Die Präsidentin des Schweizerischen Roten Kreuzes vor ihrem Haus in Baar. (Bild: wia)
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Die Präsidentin des Schweizerischen Roten Kreuzes vor ihrem Haus in Baar. (Bild: wia)

«Was ich nicht ausstehen kann? Gewalt. Und Erbsen.»

23min Lesezeit

Acht Jahre lang war Annemarie Huber-Hotz hautnah am Schweizer Politgeschehen dran. Arbeitete Micheline Calmy-Rey in ihr Bundesratsamt ein und stritt sich mit Pascal Couchepin. Heute engagiert sich die Baarerin als Präsidentin des Schweizerischen Roten Kreuzes für humanitäre Belange. Zeit für ein 50-Fragen-Interview.

Was war man in Baar stolz, als die hiesige Annemarie Huber-Hotz im Jahr 2000 als erste Frau zur Bundeskanzlerin gewählt wurde. Seither sind viele Jahre vergangen. Doch gemütlich nimmt es die 68-Jährige noch immer nicht. Seit zehn Jahren amtet die Baarerin als Präsidentin des Schweizerischen Roten Kreuzes. Und langsam, ganz langsam, liebäugelt sie mit dem Ruhestand. zentralplus hat Huber-Hotz in ihrem Haus in Baar zum Marathon unter den Interviews getroffen.

1. Frau Huber, Sie haben drei mittlerweile erwachsene Kinder. War es schwierig, Karriere und Familie unter einen Hut zu bringen?

Annemarie Huber-Hotz: Ich hätte das nicht machen können, wenn mein Mann nicht den Part zuhause übernommen hätte. Als wir gemeinsam in Schweden waren während des Studiums, hatten wir – lange bevor wir Kinder hatten – eine Abmachung getroffen. Die Person, die zuerst ein gutes Jobangebot hat, nimmt dieses auch an. Und so haben wir es dann gemacht. Zudem haben wir uns gut organisiert, wir hatten etwa Au-pair-Mädchen und eine Kleinkinderzieherin und organisierten gemeinsam mit anderen Familien einen Mittagstisch.

2. Nicht jeder weiss, was eine Bundeskanzlerin eigentlich macht. Waren Sie beleidigt, wenn Sie auf ahnungslose Leute trafen?

Nein. Ich erachtete es als meine Aufgabe, meine Funktion und die staatlichen Institutionen zu erklären und hielt darüber gerne Vorträge. Ausserdem wissen ja viele auch nicht, was beispielsweise ein Finanzminister macht.

3. Wünschen Sie sich zwischendurch zurück ins Kanzleramt?

Eigentlich nicht. Klar fühle ich mich am Rande immer noch als Teil des Ganzen und fiebere immer wieder mit den aktuellen Bundesräten mit. Doch dreissig Jahre im Bundeshaus sind genug. Irgendwann hat man's gesehen.

4. Was war für Sie damals die schwierigste Situation?

Der Anfang ist immer schwierig. Bis man weiss, was die Erwartungen sind, und wie man diese erfüllen kann. Doch schwieriger als die erste Zeit als Kanzlerin war die erste Zeit als Ständerats-Sekretärin. Damals war ich sehr jung und ich musste mich in dieser Männerdomäne erst zurechtfinden als Frau. Da war ich anfangs unsicher, wann ich meine Meinung äussern durfte und wann nicht. Da gestaltete sich die Zusammenarbeit mit dem Bundesrat viel leichter.

«Es ist besser, den Stier bei den Hörnern zu packen und Unsicherheiten direkt anzugehen.»

5. Wurden Sie in Ihrem Kanzleramt aufgrund Ihres Geschlechts hinterfragt?

Nein. Beim Bundesrat war ich ja auch nicht die erste Frau. Im Ständerat hingegen war das wie gesagt viel eher ein Thema.

Das erste Bundesratsfoto, auf dem Annemarie Huber-Hotz dabei ist.
Das erste Bundesratsfoto, auf dem Annemarie Huber-Hotz dabei ist. (Bild: zvg/admin.ch)

6. Wie gingen Sie mit eigenen Unsicherheiten im Job um?

In der Bundeskanzlei habe ich mich mit dem Vizekanzler Achille Casanova sehr gut verstanden und von ihm grosse Unterstützung gespürt. Ausserdem konnte ich immer mit Parlamentariern und Bundesräten das Gespräch suchen, wenn ich das wollte. Es ist besser, den Stier bei den Hörnern zu packen und Unsicherheiten direkt anzugehen.

