Keine Altersmilde: Rolf Schweiger, Zuger Alt-Ständerat (FDP), ist auch mit 69 Jahren noch engagierter Verfechter einer liberalen Wirtschaftsordnung. (Bild: Flavia Rivola)
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Keine Altersmilde: Rolf Schweiger, Zuger Alt-Ständerat (FDP), ist auch mit 69 Jahren noch engagierter Verfechter einer liberalen Wirtschaftsordnung. (Bild: Flavia Rivola)

«Für tiefere Wohnungspreise ärmer zu werden, ist nun wirklich das Falscheste»

9min Lesezeit

Rolf Schweiger galt lange Jahre als einer der einflussreichsten Schweizer Parlamentarier. Seit seinem Rückzug aus dem Ständerat 2011 zieht der frühere FDP-Präsident seine Fäden im Hintergrund. Wir sprachen mit dem engagierten Vertreter der Zuger Wirtschafts- und Steuerpolitik über seinen langsamen Abschied aus der Politik, den Wandel in Zug, Steuern und das Image des Wirtschaftskantons.

zentral+: Herr Schweiger Sie sind Baarer. Im Kanton Zug gibt es ja das Projekt von 1’000 Chriesibäumen. Haben Sie auch schon einen gepflanzt?

Rolf Schweiger: Selber gepflanzt noch nicht. Ich bin Götti von einigen Chriesibäumen. Aber fragen Sie mich nicht von wie vielen. (lacht)

zentral+: Chriesibäume stehen ja für ein Zug, das es früher gab und wie es sich viele Zuger zurückwünschen. Hat die Beteiligung an diesem Projekt für Sie einen nostalgischen Hintergrund?

Schweiger: Jeder Mensch hat in Bezug auf seine Umgebung nostalgische Züge. Das heisst aber nicht, dass man Nostalgie quasi zum einzigen Beurteilungskriterium des eigenen Kantons machen sollte. Sie sollte immer auch in die neu entstandenen Realitäten eingebettet sein.

zentral+: Um Sie ist es recht ruhig geworden in der Öffentlichkeit. Wirken Sie heute stärker im Hintergrund als das früher der Fall war? Oder haben Sie sich ganz zurückgezogen?

Zur Person

Rolf Schweiger vertrat den Kanton Zug von 1999 bis 2011 im Ständerat. Der umgängliche Baarer ist Verfechter einer liberalen Wirtschaftspolitik und galt lange Zeit als einer der einflussreichsten Schweizer Parlamentarier. Aktuell verfügt Schweiger noch über acht Verwaltungsrats-Manadate, unter anderem bei Roche Diagnostics, Schindler und der Hochdorf Holding. Daneben ist der 69-Jährige in verschiedenen politischen Organisationen tätig, so im Vorstand von economiesuisse, als Präsident der fial (Föderation der Schweizerischen Nahrungsmittelindustrien) sowie als Präsident der AVES (Aktion für eine vernünftige Energiepolitik).

Im April 2004 übernahm Schweiger das Präsidium der FDP Schweiz. Nur ein halbes Jahr darauf musste er dieses wieder abgeben und seine Aktivitäten wegen eines Zustandes des Ausgebranntseins für zwei Monate ruhen lassen. Durch die offene Kommunikation gilt er als erster Burnout-Promi der Schweiz.
Schweigers politische Tätigkeit begann 1970 im Zuger Kantonsrat, dem er mit einem zweijährigen Unterbruch bis 1994 angehörte. Er ist seit 1976 Partner beim Anwaltsbüro Schweiger Advokatur / Notariat, das zwölf Rechtsanwälte umfasst.

Schweiger: Sobald man nicht mehr Mitglied eines Parlaments ist, ist man zwangsläufig nicht mehr gleich in der Öffentlichkeit präsent. Ich nehme auf nationaler Ebene noch Mandate wahr, die im Grenzbereich von Politik und Wirtschaft spielen. So bin ich im Vorstand der economiesuisse und da in mehreren Fachkommissionen. Als Präsident der Schweizerischen Nahrungsmittelindustrie entstehen so vielerlei Kontakte zu Parlamentariern und Verwaltung, wie eben bei der Swissness-Debatte. Für kurze Zeit bin ich zudem noch Präsident der Aktion für eine vernünftige Energiepolitik AVES und vertrete da andere Standpunkte, als diese im medialen Mainstream vorkommen.

zentral+: Damit meinen Sie die Sicht, die Bundesrätin Doris Leuthard mit dem Ausstieg aus der Atomenergie vertritt?

