Anstatt nur auf Social Media auszuteilen, nimmt Spiess-Hegglin ihre Gegner nun mittels Blog ins Visier. (Bild: zvg)
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Anstatt nur auf Social Media auszuteilen, nimmt Spiess-Hegglin ihre Gegner nun mittels Blog ins Visier. (Bild: zvg)

«Ich bin eine Projektion für sexuell Frustrierte»

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Über keine Politikerin wurde letztes Jahr in der Schweiz mehr geredet als über Jolanda Spiess-Hegglin. Seit einigen Tagen nun betreibt die Zugerin einen Blog. Diesen sieht sie als Waffe gegen «Mainstream-Medien». zentral+ sprach mir ihr über sexuell Frustrierte, anonyme Post und die Fasnachts-Zeitung der Zuger Feuerwehr.

Viele sähen es wohl gerne, wenn die ehemalige grüne Politikerin und Neu-Piratin Jolanda Spiess-Hegglin Ruhe gäbe. Was die Zugerin nun macht, ist jedoch genau das Gegenteil. Wortwörtlich. «Nicht Schweigen» heisst ihr neuer Blog. Und obwohl die Seite erst seit knapp zwei Wochen online ist, enthält sie doch bereits einige saftige Inhalte. zentral+ traf Spiess-Hegglin auf einen Kaffee. Wir wollten wissen, was die 35-Jährige dazu bewogen hat, nun Bloggerin zu werden.

Jolanda Spiess-Hegglin: Vor etwa zwei Wochen hatte ich wieder einmal eine Phase, in der ich innerlich beinahe explodierte. Ich war es leid, allen Infos, die veröffentlicht wurden, nachzurennen und dauernd zu dementieren, wenn etwas Falsches publiziert wurde. Ich habe mich für den Blog entschieden, weil es eine Möglichkeit ist, den Themen proaktiv zu begegnen. Dazu kommt, dass ich während des ganzen letzten Jahres ziemlich lädiert war. Vor zwei Wochen habe ich die Medikamente abgesetzt, endlich denke ich wieder klarer und kann wieder schreiben.

zentral+: Was erhoffen Sie sich denn von diesem Blog?

Spiess-Hegglin: Ich habe beschlossen, meinen Weg zu gehen und mich nicht abhängig zu machen von den Mainstream-Medien. Während des letzten Jahres habe ich gemerkt, dass man auch den gut ausgebildeten Journalisten nicht trauen kann, und nehme darum das Heft jetzt selber in die Hand. Es gab in der Schweiz wohl noch niemanden, der so viel dementieren musste wie ich.

Ich merke, wie es mir guttut, die Dinge aufzuschreiben und mich so quasi psychologisch zu reinigen. Aber ich muss aufpassen, dass ich dabei nicht zu detailliert werde. Es ist mir wichtig, meine Privatsphäre wieder aufzubauen.

zentral+: Sie haben einmal angetönt, sie möchten ein Buch über das Erlebte schreiben. Hat sich das mit dem Blog erledigt?

Spiess-Hegglin: Nein, es ist immer noch geplant, dass ich einmal ein Buch über das Erlebte schreibe. Ich habe bis jetzt zwar chronologisch notiert, was in der Nacht der Landammannfeier passierte. Jedenfalls das, was ich davon weiss. Doch um alles niederzuschreiben, was nachher passiert ist, hatte ich bisher keine Kraft. Besonders wichtig wäre es mir, den Aspekt zu beleuchten, wie die Gesellschaft in solchen Situationen funktioniert.

«Ich bin zu einer Figur geworden, auf die sich die sexuellen Frustrationen der Menschen projizieren lassen.»

zentral+: Wie meinen Sie das?

Spiess-Hegglin: Ich habe diesen Sommer einen Psychoanalytiker kennengelernt. Der wollte von mir wissen, wie ich diese Kritik, die von allen Seiten auf mich einprasselt, aushalte. Wir haben uns daraufhin ein paar Mal zum Kaffee getroffen und er erklärte mir, wie die Gesellschaft in solchen Dingen funktioniert. Im Prinzip geht es um das Phänomen, dass jemand am Stammtisch einen Abend lang über mich herzieht und dann nach Hause geht und mit dieser Fantasie onaniert. Ich bin zu einer Figur geworden, auf die sich die sexuellen Frustrationen der Menschen projizieren lassen.

zentral+: Können Sie ein Beispiel dafür nennen?

