Radelte in den Sommerferien mit seiner Frau 500 Kilometer durch Frankreich: Nationalrat und Ständeratskandidat Louis Schelbert.  (Bild: bra)
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Radelte in den Sommerferien mit seiner Frau 500 Kilometer durch Frankreich: Nationalrat und Ständeratskandidat Louis Schelbert. (Bild: bra)

«Ich setze mir keine Pappnase mehr auf»

11min Lesezeit

Er ist das Aushängeschild der Luzerner Grünen und kandidiert für den Ständerat. Wir haben Louis Schelbert beim Velofahren den Puls gefühlt. Im Interview erzählt er, wie ernst seine Kandidatur gemeint ist, ob er noch an den Atomausstieg glaubt und warum er auf Facebook und Twitter verzichtet.

Am 18. Oktober gilt es Ernst. Dann wählen Herr und Frau Schweizer ihr Parlament neu. In einer Interview-Reihe stellt zentral+ die sechs Luzerner Ständeratskandidaten vor. Einer von ihnen ist Louis Schelbert (bereits erschienen: Das Gespräch mit GLP Kandidat Roland Fischer). Seit 2006 sitzt der Vorzeige-Politiker als Grüner Nationalrat fest im Sattel, nun kandidiert er zusätzlich für das Amt als Ständerat.

Er sei gemässigter geworden, sagt der 63-jährige Stadtluzerner über sich. Tatsächlich treffen wir einen erfahrenen Politiker, der seine «wilde Zeit» in der Vorgängerpartei POCH lange hinter sich hat, wie er sagt. «Ich würde mir heute keine Pappnase mehr aufsetzen gegen eine Überregulierung der Fasnacht. Oder auch nicht den Saal aus Protest gegen eine Diskussionsverweigerung verlassen.»

zentral+: Herr Schelbert, wir haben vorgeschlagen, Sie beim Ausüben Ihres Hobbys zu treffen. Sie haben sich für das Velo entschieden. Warum?

Louis Schelbert: Es ist das beste Verkehrsmittel für die Stadt. Und ich verbinde damit als Grüner auch eine politische Aussage.

zentral+: Erklären Sie bitte in einem 30-Sekunden-Werbespot, weshalb man Sie wählen sollte.

zentral+: Zur Politik: Die Grünen haben lediglich acht Prozent Wähleranteil und somit einen Nationalratssitz, nämlich Ihren. Nun kandidieren Sie als Grüner für den Ständerat. Warum?

Zur Person

Louis Schelbert sitzt seit 2006 für die Grünen im Nationalrat. Er ist Mitglied der Kommission für Wirtschaft und Abgaben (WAK). Schelbert ist verheiratet und hat drei Kinder. Beruflich war der 63-Jährige mehrere Jahre Geschäftsleitender Sekretär des Luzerner Gewerkschaftsbundes (LGB). 

Schelbert: Der Ständerat würde mir von der Art und Weise her gut entsprechen. Im Ständerat hört man einander zu, im Nationalrat herrscht ein Kommen und Gehen. Auch ist es oft sehr laut. Das spiegelt den politischen Stil wieder. Ich kenne die Dossiers und den Betrieb, habe dazu viel Erfahrung und bin gut vernetzt.

zentral+: Sie meinen das wirklich ernst, mit der Ständeratskandidatur?

Schelbert: Ja natürlich. Ich würde mich sehr freuen, nach bald zehn Jahren in Bundesbern neu Standesvertreter Luzerns zu sein.

«Ein Durchgangsbahnhof löst die Probleme.»

zentral+: Hand aufs Herz: Geht es in erster Linie nicht darum, Ihren Nationalratssitz zu festigen? Für einen Grünen Ständerat stehen die Chancen im konservativen Luzern schlecht.

Schelbert: Das will ich nicht bestreiten. Und klar geht es auch darum, meine Partei zu repräsentieren. Aber trotzdem: Das Amt eines Ständerats ist vakant und es interessiert mich sehr.

zentral+: Wo würden Sie sich als Ständerat für den Kanton Luzern stark machen?

