SVP-Nationalrat und Unternehmer Franz Grüter an der Grundsteinlegung eines neuen Datencenters seiner Firma. (Bild: zvg)
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SVP-Nationalrat und Unternehmer Franz Grüter an der Grundsteinlegung eines neuen Datencenters seiner Firma. (Bild: zvg)

Unternehmer Franz Grüter und die Widersprüche zur SVP-Politik

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Die SVP geht immer wieder auf Konfrontationskurs mit der Wirtschaft. Sei es bei der Steuervorlage 17 oder dem Fortbestand der Bilateralen. Unternehmer Franz Grüter kann voll hinter dieser Politik stehen, obwohl seine Firma von neuen EU-Verträgen massiv profitieren könnte. Ein Besuch an der Grundsteinlegung eines neuen Datencenters.

Nationalrat und Unternehmer Franz Grüter befindet sich auf der Überholspur. Auf politischer Ebene wird er als möglicher Luzerner SVP-Ständeratskandidat gehandelt – auf unternehmerischer Ebene konnte er letzten Freitag einen Meilenstein feiern.

Grüter steht mit Helm auf dem Firmenareal im aargauischen Lupfig und setzt sich auch selbst in einen Bagger. Hier baut der Rechenzentrumsanbieter Green Datacenter, bei welchem Grüter Verwaltungsratspräsident ist, für 70 Millionen Franken ein neues Hochleistungs-Datencenter. Es ist das fünfte grosse Datencenter des Unternehmens.

Google zieht in Neubau

Grund für den Neubau sind Ausbaupläne der Hyperscaler, das sind grosse internationale Cloud-Anbieter mit riesigen Serverfarmen rund um den Globus. Ein Kunde von Grüters Unternehmen soll Google sein (zentralplus berichtete). Grüter gibt keine Auskunft über seine Kunden – er dementiert das Engagement von Google jedoch nicht.

Zu den grossen Hyperscalern weltweit gehören Amazon, Google, Microsoft, IBM, Alibaba oder Oracle. «Wir haben Hyperscaler und wollen weitere», sagt Grüter. «In diesem Bereich orten wir das grösste Wachstumspotenzial.» Der Datenmarkt wächst exorbitant. Grüter geht davon aus, dass man im Jahr 2025 weltweit ein Datenvolumen von 163 Zetabytes benötigen wird, was einem Zehnfachen des heutigen Volumens entspricht – oder einer Zahl mit 21 Nullen. Es entsteht nun ein neuer, hochmoderner «Datenbahnhof», wie Grüter seine Rechenzentren nennt.

An der Grundsteinlegung des neuen Datencenter legte Grüter selbst Hand an.
An der Grundsteinlegung des neuen Datencenters legte Grüter selbst Hand an. (Bild: les)

Ein Viertel des gesamten europäischen Datenvolumens lagert in der Schweiz. Grüter wurde mit seinem Unternehmen mehrfacher Millionär. Der Grund, warum so viele Firmen den Standort Schweiz in Betracht ziehen, sei die hohe Stabilität, erklärt er. Nebst der Stromversorgung gehöre dazu auch die politische Stabilität.  

Grüter und die SVP-Wirtschaftspolitik

Rechtssicherheit, ein von Unternehmen immer wieder gerne ins Feld geführter Standortvorteil. Nicht von ungefähr engagiert sich etwa der Wirtschaftsverband Economiesuisse an vorderster Front für die rasche Umsetzung der Steuervorlage 17 (SV17) oder den Erhalt der bilateralen Verträge mit der EU.

Nicht so Grüter. Er politisiert im Nationalrat stramm auf der SVP-Linie. Im Sog von Fraktionschef Thomas Aeschi und SVP-Vorzeigeunternehmerin Magdalena Martullo-Blocher wollte er die SV17 diese Woche bodigen. «Natürlich», erklärt er mit einer Selbstverständlichkeit.

Für Grüter ist der AHV-Deal unverständlich. «Hier werden zwei total artfremde Geschäfte miteinander verknüpft», stört er sich. «Die Politiker sind nicht mehr in der Lage eine Vorlage auszuarbeiten. Das ist höchst undemokratisch und unwürdig», moniert er. 

