Prorektor Matthias Hauser (links), Präsident des Fördervereins Melk Imboden und Tobias Klauser, Leiter Gestaltung im Innenhof der Fachklasse Grafik. (Bild: Linus Estermann)
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Prorektor Matthias Hauser (links), Präsident des Fördervereins Melk Imboden und Tobias Klauser, Leiter Gestaltung im Innenhof der Fachklasse Grafik. (Bild: Linus Estermann)

Kopfzerbrechen trotz grosser Freude

8min Lesezeit

Grosse Erleichterung nach der Rettung der Fachklasse Grafik. Aber: Nach Feiern ist den Verantwortlichen der Schule nicht zumute. Denn der Kantonsrat setzt ihnen das Messer an den Hals und verlangt, Alternativen betreffend Finanzierung zu prüfen. Offen ist deshalb auch, ob der Rat dem Umzug der Schule nach Emmenbrücke nächsten Februar zustimmen wird.

Luca Wolf

Das freut wohl weit mehr als die 20’000 Personen, welche die Petition zur Erhaltung der Fachklasse Grafik unterschrieben haben: Der Luzerner Kantonsrat ist an diesem Dienstagnachmittag dem Antrag der Planungs- und Finanzkommission gefolgt. Er entscheidet überraschend klar mit 79 zu 34 Stimmen, dass die Fachklasse Grafik ab 2019 aus Spargründen nicht geschlossen werden darf (siehe Artikel). Der Kantonsrat stellt sich damit gegen die Regierung. Diese wollte die Staatskasse mit dieser umstrittenen Massnahme um jährlich 1,5 Millionen Franken entlasten. «Wir sind sehr erfreut über das klare Resultat», sagt Matthias Hauser, Prorektor der an der Rössligasse in der Luzerner Altstadt beheimateten Ausbildungsstätte.

«Die Welle der Solidarität war überwältigend.»

Matthias Hauser, Prorektor Fachklasse Grafik

Schule muss andere Finanzierung prüfen

Laut Hauser ist der Entscheid des Kantonsrates auf den grossen Support von enorm vielen Leuten zurückzuführen. «Die Welle der Solidarität war überwältigend.» Doch dem Prorektor ist deutlich anzuhören, dass es ein grosses «Aber» gibt. Und das hat mit dem diesen Montag gefällten Entscheid des Kantonsrates zu tun. Dieser verlangt nämlich, dass die Fachklasse Grafik Alternativen zur Finanzierung prüft. Dies zusammen mit den Berufsverbänden.

Damit signalisierte der Kantonsrat eben auch klar, dass ihm die 140 Jahre alte Talentschmiede nach wie vor zu teuer ist – obschon die Kosten pro Schüler (rund 30 pro Jahr) in den letzten Jahren massiv von 40’000 auf heute 29’000 Franken gedrückt werden konnten. Trotzdem kostet die Vollzeitausbildung laut Regierung den Kanton 116’000 Franken pro Student – eine gleichwertige Berufslehre würde für den Staat mit bloss 32’400 Franken zu Buche schlagen. Der Entscheid zeigt auch, dass der Kantonsrat die Haltung der Regierung nicht komplett anders einschätzt: Die Regierung findet ja bekanntlich, dass die Grafikbüros mehr Lehrlinge ausbilden müssten. Derzeit sind es nur acht bis zehn Jugendliche oder junge Erwachsene, welche im Kanton Luzern jährlich eine klassische Grafiklehre absolvieren.

Branche muss sich mehr ins Zeug legen

«Dieser Entscheid bereitet uns Kopfzerbrechen», räumt Matthias Hauser ein. Zum Jubeln sei ihm aus diesem Grund trotz der verhinderten Schliessung nicht. Die Suche nach Alternativen sei eine grosse Herausforderung. Was das für Alternativen sein könnten, dazu mag sich Hauser nicht äussern, es sei zu früh, schon jetzt darüber zu spekulieren.

Doch ist mit Alternativen nicht einfach gemeint, die Kosten noch mehr zu senken oder die Anzahl Ausbildungsplätze für Lehrlinge so stark zu erhöhen, dass die Schule dann irgendwann doch noch geschlossen werden kann? Hauser lässt sich da nicht auf die Äste hinaus. «Ich glaube es geht eher darum, dass man mehr Unterstützung von der Grafikerbranche erwartet.» Deshalb wolle man nun auch mit den involvierten Verbänden zusammensitzen und Lösungen diskutieren.

«Ein Umzug der Fachklasse nach Emmenbrücke wäre per Sommer 2018 möglich.»

Matthias Hauser, Prorektor Fachklasse Grafik

Spannend in diesem Zusammenhang: Laut Hauser wird die Fachklasse Grafik voraussichtlich schon nächsten Februar wieder zum Thema im Kantonsrat. Dann nämlich gehts um den schon länger geplanten Wechsel der Grafikerschule nach Emmenbrücke, in die Viscosistadt aufs Monosuisse-Areal. Dorthin, wo auch die Hochschule Luzern HSLU – Design & Kunst im Sommer 2016 ihr neues Hauptqartier beziehen wird. «Der Kantonsrat muss den entsprechenden Planungsbericht absegnen. Dann wäre ein Umzug per Sommer 2018 möglich», so Hauser. Das würde dann allerdings ja auch bedeuten, dass dieser Ausbildungsweg für Grafiker auf Jahre hinaus gesichert wäre. Sonst würde der Umzug nur beschränkt Sinn machen. Hauser sagt dazu nur: «Der Umzug nach Emmenbrücke bietet für uns viele Chancen, wir sind klar dafür.»

