Der CVP-Präsident Gerhard Pfister führt seine Partei dieses Jahr in den Wahlkampf. (Bild: wia)
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Der CVP-Präsident Gerhard Pfister führt seine Partei dieses Jahr in den Wahlkampf. (Bild: wia)

«Seit dem Attentat habe ich das Gefühl, vor nichts mehr richtig Angst zu haben»

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Der CVP-Präsident Gerhard Pfister will das Ruder herumreissen und seiner Partei bei den nationalen Wahlen im Herbst zu einem Wählerzuwachs verhelfen. Im 50-Fragen-Interview spricht der Zuger jedoch nicht nur über die Wahlen, sondern auch über seine ungewollte Schroffheit, seine Sorgen über die Medienentwicklung und seinen Lieblingscomic.

Montagmorgen, kurz vor 9 Uhr, als wir in Luzern ins Café des Hotels Schweizerhof eintreten, sitzt der Zuger CVP-Präsident Gerhard Pfister bereits bei seinem ersten Gespräch. Obwohl sein Terminkalender, gerade im Wahljahr, sehr voll ist, hat sich der 56-jährige Christdemokrat tapfer auf das zentralplus'sche Mammutformat, das berüchtigte 50-Fragen-Interview, eingelassen. Pfister verabschiedet sich von seiner Gesprächspartnerin, wirkt entspannt. Übung im Umgang mit den Medien hat der CVP-Präsident ja mittlerweile.

1. Gerhard Pfister, warum liest man gefühlt täglich ein Interview mit Ihnen?

Ich weiss nicht, ob das so stimmt. Aber dass ich häufig in den Medien bin, hat sich in meiner Position als Parteipräsident einfach ergeben. Ich empfinde es als meine Pflicht, die CVP und ihre Ideen zu bewerben. Zwar gehe ich nicht aktiv auf sie zu, doch weise ich Journalisten auch selten ab.

2. Vor drei Jahren sagten Sie in einem Interview, dass es entweder die beste oder die dümmste Idee Ihres Lebens sei, das Amt des CVP-Präsidenten zu übernehmen. Und welches ist es denn nun?

Es ist die beste Idee meines Lebens. Nun gut, die Wahlen kommen ja erst noch. (lacht). Nein, ernsthaft: Ich erfahre eine breite Akzeptanz und ein grosses Vertrauen von Seiten der Basis. Ausserdem ist es ein unglaublich spannender Job.

3. Hand aufs Herz: Sind Sie zufrieden mit Ihren bisherigen Leistungen als Parteipräsident?

In Schulnoten würde ich mir eine 4 oder eine 4,5 geben. Es ist mir gelungen, die Partei besser zu profilieren, auch wenn das nicht so einfach ist, wie ich mir das zu Beginn vorgestellt hatte. In meiner Heimat Zug war es natürlich einfacher, die CVP zu profilieren als auf nationaler Ebene.

4. Was haben Sie in den bald drei Jahren erreicht?

Die CVP wird heute stärker wahrgenommen. Ausserdem treten wir in Bern als Fraktion geschlossener auf. Weiter bin ich überzeugt, es wird mir bei den kommenden Wahlen gelingen, einen für die CVP neuartigen Wahlkampf zu führen, und in diesem Zusammenhang auch eine gewisse Professionalisierung zu erreichen. Was mich sehr freut und worauf ich wirklich stolz bin, ist, dass sich aktuell sehr viele junge Leute in der CVP engagieren.

5. Wo harzts noch?

Die CVP hat die Herausforderung, dass sie vor allem in den kleinen Kantonen stark ist. Was dazu führt, dass die Partei auf nationaler Ebene nicht die Anzahl Mandate erhält, die sie eigentlich verdient. Weiter muss die CVP die Bevölkerung davon überzeugen, dass es eine Partei der Konkordanz braucht, die für eine freie und solidarische Schweiz kämpft, weil das die Schweiz erfolgreich gemacht hat. Das gelingt uns jedoch besser als auch schon.

«Twitter ist häufig polemisch und hart, da ist es entspannend, Snoopy-Tweets zu retweeten.»

