Die Reuss soll an den heiklen Stellen verbreitert werden. (Bild: Kanton Luzern)
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Die Reuss soll an den heiklen Stellen verbreitert werden. (Bild: Kanton Luzern)

Bauern und Existenzen gefährdet

6min Lesezeit

Der Kanton Luzern will den Hochwasserschutz an der Reuss verbessern. Dafür nimmt er 167 Millionen Franken in die Hand und braucht 56 Hektaren neues Land. Dass ein solches Grossprojekt nicht ohne Reibungen lanciert wird, ist absehbar. Unter anderen sind 32 Landwirte betroffen. Für sie geht es um Existenzen.

Die Luzerner Reuss erhält neue Dämme und mehr Raum. Das Bau-, Umwelt- und Wirtschaftsdepartement des Kantons Luzern gibt das Projekt «Hochwasserschutz und Renaturierung Reuss» in die Vernehmlassung. Die Kosten für das Generationenprojekt werden auf 167 Millionen Franken geschätzt. «Die Hochwasserschutzmassnahmen an der Reuss sind heute über hundert Jahre alt», sagt der kantonale Projektleiter Sandro Ritler. Die damals erstellten Dämme seien nicht mehr funktionstüchtig und drohen im Hochwasserfall zu brechen. «Das kantonale und nationale Wasserbaugesetz sieht vor, dass Gewässer naturnah gestaltet werden müssen», so Ritler. Zudem soll die Reuss verbreitert werden, um so die Wasserkapazität zu erhöhen.

32 Landwirte betroffen

Das Heikle an diesem Grossprojekt: Der Kanton braucht dafür mehr Land. Im oberen Teil des Abschnitts ist vorgesehen, die Dämme neu aufzubauen, zu erhöhen und zu verstärken. Ab dem Schiltwald soll die Reuss ausgeweitet werden (siehe Plan). Der gewünschte Effekt: Steht mehr Platz zur Verfügung, sinkt der Hochwasserspiegel und Zuflüsse zur Reuss werden weniger rückgestaut.

Dafür fehlen dem Kanton insgesamt 56 Hektaren oder umgerechnet 80 Fussballfelder Land. Ungefähr je zur Hälfte Land für die Landwirtschaft sowie Wald. Mit den betroffenen Grundeigentümer stehen nun Verhandlungen an. Scheitern diese, könnte der Kanton die Grundeigentümer enteignen. Es handelt sich um 32 Landwirtschaftsbetriebe, wie der Projektleiter Sandro Ritler von der Dienststelle Verkehr und Infrastruktur (vif) weiss.

Aus den ersten Gesprächen habe man ihre Anliegen entgegengenommen. «Wir suchen nach einvernehmlichen Lösungen mit den Grundstückbesitzern und Pächtern», sagt Ritler. Er nennt das Beispiel von einem Landwirtschaftsbetrieb, bei dem neue Wegführungen die Parzelle durchschnitten hätten. «Dieses Problem nehmen wir gerne entgegen und zeigen mögliche Lösungen auf», so Ritler. Die Erkenntnisse aus den verschiedenen Anliegen werden dann im März gemeinsam besprochen.

Es geht um Existenzen

Schutzdämme und Aufweitungen

Das Hochwasser im Jahr 2005 hat in den Gebieten der Kleinen Emme und der Reuss Schäden von rund 345 Millionen Franken angerichtet. Der Kanton Luzern hat als Reaktion darauf Sofortmassnahmen angeordnet und im Auftrag des Kantonsrates das Projekt «Hochwasserschutz und Renaturierung Reuss» initiiert.

Das Projekt umfasst Hochwasserschutz- und Renaturierungsmassnahmen am 13,2 Kilometer langen Abschnitt vom Reusszopf bis zur Kantonsgrenze. Es orientiert sich am Grundsatz des Bundes: «Rückhalten, wo möglich; durchleiten, wo nötig.»

