Über 1200 Unterschriften gesammelt: Die Initianten bei der Einreichung ihrer Forderung in Luzern. Auf dem Bild fehlt Meret Schneider. (Bild: jal)
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Über 1200 Unterschriften gesammelt: Die Initianten bei der Einreichung ihrer Forderung in Luzern. Auf dem Bild fehlt Meret Schneider. (Bild: jal)

Nationale Denkfabrik will Luzern vegan machen

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Luzern soll nachhaltiger werden: Eine Initiative verlangt, dass in städtischen Kantinen täglich ein veganes Menü angeboten wird. Für das Begehren sind innert 48 Stunden über 1200 Unterschriften zusammengekommen. Die Idee stammt aber nicht aus Luzern, sondern wurde importiert.

In städtischen Kantinen, die mehr als ein Menü anbieten, soll täglich ein veganes Gericht auf den Tisch kommen. Das verlangt eine Initiative, die diesen Montagnachmittag eingereicht wurde. Am Samstag und Sonntag, innert nur zwei Tagen, haben die Initianten mehr als 1200 Unterschriften gesammelt.

Sie fordern: Die Stadt Luzern soll das Angebot an veganer und vegetarischer Ernährung fördern und die Bevölkerung über nachhaltige Ernährung informieren. «Viele wissen nicht, dass die Nutztierhaltung zu einem grossen Teil mitverantwortlich ist für den Klimawandel», sagt Meret Schneider. Sie ist Projektleiterin bei der Denkfabrik Sentience Politics, die hinter der Initiative steht und sich besonders für Tierrechte einsetzt. Unterstützt wurde die Initiative auch von Luzerner Politikern, unter anderem sind die Grossstadträte Enver Candan (SP) und Noëlle Bucher (Grüne) im Initiativkomitee.

Ihnen geht es aber nicht nur ums Klima, sondern auch ums Tierwohl, um die Gesundheit und um den globalen Hunger. Es sei wichtig, dass die Leute wissen, dass auch Bio-Kühe Methan ausstossen und ihre Haltung Treibhausgase produziert, dass viele Tiere Soja fressen, für dessen Anbau im Ausland viel Wald abgeholzt wird, und dass die Tierproduktion Unmengen Wasser verschlingt.

Vegane Trends

50 Kilogramm Fleisch isst der durchschnittliche Schweizer pro Jahr. Veganer hingegen verzichten auf sämtliche tierischen Produkte: Sie essen kein Fleisch, keinen Käse, keine Eier und trinken keine Milch. Wie verbreitet Veganismus ist, darüber existieren kaum verlässliche Zahlen. Eine Studie kam 2009 zum Schluss, dass sich rund zwei Prozent der Bevölkerung vegetarisch ernährt – und rund ein Zehntel davon vegan.

«Jeder kann immer noch so viele Steaks essen, wie er will.»

Meret Schneider, Projektleiterin

Dennoch verzichten immer mehr Leute auch mal auf Bratwurst oder Fondue und essen einen Tofu-Burger oder eine asiatische Gemüsepfanne. Vegane Restaurants, Kochbücher oder Produkte findet man heute überall. Und doch werden Veganer oft als Radikale empfunden, als Öko-Fundis, Hardliner, besserwisserische Missionare, Spassbremsen.

Fleischlos essen in Luzern

In Luzern ist mit dem Tibits letztes Jahr die grösste vegetarische Kette der Schweiz in den Bahnhof gezogen. Das Tibits bietet auch viele vegane Speisen an und kennzeichnet sie entsprechend. In Emmenbrücke gibt es mit dem Adler und dem Gersag zwei Lokale mit explizit veganen Menüs.

Auch in Luzern gibt es beispielsweise beim CrazyCupcake Cafe oder beim Jilalu einzelne vegane Gerichte, in der Jazzkantine vegane Mittagsmenüs und im Hotel Montana gar eine eigene vegane Karte. Vegane Gerichte erhält man zudem in vielen asiatischen Restaurants, allerdings sind sie nicht explizit als solche gekennzeichnet. Insgesamt ist das vegane Angebot in Luzern im Vergleich mit anderen Städten aber überschaubar.

Meret Schneider und ihre Mitstreiter, die für die Initiative sammeln, kennen die Reaktionen. Sie sind sich bewusst, dass sie mit ihren Forderungen bei vielen auf Granit beissen. «Oft diskutiere ich mit den Menschen und merke, dass ihnen die Argumente ausgehen und sie dann ein schlechtes Gewissen bekommen», sagt eine ältere Luzernerin, die sogar ihren Hund vegan ernährt und auch auf Unterschriftenfang ging. Es sei jedoch eine Generationenfrage, findet sie: Jüngere empfindet sie als weit aufgeschlossener.