6. Ihre Frau spielt im Luzerner Theater Aeternam. Durchaus auch in schrägen Rollen. Wie finden Sie das?

Das ist eines ihrer Lebenselixiere und ich schaue da mit Faszination und Begeisterung zu. Die Theaterszene ist vielleicht nicht der Ort, in dem vor allem das übliche CVP-Stammpublikum verkehrt, doch fühle ich mich auch dort sehr wohl. (hält kurz inne) Eigentlich bin ich sehr froh, dass bisher niemand den Link gemacht hat zu mir. Meine Frau ist eine eigenständige Person und was sie macht, hat mit meiner politischen Funktion und meiner Person nichts zu tun. Im Kulturmilieu wird diese Trennung klar gemacht, worum ich froh bin. Vor allem für meine Frau.

7. Ich habe gesehen, Sie folgen auf Twitter nur einer kleineren Auswahl an Menschen ... und Woodstock, dem Vogel der Peanuts. Warum?

Ich finde die Peanuts toll. Einerseits, weil es sich um eine Kindheitserinnerung handelt, anderseits, weil Snoopy sehr viele philosophische Anflüge hat. Das gefällt mir und es trifft meinen Humor. Gerade weil Twitter häufig polemisch, heftig und hart ist, ist es entspannend, Snoopy-Tweets zu retweeten.

(Bild: Screenshot Twitter)

8. Wem sonst sollte man auf Twitter folgen?

Natürlich Gerhard Pfister. Und sonst: Als Parteipräsident müssen Sie den Parteien folgen und auch den Leitmedien. Persönlich gibt es gute Debattierer, die ich schätze. So etwa Claudio Zanetti, Jacqueline Badran oder Cedric Wermuth. Mit ihnen kann man sich auseinandersetzen, sich zoffen, das macht Spass.

9. Wen blockieren?

Erstens alle Anonymen, zweitens alle, die beleidigend sind. Das muss ich mir nicht antun.

10. Beim Twittern muss man ja auch einstecken können. Wie kommt man zu so einem dicken Fell wie Sie es zu haben scheinen?

Indem Sie nichts persönlich nehmen. Das klingt jetzt einfacher, als es ist. Doch unterscheide ich sehr stark zwischen meiner öffentlichen Rolle und meiner Person. Die harte Auseinandersetzung in der Politik muss sein, doch nicht so, dass man sich persönlich angreift. Ich bin eine öffentliche Person. Da meinen die Leute in ihrer Kritik häufig nicht mich als Person, sondern das, was ich vertrete.

Ich nehme an, Ihre Aussage geht nun über Twitter hinaus.

Durchaus. Ich bin auf der Strasse, mache viel Wahlkampf, und habe höchstens ein- bis zweimal etwas Negatives über mich gehört. Irgendwie wird man geschätzt, auch wenn die Leute – manchmal auch zu recht – über Politiker fluchen.

11. Was geht Ihnen nahe?

Was mir nahegeht, ist das Elend in seinen verschiedenen Formen. Der Umkehrschluss davon ist, dass ich jeden Tag hinaus in die Welt blicken kann und realisiere, dass es schieres Glück ist, dass wir in diesem Land leben können. Es geht mir nahe, zu wissen, wie unfassbar viel härter als wir es 95 Prozent aller Menschen haben.

12. Sie waren in Disentis an der Klosterschule. War diese Zeit wegweisend für Sie ...

Ja!

... im Bezug auf Ihren späteren politischen Werdegang?

Nein. (lacht) Nein, die Zeit war wichtig für mein persönliches Leben, weil ich dort im besten Sinne humanistische Bildung genossen habe. Zum grossen Teil hatte ich ausgezeichnete Lehrer, ich hatte gute Freundschaften, ich durfte unabhängig in einer grossen Freiheit leben, während einem die Schule viel Vertrauen geschenkt hat. Das alles habe ich aufgesogen wie einen Schwamm. Auf meinen politischen Werdegang hatte das jedoch kaum Einfluss. Zwar ...