Spiess-Hegglin: Ich werde beispielsweise auf Facebook sehr häufig angesprochen und mit Komplimenten überhäuft. Letzthin hat mir jemand gesagt, ich hätte schöne Augen. Als ich auf diese Aussage und auf weitere, immer primitivere Bemerkungen nicht eingegangen bin, hat er angefangen, mich aufs Übelste zu beschimpfen. Solche Situationen gibt es häufig.

zentral+: Aber weshalb sind Sie denn überhaupt mit Menschen befreundet, die Sie im richtigen Leben gar nicht kennen?

Spiess-Hegglin: Einige der Freundschaften dort haben sich als sehr hilfreich erwiesen. So gibt es einige Frauen, die ähnliche Situationen kennen und mir aufzeigen konnten, welchen Weg man gehen kann. Das sind vor allem deutsche Feministinnen, von welchen ich sehr viel vermittelt bekomme.

zentral+: Um zurückzukommen auf Ihren Blog. Geht es dort also vor allem darum, eigene Gerechtigkeit herzustellen?

Spiess-Hegglin: Zum Teil. Aber ich habe gemerkt, dass ich auch bei anderen Menschen einiges auslösen kann, wenn ich eben nicht schweige. Der Blog soll quasi zum Hafen für solche Thematiken werden. Bei mir haben sich im letzten Jahr sehr viele Frauen gemeldet, die Opfer von Übergriffen geworden sind, verbal und physisch. Und mehrere Dutzend davon haben mir erzählt, dass sie erst durch meine Geschichte den Mut gefasst hätten, Anzeige zu erstatten.

zentral+: Sie sind enorm präsent auf den Social-Media-Plattformen und reagieren auf praktisch jede Beleidigung – und davon gibt es sehr viele. Sie haben sicherlich Gründe dafür. Was ich mich aber immer wieder frage, ist, ob es nicht gesünder wäre, sich von diesen Plattformen fernzuhalten.

«Ich möchte mich dieser ‹Wir halten das nicht aus›-Haltung widersetzen.»

Spiess-Hegglin: Facebook und Twitter habe ich immer gebraucht, um meine Inhalte zu transportieren, da ich auf die Medienhäuser pfeife. Aber ja, es ist zeitintensiv. Die Frage, ob das gesund ist, ist berechtigt. Für mich ist klar, dass die Familie das Wichtigste ist und dass ich, bevor es allzu grosse Diskussionen in der Verwandtschaft gibt, kürzertreten würde. Gleichzeitig möchte ich mich aber auch dieser «Wir halten das nicht aus»-Haltung widersetzen. Bei den Grünen nahm ich da keine Rücksicht und verliess dann halt die Partei, «weil man es nicht mehr aushielt».

zentral+: Gibt es auf Ihrem Blog auch Platz dafür, dass sich andere äussern können?

Spiess-Hegglin: (Lacht verhalten.) Anfangs hatte ich eine Kommentarfunktion eingerichtet. Doch diese musste ich nach zwei Stunden wieder wegnehmen.

zentral+: So schlimm?

Spiess-Hegglin: Ja, da kommen viele wüste Reaktionen. Mittlerweile können mir die Leute einfach Rückmeldungen via Feedback-Funktion geben. Und dort erkläre ich, dass ich offen bin für konstruktive Kritik. Ich weise aber auch darauf hin, dass ich bei allen anderen Reaktionen die IP-Adresse speichern werde. Seither erhalte ich fast keine primitiven Meldungen mehr. Dafür haben mir die Leute in den letzten Tagen wieder vermehrt anonyme Briefpost geschickt.

zentral+: Wie bitte?

