Schifflände Oberägeri mit provisorischer Gartenbeiz Sunneschmatz (lnks) und Studenhütte. (Bild: mam)
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Schifflände Oberägeri mit provisorischer Gartenbeiz Sunneschmatz (lnks) und Studenhütte. (Bild: mam)

Oberägeri gönnt sich endlich eine richtige Hafenbeiz

8min Lesezeit

Direkte Demokratie kann anstrengend sein. Hunderte Oberägerer harrten am Montag an einer Monster-Versammlung stundenlang aus, um eine lange Leidensgeschichte an ihrem Seeufer beenden zu können. Sie wollen ein richtiges Sommerrestaurant bei der Schiffstation – und Zugeständnisse vom lokalen Segel-Club.

Markus Mathis

In Zug gibts neben dem Yachthafen und dem Trockenlager für Boote direkt am Seeufer ein Restaurant mit grosser Aussichtsterrasse – das Hafenrestaurant. In Oberägeri gibt’s an gleicher Lage vor allem eins – ein Problem.

Ja zu Bus nach Menzingen, Nein zu Tempo 30

Die Rechnung 2017, die einen Überschuss von über 5 Millionen Franken ausweist wurde von der Gemeindeversammlung genehmigt. Der Gemeinderat von Oberägeri wird beauftragt, sich zusammen mit jenem von Unterägeri dafür einzusetzen, dass eine ordentliche neue Buslinie der ZVB zwischen Aegeri und Menzingen geschaffen wird. Die Motion des Forums Oberägeri, welche die Prüfung von Tempo-30-Zonen forderte, wurde mit 113 zu 257 Stimmen abgelehnt.

Das Problem ist ein Gastro-Provisorium und heisst «Sunneschmatz». Es ist eine Gartenbeiz, die Bruno Neuwiler seit 14 Jahren ohne Wasser und Stromanschluss neben der Schiffstation betreibt. Auf der Speiskarte stehen kleinere Speisen, Würste, Getränke, vieles davon ist Bio. Daneben vermietet Neuwiler Pedalos.

Kanton war bisher gegen festen Pavillon

Eine Platzierung des Bistros in einem festen Pavillon, wie von der Gemeinde angedacht, scheint nicht möglich. Der Kanton hat mehrfach klargemacht, dass in der Seeuferschutzzone gleich neben dem Wasser kein festes Haus errichtet werden und auch keine Fahrnisbaute aufgestellt werden darf.

Das einzige was das Baudepartement von Regierungsrat Urs Hürlimann (FDP) auf dem Seeplatz vorläufig noch zulassen will, ist die weitere Duldung des Provisoriums. Es ist eine Art Entgegenkommen an Oberägeri, denn bereits 2003 wollte der Kanton das Provisorium abgeräumt sehen.

Unmittelbar am Ufer darf laut Kanton absolut nichts gebaut werden – ausser die Gebäude stehen schon, wie die Bootshäuser am Seeplatz.
Unmittelbar am Ufer darf laut Kanton absolut nichts gebaut werden – ausser die Gebäude stehen schon, wie die Bootshäuser am Seeplatz. (Bild: mam)

Die einzig gangbare Alternative scheint also: Oberägeri richtet die Hafenbeiz im bestehenden Gebäude bei der Schiffstation ein – der Studenhütte. Der Gemeinderat nahm am Montag im proppenvollen Gemeindezentrum Maienmatt wieder mal einen Anlauf und legte dem Stimmvolk zwei Vorschläge vor, um die langjährige Leidensgeschichte zu beenden.

Entweder es entsteht in der Studenhütte ein Kiosk oder ein richtiges Sommerrestaurant, schlug er vor. Zur Wahl stand aber auch die Variante: Man tut gar nichts, und lässt Neuwiler weiter in seinem Kabäuschen ohne Strom und Wasser wirten.

Die lange Vorgeschichte

Eigentlich war im Rahmen der Seeufergestaltung vorgesehen gewesen, den Jugendtreff, der sich im Obergeschoss der Studenhütte befindet, ins alte Bahnhöfli zu verlegen. Der Segel-Club Aegeri, der die Studenhütte vor Jahrzehnten auf eigene Kosten zum Clublokal ausgebaut hatte, sollte ins Dachgeschoss ziehen, wo bisher die Jugendlichen waren. Und im Erdgeschoss wäre der Platz frei geworden für einen Restaurationsbetrieb – die Oberägerer Variante des Hafenrestaurants sozusagen.

Weil aber die Gemeindeversammlung 2015 Jahren die Umnutzung und den Ausbau des alten Bahnhöflis ablehnte, geriet die Seeuferplanung in Oberägeri durcheinander.  Der Seeplatz wurde 2016 eingeweiht– mit Musikpavillon, Kinderspielplatz und Promenade rüber zum Schwimmbad – aber nun war plötzlich kein Raum mehr für ein richtiges Bistro am Hafen. Der Jugendtreff musste in der Studenhütte bleiben.

Und der Segel-Club Aegeri machte geltend, dass er als 45-jähriger Dorfverein mit 166 Mitgliedern und eigenem Shanty-Chor dringend dieses Clublokal brauche und sonst in seiner Existenz gefährdet sei. Eine Kündigung des Mietvertrags wurde angefochten – die Segler erhielten Mieterstreckung.

