Pirmin Jung gab an der Delegiertenversammlung diesen Donnerstag seinen Rücktritt bekannt.
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Pirmin Jung gab an der Delegiertenversammlung diesen Donnerstag seinen Rücktritt bekannt.   (Bild: zvg)

«Nein, so macht Politik keinen Spass mehr»

11min Lesezeit

Der Luzerner CVP-Kantonalparteipräsident Pirmin Jung tritt zurück. Im Interview spricht er über die Gründe, die noch immer anhaltende Dominanz der CVP und warum die Finanzpolitik momentan keinen Spass macht. Während seine Kontrahenten auch kritische Worte verlieren, wird andernorts bereits über die Nachfolge spekuliert.

zentralplus: Sie treten als Präsident der CVP Luzern auf April 2017 zurück. Warum?

Pirmin Jung: Grundsätzlich bin ich sehr gerne Präsident der CVP und hätte das Amt auch bis nach den nächsten Wahlen gerne weitergeführt. Parteipräsident ist aber zu bestimmten Zeiten ein 40-Prozent-, in Wahljahren gar ein 50-Prozent-Pensum. Aufgrund meiner beruflichen Situation habe ich schlicht keine Zeit mehr. Zur Erklärung: Ich führe ein Ingenieurbüro für Holzbau und für Bauphysik. Zu Beginn meiner Amtszeit hatten wir 24 Mitarbeitende. Mittlerweile sind es 52 an vier verschiedenen Standorten, einer davon in Deutschland. Die Nachfrage nach unseren Dienstleistungen ist gross und unser Know-How gefragt. Ich habe gespürt, ich werde im Unternehmen gebraucht.

zentralplus: Aber genau solche Unternehmer braucht es doch in der Politik?

Jung: Ja natürlich. Ich habe fünf Jahre einen Beitrag geleistet – andere dürfen auch. Es ist doch absolut erstrebenswert, sich für die Gesellschaft einzusetzen.

«Die kulturelle Vermischung wird weiter voranschreiten.»

zentralplus: Was haben Sie als CVP-Präsident erreicht?

Jung: Wir haben organisatorisch eine gut aufgestellte Partei mit vielen aktiven Ortsparteien und einer Vielzahl toller, engagierter Leute. Bei den letzten Kantonsratswahlen konnten wir den Wähleranteil halten – enttäuschend verliefen die nationalen Wahlen. Und auf uns hört man, wenn wir bei der nationalen Partei Inputs einbringen.

Grafik: Die CVP verlor bei den nationalen Wahlen 2015 im Kanton Luzern über 3 Prozent und wurde von der SVP als stärkste Kraft überholt.

zentralplus: «Negativspirale» und «Verliererpartei» sind nur zwei Schlagworte. Woran krankt die CVP auf nationaler Ebene?

Jung: Das ist nicht einfach so mit zwei Sätzen zu sagen. Ich bin aber überzeugt, dass mit Gerhard Pfister der richtige Mann an der Spitze der Partei ist. Unsere Partei hat Zukunft. Ebenso das Zurückbesinnen auf unsere Werte des christlichen Abendlandes, welche auch heute noch unser Zusammenleben prägen. Aber Politik ist manchmal schwierig zu kommunizieren. Ich habe das Gefühl, wir machen vieles richtig und haben gute, konsensorientierte Lösungen. Wenn dann eine Partei mit plakativen Schlagworten und einfachen Lösungen kommt und damit erfolgreich ist, kann das schon frustrieren. Politik ist viel komplexer als sie oftmals dargestellt wird.

Die CVP machte im Wahljahr 2015 mit der «sackstark»-Kampagne auf sich aufmerksam.
Die CVP machte im Wahljahr 2015 mit der «sackstark»-Kampagne auf sich aufmerksam. (Bild: zvg)

zentralplus: Vergisst man in diesem Kontext eigentlich, welche Dominanz die CVP im Kanton Luzern noch immer hat?

