Die Motionäre fürchten sich vor weiteren «Wohntürmen». (Bild: rah)
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Die Motionäre fürchten sich vor weiteren «Wohntürmen». (Bild: rah)

Zythus: Anwohner und Gemeinderat beschuldigen sich gegenseitig

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Eine Kompromisslösung zwischen Motionären und Hünenberger Gemeinderat, was die Zukunft des Zythusareals anbelangt, ist gescheitert. Doch war der Vorschlag des Gemeinderats überhaupt ein Kompromiss? Nicht, wenn man die Motionäre fragt. Sie fühlen sich verschaukelt.

Nein, Freunde werden der Hünenberger Gemeinderat und die Mitglieder der IG Zythusareal nicht mehr. Dies zeigt sich bereits seit September, als die IG beim Gemeinderat eine Motion einreichte. Darin fordert sie eine Verkleinerung der geplanten Überbauung bei der SBB-Haltestelle Hünenberg Zythus. Die Mitglieder, darunter viele Anwohner, fürchten, dass ihnen Hochhäuser vor die Nase gebaut werden.

Im November, bei einer Infoveranstaltung zur künftigen Überbauung des Areals, blieben die Fronten verhärtet. Die Parteien zeigten wenig Kompromissbereitschaft (zentralplus berichtete).

Diese Linie scheinen der Gemeinderat und die Motionäre diese Woche bei einer Besprechung weitgehend fortgeführt zu haben. Denn ein Konsens konnte nicht gefunden werden, wie der Gemeinderat am Mittwoch bekanntgab (zentralplus berichtete).

«Uns wurde in den ersten zwei Minuten des Gesprächs diese fixe Ausnützungszahl präsentiert.»

Brigitte Böhi, Motionärin der IG Zythusareal

Rund eineinhalb Stunden habe das Gespräch gedauert, sagt die Hünenberger Gemeindepräsidentin Renate Huwyler (CVP). Sie hat durch die Diskussion geführt, flankiert von zwei weiteren Gemeinderatsmitgliedern.

Was wäre ein fairer Kompromiss?

Im Mittelpunkt des Knatsches steht die Dimension des Projekts und mit ihr die sogenannte Ausnützungsziffer. Diese bestimmt unter anderem, wie hoch gebaut werden darf. Die höher diese ist, desto flexibler ist man, was man auf der Parzelle bauen möchte – und desto wertvoller ist das Grundstück.

Die Motionäre verlangten ursprünglich eine Beschränkung auf 0.35. Für den Gemeinderat stellte diese Zahl keine Option dar – nur schon, weil eine solch tiefe Ausnützungsziffer nicht dem kantonalen Richtplan entspreche.

Der Gemeinderat schlug an der Sitzung vor, bei der Bandbreite von bisher 1.2 bis 1.4 gemäss Machbarkeitsstudien auf 1.0 bis 1.4 zurückzugehen und machte den Motionären zudem das Angebot, sich gegenüber dem Kanton dafür einzusetzen, dass jemand von ihnen im Fachpreisgericht des Architekturwettbewerbs Platz nehmen dürfte.

«Einseitig diktiert»

Doch die Motionäre und die IG Zythusareal wollen davon nichts wissen. Motionärin Brigitte Böhi sagt: «Wir waren in einem Findungsprozess mit dem Gemeinderat – oder zumindest dachten wir dies. Dann wurde uns in den ersten zwei Minuten des Gesprächs diese fixe Ausnützungszahl präsentiert. Nicht als Diskussionsgrundlage, sondern als Fakt.»

«Wir waren immer offen und transparent.»

Renate Huwyler, Hünenberger Gemeindepräsidentin

Zudem habe man bereits im Dezember vom damaligen Regierungsrat das Zugeständnis bekommen, dass man auf 1.0 bis 1.4 runtergehe würde. «Davon gingen wir also bereits aus. Ein echter Kompromiss ist das nicht», so Böhi.

Gemeindepräsidentin hält dagegen

Dem widerspricht Renate Huwyler entschieden. «Wir waren immer offen und transparent, haben mehrere Infoveranstaltungen und Workshops veranstaltet.» Dass die Motionäre keine Kompromissbereitschaft zeigten, bedauere sie. Zumal man mit dem Kompromissvorschlag den Motionären ein gutes Stück entgegengekommen sei.

Um im Architekturwettbewerb qualitativ gute Projekte zu erhalten, sei es wichtig, möglichst wenig Einschränkungen und Vorgaben zu machen. Ausserdem ist der Gemeinderat der Ansicht, dass eine Ausnützungsziffer unter 1.0 mit dem kantonalen Richtplan nur schwer vereinbar wäre, so Huwyler.

