Insgesamt 340 Wohnungen sollen auf dem Areal entstehen. (Visualisierung: zvg)
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Insgesamt 340 Wohnungen sollen auf dem Areal entstehen. (Visualisierung: zvg)

Augen richten sich auf Ebikon: Wieso ein Bauprojekt die Gemeinde entzweit

10min Lesezeit

Am 10. Februar entscheidet Ebikon an der Urne über ein neues Quartier auf dem MParc-Areal. Und bereits jetzt ist klar: Es dürfte knapp werden. Wieso nur spaltet die Vorlage die Gemeinde derart?

Der erste Abstimmungssonntag des laufenden Jahres steht vor der Tür. Und für einmal richten sich die Augen in Luzern weder auf den Kanton noch auf die Stadt – dort kommen keine Vorlagen an die Urne –, sondern nach Ebikon. Dort steht eine kommunale Abstimmung auf dem Programm, die es in sich hat: der Entscheid über das neue Quartier «Qube» auf dem ehemailigen MParc-Areal. In der Gemeinde tut sich ein Graben zwischen Befürwortern und Gegnern auf.

Das zeigte sich stellvertretend an der Versammlung der CVP am Montagabend. Die Partei, die in Ebikon am meisten Gemeinderäte stellt und knapp 30 Prozent der Wähler auf sich vereint, ist genauso gespalten wie die Gemeinde im Ganzen.

Sie haben in all dem Aufruhr den Überblick verloren? Dann der Reihe nach.

1. Worum geht's?

Der Titel der Abstimmung klingt trocken wie altes Brot: Bebauungsplan Weichle und Teilzonenplanänderung. Doch die Vorlage birgt Zündstoff. Denn im Kern geht es um die Frage, was mit dem Gelände des ehemaligen MParc, der alten Landi, der Rank-Garage Niederberger und der Weinhandlung Vino Vintana AG im Zentrum von Ebikon passieren soll. Heute stehen die Gebäude in der Gewerbezone – und sind mehrheitlich leer. Nun plant die Migros Luzern als Eigentümerin auf dem Areal eine neue Siedlung. Dazu ist eine Umzonung in eine Sondernutzungszone für Wohnen, Gewerbe und Dienstleistung nötig. Der Bebauungsplan gibt zudem die Spielregeln für die Überbauung vor.

2. Was ist geplant?

Bis zu 340 Wohnungen und ein 55-Meter-Hochhaus: Das sind die Eckpunkte des neuen Quartiers, das auf dem Areal Weichle entstehen soll (zentralplus berichtete). 280 Wohnungen sind im Projekt Qube der Migros vorgesehen, weitere 60 Wohnungen auf dem Gelände der Vino Vintana AG. 

Die Migros preist das Ganze als ökologisch vorbildliches Quartier an. Denn es umfasst auch einen Park, eine verkehrsberuhigte Wohnstrasse und einen Treffpunkt in der heutigen Do-it-Halle auf dem Gelände. Pro Wohnung sind zudem nur 0,6 Parkplätze eingeplant, weil der Standort gut an den öffentlichen Verkehr angebunden ist. Visualisierungen geben einen ersten Eindruck von den Plänen. Wie das Projekt konkret aussehen wird, soll später allerdings ein Architekturwettbewerb aufzeigen. Das Investitionsvolumen beläuft sich gemäss einer ersten groben Schätzung auf 150 Millionen Franken.

Die Visualisierung gibt einen Überblick über das Projekt (mehr erfahren Sie durch Klicken auf die Symbole):

3. Wer investiert so viel Geld?

Die Leitung hat die Genossenschaft Migros Luzern inne. Sie hat allerdings bereits angekündigt, dass sie nicht alle Wohnungen selber bauen wird, weil das eine Schuhnummer zu gross ist. Das heisst, die Migros sucht einen Investor – potenzielle Interessenten sind bisher allerdings noch unbekannt. Klar ist allerdings, dass nicht wie bei der Mall of Switzerland ein reicher Ölstaat ans Ruder kommt. «Die Migros verkauft Qube an einen chinesischen oder arabischen Investor – diese Schlagzeile wird man nie lesen können», versichert Geschäftsleiter Felix Meyer (zentralplus berichtete).