Segler beharren auf alten Vorrechten

Der Gemeinderat suchte deshalb eine Kompromisslösung und plante einen Kiosk im Erdgeschoss, der neben dem Clublokal der Segler Platz hätte.

Das Problem war aber nicht nur, dass der Kiosk landeinwärts platziert werden sollte – und somit auf der falschen Seite für all jene, die zwischen Studenhütte und Schifflände sitzen wollen, um den Ausblick über den See zu geniessen.

Liegeplatz für die «Ägerisee» und Studenhütte in Oberägeri.
Liegeplatz für die «Ägerisee» und Studenhütte in Oberägeri. (Bild: mam)

Das Problem war vor allem, dass auch die Segler wenig Lust verspürten, ihr Lokal mit einem Kiosk zu teilen. Was wiederum die FDP Oberägeri auf den Plan rief, die in einer Motion forderte, der Gemeinderat solle grundsätzlich neue Lösungen prüfen.

Der aber findet, man könne es ohnehin nicht allen recht machen. Wenn schon eine Alternative zum Kiosk gewünscht werde, dann könne dies nur heissen: im ganzen Erdgeschoss der Studenhütte entsteht ein Sommerrestaurant und Punkt.

Der Segel-Club müsste sich dann einfach mit der Situation arrangieren und hätte das Lokal dann nur noch an einem Tag in der Woche zur exklusiven Verfügung. So also die Ausgangslage, wie sie sich am Montag in der Maienmatt den 388 Stimmberechtigten darstellte – und den zahlreichen ausländischen Einwohnern von Oberägeri, die die Gemeindeversammlung als Gäste mitverfolgten

Warum keinen besseren Pavillon bauen?

CVP-Kantonsrätin Laura Dittli regte an, doch einfach mal beim Kanton ein reguläres Baugesuch für eine Fahrnisbaute einzureichen und abzuwarten, ob sich der Kanton Zug nicht doch zu einem Kompromiss bewegen liesse. Denn in der Stadt Zug war mit dem goldene Pavillon ein Bau direkt an der Schiffstation und unweit der Wasserlinie vor kurzem noch möglich.

Freilich verspürt der Gemeinderat keine grosse Lust, diesbezüglich aktiv zu werden. Wie Gemeinderat Peter Staub (CVP) sagte, sei man gehalten, den Seeplatz fürs Flösserfest frei zu halten. Ein Pavillon müsse abgeräumt werden können.

Schiffstation in Oberägeri.
Schiffstation in Oberägeri. (Bild: mam)

Doch Dittli hatte noch einen anderen Vorschlag. Warum nicht abwarten, wie sich die Situation mit dem neuen Ägeribad entwickle und zusehen, welche Bedürfnisse nach einem Restaurationsbetrieb am See in ein, zwei Jahren bestünden, fragte sie.

Sommerrestaurant wäre für alle offen

Beat Strebel von der FDP sprach sich gegen die Kiosk-Lösung und für das Sommerrestaurant aus. So würde die Studenhütte besser genützt und verschiedene Veranstalter könnten sich ins Sommerrestaurant einmieten. Strebel beantragte eine geheime Abstimmung zur Sache und wurde dabei von 100 Stimmberechtigten unterstützt.

Die Segler machten hingegen geltend, dass sie selber die Studenhütte einst ausgebaut und den Seeplatz mit Wasser und Strom erschlossen hätten. 240'000 Franken der 300'000 Franken der Baukosten habe man selber finanziert. Konflikte mit dem Betreiber des Sommerrestaurants seien vorprogrammiert, da die Wassersportvereine, genauer Segel-Club und Ruderclub, das Lokal zu jedem Sportanlass beanspruchen dürften.

Feuerwehrkommandant Alois Rogenmoser wollte deswegen, dass in einem allfälligen Sommerrestaurant dem Segelclub die Exklusivrechte gestrichen werden, was mehrheitlich gut geheissen wurde.

Das Forum Oberägeri schliesslich sprach sich für die Kiosk-Lösung aus, weil die sowohl den Fortbestand des «Sunneschmatz», wie auch das Funktionieren des Segel-Clubs Aegeri am besten garantiere.

Variante Sommerrestaurant obsiegt

Nach drei Stunden direkter Demokratie stand fest, dass die Interessen der Segler sich nicht durchsetzen konnten. 164 Stimmberechtigte wollten am Seeplatz einen Kiosk realisiert sehen – 216 aber entschieden, dass sich Oberägeri in der Studenhütte eine richtige Hafenbeiz gönnt.

Doch damit nicht genug. Der Kanton Zug hatte verlangt, dass die Oberägerer sich entscheiden, ob sie überhaupt die projektierte halbe Million beim Seeplatz investieren wollen – oder ob sie nicht doch weiter mit der jetzigen Situation und dem «Sunneschmatz»-Provisorium begnügen wollten. Die Dorfbevölkerung marschierte also ein zweites Mal an die Urnen. 259 wollen aber endlich eine Lösung in der Studenhütte, nur 107 waren fürs Zuwarten.

Ans Heimgehen war indes auch jetzt noch nicht zu denken. Auf dem Programm der Gemeindeversammlung standen noch zwei weitere Traktanden, bevor die Oberägerer Politikinteressierten gegen Mitternacht – um 23.33 Uhr – zum Apéro entlassen wurden.

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