Der Bahnhof ist für die Luzerner Polizei einer der Brennpunkte, an dem man mit Präsenz Sicherheit schaffen will.  (Bild: Gabriel Ammon / AURA)
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Der Bahnhof ist für die Luzerner Polizei einer der Brennpunkte, an dem man mit Präsenz Sicherheit schaffen will.  (Bild: Gabriel Ammon / AURA)

So viele sexuelle Belästigungen wie seit langem nicht

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Die Zahl der gemeldeten Fälle sexueller Belästigung hat im Kanton Luzern im letzten Jahr zugenommen. Von einem Trend wollen die Behörden aber nichts wissen. Nach der #MeToo-Debatte ist man sich aber in einem Punkt einig. 

Sexuelle Belästigung ist nicht nur in Hollywood ein Thema. Unter dem Hashtag #MeToo äusserten sich in den letzten Tagen auch zahlreiche Luzernerinnen zum Thema (zentralplus berichtete). 

In der Tat: Die Zahl der sexuellen Belästigungen im Kanton Luzern hat 2016 mit 50 Fällen den höchsten Stand der letzten Jahre erreicht. Das geht aus der Antwort des Stadtrates auf eine Interpellation der SP-Grossstadträtinnen Maria Pilotto und Judith Dörflinger Muff hervor (siehe Grafik). 

Sehr hohe Dunkelziffer vermutet

Zahlen, die zu denken geben – doch nicht aus dem Rahmen fallen, wie die Behörden betonen. «Wir bewegen uns zahlenmässig im Durchschnitt der letzten Jahre, es ist also kein Anstieg zu beobachten», sagt Kurt Graf, Mediensprecher der Luzerner Polizei. «Allerdings dürfte die Dunkelziffer wohl sehr hoch sein.»

Auch der Stadtluzerner Sicherheitsdirektor Adrian Borgula (Grüne) sagt: «Wir glauben nicht, dass sich die Situation verschärft hat.» Zugleich betont er, dass die Stadt das Thema ernst nimmt und bereits einiges getan hat. «Die Zahlen zeigen, dass die Situation ziemlich stabil ist – und das ist nicht gut. Denn stabil heisst, dass es immer noch zu viele Fälle gibt.»

«Eine Belästigung, ob strafrechtlich relevant oder nicht, ist nicht zu akzeptieren.» 

Adrian Borgula, Stadtrat Luzern

Für SP-Grossstadträtin Maria Pilotto ist die Frage, ob es einen Anstieg gegeben hat, gar nicht entscheidend. «Ob 40 oder 50 Fälle: Das sind 40 oder 50 Geschichten, die nicht passieren sollten.» Zudem verweist auch sie auf die mutmasslich hohe Dunkelziffer. Dass in den letzten Tagen auch zahlreiche Luzernerinnen in den sozialen Medien unter dem Hashtag #MeToo aktiv wurden, bestätigt die SP-Grossstadträtin in dieser Annahme. 

Auch Maria Pilotto kennt solche Situationen. Als junge Schülerin sei sie einmal im Bus gesessen, der ziemlich voll gewesen sei. Da habe ihr ein Mann seinen Penis an die Schulter gedrückt und gerieben. «Man müsste Mädchen und Frauen so stärken, dass sie sich in dem Moment wehren oder zumindest flüchten können. Ich war damals so perplex, dass ich nicht wusste, wie reagieren.» Zwar sei ihr damals nichts weiter passiert, «aber es blieb mir doch über all die Jahre hängen», so die 31-Jährige. 

Die Grafik zeigt die Entwicklung der Straftaten gegen die sexuelle Integrität im Kanton Luzern:

 

 

Auch bei der Luzerner Polizei beobachtet man, dass sich ältere Frauen eher trauen, sich zu wehren, während Jüngere tendenziell verunsichert sind. Entsprechend wichtig ist es laut Polizei, die Bevölkerung zu sensibilisieren. «Denn jeder Vorfall ist einer zu viel», so Graf. 

In diesem Punkt ist man sich offenbar einig. Viele Verhaltensweisen, beispielsweise sexistische Sprüche oder explizites Nachpfeifen, würden als normal hingenommen, sagt Pilotto. «Gewisse sagen, das ist doch nicht schlimm. Doch auch da müsste der Staat klar aufzeigen: Diesen abwertenden Umgang miteinander tolerieren wir nicht. Wenn es Frauen stört, ist es zu unterlassen.» Gerade, weil im Zuge der #MeToo-Debatte viele Erfahrungen geäussert werden, müsste klargemacht werden, was davon strafrechtlich relevant ist und was nicht.

Was die Stadt für die Sicherheit tut

Die Stadt Luzern habe in den letzten Jahren einiges für die Sicherheit unternommen, hält der Stadtrat fest. Die SIP-Mitarbeitenden wurden speziell auf kritische Situationen – unter anderem Fälle sexueller Belästigung – sensibilisiert. Mit der besseren Beleuchtung finsterer Ecken in der Stadt und der Einführung der Buvettes sei zudem die Sicherheit an neuralgischen Plätzen verbessert worden.