Schweiger: Richtig, ja. 

zentral+: Vollblutpolitikern fällt der Rückzug aus der Politik häufig schwer. Demnach trifft dies derzeit (noch) nicht auf Sie zu?

Schweiger: Wenn meine Aktivitäten auf ein absolutes Null absinken würden, würde mir wahrscheinlich schon etwas fehlen. Ich aber empfinde meinen Positionswechsel vom aktiven Mittendrin zu einem Player, der je nach dem mit oder dann wieder gegen die aktuelle Politik agiert, als einen völlig neuen Lebensaspekt, dem ich viel Positives abgewinnen kann. Positiv ist aber auch, daneben mehr Freiräume und Freizeit zu haben. Die Mischung von beidem macht ein Leben aus, das mir gefällt. Ich war etwa gerade wieder drei Wochen in China, dies nicht primär wirtschaftspolitisch motiviert, sondern vorab um die Dynamik zu sehen, mit welcher China sich in verschiedener Hinsicht verändert hat. Um diese Dynamik zu wissen und sie zu spüren, ist nicht zuletzt für die Ausgestaltung unserer Beziehungen zu dieser neuen wirtschaftlichen Weltmacht geradezu zentral.

zentral+: Sie werden in ein paar Wochen 69 Jahre alt. Beziehen Sie schon AHV? Oder lässt sich das unendlich hinauszögern?

Schweiger: (lacht) Ja, man kann es aufschieben. Aber als die Rente gekommen ist, habe ich sie genommen. Seit vier Jahren bin ich nun also AHV-Rentner.

«Der Zeitpunkt kommt, in welchem ein Rückzug aus meinen verschiedenen Aktivitäten zu passieren hat»

zentral+: Das dürfte eine ungewohnte Kombination sein – Rentner und Rolf Schweiger.

Schweiger: Ja schon. Ich selber stufe mich persönlich noch nicht als Rentner oder als jemand ein, der schon jetzt die Musse des Rentnerdaseins geniessen will. Dabei bin ich mir aber sehr wohl bewusst, dass der Zeitpunkt kommt, in welchem ein Rückzug aus meinen verschiedenen Aktivitäten ‑ salopp gesagt ‑ zu passieren hat, je langsamer, desto besser. Das zu akzeptieren ist eine Notwendigkeit, die ich übrigens in keiner Weise als Schwäche empfinde.

zentral+: Arbeiten Sie noch zu 100 Prozent?

Schweiger: Ja, mein Normal-Pensum liegt nahe bei 100 Prozent. Ich aber habe mir vorgenommen, dass ich zukünftig viermal pro Jahr je drei Wochen ins Ausland verreisen will. Nach China, Indien, Malaysia, Brasilien, den USA interessieren mich Afrika, der Maghreb, der mittlere Osten und immer wieder Asien. Der Drang zum Öffnen meiner Horizonte und die Auseinandersetzung mit immer Neuem und Anderem ist intensiver geworden als dies während meines aktiven Politisierens der Fall war. Zwar bin ich schon damals viel gereist, zumeist aber eingebettet in politische Zwänge. Nun kann ich das machen, was mich persönlich interessiert, und das ist faszinierend.

zentral+: Ein Stück Freiheit.

