Der westliche Tunnelausgang des Nadelöhrs am Zimmerberg. (Bild: Wikimedia Commons)
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Der westliche Tunnelausgang des Nadelöhrs am Zimmerberg. (Bild: Wikimedia Commons)

Wann ist Schluss mit Zugausfall: Diese Zuger kämpfen für einen neuen Tunnel

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Jeder Zuger hat schon einen Termin verpasst wegen ihr: Die Bahnstrecke zwischen Baar und Horgen ist ein Nadelöhr durch den Zimmerberg. Dabei gäbe es Projekte für eine dringend nötige Besserung. Wo der Tunnelausbau feststeckt? Im Machtkampf zwischen den Kantonen – allerdings mit Aussicht auf Erfolg.

Wenn Sie in Zug wohnen, dann haben Sie mit grösster Wahrscheinlichkeit herzlich geflucht, an einem der Februar-Wochenenden. Und zwar dann, wenn Sie eigentlich in den Zug nach Zürich hätten steigen wollen. Und der aber nicht fuhr.

Wie schon letztes Jahr hat die SBB an vier Wochenenden die Strecke zwischen Baar und Horgen Oberdorf wegen Wartungsarbeiten geschlossen (zentralplus berichtete). 60'000 Personen sind von so einer Sperre übers Wochenende betroffen, das hat die Zuger Regierung in einer Antwort auf eine Interpellation geschrieben. Mal vier macht 240'000 – also rund zwei Mal die Bevölkerung des Kantons Zug. Deshalb höchstwahrscheinlich auch Sie. Schuld am Debakel ist die einspurige Tunnelführung zwischen Horgen und Baar.

In Konkurrenz zum Rest der Schweiz

Wie kann es sein, dass zwischen Zug und Zürich so ein Nadelöhr besteht? Das fragen sich Zuger Politiker schon seit längerem. Allerdings ist der politische Weg zu einer Verbesserung lang und mit Fallstricken gespickt. Denn der Kanton Zug ist nicht der einzige, der eine Verbesserung der Bahninfrastruktur haben möchte.

2014 hat der Bund alle Kantone dazu aufgerufen, ihre Bedürfnisse anzumelden. Der Kanton Zug hat sich mit anderen Innerschweizer Kantonen zusammengeschlossen und das Bedürfnis für den Zimmerberg Basistunnel angemeldet – unter anderem.

Der Bund ist nun daran, diese Projekte intern zu bewerten. Bis Ende April will die Verwaltung ihre Arbeit abgeschlossen haben. Rund 12 Milliarden Franken stehen zur Verfügung. Projekte gibt es für 20 Milliarden Franken. Da muss priorisiert werden. Der Bundesrat will bis Ende Jahr einen provisorischen Entscheid fällen und diesen dann für eine Vernehmlassung nochmals zurück in die Kantone geben.

Zimmerberg-Tunnel unter «mögliche Module»

Wie es dabei um den Zimmerberg-Basistunnel II steht, lässt sich noch nicht in Erfahrung bringen. Allerdings hat das Bundesamt für Verkehr (BAV) schon im letzten Herbst erste provisorische Tendenzen kommuniziert, welche grossen Projekte im Ausbauschritt 2030/35 enthalten sein könnten. Und da gibt es gute Nachrichten: «Es wurden drei Kategorien von Infrastrukturprojekten dargestellt», sagt Gregor Saladin, Mediensprecher des Bundesamtes für Verkehr, «der Zimmerberg-Basistunnel lag provisorisch in der zweiten Kategorie.» In der ersten Kategorie, dem sogenannten «Sockel» des Ausbauschrittes 2030, sind zwei Projekte: «Der Leidensdruck ist am grössten in der Region östlich von Zürich und im Dreieck Lausanne, Genf und Yverdon», sagt Saladin.

Gibt Bahnarbeitern immer wieder viel Arbeit: Der Zimmerbergtunnel von innen.
Gibt Bahnarbeitern immer wieder viel Arbeit: Der Zimmerbergtunnel von innen. (Bild: zvg / Gifas.ch)

Ob dem Zimmerberg-Basistunnel die zweite Kategorie («mögliche Module») allerdings auch tatsächlich etwas nützt, bleibt bis zum Entscheid des Bundes offen – immerhin hat er da starke Konkurrenz. Etwa den Ausbau des Bahnhofs Stadelhofen in Zürich oder den Ausbau des Lötschberg-Basistunnels. Und auch wenn: Tatsächlich fertig gebaut würde der Tunnel wohl frühestens zwischen 2035 und 2040 (Zum Vergleich: Der Luzerner Tiefbahnhof gehört zur dritten und aussichtslosesten Kategorie: «weitere netzrelevante Module»).

Kleine Überraschung im Kantonsrat

Kein Wunder, bleibt die lokale Zuger Politik skeptisch. Und es zeichnet sich ein möglicher Wandel ab, hin zu einer günstigeren Lösung: Gerade kürzlich gab es im Zuger Kantonsrat eine kleine Überraschung (zentralplus berichtete).

Eine überparteiliche Motion von Philip C. Brunner und Vertretern der ALG und anderer Parteien fordert von der Regierung, dass sie beim Bund Druck für einen Sanierungstunnel im Zimmerberg machen soll. Das ist Teil der Logik des Projekts «Zimmerberg-light» – einer Alternative zum grossen Zimmerberg-Basistunnel. Das Projekt sieht vor, statt eines grossen, teuren Basistunnels die schon bestehenden Tunnels jeweils mit einem zweiten Tunnel zu ergänzen und so doppelspurig zu machen.

