Jolanda Spiess-Hegglin tritt aus dem Zuger Kantonsrat zurück. (Bild: zvg)
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Jolanda Spiess-Hegglin tritt aus dem Zuger Kantonsrat zurück. (Bild: zvg)

Spiess-Hegglin tritt zurück und gründet Anti-Shitstorm-Verein

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Die Zuger Piraten-Politikerin Jolanda Spiess-Hegglin tritt aus dem Kantonsrat zurück. Sie gründet mit der Luzerner Jungpolitikerin Irina Studhalter eine Anlaufstelle für Opfer von Hasskommentaren im Internet. Beide wurden im Internet schon massiv beleidigt. Dagegen wollen sie nun ankämpfen.

«Fotze», «Hure», «Nutte» ­– Im Sekundentakt prasseln Beleidigungen auf Irina Studhalter ein. «Man ist völlig eingenommen», erinnert sie sich. «Alles dreht sich nur noch um das. Du lebst im Bildschirm, du kannst nicht entkommen.» Ohne eine Atempause, ohne Hilfe. Mitten in sozialen Netzwerken ­– ganz alleine. Das soll sich nun ändern.

Jolanda Spiess-Hegglin, die einzige Piratin im Zuger Kantonsparlament, wird zurücktreten: «Ich habe gemerkt, dass ich im Kantonsrat vielfach ignoriert werde, und freue mich darauf, etwas zu machen, was mir wirklich am Herzen liegt.» Ihr habe auch die Menschlichkeit gefehlt im Rat. Die Kantonsrätin will sich nach eigenen Worten ganz aus der Politik zurückziehen. Der Fokus solle auf ihrer Familie und dem neu gegründeten Verein liegen.

Denn untätig bleibt sie nicht: Zusammen mit der ehemaligen Co-Präsidentin der Jungen Grünen Luzern Irina Studhalter hat sie den Verein netzcourage.ch gegründet. Damit wollen die zwei eine Anlaufstelle schaffen für Opfer von Shitstorms und Hatespeech im Internet. Solche «Stürme» entwickeln nämlich seltsame Dynamiken.

Lynchjustiz im Internet

Ein Shitstorm ist wohl am ehesten mit «Lynchmobs» zu vergleichen. Mit dem Internet gibt es aber einen Ort, an dem der Rechtsstaat nur bedingt zu funktionieren scheint. Und Menschen wieder «Hängt sie!» schreien oder schreiben dürfen.

«Ich konnte erst mit niemandem darüber reden», erinnert sich Irina Studhalter. «Obwohl Social Media ja ein grosses Ding ist.» Die ehemalige Co-Präsidentin der Jungen Grünen Luzern geriet ins Visier von Hasskommentatoren, als sie nach den Anschlägen in Brüssel in einem Tweet Rechtspopulisten das Bewirtschaften von Terrorängsten vorwarf. «Meine Eltern verstanden nicht so recht, um was es geht, meine Mitbewohnerin war auch ziemlich hilflos.» Hilfe wusste zu diesem Zeitpunkt jemand, für die das feindliche Schützenfeuer zum Alltag geworden ist.

Ein simpler Rat, der hilft

«Geh einfach mal weg vom PC», riet ihr Jolanda Spiess-Hegglin. Ein simpler Rat, der offenbar half: «Die Tweets, die ich bekam, waren einfach krasse Grenzüberschreitungen», sagt Irina Studhalter. So etwas halte man auf die Dauer nicht aus. «Es braucht manchmal einfach jemanden, der sagt: Logg dich mal aus, mach mal eine Pause», weiss Jolanda Spiess-Hegglin. Nur: Bis jetzt gibt’s niemanden, der das den Betroffenen sagt. Das ändern die zwei nun mit ihrem neu gegründeten Verein «Netzcourage».

