Durchschnittlich 20,7 Vögel sterben pro Jahr durch eine Windmühle. Dies hat die Vogelwarte Sempach in einer Studie herausgefunden. Ein SVPler reibt sich ab dieser Zahl die Hände. (Bild: fotolia/Montage wia)
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Durchschnittlich 20,7 Vögel sterben pro Jahr durch eine Windmühle. Dies hat die Vogelwarte Sempach in einer Studie herausgefunden. Ein SVPler reibt sich ab dieser Zahl die Hände. (Bild: fotolia/Montage wia)

Wenn Vögel für die Politik den Kopf herhalten müssen

4min Lesezeit

Es ist Abstimmungskampf. Die Politiker kämpfen mit harten Bandagen. Und wenn es sein muss auch mit toten Vögeln. Nationalrat Thomas Aeschi setzt bei seinem Einsatz gegen die Energiestrategie 2050 gar Argumente der Umweltschützer selbst ein. Die Vogelwarte Sempach ist nicht entzückt darüber.

Da ahnt man nichts Böses, scrollt, auf der Suche nach Ablenkung durch die eigene Facebook-Wall, und sieht sich plötzlich Auge in Auge mit toten Raubvögeln wieder. Jedenfalls bei denen, die noch einen Kopf haben.

Mit einem Post will der Zuger SVP-Nationalrat seine Gefolgschaft mobil machen gegen die Energiestrategie 2050. Was das mit zerfledderten Raubvögeln zu tun hat? Beim Energiegesetz, über das im Mai abgestimmt wird, geht es darum, den Energieverbrauch zu senken, die Energieeffizienz zu erhöhen und erneuerbare Energien zu fördern.

100'000 tote Vögel wegen der Windenergie?

Zu diesen gehört bekanntlich auch die Windenergie. Doch wehe, findet Aeschi und hebt den virtuellen Mahnfinger, wehe, wir sagen Ja dazu. «Gemäss Hochrechnung auf Basis einer Studie der Vogelwarte Sempach würden jährlich 40'000 bis 100'000 Vögel erschlagen», schreibt der SVP-Nationalrat, der sich bei seinen Zahlen auf die Webseite des Umweltkomitees bezieht. Auch vom Aussterben bedrohte Vogelarten würden verschwinden, warnt der Zuger.

Denn, so die Argumentation, bräuchte die Schweiz 6'250 neue Windkraftwerke, um ihren Strombedarf zu decken. Und wie die Vogelwarte in einer kürzlich durchgeführten Studie herausfand, sterben jährlich 20,7 Vögel pro Anlage. Man rechnet – und kommt auf 129’375 hypothetisch sterbende Tiere.

Obacht beim Hochrechnen

Doch auch jede noch so dramatische Hochrechnung will mit Vorsicht genossen werden. Denn mit der Abstimmung vom Mai stimmen wir nicht darüber ab, woraus wir die Energie künftig konkret gewinnen wollen, sondern darüber, in welche Richtung sich die Schweiz bezüglich Energiepolitik bewegt.  

Aeschis Facebook-Post geht bereits davon aus, dass der gesamte Strom künftig durch Windenergie gedeckt werden muss. Wasserkraft, Solarenergie, eine effizientere Nutzung des Strom; all diese Möglichkeiten lässt er dabei ausser Acht.

«Wir sehen es natürlich gar nicht gern, wenn unsere Daten falsch ausgelegt werden.»

Matthias Kestenholz, Marketingleiter Vogelwarte Sempach

Matthias Kestenholz, Marketingleiter der Vogelwarte Sempach, sagt dazu: «Man muss das relativieren. Die 20,7 Vögel, die durchschnittlich pro Jahr und Windkraftwerk sterben, beziehen sich auf nur eine Studie. Die Zahl dient zwar als Grössenordnung, kann jedoch nicht auf alle Regionen hochgerechnet werden.»

Die Vogelwarte ist nicht entzückt

Fühlt sich die Vogelwarte instrumentalisiert, wenn Politiker mit unverlässlichen Zahlen der Institution argumentieren? «Wir sehen es natürlich gar nicht gern, wenn unsere Daten falsch ausgelegt werden. Doch im Abstimmungskampf wird mit harten Bandagen gekämpft», so Kestenholz lakonisch. «Sowohl Gegner der Energiewende als auch Lobbyisten der Windenergie missbrauchen unsere Daten für ihren Zweck. Auch, wenn dabei Kernaussagen verfälscht werden», sagt der Marketingleiter der Vogelwarte Sempach.

«Die zwecklose Tötung von Zehntausenden von teilweise bedrohten Zug- und anderen Vögeln ist schlicht ein weiteres Argument.»

Thomas Aeschi, SVP-Nationalrat

Thomas Aeschi ist bisher nicht gerade aufgefallen wegen seiner Naturverbundenheit. Darum scheint es etwas befremdlich, dass der SVP-Nationalrat gerade aus der Perspektive des Tierschutzes argumentiert. Man könnte dem Zuger Politiker darum vorwerfen, dass er sich bewusst mit unschönen Bildern öffentlich äussert, weil diese zweifelslos eine grosse Wirkung erzielen.

Dazu sagt Aeschi gegenüber zentralplus: «Eine solche Unterstellung ist falsch. Die zwecklose Tötung von Zehntausenden von teilweise bedrohten Zug- und anderen Vögeln ist schlicht ein weiteres Argument.» Hauptargumente gegen die Energiestrategie 2050 seien jedoch die horrenden Kosten von über 200 Milliarden Franken, die Gefährdung der Versorgungssicherheit und die Zunahme an Bürokratie und Verboten, so Aeschi weiter.

Nur lässt sich die Gefährdung der Versorgungssicherheit wohl kaum effizient bebildern. Zum Zwecke der Publikumswirksamkeit müssen halt doch tote Vögel den Kopf herhalten.

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