«Das bedeutet nicht, dass die Variante Zimmerberg light nicht zum Thema werden kann.»

Gregor Saladin, Mediensprecher des Bundesamtes für Verkehr BAV

Die Idee hat ein eigenes Komitee von Verfechtern, darunter der ehemalige Zuger ALG-Kantonsrat und ÖV-Experte Martin Stuber und SVP-Kantonsrat Philip C. Brunner. Die Variante sei günstiger als der Zimmerberg Basistunnel – und habe deshalb grössere Chancen auf Realisation.

Zimmerberg light bräuchte «gefestigte politische Haltung»

Allerdings steht sie beim Bund nicht offziell auf dem Programm. «Die Verwaltung hat die Projekte bewertet, die von den Kantonen 2014 eingegeben wurden», sagt Saladin vom BAV. Die Variante Zimmerberg light war nicht darunter. «Das bedeutet aber nicht, dass es nicht zum Thema werden kann», sagt Saladin.

«Wir sind in ständigem Kontakt mit den Kantonen und den jeweiligen Ämtern für öffentlichen Verkehr. » Damit sich ein Alternativ-Projekt wie der Zimmerberg light durchsetzen könne, müsse es aber eine «gefestigte politische Haltung eines Kantons dazu geben», sagt Saladin.

Und in diese Richtung hat der «Coup» von Philip C. Brunner und Co, so nennt ihn jedenfalls das Komitee Zimmerberg-light, offenbar einen kleinen Schritt getan. Denn nun hat der Kanton eine neue Haltung: Der Kantonsrat fordert ganz offiziell vom Bund einen Sanierungstunnel im Zimmerberg – und damit den ersten Schritt zu einer Zimmerberg-light-Lösung.

Wie geht es weiter?

Was bedeutet das nun für die Pendler – verschwindet das Nadelöhr schneller? Wenn Regierungsrat Matthias Michel recht behält, nicht wirklich: Man müsse den Bundesbeschluss 2018 abwarten. «Vor diesem Zeitpunkt einen Bundesbeschluss für Ausbauten zu erwirken, dürfte weder dem Kanton Zug noch anderen Regionen gelingen», sagt Michel.

«Gleichwohl nehmen wir den Motionsauftrag ernst; er zeigt die Dringlichkeit von Kapazitätsverbesserungen auf der Strecke Zug-Thalwil. Wir gedenken, beim Bund vorstellig zu werden, um den rasch zu realisierenden Sanierungstunnel einzubringen.»

Der Druck soll so beibehalten werden, damit der Bund mit dem Ausbauschritt 2030/35 eine adäquate Lösung vorschlage, sagt Michel. «Immerhin hat der Bund die Dringlichkeit erkannt. So hat er bestätigt, dass für den Ausbau am Zimmerberg Projektierungsarbeiten laufen und dass auf der Strecke zwischen Baar und Thalwil sowohl eine Neubaustrecke als auch ein Ausbau der bestehenden Linie geprüft werden.»

 «Es ist ein alter Zuger Reflex, dass man einfach dasitzt und darauf wartet, bis die in Bern etwas für uns unternehmen.»

Philip C. Brunner, SVP-Kantonsrat

Die politischen Mühlen sind also in Gang – ob sich die Idee vom Zimmerberg-light nun quasi in letzter Minute noch durchsetzen kann, bleibt offen. Das Komitee jedenfalls ist guten Mutes. Es lädt am 15. März zu einer Veranstaltung, an der neue Ansätze präsentiert werden sollen.

«Es ist ein alter Zuger Reflex, dass man einfach dasitzt und darauf wartet, bis die in Bern etwas für uns unternehmen», sagt SVP-Kantonsrat und Komitee-Mitglied Philip C. Brunner. «Aber so geht das schon längst nicht mehr, wir müssen selber aktiv werden.»

Dass die Variante Zimmerberg-light nun auch offiziell zur Debatte steht – wenn auch etwas spät – wertet man beim Komitee als Erfolg: «Im BAV werden zurzeit offenbar verschiedene Varianten für einen Kapazitätsausbau zwischen Thalwil und Baar geprüft, darunter auch Zimmerberg light», sagt Martin Stuber vom Komitee Zimmerberg-light. «Dies ist schon mal ein Erfolg für unser beharrliches Lobbyieren. Zu Hoffen ist, dass diese Abklärungen mit einer eigenständigen und umfassenden Optik gemacht werden, und nicht nur SBB-zentriert sind.»

20 Jahre Stillstand?

Es könne gar nicht genug betont werden, sagt Stuber: «falls das vom Volkswirtschaftsdirektor Michel nach wie vor bevorzugte Projekt Zimmerberg Basistunnel II  als Variante in Bern obsiegt, werden wir 20 Jahre Stillstand haben auf der Strecke Zürich-Zug-Luzern.»

Denn angesichts der hohen Kosten des Basistunnnels würde es dieser bestenfalls in den Ausbauschritt 2035 schaffen, so Stuber, was realistischerweise einer Eröffnung frühestens zwischen 2035 und 2040 entsprechen würde.

«20 Jahre Stillstand auf dieser Verkehrsarterie kann sich der Wirtschaftsstandort Zug schlicht nicht leisten», sagt Stuber. «Mit einem raschen partiellen Ausbau zwischen Horgen und Baar könnte die Not gelindert werden. Wir werden nun das Gespräch suchen mit Regierungsrat Michel. »

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