Beat Züsli lässt sich nach der Wahl von seinen Anhängern in der Kulturbeiz Meyer feiern. (Bild: Jonas Wydler)
Politik Update: Mit Video und weiteren Stimmen

Beat Züsli lässt sich nach der Wahl von seinen Anhängern in der Kulturbeiz Meyer feiern. (Bild: Jonas Wydler)

Züsli über Roth: «Das ist nicht einfach für ihn»

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Damit hat niemand ernsthaft gerechnet: Die SP erobert mit Beat Züsli erstmals das Luzerner Stadtpräsidium. Das ist eine weitere grosse Klatsche für den Amtshinhaber Stefan Roth von der CVP. Diese kriegt dazu auch noch ein paar verbale Ohrfeigen von der SP.

Luca Wolf

Beat Züsli hat geschafft, woran kaum einer glaubte. Er hat das Duell gegen Stefan Roth ums Stadtpräsidium für sich entschieden. Und zwar sehr, sehr klar. Züsli holte 12’650 Stimmen, Roth nur 9388. Die Stimmbeteiligung lag bei hohen 44 Prozent.

Durch ein stadtinternes Leck drang Züslis Sieg schon eine halbe Stunde vor der offiziellen Bestätigung an die Öffentlicheit. SP-Kantonalpräsident David Roth reagierte auf Facebook prompt.

 

SP-Kantonalpräsident David Roth freut sich auf Facebook über Züslis Sieg.
SP-Kantonalpräsident David Roth freut sich auf Facebook über Züslis Sieg.

Erst mal tief durchatmen

Beat Züsli betrat diesen Sonntag kurz vor 14 Uhr als Erster der zum zweiten Wahlgang angetretenen Stadtratskandidaten den Lichthof im Stadthaus, wo sich Freunde und Journalisten versammelten. Ganz Züsli-like, trat er etwas scheu vor die Medien und liess sich vom Rummel etwas überfordert wirkend ablichten. Grosse Gesten und Emotionsausbrüche sind nicht seine Sache. «Als ich das Ergebnis erfahren habe, musste ich zuerst mal tief durchatmen», sagte er anschliessend gegenüber zentralplus. Auf die Frage, ob er Mitleid mit Stefan Roth habe, antwortete Züsli ausweichend: «Natürlich ist das Ergebnis hart für ihn.»

Mit Beat Züsli hat die Stadt Luzern erstmals einen linken Stadtpräsidenten. Er wirft Stefan Roth (CVP) aus dem Amt.
Mit Beat Züsli hat die Stadt Luzern erstmals einen linken Stadtpräsidenten. Er wirft Stefan Roth (CVP) aus dem Amt. (Bild: jakob ineichen)

Nun wird es laut dem neuen Luzerner «Stapi» eine Herausforderung, die Zusammenarbeit im neuen Stadtrat aufzugleisen. Denn Roth muss sein Chefbüro räumen, Züsli wird dort einziehen. «Das ist sicher nicht einfach für ihn, wir werden darüber sicher Gespräche führen müssen.» Er sei aber zuversichtlich, dass man die Zusammenarbeit in der Exekutive gut lösen könne. An der parteipolitischen Zusammensetzung wird sich nichts ändern (zentralplus holte auch hierzu verschiedene Stimmen ein).

Züsli hat Vorsprung ausgebaut

Vom superklaren Ergebnis sei er selber überrascht worden, so Züsli: «Ich habe mir zwar Chancen ausgerechnet, allerdings mit einem sehr knappen Ausgang. Nun freue mich sehr darüber.» Dass er nun nicht mehr 200 Stimmen vor Roth lag, sondern 3000, sei ein enorm schönes Zeichen seitens der Bevölkerung.

Das sei der Lohn für die SP, in den letzten Jahren die drängendsten Fragen der Bevölkerung angegangen zu sein. Als Thema nennt Züsli die Wohnraumpolitik, den Verkehr und die Finanzen. «Hier war unsere Partei sehr aktiv und auch oft erfolgreich.»

«Ich möchte unsere Aussenpolitik verstärken.»