7. Sie waren Kanzlerin, als Blocher anstelle von Metzler in den Bundesrat gewählt wurde. Wie haben Sie diesen Tag in Erinnerung?

Das war eine intensive Zeit. Doch die Abwahl von Frau Metzler kam nicht von einem Tag auf den anderen. Ich habe mich in der Vorzeit stark für sie eingesetzt und sie unterstützt, denn ich verstand mich sehr gut mir ihr. Wir hatten eine gute Zusammenarbeit.

8. Wie war die Stimmung im Bundesrat im Vorfeld zu dieser Wahl?

Im Bundesrat war das kein Thema und hat sich daher kaum auf die Stimmung ausgewirkt. Es ging ja nur um ein Mitglied des Bundesrats und hatte aufs Tagesgeschäft keine Auswirkungen. Die Gespräche fanden eher am Rande statt.

«Mit Pascal Couchepin habe ich einige Sträusse ausgetragen.»

9. Waren Calmy-Rey, Couchepin und Blocher wirklich solche Dickköpfe, wie sie dargestellt wurden?

Alle drei sind sicher markante Persönlichkeiten. Aber ja, sie waren schon Dickköpfe, wobei ich zu allen einen unterschiedlichen Bezug hatte. Zu Frau Calmy-Rey hatte ich ein enges Verhältnis, da ich sie nach ihrer Wahl bei mir im Büro beherbergte, bevor sie ihr eigenes hatte. Es gehört zu den Aufgaben der Bundeskanzlei, neue Bundesräte beim Einstieg zu unterstützen, etwa mit der Korrespondenz. Herrn Couchepin kannte ich bereits aus der FDP-Fraktion. Er ist ein brillianter, staatspolitischer Denker, wofür ich ihn bewundert habe. Gleichzeitig war er knallhart. Mit ihm habe ich einige Sträusse ausgetragen.

Und Blocher?

Herrn Blocher habe ich als zwei verschiedene Personen wahrgenommen. Gegen aussen hin war er der harte SVP-Ideologe, als den ihn wohl die meisten kennen. Gegen innen und im bundesrätlichen Alltagsgeschäft erlebte ich ihn kollegial, umgänglich und stets für ein Gespräch verfügbar.

10. Otto Normalverbraucher hat wohl keine Ahnung, was eine Kanzlerin macht. Wie war es da, als «Fremde» aufs Bundesratsfoto zu müssen?

Ich habe mich immer als Teil des Bundesrats gefühlt – was der Bundeskanzler oder die Bundeskanzlerin auch seit 1848 ist –, auch wenn ich nicht als politische Figur agierte, sondern eine institutionelle Position einnahm. Der Kanzler wird wie die Bundesräte vom Parlament gewählt und ist diesem auch verpflichtet. Im Gegensatz zu den Bundesräten verfügt der Kanzler im Bundesrat zwar über ein Antrags- und Mitspracherecht, aber über kein Stimmrecht. Übrigens ist das Bundeskanzleramt 1803 eingeführt und ist somit älter als der Schweizer Bundesstaat selbst.

11. Gab es auch Erlebnisse, bei denen Sie als Staatsoberhaupt angesehen wurden? Wie etwa Merkel?

Wenn ich im Ausland unterwegs war, kam das schon vor. Wenn ich dort als Bundeskanzlerin vorgestellt wurde, musste ich jeweils erklären, wie das System bei uns aufgebaut ist. Dennoch war ich dann schon ein wenig stolz.

12. Wo sehen Sie die grössten politischen Schwierigkeiten, mit denen sich die Schweiz aktuell konfrontiert sieht?

Bei der Frage unseres Verhältnisses zu Europa und der Migration – sowohl bei der Zuwanderung aus Dublin-Staaten als auch von Drittstaaten. Auch das Thema Sozialversicherungen, das lange Zeit blockiert war, gehört dazu. Ich hoffe sehr, dass das Volk im Herbst der Vorlage von Bundesrat und Parlament zustimmt, und wir mit einem Ja endlich einen Schritt weiterkommen.

