Beat Züsli lässt sich vor dem Wasserkraftwerk am Mühleplatz fotografieren, «weil ich Freude daran habe, dass mitten in Luzern täglich erneuerbare Energie produziert wird». (Bild: lru)
Politik Stadtratswahlen

Beat Züsli lässt sich vor dem Wasserkraftwerk am Mühleplatz fotografieren, «weil ich Freude daran habe, dass mitten in Luzern täglich erneuerbare Energie produziert wird». (Bild: lru)

Er will der erste linke Stadtpräsident werden

12min Lesezeit

SP-Kandidat Beat Züsli war der grosse Sieger der Stadtratswahl vom 1. Mai. Nun tritt er an, den amtierenden CVP-Stadtpräsidenten Stefan Roth vom Thron zu kippen. Im Interview spricht er über sein anfängliches Zaudern, die Gründe, warum er der bessere «Stapi» wäre und ob er dann zum grossen Salle-Modulable-Verhinderer würde. Den letzten Punkt mag Züsli allerdings nicht schlüssig beantworten.

Luca Wolf

10'515 Stimmen, gewählt als Stadtrat im ersten Wahlgang: Beat Züsli ist der Überflieger der Stadtratswahlen. Selbst im Kampf ums Stadtpräsidium distanzierte er am 1. Mai den amtierenden «Stapi» Stefan Roth (CVP) um rund 200 Stimmen. Weil bei dieser Wahl aber keiner der beiden Politiker das absolute Mehr erreicht hat, müssen sie in den zweiten Wahlgang − zu diesem muss Roth auch als Stadtrat antreten. Der zweite Wahlgang findet am 5. Juni statt und würde bei einem Sieg für Züsli und seine SP in die Geschichte der Stadt Luzern eingehen. Grund genug also, sich den 53-Jährigen ein weiteres Mal vorzuknöpfen (HIER geht's zum grossen 30-Fragen-Interview samt Videos, welches wir mit Züsli vor dem 1. Mai geführt haben).

zentralplus: Beat Züsli, Sie wurden überraschend gleich im ersten Wahlgang in den Stadtrat gewählt. Nun werden Sie also Stadtrat – wie geht’s mit Ihrer Einmannfirma weiter?

Beat Züsli: Ich bin daran, mein Büro aufzulösen und meine Arbeiten abzugeben und zu verteilen. Laufende Projekte möchte ich soweit möglich abschliessen. Auch mein Mandat Leiter eines Weiterbildungskurses (CAS Energieberatung) an der Fachhochschule Technik und Architektur in Horw gebe ich jemandem weiter. Ganz leicht fällt mir das zwar nicht, immerhin bin ich seit über 20 Jahren als Selbstständiger aktiv. Es gibt viele Arbeiten und Kontakte, die mir wichtig sind. Aber das war mir natürlich bewusst, als ich mich für die Wahl aufstellen liess.

zentralplus: Am 1. September beginnt Ihre Arbeit als Stadtrat offiziell. Wie muss man sich das vorstellen?

Züsli: Meine Vereidigung als Stadtrat durch das Stadtparlament findet bereits im Juni statt. Ganz wichtig wird der 8. Juni (mein Geburtstag!). Dann nämlich wird innerhalb des Stadtrates die Direktionsverteilung besprochen. Zudem gibt es sicher im August schon gewisse Termine für die Einführung in das neue Amt, die ich wahrnehmen werde.

Darf sich freuen: der im ersten Wahlgang gewählte SP-Neuling Beat Züsli.
Darf sich freuen: der im ersten Wahlgang gewählte SP-Neuling Beat Züsli. (Bild: jakob Ineichen)

zentralplus: Bekanntlich möchten Sie als Architekt und Energieexperte lieber das Baudepartement von Manuela Jost übernehmen anstatt das frei werdende Bildungs- und Kulturdepartement der abtretenden Ursula Stämmer. Baudirektorin Manuela Jost wäre passenderweise nicht abgeneigt, mit Ihnen zu tauschen. Könnte das bereits am 8. Juni gefixt werden?

Züsli: Nein, bezüglich allfälliger Wechsel wird  der Stadtrat abwarten bis zur Reorganisation der Direktionen. Diese soll auf 2018 wirksam werden. Dann wäre dieser Wechsel allenfalls möglich. Falls ich am 5. Juni auch noch die Wahl als Stadtpräsident gewinnen würde, müsste man das allerdings erneut anschauen.

zentralplus: Mit dieser Reorganisation werden die Aufgaben innerhalb des Stadtrates neu verteilt. Speziell der Stadtpräsident bekommt ein neues Aufgabenprofil. Was würde das für Sie bedeuten, falls Sie als Stapi gewählt würden?