Mit diesem Facebook-Eintrag feiern die Fachklasse-Freunde ihren Erfolg:

Auf die Schliessung der Fachklasse Grafik wird verzichtet. Der Kantonsrat entscheidet mit 79 zu 34 Stimmen gegen die Sparmassnahme.

Posted by Fachklasse Grafik Luzern on Dienstag, 1. Dezember 2015

 

«Dieser Entscheid ist fantastisch»

Grosse Freude über den Pro-Fachklasse-Entscheid des Kantonsrats verspürt auch Melk Imboden. Der bekannte Grafiker hat sich als Präsident des Fördervereins Fachklasse Grafik an vorderster Front gegen die diesen Herbst bekannt gewordenen Schliessungspläne engagiert. Die enorm erfolgreiche Petition etwa wurde vom Förderverein initiiert. Auch ist es dem Förderverein gelungen, prominente Fürsprecher wie Emil, Pedro Lenz oder Fredi Murer einzuspannen. Imboden, der selber als Ausbildner an der Fachklasse Grafik sowie an der Hochschule Luzern arbeitet, sagt: «Dieser Entscheid ist fantastisch. Das freut mich sehr, und es freut mich besonders für die jungen Leute, die nun weiterhin die Möglichkeit haben, diese Schule zu besuchen.»

«Wir haben ein Riesenproblem, dass die Grafikbüros nicht mehr bereit sind, Lehrlinge auszubilden.»

Melk Imboden, Präsident Förderverein Fachklasse Grafik

Doch auch Imboden ist sich bewusst, dass die Sache für die Fachklasse damit nicht gelaufen ist. Der Auftrag des Kantonsrates, Alternativen zu prüfen, sei sehr anspruchsvoll. «Wir haben ein Riesenproblem, dass die Grafikbüros nicht mehr bereit sind, Lehrlinge auszubilden.» Das sei allerdings gut nachvollziehbar. Denn zum einen koste eine solche Ausbildung viel Geld. Zum anderen gebe es fast nur noch sehr kleine Betriebe und kaum mehr Grossfirmen. «Wir haben hier immer wieder Anstrengungen unternommen, allerdings ohne grossen Erfolg», räumt Imboden ein.

Kritik an Grafikerbranche

Auf diesen wunden Punkt legte kürzlich Werner Bründler, ehemaliger Direktor des kantonalen Gewerbeverbandes, seinen Finger. In einem NLZ-Leserbrief schrieb er: «Wenn dem Grafikverband der Berufsnachwuchs so wichtig ist, muss er sich dringend die Frage stellen, wann er endlich seinen finanziellen Beitrag an die dem Staat delegierte Vollzeitberufsbildung leisten will.» Doch das ist laut Schweizer-Grafik-Verband (SGV) nicht so einfach. Denn diesem fehlen laut eigenen Aussagen die finanziellen Mittel. Man engagiere sich aber sonst sehr, um die Betriebe dazu zu bewegen, mehr Lehr- und Praktikumsplätze anzubieten.

Zurück zu Melk Imboden. Dieser macht sowieso kein Hehl aus seiner Haltung, dass er die Ausbildung via Fachklasse für einen guten Weg hält. «Viele Leute stören sich an der Akademisierung der Berufe. Würde man auf die Fachklasse Grafik verzichten, würde man vielen jungen Leuten die Chance nehmen, von der Sekundarschule aus via Berufsmatura den Grafikerberuf erlernen zu können.»

Wertvoller Support vom Gewerbeverband

Zur Fachklasse Grafik gehört die Berufsmatura. Die Ausbildung dauert vier Jahre. Würde sie geschlossen, gingen rund 100 Ausbildungsplätze verloren. Ein Drittel davon stammt aus dem Kanton Luzern. Laut Luzerner Regierung stünden allerdings auch so noch genügend Ausbildungsmöglichkeiten zur Verfügung. Etwa via Hochschulstudium in Grafikdesign. Oder via Fachklassen in Biel, Basel oder St. Gallen.

Doch solche Ausbildungswege sind umstritten. So sagte etwa Gaudenz Zemp, FDP-Kantonsrat und Direktor Luzerner Gewerbeverband, kürzlich gegenüber zentral+, dass die Branche auf die Abgänger der hochklassigen Schule angewiesen sei. «Gerade unter den aktuellen harten Rahmenbedingungen mit dem starken Franken sind innovative Produkte und Dienstleistungen gefordert.» Es sei deshalb nicht einleuchtend, weshalb gerade in diesem Bereich ein Wettbewerbsvorteil preisgegeben werden soll. Aus diesem Grund hat sich der einflussreiche Gewerbeverband auch gegen die Schliessung der Fachklasse ausgesprochen. Was sicher mit entscheidend für deren Rettung war.

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