Angepackt und aufgestellt: Peter Stalder holt die Wahlurne für die Abstimmung am Sonntag. (Bild: woz)
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Angepackt und aufgestellt: Peter Stalder holt die Wahlurne für die Abstimmung am Sonntag. (Bild: woz)

Nur wenige gehen noch an die Urne – und doch braucht's Stimmenzähler

7min Lesezeit

Wenn das nicht ein Service public par excellence ist: Am Sonntag ist wieder Abstimmung. Dabei geht fast keiner mehr an die Urne. Peter Stalder und seine Kollegen stehen in Cham wie zig andere ehrenamtliche Stimmenzähler in den Zuger Gemeinden trotzdem parat.

Wolfgang Holz

«Am Donnerstag ist gar niemand an die Vorurne gekommen», sagt Peter Stalder nüchtern. Kein Wunder. Auch in Cham stimmen inzwischen 95 Prozent der Stimmberechtigten per Briefwahl ab. Trotzdem steht am Sonntag Morgen von 10 bis 12 Uhr wieder die Urne für die Abstimmung bereit.

Warum schafft man diesen Service public eigentlich nicht ab, wenn nur noch ein paar Versprengte ihren Stimmzettel persönlich abgeben? «Das macht man eben, weil es Tradition ist», sagt der 60-jährige Gemeindeangestellte.

Seit 20 Jahren Stimmenzähler

Er weiss, wovon er spricht. Schliesslich ist Peter Stalder, der neben seiner Tätigkeit als Sachbearbeiter für die Lohnbuchhaltung im Chamer Mandelhof noch als Gemeindeweibel amtet, schon seit 20 Jahren bei Wahlen und Abstimmungen an vorderster Front mit dabei.

«Wir liegen derzeit bei einer Stimmbeteiligung von 53 Prozent. Wahrscheinlich werden es 60 Prozent.»

Peter Stalder, Stimmenzähler

Und am kommenden Sonntag wird es interesssant. «So eine hohe Stimmbeteiligung hatten wir bei einer rein nationalen Abstimmung schon lange nicht mehr», versichert er. «Wir liegen derzeit bei einer Stimmbeteiligung von 53 Prozent. Wahrscheinlich werden es 60 Prozent.» Die No-Billag-Initiative hat die Gemüter offensichtlich erregt – auch in Cham. Deshalb habe man, so Stalder, für Sonntag sogar eine Person zusätzlich als Stimmenzähler engagiert.

Trotzdem. Warum braucht man 14 Personen, wenn am Sonntag Morgen während zwei Stunden nur noch ein Häuflein Wähler zur Urne geht? «An der Urne sitzen ja nur drei Personen», erklärt Stalder.

Nicht vergessen: Stimmrechtsausweis unterschreiben

Der erste Wahlhelfer nehme jeweils das Wahlcouvert entgegen und überprüfe den Stimmrechtsausweis. «Immer wieder vergessen Leute, ihren Stimmrechtsausweis zu unterschreiben – dann können wir ihre Stimme leider nicht berücksichtigen», sagt Stalder mit Bedauern. Die zweite Person an der Urne drücke danach den Stempel auf die Rückseite des Stimmzettels, bevor die dritte Person schliesslich die Abgabe des Stimmzettels in die Metallurne mit dem «Chomer Bär» drauf überwache. Eigentlich kein grosser Act.

Fast wie Jasskarten: der Chamer Peter Stalder mit den Wahlunterlagen für die Stimmberechtigten.
Fast wie Jasskarten: der Chamer Peter Stalder mit den Wahlunterlagen für die Stimmberechtigten. (Bild: woz)

Doch im Hintergrund, eine Stunde vor Urnenöffnung, beginnen am Sonntag ab neun Uhr eben schon all die anderen Stimmenzähler mit dem Auszählen der Briefwahlstimmen. Und das ist bei einer Wahlbeteiligung von schätzungsweise 6000 Stimmberechtigten eine ganze Menge Papier. Ja, bereits am Samstag beginnen vier Personen mit dem Vorauspacken der Briefwahlstimmen, die bis zur Abstimmung in einem alarmgesicherten Raum aufbewahrt werden.