4. Welches sind die umstrittenen Punkte?

Mehrere Aspekte des geplanten Projekts geben Anlass zu Widerstand.

  • Hochhaus: Mit 55 Metern wird es weitherum sichtbar sein – und zu dominant, monieren die Gegner. Von einem «Mahnmal der Überverdichtung» spricht etwa Franz Mattmann vom Nein-Komitee. Zudem gibt der Schattenwurf zu reden. Zum Vergleich: Der Schindlerturm ist 58 Meter hoch. 
  • Wachstum: Ein Hauptkritikpunkt betrifft die Entwicklung von Ebikon. Vielen geht das Wachstum zu schnell. Die Kritiker sprechen von einem «Monsterprojekt» und kritisieren das Ausmass der geplanten Siedlung.
  • Gewerbe: Ebenfalls herauszuspüren ist bei den Gegnern der Wunsch, dass das Areal weiterhin für das Gewerbe genutzt wird. Darin schwingt auch die Sorge mit, dass Ebikon zum Schlafdorf verkommt, das immer weniger Arbeitsplätze anzubieten hat.
  • Investor: Die Migros Luzern hat angekündigt, einen Investor zu suchen. Damit sei alles andere als klar, wer letztlich am Hebel sitzt, monieren die Gegner.

5. Was sagen die Verantwortlichen zur Kritik?

Für das Pro-Komitee überwiegen die Vorteile des Projekts deutlich. Es führe zu einer Aufwertung am Bahnhof, entlang der Kantonsstrasse und im Höfliquartier.

  • Hochhaus: Ein Hochhaus sei an diesem zentralem Standort entlang der Hauptstrasse nicht störend. Zudem schaffe man dadurch mehr Grünflächen und öffentliche Freiräume.
  • Wachstum: Gemeinderat und Pro-Komitee haben keine Angst, dass zu viele Wohnungen auf den Markt kommen. Der grösste Teil der leeren Wohnungen seien in Altbauhäusern zu finden. «Wir haben nicht ein Mengen-, sondern ein Qualitätsproblem», sagt Gemeindepräsident Daniel Gasser. Leerstände dürften zudem auch nicht im Interesse der Migros Luzern liegen.
  • Gewerbe: Für die Befürworter ist klar, dass eine Aufwertung durch eine neue Siedlung an diesem zentralen Standort mehr Sinn macht als eine Gewerbefläche. Die Migros Luzern betont zudem, dass sich die bestehenden Gebäude auf dem Areal nicht für eine gewerbliche Nutzung eignen. Ausser für ein Lager, was aber mehr Verkehr generieren würde – und finanziell nicht so lukrativ sein dürfte wie ein Neubauprojekt.
  • Verkehr: Mit 300 Parkplätzen und guter Anbindung an den öffentlichen Verkehr generiere das neue Quartier weniger Verkehr auf der Kantonsstrasse als früher der Betrieb des Einkaufscenters MParc mit 500 Parkplätzen.
  • Investor: Die Migros Luzern hat bereits mehrfach betont, dass kein ausländischer Investor zum Zuge kommt. Man werde einen Partner suchen, der die Werte der Genossenschaft teile. In Frage kommen könnte etwa die Pensionskasse der Migros.

6. Wieso wird die Debatte so emotional geführt?

Die genannten Streitpunkte sind das eine. In die Abstimmung mischen sich neben Fakten auch Ängste und Sorgen. So manifestiert sich an diesem Projekt viel Widerstand gegen das Wachstum von Ebikon ganz allgemein. Insofern wird das Votum auch als Signal mit Strahlkraft interpretiert: Sieht sich Ebikon lieber als bewahrendes Dorf oder als dynamische Metropole des Rontals?

Wer sich in Ebikon umhört, bekommt zudem den Eindruck, dass einige Ebikoner der Migros noch immer verübeln, dass sie vom beliebten MParc in die Mall of Switzerland gezogen ist. Ebenso ist vielerorts Unmut darüber zu spüren, dass die Migros vermeintlich die Entwicklung von Ebikon bestimme und nicht die Einwohner. Und nicht zuletzt fühlen sich einige an die unendliche Ebisquare-Geschichte erinnert, als nach dem JA zum Einkaufszentrum jahrelang nichts ging und hässliche Gerüchte für Furore sorgten (zentralplus berichtete).

