Ein kleines Manhattan zwischen Baar und Zug. Visualisierung des geplanten Quartiers Unterfeld (Bild: zVg)
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Ein kleines Manhattan zwischen Baar und Zug. Visualisierung des geplanten Quartiers Unterfeld (Bild: zVg)

«Das ist das Gegenteil von Banlieue»

6min Lesezeit

Das 275-Millionen-Projekt Unterfeld in Zug verdient zweifellos Aufmerksamkeit. Und diese erhielt es auch: In einer dreieinhalbstündigen Debatte im Grossen Gemeinderat. Auf der einen Seite stand die Angst vor einer entstehenden Trabantenstadt, auf der anderen die Furcht vor Zersiedelung.

Zwischen Zug und Baar, auf der noch bestehenden Grünfläche bei der S-Bahn-Haltestelle Lindenpark, soll das Quartier Unterfeld entstehen (zentralplus berichtete). Es handelt sich dabei nicht einfach nur um ein signifikantes Geschäft. Für die Stadt Zug und die Gemeinde Baar ist es ein gigantisches Projekt. Dass die Voten im Zuger Gemeinderat zahlreich sind und die Debatte entsprechend lang, ist daher verständlich.

Vorgängig Öl ins Feuer gegossen hat die Bau- und Planungskommission, die den 30 Seiten umfassenden Bericht des Stadtrats zur Ablehnung empfiehlt. BPK-Präsident Urs Bertschi erklärt: «Die Kommission findet das Projekt überdimensioniert. Es orientiert sich vorwiegend an sich selber und nicht an seinem Umfeld und an den Ansprüchen der wachsenden Stadt Zug.»

Zur Kritik, dass die BPK nach jahrelanger Arbeit nun ein negatives Urteil fällt, verteidigt sich Bertschi: «Das gehört zum Spiel dazu. Was soll daran schlecht sein, wenn ein paar naive Träumer eine abschlägige Meinung haben? Viel eher ist es mutig, wenn eine Kommission es wagt, doch einmal Nein zu sagen.»

Ein Werbespot inklusive Badeteich

Stadtzuger Bauchef André Wicki kontert mit einem Werbespot fürs Unterfeld. «Erholung vor der Tür», «öffentlicher Park», «verkehrstechnisch perfekt gelegen», «guter Zugang zu den Naherholungsgebieten und Sportanlagen» und «ein Badeteich» sind nur Fragmente aus seinem Votum, das die höchst wohlgesinnte Haltung des Stadtrats wiedergibt.

«Was passiert, wenn der Bebauungsplan verhindert wird? Es wird trotzdem gebaut.»

Richard Rüegg, CVP-Gemeinderat

Die CVP-Fraktion teilt diese Meinung, zudem gibt Gemeinderat Richard Rüegg zu bedenken: «Was passiert, wenn der Bebauungsplan verhindert wird? Es wird trotzdem gebaut. Und dann haben wir keinen Einfluss darauf, was auf Baarer Seite passiert. Die Feldstrasse wird der Nordstrasse gleichen, ohne Konzept und Bild.»

Auch die SVP äussert sich im Sinne des Stadtrates. Jürg Messmer sagt: «Wenn man das Projekt Unterfeld mit der Überbauung Feldpark vergleicht, finde ich das jetzige hundert Mal schöner. Ich kann mir sogar selber vorstellen, dort zu wohnen.»

«Ein Nein zum Bebauungsplan ist ein Ja für die Zersiedelung.»

Roman Burkard, FDP-Gemeinderat

Auch die FDP-Fraktion unterstützt den Bebauungsplan. Parteimitglied Roman Burkard betont, dass man sich glücklich schätzen könne, Bauherren zu haben, die mit dem Projekt ein Stück Qualität schaffen wollten, von dem alle profitieren würden. Er doppelt nach: «Ein Nein zum Bebauungsplan ist ein Ja für die Zersiedelung.»

Doch bei Weitem nicht alle sind dem geplanten Quartier so positiv gesinnt. Insbesondere die Ratslinke äussert sich skeptisch. «Ist diese Klotzerei richtig für unsere Stadt?», fragt etwa Ignaz Voser im Namen der CSP. Im gleichen Atemzug erwähnt er die «kritische Verkehrssituation», welche bereits jetzt auf der Nord-Zufahrt bestehe. Er spricht von einem «entfesselten Wachstum», welches die Zuger so nicht bräuchten. «Die CSP bezweifelt, dass die Überbauung Unterfeld zu einem identitätsstiftenden Ort zwischen Zug und Baar wird», so Voser weiter. Der CSP-Vertreter schliesst mit der Forderung, dass das Geschäft einer Volksabstimmung bedürfe.

Eine Banlieue in Zug?

Gestützt werden die Christsozialen von der SP und von David Meyer von der GLP. Dieser vergleicht das geplante Projekt mit den Pariser Banlieues, welche zwar einst als moderne Quartiere gebaut wurden, sich heute aber zu Orten des sozialen Abstiegs entwickelt hätten. «Die Wahrscheinlichkeit, dass das Unterfeld zu einer toten Siedlung, einer Trabantenstadt wird, ist gross. Statt ein Hot Spot wird das ein Hot Flop.»

SVP-Gemeinderat Gregor Bruhin, der sich für die Überbauung einsetzt, reagiert mit Unverständnis auf die ablehnende Linke. «Da wird ein Quartier geplant mit 60 Prozent preisgünstigen Wohnungen und vergleichsweise wenigen Parkplätzen. Da wundere ich mich schon über die Glaubwürdigkeit der Sozialen. Ich jedenfalls finde das Projekt gut.»

Ein «ziemlich linkes Projekt»

Auch der Zuger Stadtpräsident Dolfi Müller, selber ein SP-Mann, hat wenig Verständnis für die Haltung der Unterfeld-Gegner. «David Meyer von der GLP ist ein klarer Denkfehler passiert. Das Unterfeld mit den Banlieues in einen Kontext zu setzen, ist ihm zwar gelungen. Doch ist dieser Kontext falsch. Diese Bauten in Paris wurden lieblos hingestellt, mit dem einzigen Zweck der Gewinnmaximierung. Das Projekt Unterfeld ist ganz anders. Es wurde liebevoll ausgestaltet, drei Gemeinden wurden miteinbezogen, die Jurys wurden zusammengesetzt, die Bauherren sind keine Spekulanten.»

«Ihr müsst verdammt gute Argumente bringen, dass ihr dieses Projekt, das wirklich preisgünstige Wohnung anbietet, einfach so wegwischt.»

Dolfi Müller, Zuger Stadtpräsident

Dolfi Müller betont, dass man entscheidungsfähig werden müsse und man nun reif dafür sei. Und setzt noch einen drauf und wendet sich der Linken im Saal zu. «Dies ist ein ziemlich linkes Projekt. Ihr müsst verdammt gute Argumente bringen, dass ihr dieses Projekt, das wirklich preisgünstige Wohnung anbietet, einfach so wegwischt.» Jeder, der im Unterfeld wohnen werde, werde Aussicht ins Grüne haben. «Das hier ist nicht Banlieue. Das ist das Gegenteil von Banlieue», erklärt Müller inbrünstig.

Nach fast dreieinhalb Stunden Debatte ist die erste Lesung geschlossen. Entschieden ist nichts. Denn noch steht die zweite Lesung bevor.

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