Die Auszählung der Stimmen dauere dann – inklusive Kaffeepause – in der Regel am Sonntag bis 13 Uhr, versichert Peter Stalder. Dabei gebe es keine Möglichkeit, dass irgendeiner der Stimmenzähler irgendetwas Unlauteres mit den Stimmzetteln treibe. Beispielsweise spicke, welcher Bekannte wie abgestimmt habe.

«Schlitzmaschine» und Banknotenzählmaschine

«Das geht gar nicht, weil sich alle Stimmenzähler auf engem Raum immer im Blickfeld haben», sagt er. Ausserdem trenne man beispielsweise immer zuerst die Stimmrechtscouverts von den Stimmrechtsausweisen, bevor danach die Stimmzettel ausgewertet würden. So könne man nicht mehr identifizieren, wer wie abgestimmt habe.

Wobei den Stimmenzählern einiges an technischen Geräten zur Seite steht, um das Prozedere zu beschleunigen. Zum Beispiel eine «Schlitzmaschine», um die Stimmzettelcouverts zu öffnen. Per Hand würde dies viel zu lange dauern. Oder eine Banknotenzählmaschine, die die einzelnen Stimmzettel zählt.

«Alle hundert Zettel macht die Maschine Halt. Dann nimmt man das Bündel heraus, spannt einen Gummi herum und legt es ab», berichtet Peter Stalder. Langsam würden die Bündel mit den Jas und Neins dann in die Höhe wachsen, und man könne erkennen, welche Richtung eine Abstimmung nehme.

«Das Auszählen der Stimmen erfolgt stets in einer konzentrierten Atmosphäre.»

Peter Stalder

Und wie ist es dann, wenn eine Abstimmung ausgezählt ist und das Ergebnis feststeht?

«Das Auszählen der Stimmen erfolgt stets in einer konzentrierten Atmosphäre», sagt der Chamer. Danach könne man hin und wieder schon ein Lächeln über manche Gesichter huschen sehen. «Die Stimmenzähler werden ja von den einzelnen Parteien entsandt. Und für manche Partei ist eben das eine oder andere Ergebnis genau das, was man sich erhofft hat.» Die Stimmenzähler arbeiten übrigens nicht für Gottes Lohn. «Man erhält 50 Franken in der Stunde.»

Aber ist es nicht trotzdem schade, dass unterm Strich nur noch so wenige Stimmberechtigte ihr Votum an der Urne abgeben? Schliesslich galt früher ja mal am Sonntag: Zuerst in die Kirche, dann zum Wählen und dann ins Wirtshaus. Und im Land der direkten Demokratie mit der Tradition der Landsgemeinden könnte man ja meinen, an die Urne zu gehen sei tatsächlich noch ein lebendiges Ritual.

Eine Banknotenzählmaschine zählt auch Wahlzettel.
Eine Banknotenzählmaschine zählt auch Wahlzettel. (Bild: woz)

«Man muss einfach mit der Zeit gehen», sagt Stalder. Und die Briefwahl in der Schweiz sei ja ein ganz besonderer Service, weil man die Briefwahlunterlagen automatisch zugestellt bekomme. In Deutschland müsse man ja die Briefwahlunterlagen extra anfordern. So könnten sich die Stimmberechtigten drei Wochen lang in aller Ruhe Zeit lassen abzustimmen. «Auch ich habe natürlich per Briefwahl abgestimmt», verrät Stalder.

«Ich bin nicht fürs E-Voting.»

Peter Stalder

Man könne ja auch nicht verlangen, dass die Wähler bei so vielen Abstimmungen pro Jahr immer an der Urne erscheinen würden. «Ich habe in meinen 20 Jahren als Stimmenzähler 75 Abstimmungswochenenden mitgemacht – bei rund 250 Geschäften.» Eine Menge Kreuzchen. In der Tat.

Da wäre doch eigentlich das E-Voting endlich bei Wahlen und Abstimmungen angesagt. Peter Stalder schüttelt den Kopf. «Ich bin nicht dafür. Meines Erachtens ist die Datensicherheit dafür noch nicht ausreichend.»

 

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