13. Ja?

Pfister: Gewisse Lehrer haben uns mitgegeben, wie wichtig es ist, sich zum Wohle der Gesellschaft einzusetzen. Andere haben unglaublich gern politisch debattiert und gestritten. Viel wichtiger jedoch für den Schritt in die Politik war meine Familie, namentlich mein Vater und mein Grossvater, den ich nicht einmal kannte. Mein Vater vertrat die Haltung, dass wir so viel von Oberägeri bekommen, dass wir dem Dorf auch etwas zurückgeben müssen und uns deshalb politisch engagieren sollten.

«Ich erwarte von gewählten Bundesparlamentariern, dass sie ‹gopferteckel› ihren Job machen.»

14. Oft werden Sie wie folgt beschrieben: «Medial gewandt, zwischenmenschlich schwierig.» Wie sehen Sie das?

Ich selber würde mich nicht als zwischenmenschlich schwierig bezeichnen, gleichzeitig bin ich wohl der, der das am wenigsten beurteilen kann. Doch kommt diese Haltung womöglich daher, dass sich meine Ratskollegen hie und da von mir brüskiert fühlen. Was mich immer wieder aufregt, ist, wenn jemand nicht argumentiert, nicht streitet. Ich erwarte von gewählten Bundesparlamentariern, dass sie «gopferteckel» ihren Job machen, arbeiten, sich in ihre Dossiers reinknien, für ihre Überzeugungen kämpfen, und nicht einfach ihre vier Jahre absitzen. Ich bin da manchmal vielleicht zu deutlich, zu laut, weshalb ich wohl den Ruf bekomme, schwierig zu sein. Dazu kommt noch etwas.

Und zwar?

Lange Zeit führte ich ja parallel zu meinem Mandat in Bern noch eine Privatschule. Das heisst, ich reiste während der Session häufig zurück nach Oberägeri, arbeitete am Abend drei Stunden und fuhr in der Nacht zurück nach Bern. Entsprechend nahm ich kaum teil an den geselligen Veranstaltungen. Dies trug mir wohl den Ruf ein, dass ich nicht richtig dabei sei. Doch stecken dahinter wohl auch Empfindlichkeiten anderer Politiker.

15. Es klingt, als würden Sie nicht unbedingt viel schlafen.

Naja, wenn ich mehrere Nächte nacheinander nur fünf Stunden schlafe, merke ich das. Auch brüste ich mich nicht damit, wenig zu schlafen, wie es manche Leute tun. Was ich sicher nicht bin, ist ein Morgenmensch. Es braucht einiges, damit ich in die Gänge komme.

16. Zwischen den früheren Parteipräsidenten Toni Brunner (SVP), Philipp Müller (FDP), Christian Levrat (SP) und Christophe Darbellay (CVP) schien es damals einige lustige Männerrunden gegeben zu haben. Wie ist das heute?

Wir haben ein gutes, kollegiales Verhältnis. Doch hatten wir bisher wenige Gelegenheiten, uns zu viert zu sehen, das könnte sich nun im Wahljahr ändern. Das Verhältnis, das die besagten damaligen Präsidenten hatten, musste sich auch erst entwickeln, das war nicht von Anfang an so. Vielleicht ist dieses kollegiale Verhältnis heute auch ein Ausdruck der Professionalisierung.

17. Sie sagten letzthin in einem Interview bezüglich islamistischem Terror, dass dem «Westen das intellektuelle und geistige Rüstzeug fehle, um sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wo unsere Werte und Wurzeln liegen». Können Sie das erklären?

Der Islam stellt Fragen an die westlichen Demokratien und Gesellschaften. Auf diese haben wir die Antworten noch nicht. Einfach ausgedrückt: Wir halten den Wert der Religionsfreiheit und der Toleranz sehr hoch. Die Frage ist, ob wir diese nicht besser schützen müssen gegenüber fundamentalistischer Intoleranz. Wir sind eine sehr laizistische Gesellschaft, eine, die das Religiöse fast schon zu sehr hinausgedrängt hat. Nun werden wir herausgefordert von Gruppen, welche die Religion für ihre Zwecke instrumentalisieren. Da fehlt uns die argumentative Augenhöhe.