Beat Züsli, frischgewählter Stadtpräsident

Nun hat die Stadt Luzern also keinen Roth mehr als Stadtpräsidenten, sondern einen Roten. Wie wird die Bevölkerung dies spüren? Züsli wiegelt ab: «Wir haben ja weder im Parlament noch im Stadtrat eine linke Mehrheit. Aber zumindest in ökologischen Fragen können SP, Grüne und GLP künftig für Mehrheiten sorgen.» Bekanntlich verändern sich die Kräfteverhältnisse im Parlament auf die neue Legislatur hin. Die CVP verliert zwei Sitze, die SP gewinnt zwei. Das ergibt in energetisch-ökologischen Fragen zusammen mit der GLP ein Allianz, die für Mehrheiten sorgen kann.

Züsli nennt zudem noch einen weiteren Punkt, wo er Akzente setzen will: «Ich möchte unsere Aussenpolitik verstärken. Speziell in finanzpolitischen Fragen müssen wir Gemeinden uns gegenüber dem Kanton stärker wehren.»


Roth will nicht zurücktreten

Der grosse Verlierer dieses Wahlsonntags, Stefan Roth, betrat den Lichtsaal im Stadthaus als Letzter, und mit eisiger Miene. Was man ihm kaum verübeln kann. Zuletzt wurde ein amtierender Stadtpräsident 1845 abgewählt. Wortkarg und sichtlich angespannt gab er den Journalisten Auskunft. Wobei er schon nach drei Minuten ein Glas Wasser anfordern musste, um seine Stimme wieder zu finden.

«Ich wurde als Stadtrat wieder gewählt und gehe nun mein Amt an.»

Stefan Roth, abgewählter Stadtpräsident

Als Erstes gratulierte Roth seinem Kontrahenten Züsli zur Wahl. Dann sagte er: «Wenn man in der Politik ist, weiss man, dass man sich auch mit solchen Situationen auseinandersetzen muss.» Er habe nach dem ersten Wahlgang nicht damit rechnen können, dass die Wiederwahl als «Stapi» ein Spaziergang werde. Warum er nicht zulegen konnte und er von Züsli dermassen abgehängt wurde, könne er jetzt noch nicht sagen. Das müsse er in den nächsten Tagen und Wochen analysieren.

Sehen Sie hier, wie Stefan Roth das Stadthaus betritt (verwackelte Aufnahme).


Auch auf die Fragen, ob er nun als Stadtrat zurücktrete und wie es für ihn sei, wenn er nun sein «Stapi»-Büro räumen muss, mochte Roth nicht richtig antworten. Seine Enttäuschung zügelnd, antwortete er: «Ich wurde als Stadtrat wieder gewählt und gehe nun mein Amt an. Und ums Büroräumen geht es hier gar nicht.»

Der alte und der neue Stadtpräsident: Stefan Roth (links)  und Beat Züsli (Bild: Jakob Ineichen).
Der alte und der neue Stadtpräsident: Stefan Roth (links)  und Beat Züsli (Bild: Jakob Ineichen).

Überraschender erster Wahlgang

Stefan Roth gegen Beat Züsli – das war auch das Duell Überraschungsverlierer gegen Überraschungssieger. Roth wurde im ersten Wahlgang vom 1. Mai bekanntlich von vielen Wählern abgestraft und verpasste im Kampf um die Wiederwahl als Stadtrat das absolute Mehr deutlich. Neuling Beat Züsli hingegen schaffte diese Hürde locker.

Ein zweiter Nidwaldner im Stadtrat

Wie Stadtrat Adrian Borgula ist auch Beat Züsli gebürtiger Nidwaldner: Er wurde 1963 in Beckenried NW geboren, seit 1994 lebt er in Luzern. Züsli wohnt mit seiner Partnerin Kathrin Krammer im Sternmatt-Quartier. Er hat einen Sohn aus erster Ehe. Züsli ist studierter Architekt und hat sich mit einem eigenen Büro auf energiesparendes Bauen und Sanieren spezialisiert. Ausserdem ist er Dozent an der Hochschule für Technik und Architektur in Horw.

