SP-Stadtpräsdient Dolfi Müller betrachtet die Motion als Annäherungsversuch zwischen den Fronten. (Bild: anm)
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SP-Stadtpräsdient Dolfi Müller betrachtet die Motion als Annäherungsversuch zwischen den Fronten. (Bild: anm)

«Wir haben diese Geister gerufen, ohne sie wirklich zu kennen»

10min Lesezeit

Der Zuger Stadtpräsident Dolfi Müller kandidiert für eine weitere Legislaturperiode. Doch ob nach den Wahlen im Oktober wieder eine linke Mehrheit in der Stadtzuger Exekutive sitzen wird, ist nach dem Rücktritt von Sozialvorsteher Andreas Bossard fraglich. Wir sprachen mit Dolfi Müller über vergangene Erfolge und Skandale, über zukünftige Ziele und Projekte, und über den Wunsch nach weniger Perfektionismus in der Stadt Zug.

zentral+: Dolfi Müller, neben Ihrem Amt als Stadtpräsident unterrichten Sie Wirtschaft & Recht an der Kantonsschule Zug. Was sagen Sie Ihren Schülern auf die Frage, wer denn eigentlich in Zug regiert? Das Geld oder die Politik?

Dolfi Müller: (lacht) Gute Frage. Ich denke in den übergeordneten Fragen ist es schon die Politik. Die Politik wird auch immer etwas unterschätzt. Natürlich gibt es Teilbereiche, in denen massive Interessen der Wirtschaft vorhanden sind. Aber den Rahmen gibt definitiv die Politik vor. Deshalb ist es auch nicht unwesentlich, wer in der Politik ist. Man hat oft das Gefühl, dass es nur die Wirtschaft sei, die befiehlt. Dem ist nicht so. Die Wirtschaft muss sich an unsere Rahmenordnung halten.

zentral+: Wo spüren Sie den Einfluss der Wirtschaft?

Müller: Ich denke gewisse Firmeninteressen werden tatsächlich mit Nachdruck vertreten. Daraus entsteht aber kein Diktat der Wirtschaft. Es geht immer um Interessenausgleich.

zentral+: Und über die Parteienfinanzierung spüren Sie auch keinen Einfluss?

Müller: Parteienfinanzierung ist natürlich bei uns sowieso an einem sehr kleinen Ort. Die einzige, die mir in den Sinn kommt, ist jene durch die Stadt, in Form von Fraktionsgeldern.

Eine Stadt der Vielfalt

zentral+: Eine Ihrer Aufgaben ist es, die Stadt Zug nach aussen zu vertreten. Was für eine Stadt Zug vertreten Sie?

Müller: Für mich ist Zug eine Stadt der Vielfalt. Wir kochen nicht einen Eintopf, sondern ein schmackhaftes, vielfältiges Gericht mit verschiedensten Facetten. In Zug gibt uns die geringe Grösse der Stadt zudem die Möglichkeit, Lösungen zu finden, wo andere Städte schon allein wegen ihrer Grösse scheitern.
Nehmen wir das Beispiel Zuger Finanzausgleich (ZFA): Geber- und Nehmergemeinden im Kanton Zug fanden eine Lösung, zu welcher alle stehen können. Natürlich können wir aus Sicht der Stadt sagen, dass wir mehr gewollt hätten. Die Nehmer aber hätten sagen können: «Was geht mich das an. Ich habe meine Schafe schliesslich im Trockenen.» In Zug ist das Gespräch trotzdem möglich. Das schafft ein Klima der Toleranz und letztlich auch eine Gelassenheit dem Anderen gegenüber, die ich gut finde.

zentral+: Dennoch fällt auf, dass am Vorschlag vom Regierungsrat für den ZFA jetzt zunehmend Kritik aus dem Kantonsrat laut wird.

Müller: Es ist ja letztlich der Kantonsrat, der darüber bestimmt. Klar, die angespanntere finanzielle Situation hat die Stadt vor allem deshalb, weil wir so viel in den ZFA zahlen müssen. Deshalb muss ich schon sagen, dass es nötig ist, dass dieser Kompromiss nun durchkommt.

«Lieber ein fetter Spatz in der Hand als eine Taube auf dem Dach. Denn diese fliegt davon»

zentral+: Glauben Sie daran?

Müller: Nun ja, er wurde ja von allen Gemeinden und von der Regierung bereits abgesegnet. Wenn der Kantonsrat jetzt dieses Paket wieder aufschnürt, ist das letztlich sein Recht, ich möchte aber keinesfalls am Schluss ein kleineres Paket. Oder in einem Satz: Lieber ein fetter Spatz in der Hand als eine Taube auf dem Dach. Denn diese fliegt davon.


«Ich möchte keinesfalls ein kleineres Paket»

zentral+: Kommen wir nochmals zum Bild der Stadt Zug zurück: Das Bild von Zug, das wir wahrnehmen, ist nicht gerade jenes einer familienfreundlichen Stadt. Teilen Sie dieses Bild?

Müller: Nein, ich bin klar anderer Meinung. Es fängt an bei der ausserschulischen Kinderbetreuung, bei welcher wir gemessen an anderen zentralschweizer Orten weiter sind. Natürlich sind wir uns bewusst, dass wir ein Problem mit preisgünstigem Wohnraum haben. Das ist gar keine Frage. Die SP erkannte das Problem schon 1982. Letztlich können wir vor allem eines für die Leute machen, nämlich, ihnen Wohnmöglichkeiten anbieten, damit sie nicht verdrängt werden. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter. Ich denke, es ist allem wichtig, dass jene Leute, die schon hier sind, nicht gehen müssen.