18. Aber sind diese Fragen über unsere Werte und Wurzeln tatsächlich intellektueller Natur? Es gibt doch nichts Einfacheres, als Traditionen wie gehabt weiterzuführen, statt diese zu hinterfragen.

Das stimmt. Aber es gibt gewisse Tendenzen, die dieser Selbstverständlichkeit entgegenwirken. Als Beispiel: In unserer Kultur ist es selbstverständlich, dass man einer Frau die Hand gibt. Soll man zulassen, dass sich jemand dem verweigert? Wenn nicht, müssen wir das begründen können. Und da fehlen uns heute teilweise die Argumente, da für uns diese Selbstverständlichkeiten heute nicht mehr selbstverständlich sind.

Gerhard Pfister, wann waren Sie das letzte Mal so richtig wütend? Eine Frage, bei welcher der CVP-Präsident lange studieren muss.
Wie kann der Westen fundamentalistischer Intoleranz begegnen? Eine der Fragen, die Gerhard Pfister umtreibt. (Bild: wia)

19. Dann glauben Sie, dass man christliche Werte verstärken und diese vermehrt gegen aussen tragen soll?

Nein, das ist etwas, was mir immer wieder vorgeworfen wird. Doch das wäre Missionieren. Häufig fragt man mich nach dem C im Parteinamen und dessen Bedeutung. Es ist ein Bekenntnis zur christlich geprägten Schweiz. Und ich bin überzeugt, dass viele Elemente des Rechtsstaates in der christlichen Kultur gründen. Doch in der politischen Auseinandersetzung muss man auf dem Rechtsstaat argumentieren. Ich fordere nicht, dass man dem Christentum nachleben soll. Doch müssen wir uns Gedanken machen, woher etwa unser Freiheitsbegriff kommt – meiner Meinung nach aus dem Christentum. Dann können wir vielleicht argumentieren, warum wir an diesem festhalten. Es ist jedoch nicht ein Missionieren. Sonst machen wir dasselbe, was wir anderen ankreiden, nämlich, dass wir in den Gottesstaat zurückwollen. Es ist eine Errungenschaft der Aufklärung, dass wir diesen eben überwunden haben.

«Wir von der CVP sind weiss Gott nicht bessere Menschen.»

20. Das C wird, wie Sie gesagt haben, immer wieder in Frage gestellt. Als Beispiel die drei Politiker Darbelley, Buttet, Villiger: Alle gerieten mitunter wegen ihrer Affären in die Bredouille. Alle drei sind CVP-Politiker. Dennoch macht sich Ihre Partei ganz besonders stark für Familie, und diese eher im traditionellen Sinn. Das wirkt in diesem Kontext scheinheilig.

Ja. Das wäre aber auch bei einem liberalen Politiker so. Doch eine Partei mit dem C im Namen wird mit anderen Ellen gemessen. Wir sind weiss Gott nicht bessere Menschen, doch müssen wir es uns gefallen lassen, dass an uns höhere Massstäbe angesetzt werden. Damit müssen wir leben. Man kann meines Erachtens diese drei Personen und ihr Verhalten nicht in denselben Topf werfen. Doch die Tatsache, dass gewisse Leute gegen diese Werte verstossen, macht die Werte der CVP nicht weniger wichtig oder gar ungültig.

21. Vor dreieinhalb Jahren verlor die Partei auf nationaler Ebene Sitze. Wie hoch sehen Sie die Gefahr, dass die CVP auch dieses Jahr mehr von ihrem V, also vom Volk, einbüssen muss?

Ich sehe durchaus Potenzial, dass wir sogar Sitze dazugewinnen können. Mit einer guten Mobilisierung und Kampagnenaufgleisung – wir sind da weiter als je zuvor – und in Anbetracht unserer guten Kandidierenden, bin ich zuversichtlich, den Wähleranteil steigern zu können. Auch wenn das viel Arbeit bedeutet.

22. Im Oktober finden die ersten Wahlen mit Ihnen als CVP-Präsident statt. Mit welchen Gefühlen schauen Sie diesem, für Sie wohl wichtigsten Ereignis entgegen?

