Über der Zuger Ober Altstadt hängt nicht nur der Nebel. (Bild: anm)
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Über der Zuger Ober Altstadt hängt nicht nur der Nebel. (Bild: anm)

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In den Gassen der Zuger Altstadt dreht sich alles um die Frage: Wie viel Lärm darf es sein? Zwei Nachbarschafts-Vereine wehrten sich erfolgreich gegen eine neue Tapas Bar im Haus «Ankenwaage» – ihre nächtliche Ruhe bleibt nun vorerst ungestört. Doch in Kürze bringt der Stadtrat das revidierte Altstadtreglement auf den Tisch. Spätestens dann dürfte alles wieder von vorne losgehen. In der Zwischenzeit wünschen sich vor allem Gewerbetreibende mehr Leben in Zugs historischem Kern.

«Für uns ist das jetzt alles kein Problem mehr. Wir haben unsere Wohnung verkauft, wir ziehen weg, entweder aufs Land oder in den Süden», sagt Daniel Schäfer, der mit seiner Frau Therry Schäfer im Haus «Ankenwaage» in der Ober Altstadt eine Tapas Bar eröffnen wollte. Das Wirtepaar schloss im März 2013 die Traditionsbeiz «Taube» in der Unter Altstadt, weil ihnen gekündigt wurde. Sie hofften, mit der «Ankenwaage» nun das geeignete Lokal für ihre Tapas Bar gefunden zu haben.

Es kam aber alles anders. Anfang Dezember akzeptierte der Stadtrat den Entscheid des Regierungsrates, welcher die Beschwerde von drei Nachbarn gutgeheissen hatte. Das Vorhaben sei nicht zonengerecht, lautete die Begründung. Die Nachbarn wollen keine Tapas Bar, sie wollen ihre Ruhe.

Der Hauptbeschwerdeführer, Rudolf Mosimann, sagt: «Die Altstadt ist ein Wohnquartier. Wir wollen hier keine Bars, deren Besucher in der Nacht Lärm verursachen. Es besteht kein Bedarf an weiteren Restaurants oder Bars hier in der Altstadt. Es gibt doch schon haufenweise Beizen in der näheren Umgebung.»

Nachts soll Ruhe herrschen

Auf die Anmerkung, dass die Tapas Bar unter der Woche nur bis 22 Uhr (am Wochenende bis 23 Uhr) geöffnet gewesen wäre, sagt Rudolf Mosimann: «Die Stadt bewilligt aber regelmässig längere Öffnungszeiten, in der Kernzone teilweise bis 04.00 Uhr.»

«Tagsüber begrüssen wir jede Aktivität, aber in der Nacht wollen die Bewohner der Altstadt ihre Ruhe, so wie in jedem anderen Wohnquartier auch», bringt Roland Hengartner, der Präsident des Vereins «Nachbarschaft Altstadt-Obergasse», seine Anliegen auf den Punkt. Sowohl Mosimann als auch Hengartner stützen sich auf ein Argument, an welchem es aus ihrer Ansicht nichts zu rütteln gibt: Die Altstadt sei ein Wohnquartier und dort wo vorwiegend Wohnungen stünden, solle nachts Ruhe sein.

Das sei auch eine Folge der Stadtentwicklung: «Die Stadt dehnte sich immer mehr nach Norden aus, die Altstadt im Süden ist so zu einem Randgebiet geworden», sagt Rudolf Mosimann, und fragt: «Wieso will man aus einem Randgebiet jetzt auch noch eine Vergnügungsmeile machen, und dies zu Lasten der Bewohner?»

Innere und äussere Altstadt

Im Fokus der Diskussion um die Entwicklung in der Zuger Altstadt liegen die beiden Gassen «Unter Altstadt» und «Ober Altstadt». Diese liegen in der sogenannten «inneren Altstadt». Gemäss dem alten Altstadtreglement von 1983 gilt das Gebiet seeseits der Linie Graben-Kolinplatz-Grabenstrasse-Seelikon als innere Altstadt. Die eigentliche Altstadt ist viel grösser und erfasst alle Liegenschaften innerhalb der alten Ringmauer.

Im neuen Altstadtreglement, über welches im Frühjahr 2014 im Stadtparlament beraten wird, soll die Unterscheidung zwischen innerer und äusserer Altstadt aufgehoben werden. Für Bauvorhaben soll neu ein quartiergerechtes Bauen zur Anwendung kommen, bei welchem jedes Bauvorhaben in seiner eigenen Umgebung interpretiert wird.

