Könnte wohl bald auf seinen knatschroten Traktor umsteigen: der Krienser Michael Töngi. (Bild: hae)
Politik Gesellschaft Nachhaltigkeit

Könnte wohl bald auf seinen knatschroten Traktor umsteigen: der Krienser Michael Töngi. (Bild: hae)

Krawatte? Niemals! Auch nicht bei der Vereidigung im Bundeshaus

13min Lesezeit

Einst wollte er Kameltreiber werden, jetzt startet er als grüner Politiker durch: Der Krienser Michael Töngi zieht am Montag in den Nationalrat ein. Dass der passionierte Velofahrer sich für eine sozialere und ökologischere Welt einsetzt, ist bekannt. Was treibt ihn privat um? Und wie kommt es, dass sein Markenzeichen bunte Hemden sind? 

Mathias Haehl

Wenn Michael Töngi (50) ab Montag in Bern als Nachfolger von Louis Schelbert neu im Nationalrat mitpolitisiert, liegen seine Themen auf der Hand: Als Präsident des VCS Luzern interessiert ihn eine umweltfreundliche Mobilität, als einstiger Generalsekretär des Schweizerischen Mieterverbandes setzt er sich für eine aktive Wohnpolitik ein, und als fundierter Finanzpolitiker will er sich für eine gerechte Steuerpolitik stark machen. Töngi ist im Nationalrat der einzige Vertreter der Grünen aus der ganzen Zentralschweiz.

Als «obersten Lobbyisten für alle Mieter» bezeichneten wir ihn Ende 2017, und er sagte vorfreudig auf seinen Amtsantritt im Bundeshaus: «Wichtige Weichenstellungen in der Klima- und Umweltpolitik werden in Bundesbern gestellt – da will ich im Auftrag umweltbewusster Wähler mitwirken.» (zentralplus berichtete)

Mann des Volkes: Michael Töngi mit «Ambrosia»-Köchin Silvana Votta.
Mann des Volkes: Michael Töngi mit «Ambrosia»-Köchin Silvana Votta. (Bild: hae)

Uns interessiert: Wie tickt Töngi, der medienerfahrene bekennende Schwule mit den exotischen Tomaten, eigentlich privat? Der leidenschaftliche Velofahrer gilt als sehr selbstbewusst, sachlich und bestimmt, er trägt seine Anliegen mit Nachdruck vor.

Schelbert über Nachfolger Töngi

Der Luzerner Louis Schelbert (65), der seinen Sitz nach 12 Jahren an Michael Töngi übergibt, äussert sich respektvoll über den Parteigenossen aus Kriens:

«Eine solidarische Gesellschaft ist Michael Töngi wichtig, gleichzeitig ist Eigenverantwortung aber kein Fremdwort für ihn. Er verfügt über ein breites Wissen, er kennt das politische Handwerk, dank seiner beruflichen Tätigkeit auch auf eidgenössischer Ebene, und er hat Humor. Ich freue mich, dass er ab dem 12. März als Luzerner im Nationalrat ist: für ihn, für die Grünen, für alle.

Es gibt viel, was ihn interessiert, das zeigen z. B. seine Engagements im Kantonsparlament (Bsp. Finanzpolitik), Verkehr (VCS-Präsident Kanton Luzern), Mietwesen (bislang Generalsekretär des Schweiz. MieterInnenverbands) oder in kulturellen Fragen (Museum Bellpark).»

Michael Töngi weiss, was er will: Zum Zmittag schlägt er das «Ambrosia» vor, das «Café mit der schönsten Garten-Terrasse in Kriens» (Kundenaussage). Nach gesundem Salat und Suppe und mit den besten Wünschen von Köchin Silvana Votta für seinen Gang nach Bern fahren wir per Velo in Töngis Haus am Rand der Stadt Kriens. Frisch gestärkt, denn der schlanke Mann ist nicht gern ein «Hungerleider. Ich werde hässig, kann nicht mehr denken und mich bewegen, wenn mir die Kalorien fehlen.»

Ein Leben am Schattenberg

Jetzt zieht es uns in seine gute Stube zum Kaffee, wir schwingen uns auf die Velos. Michael Töngi gibt Anweisungen und lacht unter seinem blauen Helm hervor: «Scharf nach links, ich wohne nicht am Sonnenberg, sondern am Schattenberg.» Und er steigt gäch in die Pedale seines Flyers, eines Elektrobikes.

Auf Schleichwegen ohne Autoverkehr gelangen wir in einen kleinen Wald am Fuss des Pilatus, unten rauscht es. Aber es ist nicht der Bach, sondern die Autobahn Richtung Hergiswil. Doch der Blick ist dafür versöhnlich: Viel Grün, dazwischen lacht fröhlich ein knatschroter Traktor. Der Aebi-Trax gehört Töngi, er braucht ihn für Transporte über den Feldweg nach oben in sein rund 500 Jahre altes Bauernhaus, in dem schon seine Vorfahren gross wurden.