Mit einer gewissen Anspannung. Ich stehe in der Verantwortung,  sowie unter grossem Erfolgsdruck. Gleichzeitig freue ich mich auch sehr darauf. Ich mache gern Wahlkampf, habe im Kanton Zug viele Wahlkämpfe geleitet. Und wenn ich sehe, wie viele Junge auf den Listen stehen, bin ich zuversichtlich. Insbesondere dann, wenn es uns gelingt, diese Leute zu pushen.

23. Eines Ihrer Credos, die Sie sich in ihrer Partei wünschen, ist «mehr Profil». Das klingt für mich nach mehr Kanten, mehr Härte. Gleichzeitig kreiden Sie das der FDP an, welche Sie als «nicht mehr kompromissbereit, nicht mehr staatstragend» bezeichnen.

Dass die FDP nicht mehr staatstragend sei, hat der Politologe Claude Longchamp gesagt.

Und Sie haben es dankend repetiert.

Ja, das habe ich. Weil ich finde, Herr Longchamp hat recht. Was Sie beschreiben, ist die grosse Herausforderung der Mitteparteien. Sie müssen einerseits ein Profil haben und sagen, in welche Richtung es gehen soll. Anderseits müssen sie bereit sein, einen Schritt auf den politischen Gegner zuzugehen. Und wir werden nie so kantig politisieren können, wie das die Polparteien machen. Das ist nicht unsere Aufgabe. Was ich bei den Freisinnigen tatsächlich kritisiere, ist, dass sie sich zulasten der gemeinsamen Lösung nur noch selber profilieren. Die FDP ist tatsächlich immer weniger kompromissbereit.

Dennoch. Die Gefahr, dass man sich der FDP annähert, indem man sich mehr Härte und Profil zulegt, die besteht.

Die besteht. Doch gehen wir ihr aus dem Weg. Die CVP hat den Weg der Konkordanz in den Genen. Wir sind die Partei, die den Zusammenhalt der Schweiz im Auge behält. Doch auch das kann man profilierter tun.

24. Was fehlt dem Kanton Zug heute?

(Überlegt lange) Es fehlt ihm eigentlich nichts. Gleichzeitig fehlt dem Kanton Zug vielleicht der Sinn, dass ihm nichts fehlt. Es ist wichtig, dass er das Bewusstsein für den Ausgleich nicht verliert, dafür, was ihn stark gemacht hat. Nämlich die gute Balance zwischen Tradition und Fortschritt.

«Es gibt kein CVP-nahes Medienhaus.»

25. Wann waren Sie zum letzten Mal in der Kirche?

Am Sonntag vor einer Woche.

26. Und ist was hängengeblieben?

(Lacht) Das ist jetzt peinlich. Aber nein. Spontan könnte ich Ihnen nicht sagen, was mir geblieben ist. Das muss aber auch nicht sein. Es wäre ein sehr hoher Anspruch an die Kirche, dass immer etwas hängen bleibt. Genausowenig wie man den Anspruch haben kann, dass in jeder Session von der CVP etwas hängen bleiben muss. Wo ich in der Kirche war, sage ich Ihnen übrigens nicht. (lacht)

27. Die Medienkonzentration macht Ihnen Sorgen, haben Sie letzthin gesagt. CH Media zügelt die Epizentren der Zentralschweizer Medien in den Aargau und nach Bern. Gleichzeitig sind das Regionen, in denen die CVP kaum Einfluss hat. Eine Bedrohung für die Präsenz Ihrer Partei?

Es ist sicher eine grosse Herausforderung. Das ist das, was ich immer kritisiert habe. Die grossen Medien erhalten alle eine «Zürcher Perspektive». Bei der SRG ist eine Verlagerung Unsinn, bei den anderen Medien sind es ökonomische Zwänge, die eine Rolle gespielt haben. Veränderungen merkt man im Übrigen bereits jetzt. Liest man die letzte Ausgabe der «Zentralschweiz am Sonntag», erkennt man, dass viel mehr Aargauer Perspektive hineingeflossen ist als Zentralschweizer. Das macht mir Sorgen. Man muss zudem sehen, dass die grossen Medien entweder den linken Parteien oder der FDP nahestehen. Es gibt kein CVP-nahes Medienhaus. Auch das ist eine Schwierigkeit für uns. Gerade deshalb bin ich der Ansicht, dass die SRG genau diese Aufgabe hätte übernehmen müssen: Die Regionen in ihrer Eigenständigkeit abbilden. Als Partei reagieren wir insofern, dass wir unsere Inhalte vermehrt digital an die Leute bringen. 