Spiess-Hegglin: Ja, klar. Gerade gestern ist wieder einer angekommen, der mit Schreibmaschine geschrieben war und Seiten aus Pornoheften enthielt. Das darf man aber nicht ernst nehmen. Das sind kranke Menschen.

zentral+: In Ihrem Blog kritisieren Sie mehrmals scharf die Zuger Fasnachts-Zeitung «Füürhorn». Konkret möchten Sie wissen, wer die Zeitung verfasst hat, und wollen eine öffentliche Entschuldigung für die Berichterstattung dieses Jahr. Dabei stellen Sie den einen bestimmten Mann an den Pranger.

Spiess-Hegglin: Die Berichterstattung war zwar letztes Jahr schon sehr primitiv, doch die diesjährige hat alles übertroffen und war extrem diffamierend. Ich habe mich mehrmals erkundigt, wer die Verantwortung trägt, wurde aber immer wieder vertröstet. Irgendwann meldete sich Roland Föhn*, der Präsident des Styger Rettungscorps, welches die Zeitung jeweils herausgibt. Der Brief war sehr formell formuliert und Föhn siezte mich.

Das Brisante dabei ist, dass mich Roland Föhn ein Jahr zuvor auf Facebook befreundete und immer wieder ziemlich aufdringlich versucht hatte, mit mir in Kontakt zu treten. Ich bin mir sicher, dass er mich ausspionieren wollte.

«Stadtrat Urs Raschle müsste endlich Stellung beziehen und aufklären, wer hinter den Texten steckt.»

zentral+: Sie haben die Screenshots dieser Facebook-Nachrichten in Ihrem Blogartikel integriert. Ich glaube nicht, dass das legal ist.

Spiess-Hegglin: Das ist mir ehrlich gesagt egal. Es geht hier um das gezielte Diffamieren einer Frau, welche diesen Herren nicht genehm ist. Sexismus vom Gröbsten. Eine Strafanzeige gegen Föhn käme wohl durch, das habe ich mit meinem Anwalt bereits geklärt. Ich finde ausserdem, Stadtrat Urs Raschle müsste endlich Stellung beziehen und aufklären, wer hinter den Texten steckt.

zentral+: Satire ist doch immer eine Gratwanderung. Sie muss wehtun, damit sie wirkt. Ich kann mir vorstellen, dass es schwierig ist, dagegen zu argumentieren.

Spiess-Hegglin: Klar, Satire muss Biss haben. Dennoch gibt es Grenzen, die auch an der Fasnacht nicht übertreten werden dürfen. Vor etwa fünf Jahren hat Michael von der Heide erfolgreich gegen den «Blick» geklagt wegen einer Fotomontage. Wenn ich in der Fasnachts-Zeitschrift nackt, nur in Windeln und mit überdimensionierten Brüsten dargestellt werde, geht das sicher unter Persönlichkeitsverletzung.

«Ich will nicht, dass mich solche Kreaturen etwas kosten.»

zentral+: Sie haben im letzten Jahr mehrere Leute angezeigt und auch angeklagt. Das muss Sie doch eine ganze Stange Geld kosten?

Spiess-Hegglin: Es gibt verschiedene Wege, wie man vorgehen kann. Den offiziellen, den ich etwa beim «Blick» eingeschlagen habe. Das kostete mich 15’000 Franken. Dann gibt es halb-offizielle Wege, die günstiger sind. Die kleinen Fische, die mich etwa auf Facebook grob beleidigen, zeige ich direkt auf dem Polizeiposten an. Ich will nicht, dass mich solche Kreaturen etwas kosten.

zentral+: Nun sind Sie ja seit einiger Zeit bei der Piratenpartei. Ein guter Entscheid?

Spiess-Hegglin: Ja, ich bin dort sehr gut aufgehoben. Gerade sind wir dabei, ein Frauengrüppchen zu organisieren, und schreiben derzeit an einem Programm. Ausserdem können mir die Piraten bei meinem Blog gut unter die Arme greifen. Ich bin technisch nämlich gar nicht begabt.

*Roland Föhn wollte sich auf Anfrage von zentral+ nicht zum Thema äussern.

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