«Das Parlament sollte seine ureigenen Funktionen wieder vermehrt wahrnehmen.»

13. Als Ex-Kanzlerin kennen Sie die Institutionen unseres Staates wie keine zweite Person. Wo müsste man darin dringend etwas ändern?

Ich würde keine grundsätzlichen Änderungen vornehmen. Doch ich bin der Ansicht, dass man die Aufgabenteilung zwischen Parlament und Bundesrat wieder näher an die Verfassung heranbringt. Das Parlament sollte seine ureigenen Funktionen wieder vermehrt wahrnehmen.

Die da wären?

Das Parlament hat die Hauptaufgabe, Gesetze zu verabschieden und den Bundesrat zu wählen und ihn und die Bundesverwaltung zu kontrollieren. Immer mehr jedoch befasst es sich mit anderen Aufgaben, anstatt zeitgerecht Kompromisse zu erarbeiten und Entscheide zu fällen. Zudem operieren wichtige Player im Parlament mit dem Volk, organisieren Referenden und delegieren somit Entscheide dem Volk. So muss etwa plötzlich die Bevölkerung über eine Unternehmenssteuerreform entscheiden. Trotz allem bin ich ein Fan von unserem politischen System und ich hoffe, dass es so erhalten bleibt.

14. Selbst, wenn unser System verglichen mit anderen Staatsformen sehr träge ist?

Klar gibt es in anderen Staaten schnellere Entscheide. Dafür werden diese auch sehr schnell rückgängig gemacht. Ein Beispiel dafür ist Obamacare oder die US-Umweltpolitik. Die Schweiz entscheidet zwar langsamer, dafür aber auch nachhaltiger und erfolgreicher.

15. Heute gibt's keine Libyen-Krise, auch die Bankenkrise ist überwunden. Im Moment schlägt sich der Bundesrat bloss mit der AHV-Reform und der Energiestrategie herum. Hat er es heute leichter?

Der Job als Bundesrat ist immer anspruchsvoll. Und ich würde meinen, er wird immer anspruchsvoller. Früher konnten Entscheide leichter und vor einem anderen medialen Umfeld gefällt werden. Heute hat das Volk viel mehr mitzureden, es gibt Vernehmlassungen, viel mehr Lobbyismus und die Medien.

16. Seit 10 Jahren sind Sie nicht mehr als Kanzlerin tätig. Inwiefern hat sich das Schweizerische Parlament seit damals verändert?

Die Politiker von heute reagieren viel stärker auf Tagesaktuelles, auf die Medien. Die Gefahr besteht, dass aus jedem Einzelfall – erinnern wir uns an den Unfall mit einem Kampfhund – gleich ein Gesetz gefordert und dann oft auch gemacht wird. Es wird heute kurzfristiger gehandelt und weniger langfristig gedacht.

«Ich sah mich immer als eine Art Hausmutter im Bundeshaus.»

17. Wird heute emotionaler politisiert?

Vielleicht, aber Politik war ja nie emotionslos! Es geht aber auch mehr um die Profilierung der einzelnen Parlamentarier. Sie sind heute eher Einzelkämpfer als früher, darauf bedacht, dass sie von den Medien wahrgenommen werden. Indem man prominent in den Medien erscheint, versucht man sich vielleicht zu rechtfertigen, weshalb man vom Volk gewählt wurde. Sonst könnte der Vorwurf entstehen, dass die gewählten Politiker ja gar nichts machen in Bern.

18. Wären Sie gerne Bundesrätin gewesen?

Nein. Die politischen Institutionen sind meine Passion. Ich habe gern zwischen Bundeskanzlei und Parlament vermittelt, Abläufe koordiniert und mich für die Einhaltung des Rechts eingesetzt. Ich sah mich immer als eine Art Hausmutter.

19. Werden Sie noch häufig erkannt auf der Strasse?

Erstaunlicherweise immer wieder. Vielleicht liegt es daran, dass ich die erste Frau im Bundeskanzleramt war. Das bleibt bei den Leuten vielleicht länger hängen.