Jung: Absolut. Wir sind im Kanton mit Abstand die Nummer 1. Unsere tragende Rolle zeigt sich auch daran, dass 48 Prozent aller Gemeinderäte für die CVP politisieren. Die SVP beispielsweise hat auf Gemeindeebene kaum was zu sagen.

Grafik: Mit 38 Kantonsratssitzen ist die CVP immer noch sehr deutlich vor der SVP mit 29.

zentralplus: Diese Dominanz der «Roten» hat bestimmt auch historische Gründe. Den katholisch geprägten Kanton Luzern kann man als Stammland der CVP bezeichnen. Welche Rolle spielen die christlichen Werte in der heutigen Zeit?

Jung: Die Öffnung, die Internationalisierung ist Realität. Wir müssen dies als Chance und nicht als Gefahr sehen. Die kulturelle Vermischung wird weiter voranschreiten. Und trotzdem: Wir brauchen Heimat und Verwurzelung. Die christlichen Werte sind das Fundament für unser Zusammenleben – sie gehören in Mitteleuropa zwingend dazu. Und für diese Werte steht die CVP ein.

zentralplus: War es für ihre Arbeit als Parteipräsident ein Problem, dass sie selbst kein politisches Amt bekleiden?

Jung: Nun gut, dazu hatte ich keine Zeit. Ich konnte mein Amt auch so ausführen. Aber es stimmt schon, manchmal wäre es einfacher gewesen, ich wäre selbst teil der Fraktion gewesen.

«Es macht keinen Spass.»

zentralplus: Ich nehme an, die Zusammenarbeit mit Geschäftsleitung und Fraktionschef war umso wichtiger.

Jung: Absolut. Wir hatten einen sehr aktiven, offenen und ehrlichen Austausch miteinander.

zentralplus: Seit über einem Jahr ist die SP nicht mehr in der Regierung. Vorher war klar, im links-rechts-Spektrum sind immer die CVP-Vertreter die Mehrheitsbeschaffer. Jetzt stehen sie eigentlich 3 Regierungsräten gegenüber, die rechts von ihnen stehen. Hat die CVP an Macht eingebüsst?

Jung: Nein, wir haben nicht an Gewicht verloren. Unsere Regierungsräte politisieren noch immer genau gleich. Übrigens standen wir zur Konkordanz und hatten nicht das Ziel, die SP aus der Regierung zu werfen. Die Regierung ist sowieso eine Kollegialbehörde, die Bezeichnungen links oder rechts sind für unsere Regierungsräte eher unpassend.

CVP-Grössen an einem Parteianlass unter sich. Von links: Regierungsrat Reto Wyss, Regierungsrat Guido Graf, Parteipräsident Pirmin Jung und CVP-Bundesrätin Doris Leuthard.
CVP-Grössen an einem Parteianlass unter sich. Von links: Regierungsrat Reto Wyss, Regierungsrat Guido Graf, Parteipräsident Pirmin Jung und CVP-Bundesrätin Doris Leuthard. (Bild: zvg)

zentralplus: Zum Inhalt der Kantonalpolitik: Alles dreht sich um Finanzen. Macht es momentan überhaupt noch Spass?

Jung: Nein, so macht Politik keinen Spass mehr. Deshalb hat die CVP an der Delegiertenversammlung diesen Donnerstag auch eine Resolution verabschiedet. Wir fordern den Regierungsrat auf, eine Auslegeordnung zu den wichtigsten Chancen und Risiken in den kommenden 15 Jahren zu erarbeiten. Daraus abgeleitet soll ein Bericht für die angestrebte Positionierung für den Kanton Luzern im Jahr 2030 aufgezeigt werden.

zentralplus: Sehen Sie Licht am Ende des Tunnels bezüglich Finanzen?

Jung: Ja, trotz schwierigen Zeiten bin ich davon überzeugt. Wir müssen das KP17 und den Aufgaben- und Finanzplan durchbringen, auch wenn es schmerzt. Und danach müssen wir sofort beginnen, die Zukunft unseres Kantons zu gestalten.

zentralplus: Was muss ihr Nachfolger oder ihre Nachfolgerin mitbringen?