Schelbert: Eine ganz zentrale Frage ist für unseren Kanton die bessere Anbindung Luzerns an das schweizerische Eisenbahnnetz. Ein Durchgangsbahnhof löst die Probleme und erlaubt auch den Ausbau des Regionalverkehrs. Dafür würde ich mich einsetzen. Das ist kein leichtes Unterfangen, auch aus finanzpolitischen Gründen. Der Kanton muss dazu ebenfalls erhebliche finanzielle Leistungen aufbringen. Aber er ist bereit und auch die SBB sind dafür. Es fehlt der Bund, er muss noch überzeugt werden.

zentral+: Wie viel Geld nehmen Sie für Ihren Wahlkampf in die Hand?

Schelbert: Bei den Grünen wird der Wahlkampf finanziell durch die Partei getragen. Ich selber setze relativ wenig Geld ein, vor vier Jahren waren es ungefähr 1'000 Franken aus meiner Tasche. Das Wahlkampfbudget der Luzerner Grünen liegt so in der Grössenordnung von 100'000 Franken. Meine Beiträge an die Partei, national sowie kantonal, belaufen sich insgesamt auf circa 15'000 Franken im Jahr.  

zentral+: Für welche Themen stehen Sie ein?

Schelbert: Für mich sind Umwelt- und Energiefragen ganz klar im Zentrum. Ein zweites wichtiges Kernthema sind die Sozialversicherungen. Ich stehe dafür ein, dass die Bevölkerung in Würde lebt und alt werden kann.

 

zentral+: Fällt der Atomausstieg, der als Thema gerne von Grüner Seite bewirtschaftet wird, ganz weg?

Schelbert: Nein, im Gegenteil. Vor vier Jahren hatten Herr und Frau Schweizer noch den Eindruck, der Atomausstieg sei beschlossene Sache. Praktisch alle Parteien sind auf diesen Zug aufgesprungen. Aber die Voten ändern sich mit der Zeit. Ich denke, dass die Bevölkerung nach wie vor für den Atomausstieg ist, im Parlament hat aber der Wind in der Zwischenzeit wieder etwas gedreht.

zentral+: Wie könnte denn das Mammutprojekt «Energiewende» klappen?

Schelbert: Es gibt im Grunde zwei Voraussetzungen, damit die Energiewende wirklich in Gang kommt. Die eine ist die Förderung und Lenkung von umweltfreundlichen Energien. Die andere ist, dass der Atomausstieg wirklich klar beschlossen wird. So haben die Unternehmen für Forschung und Entwicklung von alternativen Energien die nötige Planungssicherheit. Zum Glück haben wir Grünen vor vier Jahren eine Volksinitiative für den Atomausstieg eingereicht. Sie ist nun ein gutes Druckmittel.  

«In der Politik muss man vor- und nachgeben können.»

zentral+: Was werten Sie als grössten Erfolg in Ihrer letzten Legislatur?

Schelbert: Als Mitglied der Kommission Wirtschaft und Abgaben (WAK) gelingt es mir immer wieder, mit konkreten Anträgen Impulse zu setzen und eine Mehrheit zu finden. Mein Name taucht dann nicht mehr im Entwurf der Kommission auf. Das Wichtigste für mich ist, dass ich Gehör finde bei meinen Nationalratskolleginnen und -kollegen.

zentral+: Ein Beispiel bitte?

Schelbert: Im Juni 2015 stimmte der Nationalrat bei der «Standortförderung» für Massnahmen in der Regionalpolitik, die zu nachhaltiger Innovation sowie zur Stärkung der Wertschöpfungsketten und der regionalen Wirtschaftskreisläufe beitragen. Ich hatte das Anliegen in der WAK eingebracht, damit auch die Berggebiete zur Erreichung grosser Ziele wie Energiewende und grüne Wirtschaft wesentliches beitragen können.

zentral+: Sind Sie ein Überzeugungstäter?