Züsli: Angedacht ist aktuell, dass das Präsidium Querschnittsaufgaben aus Kultur, Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung vereint. Das ist ein Modell, das auch andere Städte haben. In diesem Fall würde ich aber bis 2018 wohl trotzdem mit dem Bildungs- und Kulturdepartement beginnen. Dieses Department haben ja schon Stadtpräsidenten wie Franz Kurzmeyer oder Urs W. Studer geführt.

zentralplus: Und ab 2018 würden Sie dann das Baudepartement führen, zusätzlich zu den Stapi-Aufgaben?

Züsli: Das wäre eine Kombination, welche aufgrund der Arbeitsbelastung wahrscheinlich nicht sinnvoll wäre. Aber auch dazu müsste zuerst bekannt sein, welche Veränderungen die Baudirektion im Rahmen der Reorganisation erfährt.

«Wir haben überhaupt nicht damit gerechnet, dass Stefan Roth als Stadtpräsident nicht gewählt wurde.»

zentralplus: Was sagt eigentlich Ihre Partnerin zu Ihrem neuen Job? Vermutlich werden Sie nun eine Person des öffentlichen Interesses mit vielen Terminen und Anlässen, die Sie in Beschlag nehmen werden?

Züsli: Wir haben dieses Szenario natürlich vor der Wahl intensiv besprochen. Ich kann mich auf die volle Unterstützung meiner Partnerin verlassen.

zentralplus: Hand aufs Herz: Möchten Sie überhaupt Stapi werden? Zumindest anfänglich machten Sie nicht den Eindruck, als würden Sie sich auf dieses Amt stürzen?

Züsli: (lacht) Erste Priorität hatte natürlich der Stadtratssitz. Das mit dem Stadtpräsidium war auch ein Stück weit ein Anspruch, den wir von der SP her geltend gemacht haben. Schliesslich ist die SP die mit Abstand grösste Partei der Stadt. Aber ich muss schon zugeben, dass wir überhaupt nicht damit gerechnet haben, dass Stefan Roth nicht im ersten Wahlgang auch als Stapi gewählt wird. Jetzt aber erkenne ich, dass ich reelle Chancen auf das Amt habe und bin entsprechend motiviert.

«Meine Wahl wäre ein wichtiges Signal dafür, dass die Bevölkerung die Entwicklung hin zu einer sozialeren und ökologischeren Stadt unterstützt.»

zentralplus: Als Stapi müssten Sie sehr viele Anlässe besuchen, sich präsentieren, Reden schwingen etc. Mögen Sie das? Sie wirken eher etwas zurückhaltend.

Züsli: Das wäre nicht neu für mich. Ich hatte eine vergleichbare Funktion ja bereits 2007/2008 als Präsident des Luzerner Stadtparlaments. Auch da gab es viele Anlässe und ich lernte viele Leute kennen, was ich sehr interessant fand und mochte.

Der am 1. Mai im ersten Wahlgang frischgewählte Stadtrat Beat Züsli wird von Reportern umringt.
Der am 1. Mai im ersten Wahlgang frischgewählte Stadtrat Beat Züsli wird von Reportern umringt. (Bild: bra)

zentralplus: Wenn sich GLP und Linke ins Zeug legen und voll mobilisieren, während Mitte-Rechts gleich wahlfaul bleibt wie im ersten Wahlgang, könnte es für Sie (und Manuela Jost) reichen, oder?

Ein zweiter Nidwaldner im Stadtrat?

Wie Adrian Borgula ist auch Beat Züsli gebürtiger Nidwaldner: Er wurde 1963 in Beckenried NW geboren, seit 1994 lebt er in Luzern. Züsli wohnt mit seiner Partnerin Kathrin Krammer im Sternmatt-Quartier. Er hat einen Sohn aus erster Ehe. Züsli ist studierter Architekt und hat sich mit einem eigenen Büro auf energiesparendes Bauen und Sanieren spezialisiert. Ausserdem ist er Dozent an der Hochschule für Technik und Architektur in Horw.

Von 1998 bis 2009 sass Beat Züsli für die SP im Grossen Stadtrat, seit 2015 ist Züsli Kantonsrat. Dieses Mandat gibt er wegen seiner Wahl vom 1. Mai in den Luzerner Stadtrat nun wieder ab. Züsli ist Vorstandsmitglied des Schweizerischen Mieterinnen- und Mieterverbands und Mitglied der eidgenössischen Kommission für Wohnungswesen.

Züsli: Ich stelle mich auf ein sehr knappes Ergebnis ein. Die Chancen stehen etwa 50 zu 50. Schwierig abzuschätzen ist, wie sich die nationalen Abstimmungen vom 5. Juni auf das Wahlverhalten der Bürgerinnen und Bürger auswirken werden. Die Wahlbeteiligung wird deshalb sicher 40 bis 45 Prozent erreichen, in der Stadt werden ein paar Tausend Leute mehr abstimmen gehen.

zentralplus: Ihre Wahl wäre ein historisches Ereignis. Sie wären der erste linke Luzerner Stadtpräsident. Was sagen Sie dazu?