In zweiter Linie ist es auch gut, dass wir Leute anziehen, die eben nicht nur ein grosses Portemonnaie haben, sondern die auch unser vielfältiges Patchwork bereichern. Hier hat die Politik ihre Hausaufgaben gemacht. Die Wohnungsfrage ist von einem klar linken Thema immer mehr zu einem allgemeinen Thema geworden. Es gibt heute kaum mehr einen Politiker oder eine Politikerin im Kanton Zug, die sagen würde: «Das braucht es nicht.»

«Der Stadttunnel ist eine absolut notwendige Infrastrukturleistung»

zentral+: Welche Hauptprobleme beschäftigen die Einwohner von Zug, neben den Wohnproblemen?

Müller: Der nächste Punkt ist der öffentliche Raum, die «Stadt als gute Stube», in der wir uns bewegen und uns zuhause fühlen sollten. Das geht nur mit dem Stadttunnel. Der Stadttunnel ist das Mittel zum Zweck. Und dieser Zweck heisst: Aufwertung der Stadt. Der Tunnel führt zu einem grossen Nutzen und er ist eine absolut notwendige Infrastrukturleistung.
Wir können das mit Städten vergleichen, die vor hundert Jahren ein U-Bahn Netz planten. Auch dort sagte man, dass solche Projekte schwierig seien, aber diese Leute bewiesen Pioniergeist. Diesen müssen wir jetzt auch entwickeln. Denn wir hatten noch nie ein so gutes Projekt.

zentral+: Es ist aussergewöhnlich, dass ein linker Politiker so vehement für einen Strassentunnel wirbt.

Müller: Ich sehe den Nutzen darin. Natürlich sind es hohe Kosten, aber diese sind bereits finanziert. Selbstverständlich leben wir nicht im Schlaraffenland und können alles realisieren. Aber hier geht es um eine Frage der Priorität. Auch der Kantonsrat hat sich bisher klar dafür ausgesprochen.

Zug als Stadt der Hochhäuser

zentral+: Das Bild der Stadt Zug wird zunehmend von Hochhäusern geprägt, die immer wieder in der Kritik stehen. Die Hochhäuser sind zerstreut, bilden keine Einheit. Wieso entsteht in Zug nicht eine schöne «Skyline»? Experten sagen, es fehle eine gute Stadtplanung.

Müller: Nein, es gibt eine Hochhausplanung. Mittlerweile ist klar, dass sich diese Häuser in dem Kreuz zwischen Baarerstrasse und Gubelstrasse befinden sollen. Es wird weitere Pilze geben, die aus dem Boden schiessen, das ist klar, weil wir mehr Dichte brauchen und damit kein Grünland opfern.
Grundsätzlich stehen Hochhäuser auch für die Globalisierung, die in Zug eine Realität ist. Unsere Vorfahren haben mit dem Steuergesetz die Grundlagen geschaffen, damit es in den 70er Jahren losgehen konnte. Wir haben diese Geister gerufen, ohne sie wirklich zu kennen. Das Globale macht Zug noch vielfältiger, es schafft jedoch auch die Kehrseitenprobleme, über die wir schon sprachen.

Wir müssen uns einfach fragen: Wie gehen wir mit dieser Entwicklung um und wie machen wir sie für die Menschen akzeptierbar? Es geht darum, Abschied von alten Bildern zu nehmen und gleichzeitig Traditionen zu bewahren. Wir sollten uns keinesfalls abschotten, denn das geht auf Kosten der Vielfalt und der Lebendigkeit, die wir bewahren wollen.

«Ich frage mich: Müssen wir immer alles perfekt machen?»

zentral+: Diese Lebendigkeit spürt man im Wohnquartier Herti, nicht aber im Herti-Einkaufszentrum. Dort leben noch die 70er Jahre, alles ist etwas verstaubt. Ging dieser Ort vergessen?

Müller: (lacht) Da geh ich öfters einkaufen mit meiner Frau. Die Entwicklung eines Shoppingcenters ist jedoch eine private Angelegenheit, auf die wir Politiker direkt nicht Einfluss nehmen können.
Es geht hier aber um ein wichtiges Thema, das mich beschäftigt: Müssen wir immer alles perfekt machen? Wieso kann nicht irgendwo noch der Charme der 70er oder 80er bestehen? Das ist eines unserer Hauptprobleme. Wir neigen zu Perfektionismus. Der letzte Hinterhof, der noch nicht perfekt ist, wird durchgeplant. Wir sollten solche Orte bewahren und zulassen, und nicht versuchen, diese bis ins letzte Detail zu verplanen. Unter dem Entwicklungsdruck wollen wir alles optimieren. Mir sind jedoch gerade die nicht durchgestylten Gegenwelten viel wert.

Schiedsverfahren im Hochhausstreit

zentral+: Nochmals zurück zu den Hochhäusern. Sie sind in schwierigen Gesprächen mit der Firma «Peikert», der Besitzerin des Hochhauses «Park Tower». Es geht dabei um den öffentlichen Raum für die Zuger Bevölkerung. Die Stadt will eine Vereinbarung für einen solchen Raum, die Firma Peikert will diesen Raum nicht. Wo bleibt hier das Durchsetzungsvermögen des Stadtrats?

Müller: Das sind Probleme, die wir nur über Gespräche lösen können. Der Prozess ist ja eingeleitet und dieser Fall wird wahrscheinlich über ein Schiedsverfahren gelöst.

zentral+: Das ist aber unschön.

Müller: Nein, das ist völlig normal. Es gibt gewisse Fragen, da ist man einfach zu weit voneinander entfernt, sodass nur noch eine neutrale Instanz entscheiden kann. Zwei Fragen sind noch zu klären: Welchen Ausbaugrad muss die Grundeigentümerin auf ihre Kosten übernehmen und welche Öffnungszeiten sollen gelten?

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