28. Ist das eine mögliche künftige zentralplus-Schlagzeile?

Als «höchst unwahrscheinlich» schätzt Gerhard Pfister diese Schlagzeile ein.
Als «höchst unwahrscheinlich» schätzt Gerhard Pfister diese Schlagzeile ein. (Bild: wia)
 

(Ist verblüfft. Lacht) Die ist ... ausgeschlossen. Ich bin ein Kritiker davon, dass ehemalige Politiker einen Job in staatsnahen Unternehmen annehmen. Weiter muss man in einem solchen Job viele Kompetenzen mitbringen, die ich nicht habe.

29. Die neue Zuger CVP-Präsidentin heisst Laura Dittli und ist 27 Jahre alt. Sie haben bereits im Vorfeld der Wahl angetönt, dass Sie sehr zufrieden seien mit dieser Empfehlung. Warum?

Ich bin ein Fan von ihr. (lacht) Laura Dittli hat sich mit einer grossen Selbstverständlichkeit für die CVP zur Verfügung gestellt. Für mich ist sie eines der besten Beispiele dafür, dass sich vermehrt auch Junge in der CVP engagieren. Dittli hat alles, was man für dieses Amt braucht. Und das sage ich jetzt wertschätzend und nicht abschätzig: Es ist für die Partei ein sehr gutes Zeichen, wenn man eine junge, engagierte, gescheite Frau als Aushängeschild hat. Das ist auch Ausdruck einer gewissen Offenheit.

30. Als Parteipräsident werden Sie sehr stark durch äussere Umstände getrieben, vom politischen Alltag, Terminen, denen Sie nachkommen müssen. Wie verschaffen Sie sich Ruhe in der Hektik?

Ich muss lernen, Zeiten in meine Agenda einzutragen, über die nicht verfügt werden kann. Das stinkt mir manchmal, weil ich kein Fan davon bin, Freizeit zu planen. Mache ich das jedoch nicht, habe ich keine mehr. Trotzdem: Ich finde, meine Lebensqualität ist extrem hoch.

31. Können Sie ein Gedicht rezitieren?

Auswendig kann ich kein Gedicht. Ich bin sehr schlecht darin, auswendig zu lernen, und habe nie viel Lyrik gelesen.

32. Sie haben Ihre Vorliebe also in der Prosa?

Ja durchaus. Ich lese sehr viel und sehr schnell. Mit dem Nachteil, dass mir das Gelesene vielleicht weniger bleibt.

33. Mit wem möchten Sie im Lift steckenbleiben?

(Die Antwort kommt schnell.) Mit jemandem, der geduscht hat. Das ist schon mal das Wichtigste. Und dann ... mit sehr vielen verschiedenen Leuten. Mit jemandem, der gelassen bleibt, wenn der Lift steckenbleibt. Und mit dem man sich gut unterhalten kann.

Das ist etwas sehr diplomatisch.

Es gibt so viele spannende Leute. Natürlich könnte ich Ihnen Namen nennen von Politikern, Schauspielern und Autoren. Doch primär finde ich, die Ausdünstung der Person sollte okay sein, zudem wäre es schön, wenn man die Zeit einigermassen gut verbringen könnte.

34. Mit wem nicht?

Eben. Der olfaktorische Umkehrschluss gilt auch hier. Und, nun. Mit dem amerikanischen Präsidenten. Das wäre vermutlich eher mühsam.

35. Ihr Haus brennt. Alle Ihre Liebsten sind in Sicherheit. Welche drei Gegenstände wollen Sie unbedingt aus den Flammen retten?

