FDP-Nationalrat Bruno Pezzatti am Sitz des Schweizer Obstverbandes in Zug, den er 14 Jahre lang leitete. (Bild: mbe.)
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FDP-Nationalrat Bruno Pezzatti am Sitz des Schweizer Obstverbandes in Zug, den er 14 Jahre lang leitete. (Bild: mbe.)

Hinterbänkler oder nicht? Wie Zug sich in Bern Gehör verschafft

8min Lesezeit

Sechs Jahre lang dauerte es, bis die Zuger Grünliberalen gemerkt haben, dass FDP-Nationalrat Bruno Pezzatti in Bern nicht in ihrem Sinn politisiert, obwohl er ihnen sein Mandat verdankt. Klar: Vom Menzinger hört man nicht viel. Dennoch gilt er im Parlament nicht als Hinterbänkler. Und das ist für Zug wichtig, wie Politbeobachter Iwan Rickenbacher erklärt. 

Markus Mathis

«Ich bin kein Politiker, der die Fernsehteams sucht und sich in den Vordergrund drängt», sagt Bruno Pezzatti. Der 66-jährige Agronom, Verbandsfunktionär und FDP-Politiker aus Edlibach taucht in den Medien weit seltener auf als seine Zuger Nationalratskollegen, CVP-Präsident Gerhard Pfister und SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi.

In der Schweiz sitzen die Hinterbänkler vorne

Der Begriff Hinterbänkler kommt von der Sitzordnung im britischen Unterhaus, wo die Abgeordneten bis heute auf Bänken sitzen. Vorne sitzen dort die Regierungsmitglieder, hinten aber Parlamentarier, die nichts zu melden haben. In der Schweiz ist es gerade umgekehrt. Im Nationalrat sitzen die Schwergewichte – Parteipräsidenten, Fraktionschefs und politische Alphatiere – in den hinteren Reihen, damit sie das Geschehen im Saal und das Treiben ihrer Ratskollegen besser im Auge und unter Kontrolle halten können. Und schnell für Besprechungen in die Wandelhalle eilen können.

Auch Zuger Kantonalpolitiker nehmen ihn seltener wahr, obwohl er lange einer der ihren war. 2009/2010 bekleidete Bruno Pezzatti mit dem Kantonsratspräsidium gar das höchste Amt im Zugerland.

Leiser Schaffer

Für die Zuger Grünliberalen brauchte es jedenfalls ein Ranking der Umweltverbände, bis sie vor einigen Wochen merkten, wie unökologisch der FDP-Nationalrat aus grüner Sicht politisiert (zentralplus berichtete). Ohne die Grünliberalen hätte Pezzatti sein Mandat bei den letzten Wahlen möglicherweise an den Sozialdemokraten Hubert Schuler verloren. 

Ist der diskrete Bruno Pezzatti also ein Hinterbänkler in Bern? «Wenn das jemand nicht ist, dann Bruno Pezzatti», widerspricht der Schwyzer Politbeobachter und Kommunikationsberater Iwan Rickenbacher. Pezzatti sei in seinen Spezialgebieten sehr aktiv in Bern.

Wichtige Finanzkommission

Tatsächlich offenbart eine genaue Recherche eine ansehnliche Anzahl von Vorstössen, die Pezzatti in Bern lanciert hat. Der Wirtschaftsvertreter gilt als Lobbyist, der bereitwillig die Anliegen der Krankenkassen und der Energiekonzerne ins Parlament trägt und für die Sorgen der Landwirtschaft ein grosses Ohr hat. 

Die Anzahl der Vorstösse gebe nicht unbedingt Auskunft darüber, ob ein Politiker in Bern Einfluss habe, sagt hingegen Iwan Rickenbacher. Sondern in welchen Kommissionen er nach der ersten Amtsperiode sitze. «In der ersten Legislatur muss man nehmen, was übrig bleibt.» Pezzatti ist seit 2011 Mitglied der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit – und sitzt seit zwei Jahren auch in der wichtigen Finanzkommission, die den Haushalt des Bundes bespricht.

