Wer ersetzt Stefan Roth (Zweiter von rechts) im Luzerner Stadtrat? Stadtpräsident Beat Züsli (SP), Adrian Borgula (Grüne), Manuela Jost (GLP), Martin Merki (FDP) (v.l.n.r).
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Wer ersetzt Stefan Roth (Zweiter von rechts) im Luzerner Stadtrat? Stadtpräsident Beat Züsli (SP), Adrian Borgula (Grüne), Manuela Jost (GLP), Martin Merki (FDP) (v.l.n.r).

«Weniger Charisma und starke Konkurrenz»

6min Lesezeit

Die Luzerner Stadtratswahlen sind Geschichte. Und sie haben auch Geschichte geschrieben. Erstmals hat Luzern einen linken Stadtpräsidenten. Ein Politologe klärt auf, was dies für Luzern bedeuten könnte.

Historisches Resultat: Die Stadt Luzern hat erstmals einen linken Stadtpräsidenten. Beat Züsli schaffte die Wahl und stiess den amtierenden Stapi Stefan Roth vom Chefsessel (zentralplus berichtete). Schon bei den Parlamentswahlen hat die SP gewonnen, mit der Eroberung des Stadtpräsidiums setzt sie ihrem Wahlkampf endgültig die Krone auf. Wir haben mit dem Luzerner Politologen Olivier Dolder gesprochen.

zentralplus: Olivier Dolder, sind Sie überrascht, dass Züsli die Wahl geschafft hat?

Olivier Dolder: Mich überrascht insbesondere die Deutlichkeit des Resultats. Immerhin trat Züsli gegen einen amtierenden Stadtpräsidenten an. Ich hätte ein viel engeres Rennen zwischen den beiden erwartet.

zentralplus: Weshalb ist Luzern reif für einen linken Stapi?

Dolder: Die SP und das gesamte linke Lager sind in der Stadt stark, das sieht man auch an den Wähleranteilen. Dennoch: Eine linke Mehrheit gibt es nicht. Ich denke, der Deal mit der GLP hat sich für die SP gelohnt. Kommt hinzu, dass nach dem ersten Wahlgang ein Momentum entstanden ist. Roth war plötzlich angreifbar.

«Seine erste grosse Herausforderung ist es, die Wogen aus dem Wahlkampf zu glätten.»

zentralplus: Was wird sich in der Stadt Luzern nun verändern?

Dolder: Man muss sehen, dass sich parteipolitisch nichts verändert hat. Die politische Stossrichtung wird also die gleiche bleiben. Nach aussen wird die Stadt nun einfach von Züsli vertreten. Intern wird neu Züsli die Sitzungen leiten. Und seine erste grosse Herausforderung ist es, die Wogen aus dem Wahlkampf zu glätten. Immerhin haben sich Stefan Roth und Manuela Jost gegenseitig zur Abwahl empfohlen.

zentralplus: Die Stadt wird immer linker, doch der Kanton ist stramm bürgerlich. Wird es Probleme geben?

Olivier Dolder, Politexperte
Olivier Dolder, Politexperte (Bild: zvg)

Dolder: Im Prinzip gibt es diese Konflikte schon. Die Stadt ist bekanntlich auch aus dem Verband der Luzerner Gemeinden ausgetreten, weil sie sich von diesem zu wenig wahrgenommen fühlte. Klar kann Züsli jetzt eine stärkere Haltung ankündigen, aber um Druck auf den Kanton ausüben zu können, benötigt die Stadt auch die Unterstützung der Agglomerationsgemeinden.

zentralplus: Stefan Roth wurde als Bisheriger abgewählt. Warum?

Dolder: Da kommen wahrscheinlich mehrere Faktoren zusammen. Aber es ist grundsätzlich schon speziell, dass ein Bisheriger ohne grosse Skandale an der Wiederwahl scheitert. Es könnte an seiner Funktion als Finanzdirektor liegen. Den einen spart er zu viel, anderen zu wenig und den Dritten am falschen Ort. Ein weiterer Grund: Stefan Roth hat weniger Charisma als etwa Urs W. Studer oder Franz Kurzmeyer. Und zu guter Letzt war mit Beat Züsli auch die Konkurrenz stark. Ihm ist es gelungen, das linke Lager stark zu mobilisieren, und er konnte letztlich auch von den GLP-Stimmen profitieren.

«Es lief eindeutig mehr als auch schon.»

 

zentralplus: Jetzt setzte es die nächste Schlappe für die CVP ab. Wie kommt sie zurück auf die Erfolgsspur?

Dolder: Ein Patentrezept dazu gibt es nicht. Aber es ist nichts Neues, dass die CVP zu kämpfen hat. Der Partei fehlt ein klares Profil, ein Alleinstellungsmerkmal. In diesem Zusammenhang muss auch der Schulterschluss mit der SVP kritisch analysiert werden.

zentralplus: Wie haben Sie den Wahlkampf allgemein wahrgenommen?

Dolder: Es lief eindeutig mehr als auch schon. Diverse Geschichten (Geheimdeal oder Doppelfunktion Stapi und Finanzdirektor) wurden in den Medien diskutiert, das ist sicherlich positiv. Auch wenn man anfügen muss, dass dies nicht zu einer breiten Diskussion über die Zukunft der Stadt geführt hat. Eher schlachteten die politischen Gegner die Storys aus.

«Das war natürlich ein gefundenes Fressen für die Gegner.»

zentralplus: Was halten Sie eigentlich vom Geheimdeal der SP mit der GLP?

Dolder: Es würde der Sache dienen, wenn man den Deal offenlegen würde. Absprachen unter Parteien gab es immer wieder. Aber wenn man schon kommuniziert, dass man einen Deal gemacht hat, dann sollte man ihn auch offenlegen. Das war natürlich ein gefundenes Fressen für die Gegner.

zentralplus: Zum Schluss noch kurz zur SVP. Sie scheiterte erneut, obwohl sie mit ihrem Präsidenten Peter With einen durchaus valablen Kandidaten stellte. Wieso kann die SVP nicht über ihre Parteigrenze hinaus mobilisieren?

Dolder: Es gab den bürgerlichen Schulterschluss. Aber dennoch ist die SVP für viele CVP-Wähler politisch zu weit entfernt. Rund 36 Prozent der Stadtluzerner wählten Peter With. Das heisst, ein Grossteil der CVP und wohl auch ein Teil der FDP-Wähler unterstützten ihn nicht. Die SVP hat es bei Majorzwahlen meistens schwer, das ist nichts Neues.

 

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