Reisefüdli: Michael Töngi mit Lebenspartner Thom Schlepfer auf seinem 1800-Kilometer-Tripp in Patras.
Reisefüdli: Michael Töngi mit Lebenspartner Thom Schlepfer auf seinem 1800-Kilometer-Tripp in Patras. (Bild: zvg)

Gerne posiert Michael Töngi auf dem Traktor, weil er kein verbissener Grüner ist. Mit seinem Partner Thom Schlepfer (51) aus Gossau (SG), der strategische Projekte im Bereich der Wohnpolitik der Stadt Zürich betreut, lacht er gern über folgenden Running Gag: «Wer von uns beiden soll die Autoprüfung machen, damit wir später dann mit einem Wohnwagen durch die Welt gondeln können?» Dazu wird es wohl nicht kommen, denn sie touren jetzt schon regelmässig durch Europa, allerdings fast immer mit Velos.

1800 Kilometer auf dem Velo

Letzthin sind die beiden vom italienischen Triest nach Patras in Griechenland geradelt. 1800 abenteuerliche Kilometer durch Kroatien, Montenegro und Albanien. Und Silvester gehen sie immer mit dem Zug nach Rumänien, nach Siebenbürgen. Dort hat er das letzte Mal getanzt, zu einem Volkslied. Politisch nur korrekt, dass die beiden vorher ein Jahr lang die rumänische Sprache gelernt haben. «So können wir uns doch ein bisschen mit den Leuten unterhalten.»

«Ich bin gern pünktlich.»

Diese seriöse Vorbereitung überrascht nicht bei dem grünen Politiker, der für seine Dossiersicherheit bekannt ist. Um seine Unterlagen aus dem Bundeshaus nicht immer ordnerweise den Hang hoch an den Schattenberg schleppen zu müssen, hat Michael Töngi sich jetzt im Berner Lorrainequartier ein Zimmer genommen. «Ich bin gern pünktlich. Und auch wenn ich schon seit 30 Jahren das Generalabonnement der SBB habe, ist es doch ein weiter Weg vom Unter-Strick, wo ich wohne, bis unter die Bundeskuppel.»

Ausserdem: Die Tage im Nationalrat sind lang. Während der Session fängt das Debattieren um 8 Uhr an, wenn er dann abends gegen 21 Uhr nach Hause kommt, arbeitet Töngi traditionellerweise noch jeweils eine Stunde seine Mails ab. Und dann, wie kommt er vor dem Einschlafen wieder runter? «Ich schau mir auf Youtube Operetten an – das liebe ich!»

Wanda oder Dagobert live

Doch in letzter Zeit komme er leider immer weniger in den Genuss von Kultur. Lesen sei wichtig: Wissenschaftliches über eine empfindsame Gesellschaft von Jeremy Rifkin etwa, oder die italienischen Romane von Elena Ferrante: «Da genoss ich den unwahrscheinlichen Sog der Lektüre und die wunderbar vermittelte Tragik des Lebens.»

Am Schattenberg: Hoch über dem Krienser Schlund wohnt Michael Töngi in einem 500 Jahre alten Haus.
Am Schattenberg: Hoch über dem Krienser Schlund wohnt Michael Töngi in einem 500 Jahre alten Haus. (Bild: hae)

Zwar habe er die Popkünstler Wanda oder Dagobert live in Luzern gesehen, was für den Geschmack eines hippen 50-Jährigen spricht, doch er fügt an: «Nach Jahren wieder einmal an Konzerten, das war toll. Doch gleichzeitig dachte ich: Das hättest du auch zu Hause auf dem Sofa hören können ...» Wird er alt und bequem?

Neinnein, lacht Michael Töngi. Er setzt nur Prioritäten. Schliesslich hat er ja seinen Garten zu pflegen, in welchem er am liebsten ganz exotische Tomaten pflanzt: Die heissen nicht nur Berner Rose, sondern auch schwarzer Prinz oder Kosmonaut Volkov, eine ukrainische Sorte, von der er leider im Moment keine Samen mehr findet.

Spielen mit dem Nachbarsbuben

Dazu kommen noch vier Hühner und drei Katzen zwischen Feld und Wald. Und mit den Kids der Nachbarn, die unten in seinem Haus wohnen, will er ja auch noch spielen. Und da stampft im unteren Stock Samuel, der gerade ein Löwenleben lebt: Der Nachbarsbube schleicht sich auf vier Beinen an und faucht wild, er kann sein zufriedenes Lächeln beim Posieren für die Kamera aber nicht verbergen.

«Politik und Ironie, das geht gar nicht zusammen.»

Lachen, das zeigt auch Töngi oft. Der «Blick» hat ihn als einen «Mann mit Humor» gelobt. Und tatsächlich kann der Grüne durchaus sehr witzig und manchmal auch richtig provokativ sein. Obwohl er weiss: «Politik und Ironie, das geht gar nicht zusammen.»