20. Sind die Zeiten des Sexismus vorbei?

Das glaube ich nicht. Das hat mit verschiedenen Dingen zu tun. Und wir Frauen sind ja auch nicht unschuldig. Ich denke, viele Frauen provozieren mit der Art und Weise, wie sie sich kleiden und verhalten. Es tut mir echt weh zu sehen, wie sich junge, nette Mädchen so «billig verkaufen». Ausserdem haben Social Media einen enormen Einfluss, und dort hat man immer mehr auch Zugang zu sexuellen und gewaltverherrlichenden Inhalten.

«Ich habe gestrickt, Früchte eingemacht und bin mit den Kindern Erdbeeren pflücken gegangen.»

21. Und wie steht es um die Gleichberechtigung in der Schweiz?

Da hat es durchaus Fortschritte gegeben in den letzten Jahrzehnten. Auch wenn die Gleichberechtigung noch immer nicht restlos erfüllt ist, etwa im Bezug auf Lohngleichheit. Ausserdem sind Frauen noch immer benachteiligt, wenn sie sowohl Familie als auch Karriere möchten. Bei uns war das einfacher, da wir Adoptivkinder hatten und damit die ganze Schwangerschaft und Stillzeit wegfiel. Das machte es auch für meinen Mann leichter, den Part zuhause zu übernehmen.

Das Bundesratsfoto von 2007, rechts im Bild Annemarie Huber-Hotz.
Das Bundesratsfoto von 2007, rechts im Bild Annemarie Huber-Hotz. (Bild: zvg/admin.ch)

22. Sind Sie eine gute Mutter?

Nein. Ich weiss es nicht. Man kann es immer besser machen. Auch wenn unsere Rollenverteilung als Eltern nicht die klassische war, hatte ich das traditionelle Mutterbild im Kopf und versuchte, es so weit als möglich zu leben. Ausserdem habe ich immer Dinge gemacht, die eine gute Hausfrau auch macht. Ich habe gestrickt, Früchte eingemacht und bin mit den Kindern Erdbeeren pflücken gegangen.

23. Was bereuen Sie in Ihrem Leben?

Dass ich zu wenig Zeit hatte für die Kinder; vor allem die Zeit im Alltag mit den Kindern fehlt mir retrospektiv.

24. Aktuell pendeln Sie zwischen den zwei Wohnorten Bern und Baar. Sie sind viel gereist, haben zwei Jahre in Schweden gelebt und waren immer wieder in Bhutan. Könnten Sie sich vorstellen, wieder ins Ausland zu ziehen?

Nein. Wir sind dort zuhause, wo unsere Kinder wohnen. Und unsere Grossfamilie ist also in Bern und Baar. Eine Zeit lang haben wir uns vorzustellen versucht, einmal teilweise in Bhutan zu leben, uns aber letztlich dagegen entschieden.

25. Was liegt bei Ihnen auf dem Nachttisch?

Ich habe ja zwei Nachttische. Hier in Baar sind es zurzeit die Aktenberge, die ich immer hin und her schleppe, und mein Pad. In Bern sind es Bücherbeigen.

26. Was war denn das letzte Buch, das Sie gelesen haben?

Ich lese immer mehrere Bücher gleichzeitig. (Sie denkt nach.) Das letzte Buch war eine Biografie von David Streiff über den Journalisten, Fotografen, Künstler und langjährigen Feuilletonchef der Weltwoche Manuel Gasser.

27. Sie haben während der 70er-Jahre in Schweden studiert. War das Land damals bereits besonders fortschrittlich in Sachen Frauenförderung?

Es war in vielen Belangen viel fortschrittlicher als die Schweiz, ein Sozialstaat par excellence. Schon damals war es selbstverständlich, dass alle Frauen ihre Kinder in die Kita brachten und weiterhin arbeiteten. Ausserdem profitierten alle Studenten von Stipendien.

28. Was kann die Schweiz von Schweden lernen?

Die frühe Einschulung in den nordischen Ländern sehe ich als sehr sinnvoll. Und das Tagesschulsystem. Ich sehe das hier mit meinen Grosskindern. Ohne Mittagstisch ist es für Eltern sehr aufwändig, einen Arbeitstag zu organisieren. Besonders, wenn man mehrere Kinder hat, die ausserdem zu unterschiedlichen Zeiten von der Schule heimkommen.

«Die Jungen müssen links sein.»

29. Sie haben Soziologie, Politikwissenschaften, Ethnologie und kurz Psychologie studiert. Würden Sie heute die gleichen Fächer wählen?