Pezzatti hat Dauerthemen besetzt

Ausserdem wichtig ist laut Rickenbacher die Vernetzung eines Parlamentariers. Und da macht Pezzatti als langjähriger und ehemaliger Direktor des Schweizerischen Obstverbandes Vorteile für sich geltend: «Ich habe sehr gute Kontakte in die Westschweiz, besonders ins Wallis», sagt er, «und natürlich in die Ostschweiz.» Er könne sich mit Leuten aus der lateinischen Schweiz «hervorragend verständigen». Und: «Ich habe den Eindruck, dass ich schon die eine oder andere Spur in Bern hinterlassen habe», so Pezzatti.

«Ich habe den Eindruck, dass ich die eine oder andere Spur in Bern hinterlassen habe.»

Bruno Pezzatti, FDP-Nationalrat

Der dritte Faktor, der ausschlaggebend ist, ob ein Politiker in Bern etwas bewegen kann, ist laut Iwan Rickenbacher «die Konkjunktur». Also der Zufall, der bestimmt, welche politischen Themen gerade aktuell sind und welchen Stellenwert die parlamentarischen Kommissionen deshalb erhalten. Diesbezüglich ist Pezzatti mit seinen Kommissionssitzen bestens aufgestellt – er bedient mit ihnen die Dauerthemen Sozialwerke, Krankenkassen und Sparen.

Durchsetzungsfähigkeit nützt Kanton Zug

Wenn Pezzatti also wenig auffällt, liegt dies nicht an seiner Bedeutungslosigkeit, sondern daran, dass die beiden anderen Zuger Nationalräte überdurchschnittlich prominent sind. Was übrigens im Kanton Zug System hat. zentralplus hat sich die Zuger Bundesparlamentarier aus den letzten 50 Jahren genauer angesehen und darunter nur gerade vier typische Hinterbänkler gefunden – aber sehr viel mehr Politiker, die eine sehr wichtige Rolle für die Schweiz gespielt haben (siehe Kasten).

Iwan Rickenbacher war 1988 bis 1992 CVP-Generalsekretär, ist heute als Kommunikationsberater tätig und war lange MAZ-Stiftungsratspräsident.
Iwan Rickenbacher, früher CVP-Generalsekretär, heute Kommunikationsberater und Honorar-Professor an der Uni Bern. (Bild: lwo)

«Es ist nicht unerheblich, wen man nach Bern schickt», sagt Iwan Rickenbacher. Sich gegenüber der Verwaltung, den Bundesräten und Parlmantariern aus anderen Kantonen und Landesteilen einzubringen, sei «sehr wichtig». Und erfordere neben Argumenten auch Persönlichkeit und Hartnäckigkeit. «Dies kann einen Einfluss  haben, wenn es um die Verteilung von Ressourcen, Infrastruktur oder die Besetzung von Spitzenpositionen geht», sagt Rickenbacher, der einst als CVP-Generalsekretär bekannt geworden war.

Verständnis für Anliegen von Stadt und Land

«Im Kanton Zug ist dieser Zusammenhang erkannt», meint Rickenbacher. Zug stelle «in der Regel hervorragende Leute», die sich sehr gut einbringen könnten. «Das liegt vielleicht auch daran, dass Zug eine Mischung aus ländlichem und städtischem Gebiet ist», findet Rickenbacher. Es bestehe sowohl eine Sensibilität für die Anliegen von Zentren, wie auch für Randgebiete – für urbane, wie auch für traditionell geprägte Gegenden. 

«Zug ist eine Mischung aus ländlichem und städtischem Gebiet.»