So könnte das neue Wohnquartier aussehen: Blick vom Vino Vintana auf die verkehrsberuhigte Weichlenstrasse und die Do-it-Halle. (Visualisierung: zvg)
So könnte das neue Wohnquartier aussehen: Blick vom Vino Vintana auf die verkehrsberuhigte Weichlenstrasse und die Do-it-Halle. (Visualisierung: zvg)

7. Wer ist dafür?

Die Ja-Parole beschlossen haben FDP, SP und GLP. Ebenfalls für das Projekt engagiert sich ein Ja-Komitee.

Auch der Gemeinderat empfiehlt der Bevölkerung die Annahme des Projekts, wie er im Januar explizit nochmals in einer Medienmitteilung festhielt. Das überrascht kaum, hat die Gemeinde doch das Richtprojekt gemeinsam mit der Genossenschaft Migros Luzern erarbeitet. Er betont, dass damit die in der Raumplanung geforderte Verdichtung nach innen umgesetzt werde. Zudem käme ein Ja auch der Gemeindekasse zugute: Dank der vorgeschriebenen Mehrwertabgabe darf Ebikon mit einen Beitrag von rund 3,5 Millionen Franken rechnen. Und es ist bekannt, dass die Gemeinde etwa mit neuen Schulhäusern finanziell vor grossen Brocken steht. 

8. Wer ist dagegen – und weshalb?

Die Nein-Parole beschlossen haben die CVP und die SVP Ebikon. Beiden Parteien ist vor allem die Grösse des Projekts ein Dorn im Auge. Lieber «qualitatives statt quantitatives Wachstum», so die Losung. SVP- und CVP-Vertreter finden sich denn auch im Nein-Komitee, das sich gebildet hat und dem auch FDP-Politiker angehören.

Die Grünen haben Stimmfreigabe beschlossen.

Wer mehr Infos will

Diesen Dienstag, 22. Januar 2019, findet um 19.30 Uhr eine Orientierungsversammlung zum Projekt statt. Der Gemeinderat von Ebikon informiert in der Aula Wydenhof (Schulhausstrasse 22) alle Interessierten über die geplante Teilzonenplanänderung Weichle mit Anpassung des Bau- und Zonenreglements und zum Bebauungsplan Weichle. Anschliessend gibt es einen Apéro.

9. Was passiert bei einem Ja?

Um Ebikon nicht auf einen Schlag mit Wohnungen zu überfluten, will die Migros Luzern die Siedlung in mehreren Etappen realisieren. «Als erster Schritt würde die etappierte Umsetzung konkret geplant, und passende Investoren-Partner gesucht», sagt Lisa Savenberg, Mediensprecherin der Migros Luzern. Der geplante Baustart ist auf Anfang 2022 vorgesehen. Die ersten Gebäude sollen Ende 2024 fertig sein. «Die Bebauung des Areals Weichle wird marktorientiert und in Etappen umgesetzt, über ungefähr zehn Jahre hinweg», sagt Savenberg weiter und hält fest: «Das Wachstum erfolgt langsam.»

Bei der Migros ist man übrigens trotz des Widerstandes zuversichtlich. «Wir sind optimistisch und glauben an ein Ja, da das neue Quartier Qube ein nachhaltiges Vorhaben ist, das den Bedürfnissen einer modernen, mobilen Gesellschaft Rechnung trägt», sagt Savenberg. Zudem sei es eingebunden in die geplante Ortsentwicklung Ebikons.

10. Wie geht es weiter bei einem Nein?

Vorerst gar nicht. «Es gäbe sicher eine Denkpause von fünf bis zehn Jahren», teilt die Medienstelle der Migros Luzern auf Anfrage mit. «Das Areal würde wie bis anhin zwischengenutzt werden, das ist aber nur eine temporäre Lösung.» Was anschliessend mit der Fläche passieren könnte, dazu äussert sich die Migros aktuell nicht.

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