Motionär Ueli Christen hält dagegen und zeigt sich enorm enttäuscht: «Mit einer Ausnützungsziffer im Bereich von 1.0 bis 1.4 wären grundsätzlich Hochhäuser möglich, die gleich hoch oder sogar noch höher wären als die beiden bereits bestehenden Hochhäuser beim Zythus. Als ob die Bausünden aus den 1970er-Jahren nicht schon genug wären!»

Angst vor Türmen

Deswegen hätte man gerne im Hinblick auf den Architekturwettbewerb gewisse Rahmenbedingungen vereinbart, wie Böhi erklärt. Darunter eine Bandbreite der Ausnützungsziffer, welche sich auch unter 1.0 bewegt, sowie eine Höhenbegrenzung. Denn: «Es wäre für uns eine Sicherheit, dass keine Türme gebaut werden. Im Moment ist es ja gängige Praxis, dass die Bauten in die Höhe schiessen», so Böhi.

«Eine Redimensionierung des Projekts wäre nötig.»

Brigitte Böhi

Um einen Konsens zu finden, seien die Motionäre einverstanden gewesen, auch über eine höhere Ausnützungsziffer als 0.35 zu diskutieren. Die Motion wurde auf Initiative des Gemeinderats sistiert. «Weil eine Konsensfindung Zeit braucht, haben wir eingewilligt», erklärt Brigitte Böhi.

Es gab auch andere Projekte

Trotzdem: Die Ausnützungsziffer soll unter 1 sein. «Wir sehen für Hünenberg See keinen Mehrwert in diesem Megaprojekt. Im Gegenteil – eine Riesenüberbauung bedeutet einen Verlust an Lebens- und Wohnqualität. Eine Redimensionierung des Projekts wäre nötig», sagt Böhi.

«Es wird immer wieder das Bedürfnis nach kleinen Wohnungen erwähnt. Doch es braucht kein Grossprojekt für kleine Wohnungen.» Dieses Bedürfnis könne man auch mit einer tieferen Ausnützungsziffer stillen.

Die Motionäre stützen bei dieser Forderung auf ein pikantes Detail, wie Brigitte Böhi verrät. Während die Bevölkerung bei der ursprünglichen Projektvorstellung nur derer drei zu Gesicht bekam, hatten die Motionäre auf Nachfrage Einsicht in alle zwölf Projekte. Laut Böhi seien darunter auch Projekte mit einer Ausnützungsziffer von 0.9 gewesen. «Es kann also nicht sein, dass alles unter 1.0 nicht rechtens ist.»

«Wir haben den klaren Auftrag, verdichtet zu bauen.»

Renate Huwyler

Hünenberger haben das letzte Wort

Renate Huwyler hingegen beruft sich auf den kantonalen Richtplan und das Raumplanungsgesetz. «Das Zythusareal liegt in einem Verdichtungsgebiet, wo eine Ausnützungsziffer bis 2.0 möglich ist. Wir haben den klaren Auftrag, verdichtet zu bauen», sagt die 49-Jährige. Sie weist darauf hin, dass das Raumplanungsgesetz 2013 auch von einer grossen Mehrheit der Hünenberger Bevölkerung angenommen wurde – mit über 70 Prozent.

Die Gemeindepräsidentin betont, dass der Gemeinderat ein mehrheitsfähiges Projekt wolle. Denn: «Das letzte Wort wird das Hünenberger Stimmvolk haben.»

Gemeinderat soll sich einsetzen

Wie die Überbauung auf dem Zythus-Areal dereinst aussehen wird, sei noch völlig offen. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Den Fahrplan, was den Architekturwettbewerb anbelangt, wird der Kanton vorgeben; er ist Eigentümer der entsprechenden Parzelle. Der Gemeinderat werde laut Huwyler jedoch miteinbezogen.

Renate Huwyler ist seit diesem Jahr Gemeindepräsidentin von Hünenberg.
Renate Huwyler ist seit diesem Jahr Gemeindepräsidentin von Hünenberg. (Bild: zvg)

Also dasjenige Gremium, von dem sich die IG Zyhusareal nicht repräsentiert fühlt. Böhi fordert: «Der Gemeinderat soll unsere Anliegen aufnehmen und sich beim Regierungsrat dafür einsetzen.»

Was machen die Motionäre nun?

Nun ist jedoch erst mal die IG, bestehend aus rund 300 Mitgliedern, gefordert. Denn es stellt sich die Frage, wie die Motionäre weiter vorgehen. Sie können an der Motion festhalten – dann müsste der Gemeinderat über deren Gültigkeit entscheiden –, die Motion anpassen oder sie zurückziehen.

Böhi sagt dazu: «Sämtliche Schritte sind denkbar. Im Verlaufe der nächsten zwei bis drei Wochen wollen wir uns entscheiden.»

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