«Wieso wollen Sie den Leuten vorschreiben, was sie essen sollen?» Auch das ist ein Satz, den die Initianten häufig hören. Und den Meret Schneider sofort zurückweist. Es gehe ihnen nicht darum, jemandem etwas zu verbieten oder auf Genuss zu verzichten. «Jeder kann immer noch so viele Steaks essen, wie er will. Aber es gibt daneben einfach noch ein veganes Angebot.»

Vielmehr sei es so, dass den Veganern heute verunmöglicht werde, sich nach ihren Vorlieben zu ernähren. «Dort besteht eine Einschränkung», sagt die 23-Jährige, die im zürcherischen Uster für die Grünen im Parlament sitzt. Der Ansatz der Initiative sei liberal.

Unklares Ausmass

Unabhängig von den Chancen der Initiative: Wie viel sie verändern würde, ist unklar. Denn welche Betriebe umstellen müssten, können weder die Initianten noch die Stadt beantworten. Klar ist, dass private Restaurants nicht betroffen wären, sondern nur «Verpflegungseinrichtungen öffentlich-rechtlicher Anstalten sowie weiterer Verwaltungsträger». 

 

Projektleiterin Meret Schneider (Mitte) freut sich, dass das Anliegen bei den Luzernern so gut angekommen ist. (Bild: zvg)
Projektleiterin Meret Schneider (Mitte) freut sich, dass das Anliegen bei den Luzernern so gut angekommen ist. (Bild: zvg)

Dazu zählen ziemlich sicher Mittagstische an Schulen oder Kinderhorten. Fallen unter die Bestimmung auch die (privatrechtlich organisierten) Altersheime und die vier Restaurants, die der Stadt gehören, aber verpachtet sind? «Das sind in meinen Augen Grenzfragen», sagt der Luzerner Stadtschreiber Toni Göpfert. «Sie müssten im Rahmen der Umsetzung geprüft werden.» Einen betroffenen Betrieb kann Göpfert aber sicher nennen: das Personalrestaurant.

Im Fall der restriktivsten Auslegung könnten also nur die städtischen Angestellten und möglicherweise einige Schulkinder ein veganes Angebot bestellen. Schneider verweist darauf, dass mit der zweiten Forderung, einer Infokampagne, trotzdem viel mehr Leute erreicht würden. «Es geht zudem gerade auch darum, bei Privaten ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die Nachfrage da wäre.» Sie verweist auf die letztes Jahr eröffnete vegane Mensa der Universität Zürich: Da stünden die Gäste täglich Schlange – und nun hätten auch private Betriebe reagiert. 

«Wir hoffen, in Luzern eine Aktionsgruppe ins Leben zu rufen.»

Meret Schneider, Projektleiterin

Importierte Initiative

Die Denkfabrik Sentience Politics ist schweizweit tätig und die Zentralschweiz nur eines von vielen Betätigungsfeldern. Luzern ist auch nicht die erste Stadt, in der die Vegan-Initiative lanciert wurde. In Zürich und im Kanton Basel-Stadt ist das Begehren noch hängig, wobei die Zürcher Stadtregierung die Forderung ablehnt.

Im Unterschied zu diesen zwei früheren Versionen fordern die Initianten in Luzern nicht nur vegane Kost, sondern auch regionale und saisonale. Denn genau die einseitige Ausrichtung auf veganes Essen wurde ihnen in Zürich zum Vorwurf gemacht. Für Nachhaltigkeit und das Klima seien saisonale Produkte aus der Region genauso wichtig, monierte dort die Stadtregierung.

Und wieso folgt jetzt gerade Luzern? Einerseits, weil es für eine Initiative in der Stadt nur 800 Unterschriften brauche, argumentiert Schneider. Ein Sammelwochenende reichte den Initianten, der Aufwand war überschaubar. Wieso das wichtig ist? Weil das Ziel von Sentience Politics auch darin besteht, möglichst viele Leute mit ihrer Botschaft zu erreichen – und das ist bei einer Abstimmung der Fall. Andererseits sagt Meret Schneider, im Bereich der Nachhaltigkeit und der veganen Ernährung laufe in Luzern nicht so viel. «Wir hoffen, durch die Initiative eine kleine Aktionsgruppe ins Leben zu rufen.»

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