Luzian Franzini sitzt teilweise öfter im Zug denn woanders. (Bild: sib)
Politik Interview

Luzian Franzini sitzt teilweise öfter im Zug denn woanders. (Bild: sib)

Luzian Franzini: Träumer oder politischer Senkrechtstarter?

15min Lesezeit

Der Zuger Luzian Franzini hat eine steile Politkarriere hingelegt: In wenigen Jahren hat er es vom politinteressierten Kantischüler ins Vizepräsidium der Grünen Schweiz gebracht. Im Interview verrät er, warum die Chancen trotz des rasanten Aufstiegs gering sind, einmal im Nationalrat zu sitzen.

Luzian Franzini ist bereits mit seinen 22 Jahren ein Vollblutpolitiker. Mit Parteikollegen weibelt er für die Fair-Food- und Ernährungssouveränitätsinitiativen und verteilt in Zug Äpfel an die Passanten. Den letzten grösseren Auftritt hatte der gebürtige Rotkreuzer an der Delegiertenversammlung der Grünen. Zusammen mit dem Zürcher Nationalrat Bastien Girod stellte er eine Resolution vor, die mit Flugpassagieren, Bankern, Autofahrern und Hausbesitzern so ziemlich alle Schweizer ins Visier nimmt.

zentralplus: Luzian Franzini, Sie haben 2016 das Co-Präsidium bei den Jungen Grünen Schweiz vom Baarer Andreas Lustenberger übernommen. Was hat es mit Zugern bei den Jungen Grünen auf sich?

Luzian Franzini: Schwierig zu sagen. Auf der einen Seite ist es Zufall, dass nach Andreas Lustenberger gleich nochmals ein Zuger gekommen ist. Auf der anderen Seite haben wir im Kanton Zug eine spezielle Ausgangslage, die besonders junge Menschen politisiert – etwa die Problematik mit den Sparpaketen oder mit Konzernen wie Glencore. Darüber diskutiert man. Ich habe schon in der Kanti bemerkt, dass dies nicht alle kalt lässt. Deswegen gibt’s gerade hier viel Reibungsfläche, wenn man sich politisch engagieren möchte. Weil hier viele Dinge falsch laufen, braucht es eine starke Opposition. Deswegen sind die Alternativen – die Grünen hier auch so stark.

zentralplus: Ist es auf der anderen Seiten nicht auch frustrierend, ausgerechnet in Zug grüner Politiker zu sein? Mit starkem Wirtschafts- und Finanzsektor, bürgerlicher Mehrheit in der Politik …

Franzini: Die bürgerliche Mehrheit motiviert mich. Ich habe mich auch schon gefragt, ob ich mich in einer Stadt wie Bern oder Zürich mit linker Mehrheit im Parlament auch so sehr politisch engagieren würde. Da hätte ich womöglich das Gefühl, mich brauche es gar nicht zwingend. Oder dass man die Dinge via Parlament lösen könnte.

«Unsere Zuger Vertretung in Bundesbern hat einen sehr rechtskonservativen Kurs.»

zentralplus: Wenn man beispielsweise die Zersiedelungsinitiative nimmt, bei der sämtliche bürgerlichen Zuger Parlamentarier dagegen sind – da schwimmen Sie aber doch gegen den Strom.

Franzini: Definitiv. Unsere Zuger Vertretung in Bundesbern hat einen sehr rechtskonservativen Kurs: Sie setzen sich gegen Lohngleichheit ein und aktuell für eine Lockerung bezüglich Waffenexporte in Bürgerkriegsländer (zentralplus berichtete). Fünf bürgerliche Männer – ich glaube nicht, dass sie die gesamte Zuger Bevölkerung vertreten. Im Kantonsparlament sieht es dann wieder ein bisschen besser aus. Dort hat die alternative Fraktion einen Frauenanteil von 70 Prozent. Zudem einige Junge.

Der Rotkreuzer kennt sich im Podium 41 bestens aus. Früher hielt die ALG dort Sitzungen.
Luzian Franzini kennt sich im Podium 41 bestens aus. Früher hielt die ALG dort Sitzungen ab. (Bild: sib)

zentralplus: Inzwischen sitzen Sie im Vizepräsidium der Grünen Schweiz (zentralplus berichtete). Was treibt Sie an, Ihre Politkarriere in solch rasantem Tempo voranzutreiben?