Züsli: (lacht) Tönt gut, oder? Für mich wäre dieser persönliche Aspekt zwar zweitrangig. Aber es wäre ein wichtiges Signal dafür, dass die Stadt Luzern die laufende Entwicklung hin zu einer sozialeren und ökologischeren Stadt unterstützt. Es würde mich auch deshalb sehr freuen.

zentralplus: Die Stadt Luzern ist trotz der Wahlen vom 1. Mai, als die SP auf Kosten der CVP zwei Sitze zulegen konnte, noch immer bürgerlich geprägt. Verträgt es da einen linken Stapi?

Züsli: Ich denke schon. Die Stadtbevölkerung hat sich in den letzten Jahren sozial-liberal entwickelt. Und der jetzige Stadtpräsident hat mit dem Zusammengehen mit der SVP eine andere Positionierung vorgenommen. Das gab es in den letzten Jahrzehnten so nicht. Deshalb geht’s am 5. Juni auch um eine Richtungswahl.

«Man muss spüren, dass die Stadt eine wichtige Kraft ist in der Diskussion um das neuste Sparpaket. Das war bislang überhaupt nicht der Fall.»

zentralplus: Stefan Roth macht doch eigentlich einen guten Job als Stadtpräsident. Was würden Sie besser machen?

Züsli: (lacht) Ich kann sagen, was ich anders machen würde. Was mir wichtig wäre, ist die Zusammenarbeit mit anderen Städten. Hier ist Luzern zwar schon in Gremien vertreten. Ich habe aber wenig gehört, dass konkrete Projekte daraus entstanden sind, die auch einen Nutzen brachten. Möglich wäre dies etwa beim Verkehr. Hier haben alle Städte ähnliche Probleme. Im Bereich Verkehrssteuerung und -lenkung könnte man zum Beispiel gemeinsam nach Lösungen suchen und mittels Pilotversuchen innovative Projekte umsetzen.

zentralplus: Und sonst?

Züsli: Ich würde die Stadt Luzern mit anderen Gemeinden zusammenführen, um gegenüber dem Kanton stärker aufzutreten. Aktuell nötig wäre dies etwa beim Konsolidierungsprogramm 17 (KP17). Man muss spüren, dass die Stadt eine wichtige Kraft ist in dieser Diskussion. Das war bislang überhaupt nicht der Fall. Die Stadt wird vom KP17  besonders im Bildungsbereich stark betroffen sein. Hier müsste die Stadt eine stärkere Position einnehmen, sich wehren und für andere Lösungen einsetzen.

Beat Züsli (links) am Neubadtalk im Duell ums Stadtpräsidium mit Amtsinhaber Stefan Roth.
Beat Züsli (links) am Neubadtalk im Duell ums Stadtpräsidium mit Amtsinhaber Stefan Roth. (Bild: Jakob Ineichen)

zentralplus: Als Stadtrat und speziell als Stadtpräsident wäre unter anderem die Salle Modulable ein grosses Thema Ihrer ersten Legislatur. Nun ist ja bekannt, dass Sie als SP-Vertreter genau wie Ihre Partei von einem Theaterneubau auf dem Inseli nichts wissen wollen. Würden Sie als Stapi zum Grossen Salle-Modulable-Verhinderer?

Züsli: (lacht) Im Moment ist das Projekt ja nicht nur wegen dem Standort in einer schwierigen Phase, sondern auch wegen der Kosten. Hier müssen wir noch bessere Antworten finden.

zentralplus: Geht's nicht etwas konkreter?

Züsli: Bezüglich Standort kann ich schon sagen, dass ich den für sehr schwierig halte, insbesondere wegen dem grossen Volumen des Theaterneubaus. Ich schliesse das Inseli aber nicht a priori aus. So wie es jetzt geplant ist, find ich es jedoch sehr schwierig. Wenn man das Volumen erheblich reduzieren würde, dann wäre das Projekt nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Aber dann wäre es wohl ebenfalls auch am Motorboothafen möglich.

zentralplus: Wir belassen es mal dabei. Was geht Ihnen im Hinblick auf den 5. Juni sonst noch oft durch den Kopf?

Züsli: (überlegt) Was mir immer durch den Kopf geht ist, dass es eine gute Zusammenarbeit im Stadtrat gibt. Hier würde ich mir sehr wünschen, dass Manuela Jost wieder gewählt wird, sodass wir ökologisch, verkehrspolitisch und städtebaulich, aber auch im Bildungs- und Kulturbereich eine gute Politik weiterführen könnten. In diesen Bereichen haben wir ja mit den GLP grosse Übereinstimmungen.

Hinweis: Sie interessieren sich für die Wahlen in der Stadt Luzern? Wir auch. Deshalb haben wir schon viel darüber geschrieben und alle Artikel HIER in unserem Dossier gesammelt.

Soeben erschienen ist unser Interview mit SVP-Stadtratskandidat Peter With: «Er will Bürgerliche aufrütteln und Geschichte schreiben»

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