Sie twittern. Oder auch nicht. Zuger Politiker scheinen sich uneinig darüber zu sein, wie relevant Twitter ist. (Bild: Montage wia)
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Sie twittern. Oder auch nicht. Zuger Politiker scheinen sich uneinig darüber zu sein, wie relevant Twitter ist. (Bild: Montage wia)

Der Zuger Twitter-König und sein Hofstaat

8min Lesezeit

Die Zuger Politiker sind kein Twitter-freudiges Volk. Die meisten lassen die Plattform in ihrem Wahlkampf völlig ausser Acht und berufen sich auf bodenständigere Wahlkampfmethoden. Andere profilieren sich und beglücken ihre Follower dafür mit Meinung, Zoff und Snoopy-Comics. Vor allem einer darf sich als der ungekrönte Twitter-König bezeichnen.

Gerhard Pfister ist nicht nur Nationalrat und CVP-Präsident. Nein, er ist auch Zugs Twitter-König. Er beherrscht das virtuelle Werkzeug, setzt sich in Szene, diskutiert inbrünstig, feilt an, steckt ein. Anmerkungen zu veröffentlichten zentralplus-Artikeln kommen auch mal per Twitter-Direktnachricht zur Redaktorin.

An Pfisters Twitter-Kultur dürften sich einige Zuger Politiker ein Beispiel nehmen. Viele von ihnen entpuppen sich nämlich bei genauerer Betrachtung als ziemlich Twitter-faul. Dabei ist der Austausch auf der Plattform blitzschnell und prägnant und eignet sich hervorragend, um sich zu profilieren – mit hitzigen Debatten und klaren Ansagen. Denn es gibt doch einige Zuger Exekutiv- und Legislativ-Politiker, denen ein klareres Profil gut bekäme.

Twitter-König Pfister verzeichnet 4443 Follower. Zum Vergleich: Bundesrat Ignazio Cassis hat rund das Doppelte. Abgesetzt hat Pfister bisher sage und schreibe 7516 Tweets und Retweets. Und dabei geht's um alles. Zu Neujahr gibt’s Snoopy-Comics, ansonsten viele Zeitungsartikel, Meinungen, und hie und da einen John-Cleese-Retweet. Nicht selten ist Pfister in hitzige – meist gesittete – Diskussionen involviert.

Warum twittert Gerhard Pfister? Ganz einfach. «Weil Twitter ein geeignetes Kommunikationsmittel ist», sagt Pfister auf Anfrage. «Für mich sind zwei Aspekte an Twitter relevant: Die Möglichkeit, Diskussionen zu führen, auch mit politisch anders Denkenden, und die Möglichkeit, eigene Standpunkte oder die der CVP zu verbreiten.» Für seine Twitter-Tätigkeiten wende er ungefähr zehn Minuten pro Tag auf, so der Nationalrat.

Aeschi kommt in Fahrt

Auch SVP-Nationalrat Thomas Aeschi scheint auf Twitter langsam in Fahrt zu kommen. Zwar ist er bereits seit Jahren mit dabei, aktiv angefangen zu tweeten hat er jedoch erst vor einem Monat. – Falls es sich denn um den richtigen Thomas Aeschi und keinen Fake-Account handelt. Sind die Profile nicht verifiziert, besteht immer ein Restrisiko, dass man ungewollt einem Scherzkeks folgt, der von Indien aus ein virtuelles Doppelleben führt.

Den «Need to Tweet» verspüren nur wenige Kantonsparlamentarier. Ein Bruchteil verfügt über einen Account, noch viel weniger bewirtschaften diesen auch regelmässig. So kommt es, dass einige Account-Leichen im Netz herumschwirren.

Ein karges Twitter-Leben

SP-Kantonsrat Zari Dzaferi «hat noch nichts getwittert» liest man auf seinem Profil, dasselbe bei der neugewählten Manuela Leemann (CVP). Auch ihr Bruder Rainer Leemann, der für die FDP bisher im GGR sass und nun in den Kantonsrat übergetreten ist, scheint seiner Twitter-Seite nur sporadisch einen Besuch abzustatten. Und wenn er twittert, dann mehrheitlich über Sport.

Hie und da wirds auch ungewollt niedlich. Der SVP-Politiker Philip C. Brunner verfügt seit März 2014 über einen Account. Drei Jahre später hat er sich – in einem Social-Media-Kurs etwa? – an seinen Twitter-Account erinnert und unternahm einen etwas kläglichen Versuch: «Hallo Twitter! #meinersterTweet». Danach scheint er das Twittern leid zu sein. Das schlägt sich auch auf die Followerzahl: Mit 22 hat Brunner keinen Grund zum Prahlen. Und er will auch nicht.