Iwan Rickenbacher, Politik-Experte

Ebenso erkannt habe dies in der Zentralschweiz der Kanton Uri, der auch regelmässig bedeutsame Parlamentarier in Bern stellt. In seinem Kanton stehe dies hingegen nicht im Vordergrund, sagt der Schwyzer. «Bei uns ist es den Parteien wichtiger, ihre Leute in der Regierung und in den Gemeinden zu platzieren.» Und was ist mit dem Kanton Luzern? Iwan Rickenbacher antwortet ausweichend: «Der Kanton Luzern ist ein Schwellenkanton.» Er kämpfe dauernd gegen die Herabstufung seiner Bedeutung, wolle aber mindestens in der Zentralschweiz den Lead übernehmen. «Deshalb ist die nationale Politik für den Kanton Luzern wichtig.»

Zuger schenkten der Schweiz die Pensionskasse 

Wenn im Kanton Zug das Wort Hinterbänkler im Zusammenhang mit Bundespolitikern regelmässig fällt, so liegt das an der Zeit um die Jahrtausendwende. Damals hatten Zuger Nationalräte in Bern wenig zu melden. Als Inbegriff eines Hinterbänklers gilt der SVP-Mann Marcel Scherer, der von 1999 bis 2011 drei Amtsperioden in Bern verbrachte, aber einzig auffiel, als er dem damaligen Bundesrat Christoph Blocher ein Säuli schenkte.

Nur vier Nieten in 50 Jahren

Auch Hajo Leutenegger (FDP, 1999 – 2003) war ein sehr unauffälliger Parlamentarier. Der WWZ-Direktor und politische Quereinsteiger hatte Glück, dass in seiner Amtszeit das Theme Energie zur Debatte stand und er mitreden konnte, sonst wäre er als Totalausfall in die Geschichte eingegangen. 

Das sind schon die Hälfte aller Zuger Hinterbänkler aus den letzten 50 Jahren. Die beiden anderen: Thomas Fraefel (SP, 1975 – 1979) und Anton Scherer (CVP, 1979 – 1983). Beide waren in Bern am falschen Ort – und nach einer Legislatur auch schon wieder weg vom Fenster.

Fast-Bundesräte und Parteipräsidenten

An einflussreichen Parlamentariern hatte Zug im letzten halben Jahrhundert keinen Mangel. Am bedeutsamsten für die Schweiz war wohl das Faible für die zweite Säule, das die Zuger mitbrachten. FDP-Nationalrat Andreas Brunner (1968–1975) dachte die obligatorische Pensionskasse an, die beiden Zuger Ständeherren Markus Kündig (CVP, 1974 – 1994) und Othmar Andermatt (FDP, 1971 – 1986) boxten die Sozialversicherung in ihrer heutigen Form durchs Parlament. 

Der letzte Zuger Bundesrat, Hans Hürlimann, sass von 1967 – 1973 für die CVP im Nationalrat. Peter Hess (1983 – 2003) wäre um ein Haar Bundesrat geworden, besass aber auch als CVP-Fraktionschef im Nationalrat grossen Einfluss.

Vor Gerhard Pfister (CVP-Nationalrat, seit 2003) war schon einmal ein Zuger Präsident einer grossen Schweizer Partei: Rolf Schweiger (Nationalrat von 1999 – 2003) stand 2004 kurz der FDP vor.

SVP-Aeschi startet durch

Ach übrigens: Dass man auch innerhalb von nur einer Legislatur in Bern Einfluss gewinnen kann, bewies nicht nur der amtierende SVP-Nationalrat und Fraktionschef Thomas Aeschi, der bereits eine Bundesratskandidatur hinter sich hat, sondern auch der Sozialdemokrat Armin Jans (1995 – 1999), der in Bern mit seiner Wirtschaftskompetenz punkten konnte.

Wie gut der Kanton Zug in Bern vertreten wird, ermisst sich auch daran, dass der blasseste Vertreter zur Zeit der CVP-Mann Peter Hegglin ist. Eigentlich wäre der Edlibacher als Bauernpolitiker und einstiger Präsident der kantonalen Finanzdirektorenkonferenz gut vernetzt. Aber der langjährige Magistrat sitzt erst seit zwei Jahren im Ständerat und braucht eine Anlaufzeit, um in seine neue Rolle hineinzufinden.

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