Da muss ich überlegen. Ich habe viele Bilder, die mir etwas bedeuten. Unter anderem ein Bild der Rigi, gemalt von Robert Zünd, das ich vor langer Zeit gekauft habe. Das nehme ich mit. Weiter eine Venini-Vase, die uns meine italienischen Verwandten zur Hochzeit geschenkt haben. Und als drittes ... ist der Laptop schon draussen?

«Boah ist das unfair! Nietzsche. Aber das ist extrem unfair.»

Nein.

Dann den. Das wäre ein Stress, wenn man alle Daten wieder zusammensuchen müsste. Wobei. Nein. Den Laptop nicht. Mittlerweile ist ja alles in der Cloud gespeichert. Also doch ein zweites Bild. Und zwar eines von Franz Bucher. Oh. Und noch eines von Franz Stadlin. Das sind Innerschweizer Künstler, die bei uns gearbeitet haben. (Wir sind mittlerweile bei vier Gegenständen. Wir lassen das gelten, der geretteten Kunst zuliebe.)

36. Nietzsche oder Schopenhauer?

Boah ist das unfair! Nietzsche. Aber das ist extrem unfair.

37. Island oder Hawaii?

Hawaii.

38. Mark Rothko oder Albert Anker?

Rothko.

39. Was liegt derzeit auf Ihrem Nachttisch?

Eine Biografie über Napoleon, ein Buch von Houellebecq und der Wecker.

«Mich stört, dass ich manchmal schroffer und distanzierter rüberkomme, als ich es eigentlich bin.»

40. Ihr Lieblingsbuch?

Viele. Das ist nun eine der schwierigsten Fragen. Was ich immer wieder hervornehme ist Musil «Der Mann ohne Eigenschaften». Henry James wäre zwar auch ... Nein, belassen wir es bei Musil. Nein! Handke «Langsame Heimkehr». Das muss sein. (Wir haben offenbar einen inneren Konflikt ausgelöst.)

41. Was stört Sie an sich selber?

(Denkt nach) Dass ich manchmal schroffer und distanzierter rüberkomme, als ich es eigentlich bin.

42. Und was finden Sie toll an sich?

(Denkt länger nach) Ich würde es anders sagen. Ich denke, ich habe eine Stärke darin, gut reden zu können. Das bereitet einem ein gewisses Vergnügen.

43. Worüber können Sie lachen?

Über mich selber. Über sehr viel. Ich schaue etwa auch sehr gerne Sitcoms. 

44. Was macht Sie wütend?

Zynismus und Arroganz.

45. Was macht Ihnen Angst?

Angst in einem existenziellen Sinn nichts. Einmal verspürte ich eine solche existenzielle Angst, beim Zuger Attentat 2001. Seither habe ich das Gefühl, vor nichts mehr richtig Angst zu haben. Klar macht man sich manchmal Sorgen. Sorgen, ob ich alles schaffe, Sorgen um die eigene Gesundheit.

46. Welche Musik hören Sie nach einem langen Tag?

(Zückt sein Handy, scrollt) Letzthin habe ich Fleetwood Mac gehört, Fabrizio De André und Leonard Cohen. Und One Republic.

47. In welchem Bereich haben Sie kein Talent?

In sehr vielen. Darin, ein Instrument zu spielen, und auch beim Tanzen.

48. Was wollten Sie als Kind werden?

Wie so viele wollte ich Pilot werden. Ich finde das Fliegen noch immer faszinierend.

49. Und was hätten Sie gemacht, wenn Sie nicht Philosophie und Germanistik studiert hätten?

(Ohne zu zögern) Jus.

50. Bereuen Sie es etwa, das nicht gemacht zu haben?

Nein. Obwohl ich bei Kollegen sehe, wie viel das fürs Politische bringt. Viele Juristen haben die Fähigkeit, aus riesigen Dossiers sehr schnell das Wesentliche zu erkennen. Das finde ich extrem bewundernswert. Bei Rolf Schweiger etwa ist mir damals besonders aufgefallen, wie seine juristische Kompetenz ins Politisieren einfloss.

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