Anstelle von Soziologie und Ethnologie würde ich wohl Jus wählen. Ich habe aber nie bereut, Politikwissenschaften und, in Genf, internationale Beziehungen studiert zu haben. In den 70iger-Jahren wollte ich in den diplomatischen Dienst des Bundes eintreten, was damals aber für verheiratete Frauen nicht möglich war. Ich habe der Stelle jedoch nie nachgetrauert.

30. Welchen Weg haben Ihre drei Kinder eingeschlagen?

Sie haben keine akademischen Karrieren eingeschlagen, sondern wollten Lehren machen. Zwei von ihnen sind im Gastgewerbe tätig. Meine Tochter hat nachträglich noch das KV angehängt, und mein zweiter Sohn ist Informatiker.

31. Haben Sie zuhause mit Ihren Kindern viel politisiert?

Ja, wir haben natürlich viel diskutiert. Auch wenn sich heute nur einer meiner Söhne für Politik interessiert. Er ist sehr progressiv und eher links. Das finde ich gut. Die Jungen müssen links sein.

32. Kommen wir mal zu Ihren privaten Vorlieben. Wann schalten Sie den Fernseher ab?

Bei jeder Art von Krimis.

33. Bei welcher Musik drehen Sie auf?

Je nach Stimmung. Mal bei klassischer, mal bei Fado oder Jazz. Für die Musik ist mein Mann zuständig. Und was er hört, ist meist so gut, dass ich gerne mithöre.

34. Was mögen Sie nicht ausstehen?

Gewalt. Darum auch meine Aversion gegen Krimis.  Und sonst ... Erbsen und Linsen.

«Ich hoffe, es wird nie eine Biografie von mir geben.»

35. Nehmen wir an, es gäbe eine Biografie von Ihnen. Welche Bücher hätten Sie gern rechts und links von Ihrem eigenen im Bücherregal stehen?

Ich hoffe, es wird nie so weit kommen. Schon einige Male haben Leute zu mir gesagt, ich solle doch ein Buch schreiben über meine Erlebnisse im Bundeshaus. Aber ich finde das sehr uninteressant für andere. Aber zurück zu Ihrer Frage. Vielleicht könnte mein Buch zwischen Klassikern von Thomas Mann oder Gabriel García Marquéz stehen.

36. Sie werden in einem Jahr 70. Zeit, sich zurückzulehnen?

In zwei Jahren ist es sicher Zeit, einen Gang runterzuschalten. Dann nämlich gebe ich mein Amt beim Roten Kreuz nach zwölf Jahren ab und habe hoffentlich mehr Zeit zum Lesen und Reisen. Vielleicht finde ich auch eine neue Beschäftigung, die mir gefällt. Ausserdem würde ich mich gerne in der Freiwilligenarbeit engagieren.

37. Mit wem würden Sie gern im Lift steckenbleiben?

Mit dem Schweizer Manager Rolf Soiron. Eine sehr spannende Persönlichkeit.

38. Und mit wem nicht?

(Huber überlegt lange, schmunzelt immer wieder.) Diese Antwort muss ich mir jetzt genau überlegen. Das könnte sonst politisch ungeschickt sein. Trump.

39.  Wovor fürchten Sie sich?

Dass meiner Familie, meinen Grosskindern und Kindern, etwas passieren könnte. Auf gesellschaftlicher Ebene: Dass wir die Migrationsfrage nicht lösen können. Was machen wir mit all den Leuten aus Krisengebieten, die zu uns wollen? Wie schaffen wir es, die Grundsätze der Menschlichkeit und Offenheit mit den verständlichen und ernst zu nehmenden Befürchtungen in unserer Bevölkerung in Einklang zu bringen?

40. Welche drei Gegenstände würden Sie aus Ihrem brennenden Haus/Ihrer Wohnung retten? Ihre Familie ist bereits in Sicherheit.

Den Laptop. Auf dem sind alle meine Daten, und ich könnte sogleich weiterarbeiten. Ansonsten. Hm. Vielleicht dieses Bild an der Wand (sie zeigt in eine Zimmerecke) von meiner Zwillingsschwester und mir als Kinder. Und wenn es geht, ein wenig Schmuck. Aber letztlich sind diese Dinge unwichtig.