Er sehe selbstverständlich die Notwendigkeit der Reform ein, schiebt er nach. «Aber was man hier gemacht hat, ist einfach falsch.» Ein Weltuntergang sei der Deal für ihn jedoch nicht. «Dass die AHV mehr Mittel braucht, ist sowieso klar.» Diese einfach mit mehr Geld zu speisen, sei jedoch keine wirksame Reform.

Ende der Bilateralen nimmt Grüter in Kauf

Den noch viel intensiveren Kampf erwartet Grüter im November, wenn es um die SVP-Selbstbestimmungsinitiative geht. Auch hier wehrt sich die Wirtschaft, weil das Ende der bilateralen Verträge befürchtet wird. Grüter hingegen weibelt für das SVP-Prestigeprojekt. «Wenn wir automatisch EU-Recht übernehmen und uns erst noch fremden Richtern beugen müssen, haben wir unsere Eigenständigkeit definitiv verloren», erklärt er. Ein Scheitern der Bilateralen wäre weit weniger schlimm – negative Folgen für «Green» befürchtet Grüter nicht. 

Franz Grüter lehnt die Steuervorlage 17 klar ab.
Franz Grüter lehnt die Steuervorlage 17 klar ab. (Bild: les)

Aus unternehmerischer Sicht mag diese Gleichgültigkeit beim Fortbestehen der bilateralen Verträge durchaus überraschen. Grüters Firma braucht Unmengen Strom. Ein neues Stromabkommen mit der EU und eine Liberalisierung des Strommarktes könnten der Firma massive Kosteneinsparungen bringen. «In gewissen Bereichen machen solche Verträge tatsächlich grossen Sinn, etwa in Fragen der Energie oder des Flugverkehrs», sagt Grüter. Der Preis, den man etwa mit einem Rahmenabkommen bezahlen müsste, sei jedoch schlicht zu hoch. 

«Ich bin überzeugt, dass dies auch die gesamte Wirtschaft nicht will», fährt der SVP-Nationalrat fort. Als Vorstandsmitglied des Arbeitgeberverbandes erfahre er, wie sich auch Unternehmer anderer Parteien ganz entschieden gegen Eingriffe der EU in den liberalen Schweizer Arbeitsmarkt wehren. «Manchen fehlt einfach der Mut, dies offen und ehrlich zu sagen», so Grüter.

Ein eigenes kleines Kraftwerk

Von der politischen zurück zur wirtschaftlichen Ebene. Bei einem Rundgang durch das Datencenter vermittelt der Unternehmer aus Eich einige spannende Zahlen. Fotos sind im Innern des Datencenters keine erlaubt – schon der Zutritt ähnelt einer Kontrolle wie an einem Flughafen.

«Green» verbraucht rund 10 Prozent der Stromproduktion des AKW Mühleberg oder gleich viel wie die gesamte Stadt Spreitenbach. Besonders verbrauchsintensiv sind die Kühlgeräte. Denn die Server produzieren eine Menge Abwärme. Sollte es zu Problemen bei der Stromversorgung kommen, stehen 15 Generatoren bereit, welche die Stabilität im Datencenter sicherstellen. Sie sind an einen 500’000 Liter Dieseltank angeschlossen und bringen eine Leistung von umgerechnet 45’000 PS auf den Boden. Kostenpunkt pro Gerät: eine Million Franken.

«Es bestehen so grosse Abhängigkeiten an die IT, dass der durchgehende Betrieb einfach gewährleistet sein muss», führt Grüter aus. Tatsächlich zum Einsatz kam die Notfallstromversorgung jedoch seit der Inbetriebnahme des ersten Rechencenters von «Green» im Jahr 2011 noch nie. Die grössten Datenkraken seien übrigens nicht Banken oder Versicherungen, sondern TV-Streamdienste gefolgt von Gaming-Servern. Auch Server von Kryptowährungen benötigen viele Daten – solche sind in Lupfig aber keine beheimatet.

Sicherheit war auch der ausschlaggebende Punkt, warum Grüters Standortwahl auf Lupfig fiel und nicht etwa auf den Kanton Luzern. Die Erdbebensicherheit ist gross, das Überflutungsrisiko gering. Zudem befindet man sich nahe an den grossen Wirtschaftszentren und die Stromverfügbarkeit ist ausgezeichnet. Grüter spricht von einem «Glasfaser-Mekka.» Ein Mekka, in welches er sich nicht von aussen dreinreden lassen will.

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