Von 1998 bis 2009 sass Beat Züsli für die SP im Grossen Stadtrat, seit 2015 ist Züsli Kantonsrat. Dieses Mandat gibt er wegen seiner Wahl vom 1. Mai in den Luzerner Stadtrat nun wieder ab. Züsli ist Vorstandsmitglied des Schweizerischen Mieterinnen- und Mieterverbands und Mitglied der eidgenössischen Kommission für Wohnungswesen.


Selbst bei der Wahl zum Stadtpräsidenten vereinte Züsli mit 10’515 Stimmen rund 200 Stimmen mehr als Roth. Weil jedoch auch Züsli das absolute Mehr nicht schaffte, brauchte es auch für diesen Posten einen zweiten Wahlgang.

Warum Stefan Roth (und mit ihm die ganze CVP, die 2,5 Prozent Stimmen verlor und im Parlament zwei von neun Sitze an die SP abgeben musste) im ersten Wahlgang so schlecht abgeschnitten hat, ist vielen Politbeobachtern ein Rätsel. Denn Roth hat in seiner Legislatur keine grossen Böcke geschossen, sondern immerhin die arg in Schieflage geratenen Finanzen wieder saniert. Und auch die CVP-Fraktion leistete die letzten vier Jahre gute Arbeit und war massgeblich an den wichtigsten Entscheiden beteiligt.

Möglicherweise war die laue, etwas selbstzufriedene Kampagne von Roth im ersten Wahlkampf mit ein Grund? Oder weil die bürgerlichen Littauer «ihrem» Stapi die Gefolgschaft verweigerten? Oder weil viele Bürger die Roth’sche Ämterkumulation Stadtpräsident/Finanzchef nicht mehr goutierten? Man darf gespannt sein, auf welches Ergebnis die CVP kommt. Nach den Sommerferien sollen die ersten Resultate vorliegen.

Ohrfeige für CVP von SP

Aus dem Häuschen war diesen Sonntag natürlich auch das SP-Parteikader. Kantonalpräsident David Roth etwa sagte: «Das ist ein fantastischer Erfolg für uns. Die Bevölkerung stützt unsere Politik und hat den Richtigen als Stapi gewählt.» Als Gründe für den Überraschungserfolg nennt Roth (der nicht mit Stefan Roth verwandt ist), die «unaufgeregte, aber fordernde Art» von Züsli. Zudem habe sich die CVP nach dem ersten Wahlgang in einer Negativspirale befunden.

«Völlig unglaubwürdig»

Ein Fehler der CVP ist es laut David Roth auch gewesen, mit der FDP und vor allem der SVP den «bürgerlichen Schulterschluss» einzugehen. Die drei bürgerlichen Parteien kämpften im zweiten Wahlkampf Seite an Seite für einen bürgerlichen Stadtrat. David Roth sagt: «Dieser Zusammenschluss war für die CVP völlig unglaubwürdig. Wir hoffen, dass die Partei nach diesem Debakel nun über die Bücher geht und wegkommt von der Idee, zusammen mit Zünftlern und dem Wirtschaftsverband eine rechtskonservative Linie zu fahren.» Nun gehe es für die SP darum, mit der CVP und FDP vermehrt nach Gemeinsamkeiten zu suchen.

SP steht in der Verantwortung

Auch Claudio Soldati, Präsident der städtischen SP, war überwältigt von Züslis Ergebnis: «Vor allem diese Deutlichkeit hat uns überrascht. Damit haben wir nicht gerechnet.» Züsli habe einen superben Wahlkampf hingelegt und sei mit seinen Themen und Werten offenbar sehr gut angekommen in der Bevölkerung. «Nun liegt natürlich eine grosse Verantwortung auf Züsli und uns als SP. Denn nun müssen wir beweisen, dass wir das Stadtpräsidium führen können.»

Lesen Sie hier alles zum Thema Wahlen. Unser letzter Beitrag: Gegenüber zentralplus machen die Parteien das erste Mal transparent, wie viel Geld sie in den Wahlkampf stecken. 

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