Besonders umstritten ist die Ausdünnung des Fahrplans bei der Buslinie 6 zwischen Zug und Steinhausen. (Bild: Zuger Verkehrsbetriebe)
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Besonders umstritten ist die Ausdünnung des Fahrplans bei der Buslinie 6 zwischen Zug und Steinhausen. (Bild: Zuger Verkehrsbetriebe)

Wo es dem öffentlichen Verkehr an den Kragen geht

8min Lesezeit

Bis am Sonntag kann die Zuger Bevölkerung noch motzen: Es geht um den Fahrplanentwurf für den öffentlichen Verkehr im Kanton Zug für die nächsten zwei Jahre. Auf vielen Linien wird zusammengestrichen, was das Zeug hält. Wir zeigen, welche Busbenützer in Zukunft früher nach Hause müssen.

Geht es nach dem Zuger Regierungsrat, wird das Angebot des öffentlichen Verkehrs im Rahmen des Sparpakets ausgedünnt, um rund eine Million Franken einzusparen (siehe interaktive Grafik in der Mitte des Textes). Der Fahrplanentwurf 2016/17 zeugt vom Sparpaket: Busse fahren abends weniger lang, am Wochenende teilweise gar nicht mehr, der Takt wird von einer Viertelstunde auf eine halbe Stunde verschlechtert. Eine Buslinie würde sogar eingestellt, wenn der Fahrplan so durchkommt – der Versuch mit der neuen Buslinie 44 in Hünenberg, die im Dezember 2013 versuchsweise für drei Jahre eingeführt wurde, soll nun schon nach eineinhalb Jahren bereits wieder abgebrochen werden.

Amt für öffentlichen Verkehr: «Wenig Meldungen»

Das alles böte reichlich Potential für Verärgerung. Aber trotz der geplanten Abbaumassnahmen haben sich bisher nur wenige Zuger zum Fahrplanentwurf geäussert. Hans-Kaspar Weber, Leiter des kantonalen Amts für öffentlichen Verkehr: «Bisher hatten wir erst 31 Meldungen, die den Raum Zug betreffen», sagt Weber, «in anderen Jahren waren es bis zu 200». (Aktualisierung: die Auskunft über die 31 Meldungen wurde am 8. Juni gegeben. Inzwischen – nachdem verschiedene Medien das Thema nochmals aufgegriffen haben – sind es bereits rund 100 Rückmeldungen / Stand 11. Juni).

Weber betont, dass der Fahrplanentwurf «keine Vernehmlassung zum Entlastungsprogramm des Kantons ist». Auch wenn viele Stellungnahmen dessen Auswirkungen kritisierten. «Der Entwurf zeigt ja auf, was fährt», sagt Weber. Dieses Angebot wolle man aufgrund der Rückmeldungen optimieren. Besonders gefragt seien Meldungen zu korrigierbaren Fehlern – beispielsweise, wenn der Anschluss eines Busses auf die Bahn wegen einiger Minuten nicht gewährleistet ist.

Zu den Sparmassnahmen meint Weber, unter dem Strich spare man zwar. Es seien aber auch Attraktivitätssteigerungen im öffentlichen Verkehr geplant. Der Amtschef erwähnt zum Beispiel die Verlängerung der S-Bahnlinie 24 zum Flughafen Zürich und weiter über Winterthur nach Schaffhausen.

Grünes Postulat hängig

Bis am Sonntag 14. Juni können die Zugerinnen und Zuger also noch Stellung zum öV-Fahrplanentwurf nehmen (Adresse am Schluss des Artikels). Von politischer Seite haben bisher nur die Alternative - die Grünen reagiert. Mit einem Postulat fordern sie den Regierungsrat auf, das vom Kanton finanzierte Angebot im öffentlichen Verkehr nicht abzubauen und auf dem heutigen Niveau zu halten. Durch den geplanten Abbau nehme die Regierung in Kauf, dass «Bürgerinnen und Bürger wieder bewusst auf das Auto umsteigen.» Das Postulat wird voraussichtlich Ende Juni im Kantonsrat dran kommen.

Urs Raschle: «Stadt Zug ist unzufrieden»

In den Gemeinden rumort es derweil hinter den Kulissen. «Die Stadt Zug ist mit dem Fahrplanentwurf unzufrieden», sagt Stadtrat Urs Raschle. Inzwischen habe man aber verschiedene «konstruktive» Sitzungen mit den Amt für öffentlichen Verkehr gehabt. Viel erreichen oder ändern konnte Zug aber nicht, räumt Raschle ehrlicherweise ein.

Bei der Buslinie 12 nach Gimenen, die künftig abends weniger lang fahren wird, musste Zug laut Raschle klein beigeben. «Obwohl wir sehr kreativ gewesen sind», sagt er. Man habe vorgeschlagen, statt zwei Busse nur noch einen zu benutzen. «Dadurch wären die Anschlüsse auf die Bahn aber unattraktiv geworden. Wir konnten letztlich keine bessere Lösung, als diejenige des Regierungsrats, präsentieren.» Gegen die Beibehaltung spreche, dass das Quartier relativ viele Autofahrer habe.

Die neue, kürzere Führung der Buslinie 6 bis zum Posthof erachte der Kanton als sehr lukrative Sparmassnahme. «Wir sehen da ebenfalls wenig Chancen, etwas zu erreichen», sagt Raschle. Zumal es ja auch noch die Buslinien 3, 5 und die Stadtbahn gebe, um ins Zentrum zu gelangen. Erreicht habe man aber immerhin, so der neue Stadtrat, dass das Amt für öffentlichen Verkehr mehr Musikgehör hat für das «leidige Thema» der Buslinien 6, 7 und 16 zwischen Zug und Steinhausen.