Franzini: Es war nicht geplant, dass ich das Vizepräsidium der Grünen Schweiz übernehme. Aber wir haben innerhalb der Jungen Grünen gemerkt, dass wir mehr mitreden möchten. Wir streben einen besseren Kontakt zur Geschäftsleitung der Grünen an, damit wir in Bundesbern näher am Ball sind. Es ist häufig schwierig, als Jungpartei an die Informationen zu kommen, wenn man selbst nicht im Parlament vertreten ist. Wir erhoffen uns so einen Synergieeffekt.

«Wenn ich hätte Karriere machen wollen, hätte ich zur Zürcher SP gehen sollen.»

zentralplus: Hat seither die Belastung für Sie markant zugenommen?

Franzini: Ich habe es mir im Voraus sehr gut überlegt, ob das alles zusammen geht. Ich arbeite und studiere nebenher ja noch. Aber man kann sehr viele Dinge doppelt machen. Themen, mit denen man sich als Co-Präsident der Jungen Grünen auseinandersetzt, sind oft dieselben wie jene als Vizepräsident der Grünen. Bloss aus einer etwas anderen Perspektive.

zentralplus: Wie meinen Sie das konkret?

Franzini: Wenn man einmal in einem Dossier oder Sachgeschäft drin ist und es verstanden hat, kann man das in allen Lagen nutzen. Der Mehraufwand hält sich somit in Grenzen. An den Parteianlässen war ich zuvor schon als Parteipräsident der Jungen Grünen dabei. Es sind seither ein paar Geschäftsleitungssitzungen dazugekommen. Aber ein extremer Mehraufwand ist es nicht.

zentralplus: Wo soll Sie der steile Aufstieg noch hinführen? Sehen Sie sich in Zukunft in der kleinen oder grossen Kammer?

Franzini: Wenn man bei den Grünen im Kanton Zug politisiert, darf man nie zu grosse Pläne machen, was dies anbelangt. Wenn ich hätte Karriere machen wollen, hätte ich zur Zürcher SP gehen sollen. Aber das ist nicht mein Ziel, in Zug politisieren macht grosse Freude. Das Amt des Nationalrats würde sicher Spass machen. Ich sage nicht, dass es mich nicht interessieren würde. Aber in nächster Zeit ist es nicht realistisch. Wir müssen erst schauen, dass wir überhaupt wieder eine linke Vertretung in Bundesbern haben. Und da gibt es einige erfahrenere Leute, die bessere Chancen hätten, gewählt zu werden.

Wohin führt der politische Weg des Luzian Franzini in Zukunft noch?
Wohin führt der politische Weg des Luzian Franzini in Zukunft noch? (Bild: sib)

zentralplus: Haben Sie auch mit Vorurteilen zu kämpfen – etwa dass Sie als junger «Schnösel» doch gar nicht die nötige Lebenserfahrung haben, um bei einigen politischen Themen mitreden zu können?

Franzini: Es gibt sicher immer wieder Vorbehalte, weil einige denken, «was willst du mit mir über Steuerpolitik diskutieren? Du hast doch keine Ahnung». Vor drei Wochen hat uns Swissholdings eingeladen, um uns zu überzeugen, dass wir kein Referendum zur Steuervorlage 17 machen. Da hat man schon gemerkt, die halten uns für Träumer und Weltverbesserer, die die Welt sowieso nicht verstanden haben. Dann muss man besonders viele Fakten auf den Tisch legen, damit man glaubwürdig ist.

zentralplus: Wann haben Sie begonnen, sich für Politik zu interessieren?

Franzini: Das Schlüsseljahr war für mich wohl 2011. Einerseits mit der Fukushima-Nuklearkatastrophe im März, die mir persönlich viel zu denken gegeben hat. Auf der anderen Seite im Herbst, als Jo Lang als einzige linke Zuger Vertretung in Bern abgewählt wurde.

zentralplus: Was hat das in Ihnen ausgelöst?