Jung: Auf alle Fälle muss man gut mit Leuten umgehen können. Und seine persönliche Meinung muss man auch mal zurückhalten, das heisst, in Diskussionen die Rolle des Moderators einzunehmen. Weiter braucht es viel politisches Verständnis. Ich bin überzeugt, dass die Findungskommission unter der Leitung von Franz Wüest eine motivierte Person finden wird, welche mit viel Elan und Tatendrang die CVP in die Zukunft führt.

Auf Twitter laufen derweil bereits erste Spekulationen. Andrea Gmür macht sich für den ehemaligen Kantonsratspräsidenten Franz Wüest stark:

 

Parteikollegen bedauern – Kontrahenten üben auch Kritik

Die Ankündigung von Pirmin Jungs Rücktritt kommt doch eher überraschend. Wir haben politische Wegbegleiter und Kontrahenten befragt, wie sie die Zusammenarbeit mit dem abtretenden CVP-Präsidenten erlebt haben.

CVP-Ständerat Konrad Graber:

«Ich schätze Pirmin Jung als Parteipräsidenten sehr. Da ich diese Funktion ja selber einmal ausgeübt habe, weiss ich, was damit an Arbeit verbunden ist. Primin Jung ist als Kantonalpräsident breit akzeptiert und hat die Partei strategisch gut geführt. Man stellt bei ihm den Unternehmer-Hintergrund fest, was ich besonders schätze. Zum Glück gibt er der Partei Zeit, eine hoffentlich ebenso kompetente Nachfolgerin oder einen Nachfolger zu wählen.»

CVP-Vizepräsidentin Yvonne Hunkeler:

«Ich bedaure persönlich den Rücktritt von Pirmin Jung sehr, seine Beweggründe sind aber nachvollziehbar und zu respektieren. Ich habe die Zusammenarbeit mit Pirmin Jung in den vergangen Jahren sehr geschätzt, sie war kollegial und politisch gradlinig.»

SVP-Präsident Franz Grüter:

«Pirmin Jung war, auch wenn wir in politischen Fragen das Heu nicht auf der gleichen Bühne haben, ein sehr umgänglicher und fairer Partner als Parteipräsident. Mein Austausch mit ihm war gut und ich schätze Pirmin Jung als Mensch und Unternehmer. Schade ist, dass die CVP unter seiner Führung in politischen Fragen oft bürgerliche Mehrheiten, insbesondere auch mit der SVP, verhindert hat. Der Rücktritt von Pirmin Jung kommt zwar überraschend, ist aber aufgrund der sehr hohen zeitlichen Belastung dieses Amtes sicherlich nachvollziehbar.»

SP-Präsident David Roth:

«Pirmin Jung ist ein sehr umgänglich Amtskollege und ich habe ihn nach meinem Amtsantritt auch in seiner Firma besucht und kennen gelernt. Ich habe seinen Willen gespürt, Brücken zu bauen. Ich habe seine Bemühungen, alle relevanten Kräfte einzubinden, insbesondere bei den Regierungsratswahlen sehr geschätzt. Es scheint mir aber, dass es ihm nicht gelungen ist, eine Führungsrolle im Kanton Luzern zu übernehmen. Schon nur seine Partei über die verschiedenen Ebenen, hinweg zu einigen, scheint mir im Moment ein Ding der Unmöglichkeit. Anders ist nicht zu erklären, dass die Regierung, der Kantonsrat und die Gemeinden sich derart uneins sind, insbesondere in der Finanzpolitik. Insofern ist er auch ein Symbol der bürgerlichen Führungskrise.»

FDP-Präsident Markus Zenklusen:

«In der relativ kurzen Zeit der Zusammenarbeit, hatte ich einige sehr konstruktive Gespräche mit Pirmin Jung. Respekt für die Leistung als erfolgreicher Holzbau-Unternehmer sich zusätzlich für das CVP-Präsidium zu engagieren. Es wäre von Vorteil gewesen, wenn es der CVP gelungen wäre, ihre langfristigen Strategien für den Kanton Luzern früher umzusetzen.»

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