Hünenberg wehrt sich gegen Versuchsabbruch

Auch der Gemeinderat Hünenberg hat keine Freude am Fahrplan. «Wir wehren uns gegen die Einstellung der Buslinie 44», sagt Gemeindeschreiber Guido Wetli. Der Regierungsrat wolle den dreijährigen Versuchsbetrieb nach eineinhalb Jahren bereits wieder abbrechen. «Dies, obwohl die Buslinie relativ gut frequentiert ist. Wir sehen das nicht ein. Hünenberg verlangt, dass der dreijährige Versuch zu Ende geführt wird.» – Die Hünenberger Gemeindepräsidentin Renate Huwyler sprach in einem anderen Medienbericht von 125'000 Busbenutzern im ersten Betriebsjahr.

Besonders einschneidend in Steinhausen

Steinhausen ist überdurchschnittlich von den Abbauplänen betroffen. Die Linie 6 von Zug nach Steinhausen soll neu Montag bis Samstag ab 20 Uhr statt jede Viertelstunde nur noch halbstündlich fahren. Die Mittagskurse der Buslinie 16 zwischen 11 und 14 Uhr werden aus Spargründen ganz gestrichen. Beide Massnahmen stossen dem Gemeinderat Steinhausen sauer auf. «Die Linie 6 wird generell sehr gut genutzt und wurde auch in der Ausgangszeit, wie zum Beispiel an den Samstagabenden, gut nachgefragt. Wir haben deshalb kein Verständnis für diese Ausdünnung und können die Argumentation des Amts für öffentlichen Verkehr nicht nachvollziehen», sagt Andreas Hürlimann, Vorsteher Bau und Umwelt und ALG-Kantonsrat.

Die Streichung der 16er-Mittagskurse sei zwar «verkraftbar», so Hürlimann, «die Hauptfrequenzzeiten sind morgens und abends.» Wünschbar wäre aber wenigstens ein Teilangebot zu erhalten. Beide Massnahmen ermunterten betroffene Zuger ausserdem, wieder verstärkt aufs Auto umzusteigen, sagt Hürlimann. Am kommenden Montag wird sich der Gemeinderat Steinhausen an seiner Sitzung mit dem Thema befassen. Andreas Hürlimann will anregen, die Zuger Regierung aufzufordern, die Abbaumassnahmen ein Jahr aufzuschieben. «Das würde den Gemeinden Luft geben, die Sache sauber zu analysieren.»

Parallell haben die Grünen von Steinhausen die Petition «Kein unüberlegter Busabbau in Steinhausen» an den Regierungsrat lanciert und sammeln Unterschriften (siehe Links).

Weniger Busse in Baar

Zug, Baar und Steinhausen protestieren

Die Stadt Zug sowie die Einwohnergemeinden Baar und Steinhausen werden beim Zuger Regierungsrat einen Antrag einreichen. Sie verlangen die Verschiebung des Entlastungsprogramms beim öffentlichen Verkehr um ein Jahr. «Der Grund ist der zu knappe Zeitplan. Zudem brauchen wir mehr Zeit zur detaillierteren Abklärung der Auswirkungen», sagt der Baarer Gemeinderat Pirmin Andermatt.

Auch in Baar rumort es. «Das Entlastungsprogramm führt zu einer Verschlechterung der Bedienung durch den öffentlichen Verkehr an den Randzeiten ab 20 Uhr sowie am Wochenende», erklärt Pirmin Andermatt, Vorsteher Abteilung Sicherheit/Werkdienst. Die Einwohnergemeinde Baar sei alles andere als zufrieden mit der geplanten Reduktion des Fahrplanes, sagt Andermatt. Sie habe in den vergangenen Jahren den Ausbau des Angebotes mit entsprechenden finanziellen Aufwendungen und zusammen mit dem Kanton vorangetrieben. Mittlerweile verfüge die Gemeinde damit über ein gut ausgebautes Angebot.

«Unzufrieden ist Baar aber auch über das sehr einseitige Vorgehen des Kantons und über die zögerliche Zurverfügungstellung von Datenmaterial», sagt der CVP-Gemeinderat. Konkret geht es um die Zahlen über die Benutzung der Busse, mit denen die Sparmassnahmen teilweise begründet werden. «Über das weitere Vorgehen respektive unsere Haltung zu den Sparmassnahmen, wird – nachdem nun endlich die meisten dafür erforderlichen Daten vorliegen – der Gemeinderat an seiner Sitzung vom 17. Juni erstmalig beraten», sagt der Baarer Gemeinderat. Dann werde auch die Frage behandelt, ob die Gemeinde sich allenfalls für wegfallende Angebote finanziell engagieren will und kann.

Fahrpläne bis 14. Juni online

Bis am Sonntag sind die Fahrpläne noch online einsehbar auf www.fahrplanentwurf.ch (Kanton Zug anklicken). Stellungnahmen per Mail sind möglich auf info.oev@zug.ch. Der Zeitplan sieht so aus: Nach Ablauf der Frist für Stellungnahmen werden die Fahrpläne beim Amt für öffentlichen Verkehr bereinigt. Dann muss der Regierungsrat über die Angebotsänderungen beschliessen. Ende November werden dem Kantonsrat die finanziellen Mittel zur Umsetzung der Massnahmen vorgelegt.

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