Franzini: Ich fragte mich, ob es wirklich sein kann, dass uns fünf alte, grauhaarige Männer in Bern vertreten. So kam ich zum Schluss, mich engagieren zu müssen. Eine Nachbarin von mir war bei der ALG und überredete mich, an eine Versammlung mitzukommen. Dann hat es mich gleich gepackt. Ich war überrascht, denn ich hatte Parteiversammlungen nur als trockene Delegiertenversammlungen aus dem Fernsehen gekannt. Bei den Alternativen war es eine lockere Runde. Mir gefiel, dass jeder – auch wenn er ganz neu war – gleich mitreden konnte und ernst genommen wurde.

zentralplus: Ihr habt bei der Delegiertenversammlung der Grünen Ende August präsentiert, wie ihr eine fossilfreie Zukunft gestalten möchtet (zentralplus berichtete) – und damit auch viele ins Visier nehmt. Was wollt ihr damit erreichen?

Franzini: Während des Hitzesommers gingen E-Mails herum von wegen «Hey, wir müssen etwas tun». Auch im direkten Gespräch merkte man, dass eine wichtige Debatte entfacht wurde. Es wurde wohl noch nie so viel über den Klimawandel bezüglich Hitze berichtet wie während dieses Sommers. Auf der anderen Seite wusste man bereits: Bei der Schnelllebigkeit der heutigen Medienwelt ist es morgen wieder vergessen. Wir wollten konkrete Massnahmen mit Zahlen in einer Resolution festhalten und auch nach dem Medienhype solide Lösungen präsentieren.

Die Partei, für welche Franzini politisiert, ist anhand des Laptop-Gehäuses unschwer zu erkennen.
Die Partei, für welche Franzini politisiert, ist anhand des Laptop-Gehäuses unschwer zu erkennen. (Bild: sib)

zentralplus: Es sind mehr als nur ambitionierte Ziele, die darin enthalten sind: ab 2025 keine neuen fossil betriebenen Personenwagen mehr zuzulassen oder ab 2030 sollen keine neuen fossil betriebenen Anlagen mehr bewilligt werden. Haltet ihr diesen Zeitrahmen tatsächlich für realistisch?

Franzini: Wenn man den Diskurs in der Politik verfolgt, gerade nach einer Katastrophe oder einem Hitzesommer, sagen wieder fast alle: «Klar, wir müssen mit einer Klimastrategie etwas gegen den Klimawandel unternehmen.» Aber wenn es darum geht, konkrete und messbare Ziele festzulegen, ziehen sie zurück. Das ist ein ziemlicher Witz, denn die meisten dieser Protagonisten kommen aus der Wirtschaft und lernten in der Betriebswirtschaft, dass Ziele klar messbar in einer Zeitperspektive daherkommen müssen. Und in der Politik gilt das für sie plötzlich nicht mehr. Wir finden, diese Ziele müssen konkret und messbar sein und einen klaren Zeithorizont haben. Man kann natürlich darüber streiten, ob es nun fünf oder zehn Jahre sein müssen bis zur Umsetzung.

«Ich bin überzeugt, man kann viel erreichen, wenn man das Ideal und die Ziele in den Vordergrund stellt.»

zentralplus: Ist es nicht oft ein Fehler von linker und grüner Seite, dass man zu ambitioniert ist und entsprechend zu viel auf einmal will?

Franzini: Es ist immer schwierig abzuwägen, beispielsweise bei der Lancierung einer Volksinitiative, ob man einen minimalen Kompromiss bereits zu Beginn präsentieren will, der sehr mehrheitsfähig ist. Oder will man eine Forderung formulieren, die tatsächlich stimmig ist und das Problem bei der Wurzel packt? Bei Volksinitiativen und als Jungpartei präsentiert man meist die radikale Lösung, die das Problem auch wirklich lösen kann.

Zur Person

Luzian Franzini (22) ist in Rotkreuz aufgewachsen und wohnt mittlerweile in Zug. Er besuchte die Kantonsschule Zug und studiert aktuell internationale Beziehungen an der Universität Genf. Er bekleidet verschiedene politische Ämter: Co-Präsident der Jungen Grünen Schweiz, Vorstand der Jungen Grünen Schweiz, Vorstand der Jungen Alternativen Zug. Zudem sitzt er im Vizepräsidium der Grünen Schweiz.

