Dem Stau im Beromünsterer Flecken (dem historischen Dorfkern) soll Abhilfe geschaffen werden – mit einer Entlastungsstrasse für 60 Millionen Franken. Im Bild die zentrale Kreuzung im Flecken – das Bild wurde jedoch nicht in der Rushhour gemacht. (Bild: ida)
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Dem Stau im Beromünsterer Flecken (dem historischen Dorfkern) soll Abhilfe geschaffen werden – mit einer Entlastungsstrasse für 60 Millionen Franken. Im Bild die zentrale Kreuzung im Flecken – das Bild wurde jedoch nicht in der Rushhour gemacht. (Bild: ida)

60 Millionen für eine Umfahrung – so denkt man in Beromünster darüber

8min Lesezeit

Der Kanton Luzern plant in Beromünster eine Umfahrung für 60 Millionen Franken. Dies freut den Gemeindepräsidenten, denn auf das Projekt wartet man seit Jahrzehnten. Im Dorf gibt es jedoch Stimmen, die wären mit weniger zufrieden. Und einige wollen das Projekt komplett bodigen.

Schon seit über 45 Jahren steht die Umfahrungsstrasse in Beromünster auf der politischen Agenda. Die Luzerner Regierung hat am Dienstag ihre Botschaft zum Bauprogramm 2019 bis 2022 für die Kantonsstrassen publik gemacht (zentralplus berichtete). Bei der Zuteilung in Töpfe hat es die Umfahrung in Beromünster in den Topf A geschafft. Die Regierung erachtet das Projekt somit als prioritär und ist bereit, 60 Millionen Franken in die Hand zu nehmen.

1. Worum es geht

In Beromünster rollt der Verkehr mitten durch den Flecken, den historischen Dorfkern. Egal ob von Sursee, Hildisrieden oder Menziken AG herkommend, sämtliche Autos und Lastwagen passieren den Ort. Gerade die enge Verzweigung beim Restaurant Ochsen Richtung Menziken und die vielen links abzweigenden Fahrzeuge führen zu den Stosszeiten zu erheblichen Wartezeiten. Aus diesem Grund soll eine Umfahrung her. «Der Gemeinderat steht mit voller Kraft dafür ein», sagt denn auch Gemeindepräsident Charly Freitag (FDP).

Das Projekt sei nicht nur aus verkehrstechnischen Gründen relevant, führt er aus. Beromünster verfüge mit dem Flecken über einen historischen Dorfkern von nationaler Bedeutung. Diesen will man schützen und aufwerten. Durch die hohe Verkehrsbelastung trage die Bausubstanz der historischen Häuser jedoch Schaden davon. Auch sei der Flecken von gesellschaftlicher Relevanz, denn er fungiere als Treffpunkt für die Gemeinde, argumentiert Freitag.

Mit einer Westumfahrung wollte man den Verkehr zwischen Sursee und dem Aargau aus dem Dorf verbannen. Auch die Idee einer Ostumfahrung ist schon lange auf dem Tisch. Im neuen Bauprogramm wird die Splittung der beiden Umfahrungen in West und Ost nun aufgehoben und in ein gemeinsames Projekt integriert. Dieses wird rund 60 Millionen Franken kosten. 

So sehen die beiden Umfahrungen aus.
So sehen die beiden Umfahrungen aus. (Bild: emchberger.ch)

2. Wo in Beromünster der Schuh drückt

Bereits Ende 2014 entschied der Kantonsrat, die Umfahrung West zu priorisieren und in den Topf A zu legen. Bis 2018 hätte das Land erworben und mit ersten Arbeiten gestartet werden können. Eben: hätte. «Wenn alles rundgelaufen wäre, würden wir heute bereits profitieren», sagt Joe Steinmann, der in Beromünster wohnt und für die Umfahrung West weibelt. Der Pensionierte ist viel unterwegs. «Wenn man als Autofahrer in der Rushhour im Stau stecken bleibt und eine beschlossene Möglichkeit dem längst Abhilfe schaffen könnte, dann studiert man schon.»

Gemeinsam mit Ludwig Suter, der sich als Nachtwächter in Luzern einen Namen gemacht hat, sowie den beiden Nachbarinnen Irene Räber und Brigitte Sidler, lancierte Steinmann eine Petition. Innerhalb von sieben Wochen hätten sie 542 Unterschriften gesammelt. Konkret fordern die Petitionäre, dass eine erste Bauetappe der Umfahrung West «sofort» umgesetzt werde.

Grundsätzlich habe er nichts gegen die Zusammenlegung der beiden Umfahrungen, jedoch sei diese «stillschweigend» erfolgt, kritisiert Steinmann. Dadurch habe der Kanton in letzter Zeit den Fokus zu stark auf die Umfahrung Ost gelegt. Diese führt am Friedhof, an der Kirche und dem Altersheim vorbei. «Eine neue Strasse mit einer teuren Brücke noch näher an sensible Objekte bauen – ist das der Weisheit letzter Schluss?», fragt sich Steinmann.

3. Warum bereits im Dorf Fundamentalopposition existiert

Auch andere begleiten das Projekt kritisch. Bei der bisherigen Projektplanung seien mehr technische als verkehrs- und siedlungsrelevante Fragen und Lösungen diskutiert und entwickelt worden, sagt Tino Renggli, Mitgründer der IG Verkehr Beromünster. «Der aktuelle Planungsstand wirft unserer Ansicht nach mehr Fragen denn je auf.»