Schelbert: Nein. In der Politik muss man vor- und nachgeben können. Man erreicht nur etwas mit einer Mehrheit. Wir Grünen sind eine kleine Partei, und deshalb in einem noch höheren Masse darauf angewiesen, andere Parteien für unsere Anliegen zu gewinnen.

zentral+: Sie haben als Politiker weder ein Facebook- noch einen Twitteraccount. Sind Sie ein Multimedia-Muffel?

Schelbert: Nein, das nicht unbedingt. Ich setze meine Zeit lieber für die konkrete politische Arbeit ein. Ich finde, ich muss nicht private Technologie-Firmen mit meinen privaten Daten füttern. Ich kann ganz gut auch ohne leben. Zudem ist Social Media voller Modeerscheinungen, die ich getrost auslassen kann. Bei 17- bis 18-Jährigen ist Facebook und Twitter schon wieder out, weil Eltern und Lehrer auch ein Profil haben. Das ist «uncool». Zudem läuft reale und meiner Meinung nach richtige Kommunikation einfach anders ab.

zentral+: Welche politischen Rückschläge haben Sie in der letzten Legislatur erlitten?

Schelbert: Ein Rückschlag war sicher das Wahlergebnis 2011, als die Grünen fünf Nationalratsmandate einbüssten. Das bedeutete für alle, auch für mich, viel Zusatzarbeit im Parlament. Das gilt es 2015 zu korrigieren, auch aus inhaltlichen Gründen. Die Wahlen sind eine Richtungswahl. Gewinnt die politische Rechte, sind Rückschläge bei der Energiestrategie und bei der Klimapolitik zu erwarten, aber auch bei Sozialwerken wie etwa der AHV. Werden die Grünen gestärkt, eröffnen sich neue Chancen zum Beispiel für eine nachhaltige Wirtschaft, für Bildung und für sichere Renten.

«Ich bin kein Ämtli-Jäger.»

zentral+: Wo stehen Sie politisch?

Schelbert: Ich bin umwelt- und energiebewusst. Starke Sozialwerke sind mir ein Anliegen und in aussenpolitischen Fragen bin ich weltoffen. Im Bereich Finanzen bin ich für einen haushälterischen Einsatz der Mittel.

zentral+: Es wird doch immer gesagt, nationale Parlamentarier bekämen etliche Verwaltungsratsmandate angeboten. Sie haben kaum Mandate. Was haben Sie falsch gemacht?

Schelbert: Ich bin kein «Ämtli-Jäger». Als Präsident von Wohnbaugenossenschaften Schweiz und als Präsident von Arbeitsintegration Schweiz bin ich mit dem Nationalratsamt und den Tätigkeiten für Partei, Gewerkschaften und andere Vereinigungen voll ausgelastet. Mehr wäre zu viel. 

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Sind Sie für die Homo-Ehe?

Dafür.

Sind Sie für die Legalisierung von Cannabis?

Dafür.

Sind Sie für ein neues Rahmenabkommen mit der EU?

Kommt auf die Bedingungen an.

Sind Sie für eine zweite Gotthardröhre?

Nein. Unnötig und zu teuer,

Sind Sie für den Lehrplan21?

Ja.

Sind Sie für eine Beschränkung der Zuwanderung?

Das Volk hat die Masseneinwanderungs-Initiative angenommen. Jetzt müssen wir das regeln, ohne die Bilateralen Verträge aufzugeben. 

Sind Sie für mehr Geld zugunsten der Armee?

Nein.

Sind Sie für eine Erhöhung des Rentenalters?

Nein.

Sind Sie für die Energiestrategie 2050?

Ja, es würde sogar noch mehr drin liegen.

Sind Sie für die Aufnahme zusätzlicher Asylbewerber?

Aufgrund der aktuellen Kriege Ja. Es bedeutet ja nicht die automatische und definitive Anerkennung als Flüchtling.

Sind Sie für die Förderung von externer Kinderbetreuung?

Ja.

Soll der Bund die Kulturförderung abschaffen?

Nein. 

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Bereits erschienen in der Interview-Reihe ist das zentral+-Gespräch mit dem GLP-Ständeratskandidaten Roland Fischer

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