hegglin und Andi Lustenberger.

«Wenn sie hofften, unsere Meinungen zu beeinflussen, lagen sie falsch.»
Andi Lustenberger

Die beiden Zuger Jung-Politiker geben sich auch nach dem Gespräch mit der Geschäftsleitung von Glencore Xstrata unbeeindruckt: «Wenn sie hofften, unsere Meinungen zu beeinflussen, lagen sie falsch. Wir haben uns gut darauf vorbereitet», so Kantonsrat Lustenberger.

Spiess-Hegglin sprach Glasenberg auch darauf an, wie viele der Kadermitarbeiter denn aus der Schweiz kommen. Zu den Top-15 gehörten gerade einmal drei Schweizer. «Ich erwarte eigentlich, dass wenn man den Hauptsitz in Zug hat, man vor allem Schweizer anstellt.» Immerhin stammten 70 Prozent der Mitarbeitenden in Zug aus der Schweiz. Aber: «Die Topleute sammelt Glasenberg dennoch in der ganzen Welt zusammen.»

Kritik äusserten Spiess-Hegglin und Lustenberger auch an der Geschäftspraxis, der Gewinnung von Rohstoffen in der Dritten Welt sowie der Steueroptimierung. Der Weltkonzern konterte dies. Sie zahlten in den Abbauländern viel Steuern. «Wie das in der Schweiz aussieht, haben wir nicht diskutiert», so Andi Lustenberger. Glencore Xstrata habe sich zudem auch als Opfer dargestellt. Der Grund für diese Sichtweise sind Steuereintreiber in verschiedenen Ländern, die den Rohstoffkonzern ausnehmen würden.

«In Zug werden wir kritisiert, wenn wir den Rohstoffhandelsplatz kritisieren»

In der Kritik steht immer nur Glencore Xstrata, das ist auffällig. Im Kanton Zug gibt es jedoch über hundert Unternehmen, die in der Rohstoffbranche tätig sind. Diese auf Glencore Xstrata fokussierte Kritik hänge mit dem Börsengang 2011/12 zusammen, sagt Spiess-Hegglin. Dabei seien über Nacht mehrer Personen um Milliarden reicher geworden. «Die anderen Rohstoffkonzerne kennt man zu wenig», vermutet die 33-jährige Journalistin. Kritisiert werde in erster Linie der gesamte Rohstoffhandelsplatz, nicht nur eine einzelne Firma, ergänzt Lustenberger. Dennoch sagt er: «Glencore Xstrata ist halt das grösste Unternehmen und Aushängeschild der Branche.»

«In Zug werden wir kritisiert, wenn wir den Rohstoffhandelsplatz kritisieren», sagt Andi Lustenberger. Die Haltung der Politik decke sich nicht mit der Meinung der Bevölkerung, fügt Jolanda Spiess-Hegglin an. Die bürgerlichen Politiker würden sich über das Geld von Glencore Xstrata freuen. Dem Durchschnitts-Zuger seien die Geschäfte der Firma jedoch nicht egal. Die Kritik der beiden Politiker geht sogar noch weiter. Der Vorwurf: Die Politik und die Wirtschaft seien verfilzt. «In der Zuger Öffentlichkeit wird Glencore mehrheitlich negativ wahrgenommen», stellt Lustenberger fest.

«Harte Kritik übte Glasenberg an NGOs und Medien.»
Andi Lustenberger

Der weltgrösste Rohstoffkonzern profitiert in Baar von bester Infrastruktur, politischer Stabilität, hochqualifizierten Arbeitskräften und tiefen Steuern. Was bringt denn Glencore auf der anderen Seite eigentlich Zug? Sie würden Steuereinnahmen bringen, glaubt Lustenberger. Dazu komme, dass Glencore die ethischen Wertvorstellungen der Schweiz im Ausland vertreten würde. Leistet Glencore Xstrata demnach Entwicklungshilfe in bester Schweizer Tradition, wenn der Konzern Minen baut und dadurch Arbeitsplätze schafft? «Ich bin gegen diese Globalisierung, Glasenberg ist dafür. Deshalb kann er unsere Kritik an dieser wirtschaftlichen Aufbauhilfe nicht verstehen», vermutet Spiess-Hegglin.

Auch Glencore übte während dem Gespräch Kritik. An Spiess-Hegglin und Lustenberger, weil sie den NGOs alles glauben würden. «Harte Kritik übte Glasenberg an NGOs und Medien», konkretisiert Andi Lustenberger.

Rohstoffkonzerne als Risiko für Zug?

Jolanda Spiess-Hegglin sieht in Glencore Xstrata ein Risiko für Zug. Sie vergleicht die Rohstoffbranche mit der Bankenbranche. Gerade in Bezug auf letztere habe der Ruf der Schweiz stark gelitten. «Zu viele Leute haben sich finanziell bereichert. Im Rohstoffhandel passiert dasselbe», stellt sie fest. Es sei eine Zuger Firma, die im Kongo oder in Sambia tätig sei, und diese Firma bringe nicht nur Gutes. Das Risiko bestehe darin, dass man eine solche Firma hier dulde.

«Zug kann sich dank den jahrelangen Einnahmen finanziell halten. Weiter dürfen die Steuern aber dennoch nicht gesenkt werden», fordert Spiess-Hegglin. «Die bürgerlichen Politiker sehen das nicht so. Sie sind stolz auf Glencore Xstrata.» Einzig Regierungsrat Matthias Michel habe kürzlich etwas Kritisches gesagt. Dass er damit alleine sei, sei «tragisch» und decke sich nicht mit der Meinung der Bevölkerung, glaubt die 33-Jährige. Sie bezeichnet es als «Genugtuung», dass sie jetzt die Öffnung in der Kommunikation bei Glencore Xstrata beobachten darf.

«Offenbar interessiert ihn sein Ruf jetzt. Ich nahm bisher an, der sei ihm egal.»
Jolanda Spiess-Hegglin

«Wichtig ist es jetzt, die Zuger wach zu rütteln», so Spiess-Hegglin. Klar sei das Stärkeverhältnis zwischen den Lokalpolitikern und dem Weltkonzern mit einem jährlichen Umsatz von 214 Milliarden sehr einseitig. Eine Chance habe man trotzdem: «Wir müssen auch weiterhin auf einen öffentlichen Dialog mit allen Kritikern pochen. Dann haben wir eine Chance. Das Thema darf nicht einschlafen», warnt Andi Lustenberger.

Klar ist für beide Politiker, dass sie ihre kritische Haltung gegenüber den Multis aus der Rohstoffbranche beibehalten wollen. Das Gespräch mit Glencores «Bekehrungs»-Versuchen sei zwar aufschlussreich gewesen und die Einblicke spannend. Überzeugende Argumente fehlten allerdings für Spiess-Hegglin wie für Lustenberger. «Wir haben dafür live erlebt, wie Ivan Glasenberg in eine Erklärungsnot kam und hilflos sagte, was er denn machen müsse, das wir ihm glaubten», beschreibt die Zugerin. Das habe sie bisher nur aus Erzählungen gekannt. «Offenbar interessiert ihn sein Ruf jetzt. Ich nahm bisher an, der sei ihm egal.»

Das sei nun ihre grosse Chanche, sagt Andi Lustenberger. Das Gespräch hat bei den Politikern neue Hoffnungen geweckt, das sich bei Glencore Xstrata nun etwas zu bewegen beginnt. «Wir werden weiterhin genauso kritisch hinschauen», kündigt Jolanda Spiess-Hegglin an. «Wenn es bei Glencore aber nur darum geht, ihre Weste weiss zu waschen, dann machen wir nicht mit.» 

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