«Wir sind nicht der Meinung, dass alles beim Alten bleiben muss, im Gegenteil», fährt Renggli fort. Jedoch sei die Linienführung des Projekts bezüglich Verkehrsberuhigung und Nachhaltigkeit nicht zielführend. «Die projektierte Entlastungsstrasse würde zwar den lokalen Flecken vom Durchgangsverkehr entlasten – jedoch nur minimal und auf Kosten einer ganzen Region», so Renggli. So käme es zu neuen Problemen: Das Ortsbild mit dem geplanten Viadukt vor der Pfarrkirche und einem neuen Damm über den Bifang werde massiv beeinträchtigt.

Es fehle eine klare Absprache und Koordination mit den angrenzenden Gemeinden und dem Kanton Aargau mit dem Ziel, den Transitverkehr von der Kantonsstrasse fernzuhalten. «Es ist leicht absehbar, dass das Verkehrsaufkommen wegen der lokalen Entlastungsstrasse steigen wird», so Renggli. «Vor allem für den Schwerverkehr wird der Weg vom Aargau (Autobahn A1) über Beromünster zur Autobahn A2 wegen der Eliminierung des Engpasses an der Ochsenkreuzung attraktiver», sagt Renggli.

Das Projekt stehe in keinem Kosten- und Nutzenverhältnis, so Renggli weiter. Die projektierte Entlastungsstrasse führe mitten durch bestehendes und künftiges Siedlungsgebiet und belaste diese deshalb zusätzlich mit Lärm und weiteren Immissionen. «Es ist nichts anderes als eine Verlagerung des Verkehrs innerhalb von Beromünster.»

4. Was der Gemeinderat kontert

Klar käme es zu einer Verkehrsverlagerung, sagt Gemeindepräsident Charly Freitag, der als FDP-Kantonsrat dem Projekt auch auf kantonaler Ebene zum Durchbruch verhelfen will. Doch dies sei auch der Sinn einer Entlastungsstrasse. Die Verkehrsverlagerung sei viel nutzenerträglicher, da sie über Raum führe, der zu einem Grossteil noch nicht bebaut sei, und man nicht durch bestehende Quartiere bauen müsse.

Der Gemeindepräsident von Beromünster, Charly Freitag.
Der Gemeindepräsident von Beromünster, Charly Freitag. (Bild: zvg)

Bei gemachten Verkehrsmessungen habe es keine Hinweise darauf gegeben, dass es durch die Umfahrung zu einem höheren Aufkommen des Schwerverkehrs käme, so Freitag.

5. Warum das Projekt so viel kostet

Aufgrund der hohen Kosten der Entlastungsstrasse sei es wünschenswert, alternative Lösungen zu prüfen, sagt Kritiker Tino Renggli. Schon jetzt könne man durch bestehende Infrastruktur mit kombinierten Massnahmen den Flecken entlasten – durch eine Tempo-30-Zone, eine Kreisellösung und ein Transitverbot für Lastwagen mit neuer Linienführung und Dosierlösung.

Ursprünglich sprach man bei der Entlastungsstrasse Beromünster von Kosten um rund 25 Millionen Franken. Nun ist die Rede von 60 Millionen. «Ja, es handelt sich um viel Geld», sagt Charly Freitag. «Aber es ist auch das Projekt, bei dem der Kanton sagt, dass es von Bedeutsamkeit ist, und das er als Projekt unterstützen will.» Es sei eine langfristige und nachhaltige Investition: «Die Strassen werden schliesslich nicht nur zehn Jahre stehen.»

Die Kosten seien laut Freitag gestiegen, weil es zu Beginn einige Unsicherheiten gegeben habe. So zum Beispiel, ob die Umfahrung gedeckt werde oder nicht. Und wie lange die Brücke, die über den Fluss Wyna führt, ausfallen werde. Kosten werden während der Projektierung immer konkreter. Gleichzeitig seien die Anforderungen an den Strassenbau bezüglich Umweltschutz, Verträglichkeit, Verkehrssicherheit und Lärmschutz in den letzten Jahren enorm gestiegen.

6. Was als Nächstes passiert

Da der Kantonsrat nur Vorhaben bis zu 25 Millionen Franken in Eigenregie bewilligen kann, unterliegt der Kreditantrag dem obligatorischen Referendum. Das letzte Wort hat das Volk. Charly Freitag ist zuversichtlich und zählt auf die Unterstützung des gesamten Kantons. «Unser Kanton muss solidarisch sein. Auch wir sind solidarisch und unterstützen Grossprojekte in der Stadt wie beispielsweise den Tiefbahnhof.»

Das Projekt Entlastungsstrasse Beromünster stehe sinnbildlich dafür: Wenn dieses Projekt nicht unterstützt werde, werde es für jedes Bauprojekt in Luzern über 25 Millionen schwer, weil nie der gesamte Kanton profitiere, so Freitag.

Wann der effektive Baustart und die Realisierung der Entlastungsstrasse Beromünster erfolgen werden, kann Freitag nicht sagen. Denn der Kanton ist der Bauherr.

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