Die beiden Verfechter der Nachtruhe sind sich zudem darüber einig, dass die Zuger Altstadt jetzt schon sehr lebendig sei, und dass sie Veranstaltungen wie die «Jazz Night Zug», den «Märlisunntig» und die Feier am 1. August auch unterstützten und förderten.

Bratwurstverbot auch tagsüber?

Dann ist tagsüber also alles in bester Ordnung? Nicht für die Gewerbetreibenden. Joe Wicki, Geschäftsführer der Metzgerei Aklin: «Als wir draussen vor dem Laden an einem Samstag einen Grill aufstellten um Bratwürste anzubieten und etwas mehr Leute anzuziehen, gab es Einsprachen von Nachbarn. Das war tagsüber.»

Das Ehepaar Schäfer und ihre Tapas Bar haben die Altstadt-Bewohner mit ihrem Kurs des ruhenden Wohnquartiers erfolgreich in die Flucht geschlagen. Das Problem ist für sie also kurzfristig gelöst. Bald schon könnten die Anliegen der beiden Nachbarschafts-Vereine «Altstadt-Obergasse» und «Unteraltstadt» aber erneut in Frage gestellt werden. Denn der Stadtrat hat mit dem Quartier andere Pläne.

In einer Medienmitteilung verkündet André Wicki, Vorsteher des Baudepartements: «Um die Altstadt zu beleben, wie dies von verschiedenen Seiten gefordert wird, hat der Stadtrat eine Revision des 30 Jahre alten Altstadt-Reglements ausgearbeitet. Damit soll eine publikumsattraktive Nutzung der Erdgeschosse mit Verkaufsgeschäften, Kleingewerbe und explizit auch Gastwirtschafts-Betrieben ermöglicht werden.»

Altstadt ist ein öffentlicher Raum

Die Altstadt ist in den Augen der Stadtregierung und vieler Bewohner der Stadt Zug keineswegs nur ein Wohnquartier. Für Regula Kaiser, Leiterin Stadtentwicklung, ist die Zuger Altstadt vor allem ein öffentlicher Raum mit besonderer Bedeutung: «Es handelt sich hier um den historischen Stadtkern eines Kantonshauptortes, mit dem sich nicht nur die Bewohner identifizieren, sondern eine ganze Agglomeration.» 

Dazu, dass einige Bewohner mit der neuen Regelung wohl nicht einverstanden sein werden, sagt sie: «Das Leben im öffentlichen Raum ist immer ein Verhandlungsgegenstand. Mit dem Artikel 13 des neuen Altstadtreglements, der publikumsattraktive Nutzungen im Erdgeschoss von Altstadthäusern vorschreibt, soll die Angebotsvielfalt in der Altstadt gesichert werden. Die Vorschrift bedeutet für den Hauseigentümer eine Eigentumsbeschränkung, vergleichbar mit dem Denkmalschutz. Das Sichern dieser kulturellen Werte durch entsprechende Gesetze und Reglemente ist ein politischer Verhandlungsgegenstand. Es gilt, öffentliche gegen private Interessen abzuwägen.»

Wer will was?

«Interessen» ist ein gutes Stichwort. Dass die Nachbarschafts-Vereine der Altstadt und die Stadtregierung nicht dasselbe wollen, ist nun bekannt. Aber was wollen eigentlich die Betreiber von Geschäften in der Altstadt? zentral+ hat an einem Wintermorgen bei jenen Geschäften, die geöffnet waren, nachgefragt. Viele Geschäfte gibt es in den beiden Gassen ohnehin nicht und viele Gallerien und Boutiquen sind erst nachmittags geöffnet.

Einer der wenigen Geschäftsleute in der Altstadt, die an einem Mittwochmorgen um 10.30 Uhr für ein Gespräch zu finden sind, ist Philippe Pasquier vom Atelier für Streichinstrumente «il violino» in der Unter Altstadt. Der Geschäftsleiter sagt seine Meinung zur Lebendigkeit der Altstadt ziemlich deutlich: «Wenn man hier eine tote Altstadt haben will, dann ist man auf dem besten Weg dazu. Es wohnen fast keine Familien hier, sondern viele ältere Leute. Es gibt in der Nachbarschaft hier fast keine Kinder, die draussen spielen. Mehr Leben in dieser Altstadt ist nötig.»

Er und sein Geschäftspartner Carlos Scheurenberg sind zum Glück nicht so stark auf Laufkundschaft angewiesen: «Wir führen ein Spezialgeschäft und die Leute kommen, weil sie uns kennen und einen ganz bestimmten Service brauchen. Sie kommen aus der ganzen Schweiz hierher», sagt Pasquier.

Auf der nächsten Seite: Wie kann die Altstadt belebt werden?

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