Sein Bruder Konradin (20) ist Co-Präsident der Jungen Alternativen Zug und im Vorstand der ALG Kanton Zug sowie der Grünen Risch-Rotkreuz.

Teilweise wird dann eine Initiative zurückgezogen und durch einen Gegenvorschlag ersetzt, der einen Kompromiss enthält. Manchmal hat es auch einen indirekten Effekt, dass ein genügend grosser Druck auf die Politik entsteht, sodass in einem Bereich Verbesserungen angebracht werden. Ich bin überzeugt, dass man viel erreichen kann, wenn man das Ideal und die Ziele in den Vordergrund stellt. Und nicht schon zu Beginn mit Kompromissen kommt. Diese kommen in der Politik von selbst.

zentralplus: Glaubt man aktuellen Umfragen, sieht es bezüglich den Fair-Food- und Ernährungssouveränitätsinitiativen gut aus für euch. Könnt ihr den Vorsprung über die Zeit retten?

Franzini: Wenn man sich die letzten Volksinitiativen anschaut, kommt im Schnitt nur jede zehnte durch. So gesehen ist die Chance schon mal sehr klein. Wenn man sich zusätzlich das Budget der beiden Seiten anschaut: einerseits Economiesuisse, die für die Gegenkampagne Millionen reinbuttern. Wir haben im Vergleich mit ein paar Hunderttausend Franken ein sehr kleines Budget. Auf der anderen Seite haben wir zurzeit ein Momentum. Gesunde und faire Ernährung ist ein Anliegen, das weit über die linken Kreise hinausgeht. Entsprechend breit kommt die Allianz daher. Es ist ein konkretes Anliegen, das jeden Menschen auch emotional berührt. Es könnte einen Überraschungserfolg geben.

zentralplus: Wie grün verhalten Sie sich selbst im Alltag?

Die Antwort gibt es im Video:

zentralplus: Sie kommen sehr besonnen rüber. Gibt es etwas, wo Sie sich eigentlich völlig unvernünftig verhalten?

Franzini: Ja klar, ich bin auch nur ein junger Mensch mit Ecken und Kanten: Sei es, dass ich mal etwas zu lange im Ausgang bin und fürs Tagesprogramm am nächsten Tag einen Kaffee mehr brauche. Oder dass ich mir ab und zu beim Grillieren mit Freunden ein Stück Fleisch gönne. Niemand ist perfekt und manchmal muss man auch einfach geniessen.

zentralplus: Wo trifft man Sie im Ausgang an?

Franzini: Auch wenn das Angebot meiner Meinung nach viel zu dürftig ist, bin ich gerne im Zuger Nachtleben unterwegs. Sei es in der Galvanik, in der L&G oder im Chicago. Leider nur, wenn es der Terminkalender auch tatsächlich zulässt.

zentralplus: Politisch sind Sie in Zug und Bern unterwegs. Dazu studieren Sie internationale Beziehungen an der Universität Genf. Wo haben Sie zurzeit eigentlich Ihren Lebensmittelpunkt?

Franzini: Der befindet sich in Zug. Weil ich vor allem hier politisch aktiv bin. Hier habe ich zudem Familie und Freunde. Aber ich bin Wochenaufenthalter in Genf. Ich versuche, an drei Tagen pro Woche dort Vorlesungen zu besuchen. Ich pendle also sehr viel. Mein Lebensmittelpunkt ist gewissermassen auch im Zug (lacht).

zentralplus: Wie schaffen Sie es überhaupt, alles aneinander vorbeizubringen?

Franzini: An gewissen Tagen hinterfragt man sich: War das nun zu viel? Man muss sich zwischendurch einen Tag Ruhe gönnen, in die Natur gehen, um runterzukommen. Aber ich bin noch in einem Alter, in dem ein solcher Lebensstil funktioniert. Mit 40 wird es dann wohl anders aussehen. Aber momentan stimmt es für mich. Ansonsten würde mir wohl etwas fehlen, wenn ich beispielsweise nur studieren würde.

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