Radio 3fach wird zu Grabe getragen. (Bild: giw)
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Radio 3fach wird zu Grabe getragen. (Bild: giw)

Luzerner Jugendradio 3fach trägt sich zu Grabe

5min Lesezeit

Die No-Billag-Initiative ist auch eine Entscheidung über die Zukunft des Radiosenders 3fach. Mit einer fiktiven Beerdigung auf dem Luzerner Bahnhofplatz haben die jungen Medienschaffenden ein Zeichen gegen die Vorlage gesetzt. Gekommen sind alte Hasen und die Speerspitze des lokalen No-Billag-Widerstandes.

Graue Wolken, Kälte, Dunkelheit und Regen sind am Montagabend die passenden Begleiter für die tragische Beerdigung auf dem Luzerner Bahnhofplatz. Nur 20 Jahre alt wurde 3fach, das erste Jugendradio Europas. Trotz des garstigen Wetters bleiben immer wieder Leute stehen, mehrere Dutzend Radioschaffende, Freunde und Sympathisanten sind gekommen. Ein Pfarrer blickt ernst drein, vor ihm liegt das 3fach-Grab, bestückt mit Rosen und Kerzen.

Doch halt, noch ist es nicht so weit. Denn es wird weiter fleissig produziert an der Zürichstrasse 49. Es handelt sich lediglich um eine bewilligte Protestaktion gegen die No-Billag-Initiative, über die das Schweizer Stimmvolk am 4. März abstimmt. 

Viel Ehrenamt

Würde die Vorlage jedoch angenommen, wäre dies das Ende des nicht-kommerziellen Jugendsenders, warnen die Verantwortlichen. «Wir wollen mit der Aktion zeigen, was auf dem Spiel steht», erklärt David Largier, Kommunikationschef von Radio 3fach. Gegen 480'000 Franken erhält das Radio aus dem Gebührentopf, rund die Hälfte des Jahresbudgets. Falle dieses Geld weg, sei die Zukunft der rund 40 Radioschaffenden inklusive Geschäftsleitung gefährdet, hält Geschäftsführerin Alice Reinhard fest.

«Für mich war das 3fach ein berufliches Sprungbrett.»

Jara Helmi, 3fach-Moderatorin

Ein Plan B existiert laut Largier und Reinhard nicht. Geld durch Werbung zu generieren, kommt für Largier nicht in Frage: «Das würde unsere Essenz – unabhängiges und alternatives Radioschaffen – in Frage stellen.» Gerade weil 3fach sich musikalisch von kommerziellen Sendern unterscheidet und ein jugendliches Zielpublikum bedient, erhält man Geld aus dem Gebührentopf. «Wir sind die Alternative abseits vom Mainstream», sagt Largier. Ein Grossteil der Arbeit erfolge im Ehrenamt.

So auch die Aktion heute Abend. Die Moderatoren haben Schokoladenkuchen in Sargform gebacken und Tee aufgesetzt. Dankbar stehen die Anwesenden unter den beiden schützenden Zelten und naschen am Gebäck.

3fach-Geschäftsführerin Alice Reinhard im Interview.
3fach-Geschäftsführerin Alice Reinhard im Interview. (Bild: giw)

Abseits vom musikalischen Einheitsbrei

Wir treffen auf Lina Kunz, sie ist seit vier Jahren bei Radio 3Fach dabei. Kunz moderierte unter anderem die Morgensendung «Kater», derzeit produziert sie für 3fach einen Podcast und arbeitet als Praktikantin im Neubad. Kunz betont, wie wichtig die Abstimmung für das lokale Kulturschaffen generell sei. «Eine Annahme der Initiative wäre eine Katastrophe für die Kultur- und Musikszene.» Sie ist jedoch positiv eingestellt und glaubt nicht, dass die Vorlage angenommen wird.

«Die Radiolandschaft würde an Vielfalt verlieren ohne Radio 3fach.»

Benjamin Gross, ehemaliger Programmleiter und 3fach-Präsident

Ganz in Schwarz erscheint Jara Helmi. Sie moderiert die Sendung «Stosszyt» und erklärt anhand ihres Beispiels die Wichtigkeit des Senders: «Für mich war das 3fach ein berufliches Sprungbrett. Ich konnte mich in den vergangenen Jahren als Moderatorin professionalisieren und mich in der Luzerner Kulturszene gut vernetzen.»

Nicht mehr aktiv dabei ist Benjamin Gross. Der 40-Jährige ist 3fach-Urgestein und gesellt sich solidarisch zur Trauergemeinde. Beim Sendestart 1998 war er Programmleiter, später übernahm er das Präsidium für den verstorbenen Gründer des Senders, Attila Révész.

«Heute tönt der Sender viel besser als damals», gesteht er mit einem Schmunzeln ein. «Die Radiolandschaft würde an Vielfalt verlieren ohne Radio 3fach.» Beim Sender gehe es um mehr als darum, möglichst viele Hörer zu generieren. Er hebe sich bewusst vom musikalischen Einheitsbrei ab – genau mit diesem Gedanken wurde der Jugendsender gegründet.

Der 3fach-Pfarrer beerdigt den Sender.
Der 3fach-Pfarrer beerdigt den Sender. (Bild: giw)

SRG-Präsident gibt noch keine Entwarnung

Ein grosser 3fach-Fan ist auch der Stadtluzerner Kommunikationschef Nik Zeier. An diesem Abend hat er gleich mehrere Hüte auf. Zeier sitzt im 3fach-Radiorat und ist gleichzeitig Präsident von SRG Zentralschweiz. Zusammen mit dem Kampagnenleiter des Luzerner Komitees gegen die No-Billag-Initiative, dem Politologen Olivier Dolder, verteilt er Flyer gegen die Abstimmungsvorlage. «Ich kann mich noch gut an die Gründung des Radios erinnern», sagt Zeier.

Ihm liege der Sender sehr am Herzen. «Die Radioschaffenden haben frische Ideen, organisieren hervorragende Anlässe und bieten ein optimales Umfeld für junge Medienschaffende, etwas auszuprobieren.» Es gehe um mehr als nur um das Musikprogramm, 3fach sei auch für eine unabhängige regionale Berichterstattung wichtig.

Nun steht die Medienlandschaft vor dem Scheideweg. «Ich spüre, dass die Gesellschaft langsam erwacht», sagt Zeier. Die zahlreichen Kampagnen und Komitees gegen die Initiative zeugten davon. «Das ist ein gutes Zeichen.» Es handle sich bei der SRG um eine zivilisatorische Errungenschaft – die Abstimmung sei staatspolitisch wichtig. Obwohl die Öffentlichkeit inzwischen sensibilisiert sei, will Zeier keine Entwarnung geben. Wir entlassen Zeier in die Dunkelheit, wo er weiter Flyer verteilt.

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