«Jetzt kann ich mich wieder als Rolf Schweiger mit all seinen Facetten geben»

Schweiger: Ja natürlich. Alles, was man unter dem Begriff Freiheit subsummieren kann, ist bedeutend grösser geworden. Ich bin jetzt weniger in das Korsett meines parlamentarischen Mandates oder meiner Parteizugehörigkeit eingeschnürt. Jetzt kann ich mich wieder als Rolf Schweiger mit all seinen Facetten geben, ohne grössere Rücksichten nehmen zu müssen. Das bedeutet allerdings nicht, dass ich zum Beispiel in den Verwaltungsräten von Schindler, Hochdorf und Roche Diagnostics nun als ein ‑ von der Realität völlig losgelösten ‑ Fantast gesehen werde – im Gegenteil. Doch die breite Palette zwischen dem Agieren in wirtschaftlich und politisch existierenden Realitäten auf der einen Seite und dem Sinnieren für Zukünftiges auf der anderen Seite ist es, was heute den Charme meines Lebens ausmachen.

Es wird schwieriger, sich als Politiker Gehör zu verschaffen

zentral+: Als Sie sich aus der Politik, dem nationalen Parlament, zurückzogen, beklagten Sie eine zunehmend irrationale Grundstimmung in der Politik und dass es immer schwerer falle, sich Gehör zu verschaffen. Sie sind heute immer noch an der Schnittstelle zur Politik tätig. Spüren Sie die heute noch in gleichem Masse, oder sogar verstärkt?

Schweiger: Nach wie vor. Unter irrational verstehe ich einerseits die Überbetonung dessen, was man selbst glaubt zu sein; andererseits das Ausblenden der Tatsache, dass die Welt immer komplexer wird und als Drittes die Tendenz, unsere nationalen Befindlichkeiten zu einem absoluten Ideal emporstilisieren zu wollen. Wir aber sollten auf dem Boden der Realitäten bleiben, denn nur mit einem Einbezug in die Vielfalt der Welt als Ganzes können wir unsere Positionen beibehalten und stärken. Das aber setzt voraus, dass wir auch bereit sind, internationale Massstäbe zu akzeptieren und nicht zu glauben, zum Beispiel in Initiativen internationale Gepflogenheiten ausblenden zu können.

«Man ist in der Schweiz geradezu versessen, die eigenen Ideale zur weltweiten Norm hochzustilisieren»

zentral+: In welchen Bereichen stellen Sie diese Haltung besonders fest?

Schweiger: Beispielsweise, dass man Wertvorstellungen, die man in der Schweiz als richtig ansieht, als weltweites Ideal betrachtet und glaubt, man müsse damit die Welt beglücken. Das ist eine totale Überschätzung dessen, was die Schweiz letztendlich eben doch ist, nämlich klein. Wir machen es zwar sehr clever, aber die Schweiz ist nicht derjenige Motor, welcher der Welt vorzugeben hat, was zu laufen hat. Das wird in Bern zu wenig realisiert. Man ist geradezu versessen, die eigenen Ideale zur weltweiten Norm hochzustilisieren.

zentral+: Meinen Sie damit eher unsere basisdemokratischen Werte oder wirtschaftliche Ideale?

Schweiger: Es spielt auf allen Ebenen eine Rolle. Es fängt an bei unseren Vorstellungen von Umweltpolitik, unseren Vorstellungen von Sozialpolitik, von Moral, Ethik und anderem mehr. Für uns ist es relativ einfach zu sagen, dass unsere Vorstellungen Massstäbe für andere sein sollten. Wir nämlich können es uns leisten, hohe Sozial- und Umweltstandards zu erfüllen. Aber wir dürfen nicht so tun, als ob der Massstab, den wir uns setzen, schon jetzt zwingend gleichsam zum internationalen Standard werden soll. Wir müssen bereit sein zu akzeptieren, dass es für andere nicht oder noch nicht möglich ist. Uns als Krone der Schöpfung emporstilisieren zu wollen, ist eine falsche Optik.

zentral+: Sie haben auch kurzfristiges Denken in der Politik festgestellt. Dieses hat zuletzt ja eher Überhand genommen. Sind Sie froh, dass Sie den Ausstieg aus der Politik noch geschafft haben?

Schweiger: Ich habe dies ja in einem gewissen Umfang antizipiert und ein Missbehagen schon in den letzten vier Jahren meiner Parlamentszeit gespürt. So gesehen war mein Rücktritt auch deswegen ein für mich richtiger Entscheid.

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