«Als Erstes bieten wir einfach mal eine Anlaufstelle», erklärt Irina Studhalter. Eine absichtlich niederschwellige Anlaufstelle: Die Webseite des Vereins ist direkt mit den Social-Media-Kanälen der beiden Gründerinnen verlinkt, so kann einfach und schnell Kontakt aufgenommen werden. «Erstmal können wir beide aus unserer Erfahrung helfen», sagt Spiess-Hegglin. In weiteren Schritten wollen sie aber auch kostenlose Rechtsberatungen anbieten können und Präventionsprojekte durchführen.

Das Neuland soll zivilisiert werden!

«Bis jetzt habe ich nach solchen Stellen vergeblich gesucht», sagt Spiess-Hegglin. Vielleicht hatte Angela Merkel ja recht, als sie meinte, das Internet sei für uns alle Neuland. Neuland muss schliesslich auch irgendwann zivilisiert werden. Aber wer zivilisieren will, wandelt auf einem schmalen Grat. Denn wie stellt man sicher, dass sich nicht einfach ein neuer Mob bildet und gegen die ehemaligen «Hater» hetzt?

«Ich habe auch schon selbst gezielt einen Shitstorm gegen gewisse Dinge lanciert», gibt Spiess-Hegglin zu. Allerdings sei es da um Produkte gegangen und nicht um Personen. «Es kommt auf die Konsequenzen an», erklärt die Zuger Piratin. Und Irina Studhalter stellt klar: «Wir wollen hier nicht unsere Wunden heilen.» Der Verein verfolge ein wichtigeres Ziel: «Unsere Botschaft soll sein: Begegnet euch fair.»

Social Media ist vielleicht doch nicht aus der Hölle

Und faire Begegnungen scheinen im Interesse aller zu sein: «Sogar einer der primitivsten Kommentatoren auf meiner Seite gab ein kurzes Statement zu unserem Verein ab», erzählt Jolanda Spiess-Hegglin. Als Werbung selbstverständlich.

Vielleicht kommt Social Media trotzdem nicht aus der Hölle und Menschen werden dereinst damit umgehen können.

Irina Studhalter kandidiert für die Luzerner Regierungsratswahlen am 29. März.
Irina Studhalter kandidierte für die Luzerner Regierungsratswahlen am 29. März. (Bild: zvg)

SRF-«Reporter» über Jolanda Spiess-Hegglin

Das Schicksal der Zugerin wird am 27. November in einer Sendung thematisiert. SRF-Reporterin Vanessa Nikisch hat Jolanda Spiess-Hegglin für die Sendung «Reporter» mehrmals getroffen. «Dabei ging es nicht um die Frage, was in dieser Nacht wirklich geschah, sondern wie die 35-Jährige ihre familiäre und politische Zukunft retten will», teilte SRF mit.Seit zwei Jahren versuche Spiess-Hegglin, ihren Ruf und die Ordnung in ihrem Leben wiederherzustellen.
Eine schicksalhafte Nacht nach der Landammannfeier im Dezember 2014 brachte das Ende – ihrer Politkarriere, ihres Ansehens, ihrer Normalität. Plötzlich kannte jeder ihren Namen, und die Frage «Opfer oder Lügnerin?» beschäftigte die ganze Nation. War es sexueller Missbrauch unter Einfluss von K.-o-Tropfen oder einvernehmlicher Sex mit Markus Hürlimann? Die staatsanwaltschaftlichen Untersuchungen wurden eingestellt, bewiesen ist bis heute nichts. Und doch habe die Gesellschaft geurteilt. In Briefen, E-Mails und Kommentaren werde die dreifache Mutter zwar auch unterstützt, aber meist hemmungslos beschimpft – bis heute. Und bis heute verteidigt Jolanda Spiess-Hegglin ihre Version der Geschehnisse an der Zuger Landammannfeier; es sei ihr verzweifelter Ruf nach Anerkennung.

Gezeigt wird «Reporter» am Sonntag, 27. November um 21.50 Uhr auf SRF 1.

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