Löwenbändiger: Michael Töngi spielt mit dem Nachbarsbuben Samuel.
Löwenbändiger: Michael Töngi spielt mit dem Nachbarsbuben Samuel. (Bild: hae)

Michael Töngi ist auch lernfähig. Früher hat er stets Ja zu neuen Aufgaben gesagt. Jetzt hat er sich dafür entschieden, seinen Job als Generalsekretär des Mieterverbandes zu kündigen, um sich voll auf seine Politkarriere zu stürzen. Keine Angst vor dem Scheitern? Er schüttelt den Kopf, giesst noch einen Espresso nach: «Es hätte mir mehr Angst gemacht, beides gleichzeitig bewältigen zu müssen. Bis ich 30 Jahre alt war, habe ich immer mehr Ämter angenommen. Aber heute kenne ich meine Grenzen, ich kann nicht mehr 14 Stunden am Tag arbeiten.»

Dem Zufall immer wieder dankbar

Das Leben sei bekanntlich voller Risiken, aber er mache alles für seine Wiederwahl: «Den Sitz der Grünen haben wir noch nie im Schlafwagen geholt.» Auf dieses Risiko lässt er sich ein. Früher verdankte Töngi dem Zufall einiges: Er wollte zwar als Vierjähriger Kameltreiber werden, weil sein Bruder an der Wand ein beruhigendes Plakat mit Kamelen hatte. Als Fünftklässler dann faszinierte ihn der Geschichtsunterricht derart, dass er Historiker werden wollte. Und Jahre später studierte er dann Geschichte in Basel.

Bewusst hingegen trieb es den Umwelt- und Drittweltbewegten zu den Grünen, und ebenso auch zum Mieterverband. Als ihn ein Redaktor der «Luzerner Zeitung» anfragte, haute er ab 2001 für eineinhalb Jahre als Lokaljournalist in die Tasten. «Vieles im Leben ist eben doch ein Zufall», findet Töngi, auch wenn viele immer meinten, sie seien ihres Glückes Schmied und hätten ihr Leben selber im Griff.

Vor Rührung geweint

Das tägliche Chaos erlebe er in der Natur, und die rühre ihn stets sehr mit ihrem Eigenwillen. Ob im Garten, der derzeit nach dem vielen Schnee ein trauriges Gesicht macht, oder vor zehn Tagen in Bern, als wegen heftigem Wintereinbruch der Verkehr stillstand: «Da habe ich vor Rührung geweint, weil für einmal so viele Menschen durch die weisse Hauptstadt stapften – sonst bewegen wir uns doch immer alle in diesen Blechbüsen, Autos und Trams.» In dem Moment hat Michael Töngi sich gefühlt wie im Zentrum des grossstädtischen Paris.

Heimwerker: Die alten Balken hat Michael Töngi elegant beim Umbau stehen lassen.
Heimwerker: Die alten Balken hat Michael Töngi elegant beim Umbau stehen lassen. (Bild: hae)

Und in der Stadt der Liebe fand er, natürlich per Zufall, auch seinen Lieblingsladen. Dem ging eine Niederlage voran: Michael Töngi wollte 1999 Einwohnerratspräsident von Kriens werden, doch FDP-Parteichefin Susi Luginbühl liess ausrichten, das zwar fast alles passe, «bis auf den fehlenden Kittel und die zerknitterten Hemden». Michael Töngi erzählt's und zeigt auf sein Hemd, das die Buchstaben in verschiedenen Grössen aufweist wie beim Sehtest: «Und dann habe ich aufgerüstet!»

Galanter Geck mit bunten Hemden

Er muss heftig lachen. Denn seither gilt er als galanter Geck mit den hübsch bunten Hemden von Coton doux. «Das ist mein Markenzeichen, nebst den exotischen Tomaten im Garten und meinem Velotick: Ich schleppe überall meinen Drahtesel mit.»

Hat er noch so eine schräge Anekdote auf Lager? Töngi muss nicht lange studieren: Die SVP Kriens betrachtete den Grünen für das Einwohnerratspräsidium als unwählbar, weil ihm bei dem alljährlichen Auftritt in der Gallizunft zur Fasnachtszeit bestimmt die Hosen abgesägt würden. Töngi, frisch gewählt, nahm den Rechten den Wind aus ihren Vorurteils-Segeln: Er kam gleich in Shorts an den Zunftanlass – und seither liebt man ihn für seine Selbstironie.

«Krawatte: nie!»

Kleider sind ihm heute durchaus wichtig, doch an eine eiserne Regel hält er sich wie die meisten Grünen: «Krawatte: nie! Da drückt meine Herkunft und Generation durch, denn der Halsbinder ist doch Symbol für die miefige bürgerliche Gesellschaft, zudem muss man noch einen Knopf lernen. Und wofür? Unbequem ist das Ganze ja obendrein ...»

Nein, der Töngi liebt es bequem. Obwohl er in den ersten Tagen im Bundeshaus sicherlich auch ein paar unbequeme Momente wird erleiden müssen, das weiss er. Am Schluss unserer Begegnung wird er dann doch noch ernst: Michael Töngi spricht von «unheimlichem Respekt vor dem Nationalrat. Ich würde nie sagen: Ich bin schon lange Politiker, das ist sicherlich keine grosse Sache ...»

x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Mehr Politik