Zu kurz, zu provokant?

Denn für ihn sei Twitter nicht das ideale Tool als Politiker. «Im Gegenteil. Es verkürzt stark, es provoziert und es fokussiert mir viel zu stark», erklärt Brunner auf Anfrage. Ausserdem sei ihm der natürliche Gebrauch dieses Mediums viel zu spontan. «Damit besteht die grosse Gefahr, Halbwahrheiten auf die Öffentlichkeit ‹loszulassen›.» Entsprechend habe Twitter für den SVP-Kantonsrat keine Relevanz. Dass Twitter für gewisse Politiker «als Provokationsmittel missbraucht» werde, lehne Brunner ab.

Ein ebenso trauriges Bild gibt das Profil des Zuger Gemeinderats Manfred Pircher ab. Der 68-jährige SVP-Politiker ist seit 2017 auf Twitter. Kurz darauf sein erster, unglaublich unspektakulärer Tweet: «Richte gerade mein Twitter ein. #meinErsterTweet». Eineinhalb Jahre später teilt Pircher einen «Blick»-Link zum «Torkelvideo», auf dem EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker taumelnd am Nato-Gipfel zu sehen ist. Und stellt die Frage, ob Juncker betrunken gewesen sei. Danach ist Pircher offenbar die Twitter-Lust vergangen.

Die Mittelaktiven

Etwas aktiver äussern sich andere Räte. Beni Riedi (SVP) teilt etwa einmal monatlich eigene Standpunkte sowie Artikel mit seinen 375 Followern, Parteikollege Gregor R. Bruhin hingegen ist ein höchst aktiver Twitterer. Er nützt das Werkzeug zwar sehr einseitig, aber nicht ungeschickt, indem er sich und seine Partei in Szene setzt. Mit etwas verwackelten Videos im Märchentonfall, Apfelschnitzli-Bildern und Verlinkungen aufs eigene Facebookprofil wirbt Bruhin um Aufmerksamkeit und erhält sie bisher von 423 Followern (darunter auch Yvette Estermann).

Übrigens gibt es bei den Zugern auch einige Twitter-Dinos. Etwa der FDP-Politiker Patrick Mollet, der sich seit über zehn Jahren auf Twitter tummelt, sich auch häufig äussert und mittlerweile schon 575 Follower hat.

Der Twitter-Account des «Neulings» Tabea Zimmermann Gibson weist das umgekehrte Muster davon auf, was bei den meisten Politikern erkennbar ist. Meist nimmt die Webpräsenz vor den Wahlen drastisch zu, um danach während dreieinhalb Jahren langsam wieder in Tiefschlaf zu verfallen. Nicht so bei Zimmermann Gibson. Sie ist erst nach den Wahlen letzten Oktober eingestiegen, scheint aber bereits zu wissen, wie der Laden läuft. Die grüne Kantons- und Gemeinderätin teilt gern aus, steckt auch mal ein – mitunter liefert sie sich mit GLP-Gemeinderat Stefan. W. Huber freundliche Gefechte – und postet fast täglich Inhalte. 160 Tweets hat sie in den letzten drei Monaten bereits abgesetzt. Gelesen werden sie von 45 Followern.

Zeit, sich den eigenen Verlauf anzuschauen

Etwas übers Ziel hinaus twittert Mara Landtwing, die frisch in den GGR gewählt wurde. Es ist offensichtlich, dass die junge SP-Politikerin primär privat tweetet. Entsprechend erfrischend sind ihre Einträge – sofern die Links nicht ins virtuelle Nichts führen. Dennoch würde dem Profil eine Spur mehr Relevanz nicht schaden.

Und dann gibt es noch die heimlichen Mächtigen, die im Kantonsrat während der Debatten zwar nicht sonderlich auffallen, jedoch ein umso beeindruckenderes Twitter-Profil aufweisen. So etwa FDP-Rat Beat Unternährer, der seit 2012 bei Twitter ist und 1'068 Follower verbuchen kann. Kurios: Auf Unternährers Wall finden sich bloss 32 Tweets, die allesamt während der letzten zwei Wochen veröffentlicht wurden. «Herzchen» setzte er jedoch davor schon regelmässig unter fremde Tweets.

Die Ultima Ratio scheint Twitter für Politiker jedoch nicht zu sein. So wurde Patrick Mollet trotz grosser Online-Aktivität letzten Herbst nicht in den Kantonsrat gewählt. Im Gegensatz beispielsweise zu Cornelia Stocker. Die twitterabstinente FDP-Frau erzielte das beste Resultat überhaupt.

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