David Roth begrüsst die anwesenden Gäste. Darunter auch SVP-Regierungsrat Paul Winiker (ganz rechts).
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David Roth begrüsst die anwesenden Gäste. Darunter auch SVP-Regierungsrat Paul Winiker (ganz rechts).

Rechtsradikale ignorieren David Roths Angebot

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Der Anlass wurde mit Spannung erwartet. Nach Morddrohungen lud das Luzerner SP-Oberhaupt David Roth zu einem Bier ins Restaurant Una Storia in Sempach ein — man blieb unter sich. Überraschend war immerhin der Gastauftritt des SVP-Regierungsrats Paul Winiker. Und da war noch einer mit Glatze, der aber bald wieder ging.

«Diskutieren statt Drohen» war das Motto an diesem Donnerstagabend in Sempach. Denn die Gesprächsrunde im Restaurant Una storia della vita hatte eine unschöne Vorgeschichte: SP-Präsident und Kantonsrat David Roth bekommt seit Längerem Morddrohungen aus Sempach.

Er solle sich dort nicht mehr blicken lassen, hiess es in einem Brief. Sonst müsse er mit dem «Schlimmsten» rechnen. Oder man «schreite zur Tat» (zentral+ berichtete). Nun: Roth reagierte auf seine Art.

Der Grimmige kam erst später 

Der SP-Chef organisierte das Treffen in Sempach und lud zu einem gemeinsamen Austausch ein. Es ging ihm um ein wertvolles Gut. Nämlich um nichts weniger als um politische Toleranz. Gezählte 38 Personen waren seinem Aufruf gefolgt. Auf Facebook hiess es zehn Minuten vor Beginn auf der Veranstaltungsseite: «59 eingeladen, 22 Zusagen und 17 Vielleicht».

«Früher war die Schlachtfeier ein geduldeter Anziehungspunkt für Rechtsradikale.»

Eine Votantin

Die reservierte Weinstube der Pizzeria war gut gefüllt. Hände schütteln, Bier bestellen, ins Knabberzeug greifen. Doch wie zu erwarten war: Von Rechtsradikalen, welche mit grosser Wahrscheinlichkeit die Drohbriefe an David Roth geschrieben hatten, war weit und breit keine Spur. Zumindest am Anfang. 

Der stämmige und grimmig dreinschauende Einheimische mit Gilet, Glatze, Bart und «AC/DC»-T-Shirt kam erst später rein. Stattdessen waren politisch Gleichgesinnte zugegen. Überraschend war der Besuch des Luzerner SVP-Regierungsrates Paul Winiker. Er sass mittendrin unter den Weinstuben-Gästen bei einem Glas Wein. David Roth fühlte sich sichtlich wohl und begrüsste die Gruppe freundlich. Dabei waren zum Beispiel Claudia Christen Weizenegger (früher SP, heute Grüne) oder Juso-Vertreter wie Yannick Gauch und Joel Mayo.

SVP-Regierungsrat Paul Winiker, Leiter des Justiz- und Sicherheitsdepartementes.
SVP-Regierungsrat Paul Winiker, Leiter des Justiz- und Sicherheitsdepartementes. (Bild: bra)

Diskussion um Schlachtfeier

Zuerst musste ein Thema gefunden werden. Ohne Moderation war das ein eher schwieriges Unterfangen. Es herrschte dann später eine gemütliche «Kaffeehauskultur» (Paul Winiker), wo niemand dem anderen ins Wort fiel. Gesprächspunkt Nummer eins wurden nicht etwa die Morddrohungen an David Roth, sondern die Schlachtfeier von Sempach.