«Die Bauern fühlen sich vor den Kopf gestossen», sagt Stefan Heller, Geschäftsführer des Verbands Luzerner Bäuerinnen und Bauern. Am Vorgehen des Kantons kritisiert er den zwischenmenschlichen Umgang. «Es ist eine Tatsache, dass die meisten Bauern nur einmal vom Kanton besucht worden sind. Viele wissen nun aber nicht, wie es konkret weitergeht.» Heller verlangt etwas mehr Respekt gegenüber den Grundeigentümern. «Ich möchte betonen, dass für alle Betroffenen klar ist, dass etwas gemacht werden muss. Viele der Bauern waren beim Hochwasser auch selber betroffen.»

Die Bauern seien für Lösungen grundsätzlich offen. Klar ist aber auch: Es geht teilweise um Existenzen. Das zeigt sich beispielsweise bei einem Biobetrieb mit 2'000 Legehennen in Gisikon. Geht es nach dem aktuellen Hochwasserschutzprojekt, könnte der Besitzer sechs bis sieben Hektaren Land verlieren. «Gibt es keinen Realersatz, sondern eine finanzielle Abgeltung, wird es schwierig, den Betrieb aufrecht zu erhalten. Denn die Legehühner brauchen Auslauf», schätzt Heller. Heller will sich bei den nächsten Gesprächen für die Bauern einsetzen.

 

Firmen in der Projektgruppe

Die Wirtschaft ist beim geplanten Grossbauprojekt ebenfalls involviert. Die Ruag AG sowie andere Firmen sind direkt betroffen und deshalb auch bei der Koordination des Projektes mit dabei. Das Ruag-Areal in Emmen würde bei einem Dammbruch 20 bis 50 cm unter Wasser stehen. Direkt betroffen sind auch die Centralschweizerischen Kraftwerke (CKW) durch das Kleinwasserkraftwerk bei Rathausen. Dorothea Ditze, Sprecherin der CKW: «Es muss gewährleistet sein, dass wir allfällige Hochwassermengen durch das Wasserkraftwerk durchleiten können.» Ebenfalls in der Steuergruppe sind die Perlen Papier AG, die Energie Wasser Luzern (ewl) und die REAL (Recycling, Entsorgung, Abwasser Luzern).

Naturverbände sind involviert

Und was sagen die Umweltverbände zum Vorhaben? Gemäss Kanton haben sich «so viele Interessensverbände wie noch nie» an der Mitsprache beteiligt. Mit dabei sind zahlreiche Vereine und Verbände, darunter der «WWF Luzern» und «Pro Natura». Ihnen ist vor allem wichtig, dass die Reuss genug Platz erhält und die Uferlandschaft ökologisch aufgewertet wird. Das Wegnetz für Fussgänger, Radfahrer und Reiter sowie die Erholungsgebiete werden optimiert. Urs Brütsch, Geschäftsleiter des WWF Luzern, sagte gegenüber dem Regionaljournal Zentralschweiz SRF: «Es gibt viele Interessen, die hier eine Rolle spielen. Wir konnten aber unsere Anliegen einbringen und akzeptieren dieses Projekt.»

Die Pläne des Kantons

 

Wie geht es weiter?

Das Grossprojekt geht nun bei Bund, Kanton, Gemeinden und Interessengruppen in die Vernehmlassung. Ist diese abgeschlossen, kann die öffentliche Auflage des Projekts geplant werden, anschliessend folgt die Bewilligungsphase. 

Das Reusstal entwickelte sich in den letzten Jahren zu einer wichtigen Wohn- und Arbeitsregion. Die Infrastruktur wurde modernisiert und ausgebaut. Neben Wohnraum sind laufend Büro-, Gewerbe- und Industriebauten entstanden. «Dadurch hat sich das Schadenpotenzial bei zukünftigen Hochwasserereignissen erhöht», sagt Ritler. Für den Projektleiter ist klar: «Von den geplanten Naherholungsgebiet profitiert die ganze Bevölkerung.»

Gefahrenuntersuchungen zeigen, dass ein Hochwasser im Luzerner Reusstal einen Schaden von über 275 Millionen Franken an öffentlichen Infrastrukturen und Gebäuden verursachen kann. Schäden an privatem Eigentum oder Erwerbs- und Ertragsausfälle von Unternehmen sind hier noch nicht eingerechnet.

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