Adrian Borgula ist überzeugt, dass sich das Sicherheitsgefühl in der Stadt Luzern dadurch verbessert hat. «Das hören wir auch aus der Bevölkerung.» Die Stadt will das Thema sexuelle Belästigung nun im gemeinsamen Sicherheitsausschuss mit dem Kanton aufnehmen. Gleichzeitig werde der städtische Sicherheitsmanager am nächsten Runden Tisch mit dem Verein Safer Clubbing aktiv.

Doch hier offenbart sich ein Grundproblem der Thematik. Gerade die Frage, was im konkreten Fall als sexuelle Belästigung gilt, ist nicht offensichtlich. Gemäss Strafgesetzbuch spricht man von sexueller Belästigung, wenn man vor einer Person, die das nicht erwartet, eine sexuelle Handlung vornimmt und dadurch Ärgernis erregt oder jemanden tätlich oder in grober Weise durch Worte sexuell belästigt. Fällt ein Spruch über einen «geilen Arsch» nun darunter, oder Berührungen beim Schunkeln am Oktoberfest? Eine eindeutige Antwort haben die Behörden nicht darauf. «Wir rapportieren, was die Betroffenen schildern – und dann entscheidet die Staatsanwaltschaft, ob und welcher Straftatbestand erfüllt ist», sagt Kurt Graf, Mediensprecher der Polizei. Aktive Sensibilisierung sieht wohl anders aus. 

Nicht akzeptieren

Für Maria Pilotto ist unabhängig davon wichtig, dass die Zivilgesellschaft Grenzen aufzeigt. Dem stimmt auch Stadtrat Adrian Borgula zu: «Eine Belästigung, ob strafrechtlich relevant oder nicht, ist nicht zu akzeptieren. Das muss man klar festhalten.» 

Sowohl die Stadt als auch die Polizei empfehlen, alle Vorkommnisse zu melden. «Gerade eben auch, wenn der Fall nicht klar ist, sollten Betroffene die Polizei oder die Opferberatung aufsuchen», sagt Borgula. Kurt Graf weist zudem darauf hin, dass die Meldungen auch für die Polizei wichtig seien. In einem Fall, wo ein Mann sich regelmässig im Bus öffentlich entblösste, hätten die Meldungen geholfen, bei der Fahndung zielgerichtet vorzugehen. 

«Das Thema hat auch mit Männlichkeitsbildern zu tun.»

Maria Pilotto, SP-Grossstadträtin

Damit sich etwas ändere, müsse man jedoch an verschiedenen Schrauben drehen. «In den Schulen, Jugendhäusern und auch in Clubs sollte man vermehrt thematisieren, was sexuelle Belästigung ist und wie man sich dagegen wehrt.» Damit die Mädchen selbstbewusster werden – und damit die Jungs wissen, dass es nicht normal ist, Mädchen zu begrabschen. Denn für Pilotto, die lange beruflich mit dem Thema Gleichstellung zu tun hatte, ist klar: «Das Thema hat auch mit Männlichkeitsbildern zu tun.» 

SP-Grossstadträtin Maria Pilotto und Stadtrat Adrian Borgula (Grüne).
SP-Grossstadträtin Maria Pilotto und Stadtrat Adrian Borgula (Grüne). (Bild: zvg)

Auch Stadtrat Adrian Borgula sagt, die grundlegende Prävention müsse in der Schule und bei der Erziehung geschehen. «Wenn junge Menschen selbstbewusst und kritisch werden – und vor allem den Respekt vor dem anderen Geschlecht oder einer anderen sexuellen Orientierung lernen –, entstehen solche Taten viel seltener oder gar nicht.»

Kantonspolizei muss Abstriche machen

Viel Handlungsspielraum hat die Stadt sowieso nicht, da die Sicherheit Sache des Kantons und der Polizei ist. Für Maria Pilotto keine gute Ausgangslage. «Das macht mir schon etwas Sorge, weil man ja weiss, dass der Kanton Luzern gerade auch im Bereich der häuslichen Gewalt spart und vermutlich auch den Kampf gegen Frauenhandel zu wenig ernst nimmt», sagt die Politikerin in Anspielung auf ein SP-Postulat im Kantonsrat (zentralplus berichtete). «Da fehlt offenbar die Sensibilität für diese Art von geschlechtsspezifischer Gewalt.»  

Kurt Graf, Mediensprecher der Polizei, kann dieses Bild nicht ganz zurückweisen. Er hält zwar fest: Die Polizei rücke immer aus, wenn eine Meldung wegen häuslicher Gewalt oder anderen schweren Verbrechen eingehe. «Aber es ist klar: Je schmäler die Ressourcen werden, desto weniger kann man einsetzen.» Die Priorität liege dabei auf schwerwiegenden Delikten wie zum Beispiel Tötungsdelikten und Körperverletzung. Bei Ermittlungen mit weniger konkreten Hinweisen, die tendenziell aufwändiger sind, müsse man halt Abstriche machen. Sexuelle Belästigung als Antragsdelikt, ohne Gefährdung von Leib und Leben, stehe auf der Prioritätenliste nicht «ganz oben».

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