Zum Hintergrund: Ein Drohbrief an Roth nimmt Bezug auf die Vorkommnisse im Juli beim Denkmal für die Schlacht von Sempach. Damals hatte eine rechte Gruppierung angekündigt, eine patriotische «Gedenkfeier» zu veranstalten. Linke Gruppen kündigten daraufhin eine Gegendemonstration an. Die Polizei fürchtete Ausschreitungen und verbot gleich alle Kundgebungen. Die Rechten hatten an besagtem Tag aber mehr Geduld, warteten einfach den Abmarsch der Polizei ab und führten ihre Zeremonie halt dann durch. Der Kanton Luzern will keine Strafanzeige einreichen und lässt die Sache auf sich beruhen (zentral+ berichtete am Freitag)

 «Ich finde es grossartig, dass David deshalb diesen Anlass organisiert hat.» 

Paul Winiker, SVP-Regierungsrat

«Beängstigende Bilder» 

Ein Sempacher sagte: «Früher war die Schlachtfeier ein geduldeter Anziehungspunkt für Rechtsradikale, heute ist das Konzept geändert und sie ist harmloser. Trotzdem wünschen sich viele Sempacher die alte Schlachtfeier zurück.» Und eine Votantin fügte hinzu: «Früher waren es beängstigende Bilder, als die Rechtsradikalen aufmarschierten. Und wenn nicht achtgegeben wird, kann die Schlachtfeier ganz schnell wieder ein magischer Anziehungspunkt für Rechtsradikale werden.» Der Gast mit dem «AC/DC»-T-Shirt hinter ihr schwieg. 

SVP-Regierungsrat Paul Winiker wurde nicht angefeindet. Er war sozusagen als Quoten-Gegner präsent und das wurde auch so respektiert. Zu seiner Rolle an diesem Abend schien es zu gehören, den Auftritt der Zunft zu Safran an der Sempacher Schlachtfeier in «Strumpfhosen, Hellebarden und Armbrust» zu verteidigen. Das Ganze sei «martialisch» und könne «rechtsradikales Gedankengut» unterstützen, warfen ihm die anderen Gäste vor. 

Zwischendurch gabs auch mal was zu lachen.
Zwischendurch gabs auch mal was zu lachen. (Bild: bra)

Winiker stärkte Roth den Rücken

Auf inhaltliche Diskussionen über Rechtsradikalismus liess sich Winiker nicht ein. Er sei da, um David Roth als Politiker den Rücken zu stärken. «Es geht heute Abend um freie Meinungsäusserung und um ein gelebtes Demokratieverständnis. Morddrohungen sind nicht tolerierbar. Ich finde es grossartig, dass David deshalb diesen Anlass organisiert hat.» 

Der «verdächtige» Mann mit dem Kurzhaarschnitt in der Ecke beteiligte sich nicht am Gespräch. Er ging vor Ende der Veranstaltung wieder. Unter vier Augen flüsterte er, er sei 45-jährig. Und er habe eine Meinung, die eher in Richtung Mitte-Rechts gehe. «Ich hätte mir mehr erwartet von dieser Diskussion. Ich habe das Gefühl, ich bin der einzige hier drin mit einer anderen Meinung, neben Paul Winiker.» Damit hatte er wohl recht.

«Es ging um die Geste»

Wie lässt sich der Abend zusammenfassen? Reinfall oder Erfolg? Der Aufruf David Roths, sich mit den politischen Gegnern und besonders mit den anonymen Angstmachern auszusprechen, war grundsätzlich eine gute Idee. Die Diskussion zu suchen, ist richtig. Zumindest in der Theorie. In der Praxis zeigte sich dann, dass die Idee nicht funktioniert hat.

Das hätte allerdings auch erstaunt: Rechtsradikale und Linke sitzen gemütlich bei Kaffee und Kuchen zusammen und reden ganz vernünftig, nur weil David Roth dazu aufgerufen hat? Man kann die Idee auch naiv nennen, aber Roth hat zumindest Mumm bewiesen.

«Es ging um die Geste», sagte er nach der Veranstaltung. Seiner Einschätzung nach war der Abend ein Erfolg. David Roth bezahlte das Bier für die Gäste und kam unversehrt nach Hause. Er wollte ein Zeichen setzen, das tat er. 

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