41. Ihre Familie macht sich stark für ein Asylzentrum in Baar (zentralplus berichtete). Sind auch Sie da mit involviert?

Ja. Die ganze Familie ist da mit dabei. Es ist ein wichtiges Thema für mich, auch aus Sicht meines Engagements für das Rote Kreuz.

42. Wie Sie bereits erwähnten, haben Sie eine Zwillingsschwester. Haben Sie mit ihr eine spezielle Beziehung?

Vieles zwischen uns muss nicht ausgesprochen werden. Themen, die ich mit meinen anderen Geschwistern eher diskutieren müsste. Das, obwohl wir beruflich ganz andere Wege eingeschlagen haben – Rosmarie ist Architektin – und wir auch lange an unterschiedlichen Orten gewohnt haben.

«Die schönsten Erinnerungen habe ich von hier, von der Obermühle. Das war ein richtiges Paradies.»

43. Sie sind in einem Haushalt aufgewachsen mit fünf Geschwistern. Ihre zwei Schwestern Rosmarie Müller-Hotz und Brigit Eriksen sind sehr engagiert und haben gute berufliche Positionen. War das bei Ihnen zuhause selbstverständlich, dass Frauen studieren und Karriere machen?

Bei uns mussten immer alle mithelfen. Die Buben mussten genauso wie die Mädchen Geschirr abtrocknen, und auch wir Mädchen haben in der Mühle mitgeholfen. Doch es war nicht im Voraus schon klar, dass wir studieren würden. Unsere Eltern befanden dann, dass wir alt genug seien, um zu entscheiden, welche berufliche Richtung wir einschlagen sollen.

44. Welche besonderen Erinnerungen haben Sie an den Ort Baar?

Die schönsten Erinnerungen habe ich von hier, von der Obermühle. Wir haben überall gespielt. In diesem Haus, in der Mühle und auf dem Bauernhof daneben. Und mit meinen fünf Geschwistern, den Eltern, Angestellten und der Haushälterin hatte ich viele verschiedene Bezugspersonen. Das war ein richtiges Paradies.

45. Sie ziehen nun, nachdem Sie lange Zeit in Bern gelebt hatten, zurück nach Baar. Wie fühlt sich das an?

Sehr gut. Es ist wie ein Kreis, der sich schliesst. Ich habe die ersten 20 Jahre meines Lebens hier verbracht, und wer weiss, vielleicht werde ich die letzten 20 Jahre auch hier verbringen.

46. Wie aufwändig ist Ihr Präsidialamt beim Schweizerischen Roten Kreuz?

Es ist etwa ein 60-Prozent-Pensum.

«Womit ich generell Mühe habe, sind Social Media und die unkontrollierte Flut von zum Teil falschen Informationen.»

47. Waren Sie selber bereits in einem Krisengebiet zugegen?

Fünf Jahre nach dem Erdbeben durfte ich für eine Reportage der Schweizer Illustrierten über die Projekte des Roten Kreuzes nach Haiti reisen. Ausserdem war ich im Libanon in einem Flüchtlingscamp. Und erst vor einem Monat war ich in Bhutan, denn dort wurde im Mai das Bhutanesische Rote Kreuz gegründet. Das war ein wunderschönes Fest.

48. Gehen Sie Blut spenden?

Ja. Regelmässig.

49. Sind Sie dafür, dass auch Frauen Militärdienst absolvieren?

Nur, wenn es freiwillig ist. Bei einem obligatorischen Zivildienst wäre das etwas anderes. Da würde ein Obligatorium für beide Geschlechter eher Sinn machen.

50. Was nervt Sie an den Medien?

Ich finde grundsätzlich, dass Medien ihre Aufgabe gut machen. Manchmal sind die Titelgestaltungen meines Erachtens nicht adäquat, etwas zu reisserisch. Das finde ich nicht fair, vor allem nicht dem Journalisten gegenüber, der ja häufig die Titel gar nicht selber setzt. Womit ich generell Mühe habe, sind Social Media und die unkontrollierte Flut von zum Teil falschen Informationen und dem Geschäft, das mit den Benutzern gemacht wird. Ich finde es auch problematisch, wenn Politiker und gar Staatsoberhäupter ungefiltert alle ihre Ideen twittern!

 

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