Der Dorfkern in Ruswil soll erneuert und wiederbelebt werden. Dabei soll das Ortsbild möglichst erhalten bleiben. Geplant sind Investitionen in der Höhe von 30 Millionen Franken, unter anderem in ein neues Gemeindehaus. (Bild: ZVG)
Politik Wohnen

Der Dorfkern in Ruswil soll erneuert und wiederbelebt werden. Dabei soll das Ortsbild möglichst erhalten bleiben. Geplant sind Investitionen in der Höhe von 30 Millionen Franken, unter anderem in ein neues Gemeindehaus. (Bild: ZVG)

Gemeinden vergolden ihre Zentren

5min Lesezeit

Luzerner Gemeinden erwecken ihre Dorfkerne und Zentren mit modernen Bauten zu neuem Leben – für viel Geld. Dieses fehlt den Gemeinden, nicht aber den Investoren. Unter den Banken, Versicherungen, Pensionskassen und privaten Investoren herrscht ein reger Wettbewerb um Anlageobjekte. In den nächsten 10 Jahren sollen in einem Viertel aller Luzerner Gemeinden mehrere Milliarden Franken verbaut werden.

«Wir versprechen uns neue Impulse für die Gemeinde. Neue Geschäfter sollen angesiedelt werden und ein neuer Dorfplatz entstehen.» Ruedi Amrein, Gemeindepräsident von Malters, verspricht sich viel von der Erneuerung des Dorfzentrums im Bereich Bahnhof/Weihermatte. Die Bevölkerung stimmte dem Bebauungsplan im Juni zu. Das Projekt wird 70 bis 100 Millionen Franken kosten. «Die Investorensuche bereitete uns keine Probleme. Die Verhandlungen sind abgeschlossen. Wir hatten viele Interessenten», sagt der Gemeindepräsident stolz.

Gemäss Recherchen von zentral+ beschäftigen sich gut ein Viertel der Luzerner Gemeinden mit einer Erneuerung ihres Dorfkerns. Dass es in Malters gerade vor diesem Hintergrund relativ einfach war, Investoren zu finden, erstaunt deshalb. Ein anderes Beispiel: In Hochdorf ergriff die Gemeinde die Initiative und liess eine umfangreiche Studie zur Zentrumsentwicklung erstellen. Diese kostete alleine mehrere hunderttausend Franken. Das Herzstück ist der Baustein «Neue Mitte». Die entsprechenden Kosten liegen zwischen 40 und 50 Millionen Franken. Die Verhandlungen zwischen einem Investoren und Grundeigentümer laufen.

Neues Tummelfeld für Unternehmen

Die vielen Infrastrukturprojekte der Gemeinden haben neue Unternehmen auf den Plan gerufen. Jürg Inderbitzin hat eine Firma gegründet, die den Entwicklungsprozess von der ersten Idee bis zum letzten Dachziegel begleitet. Auch «Blickpunkt Lebensraum» bietet diese Dienstleistungen an. «Die Geschäftsidee ist aus meinen eigenen Projekterfahrungen entstanden», beschreibt Inderbitzin.

Neutraler Moderator

Da Gemeinden mit den Projekten oft auch Eigeninteressen verfolgen und nicht über die Ressourcen verfügen, die Infrastrukturprojekte eng zu begleiten, sei ein neutraler Moderator gefragt. «Wir können die Nähe zu den Akteuren behalten», sagt Jürg Inderbitzin betont. Dass dadurch mehr Einfluss auf die unterschiedlichen Interessen der Grundstückbesitzer, eventuell von Mietern und dem Denkmalschutz ausgeübt werden kann und mögliche Investoren einfacher bei der Stange gehalten werden, lässt er jedoch unerwähnt.

Hansueli Renggli, Bereichsleiter Bau der Gemeinde Hochdorf, sagt: «Die Gemeinde kann nur die Grundlage schaffen. Handeln müssen die Grundeigentümer.» Angestrebt wird ein Regionalzentrum mit gesteigerter Zentrumsqualität. Die schlechte Bausubstanz einzelner Gebäude im Ortskern, die Erosion des Detailhandels und die wachsende Verkehrsbelastung sind Gründe, weshalb die Gemeinde gerade jetzt etwas unternimmt. «Geld und Interesse ist bei den Investoren vorhanden», weiss Renggli zu erzählen. Zusammen mit potentiellen Geldgebern haben Mitarbeiter der Gemeinde die betreffenden Grundstücke besichtigt. Mit einem Bus sind sie von Parzelle zu Parzelle gefahren und haben sich die Situation vor Ort angeschaut.

Motive hinter den Projekten gleichen sich

In Root liegt der Gestaltungsplan «Dorf Root», der eine Fläche von 15'000 Quadratmetern umfasst, bis Anfang Oktober auf. Geplant ist ein richtiges Dorfzentrum um den bestehenden Gasthof Rössli herum. In Schüpfheim findet schon bald eine erste Informationsveranstaltung zur Zentrumsentwicklung statt. Meggen realisierte schon vor 19 Jahren ein neues Gemeindezentrum. Das Erweiterungsprojekt Schwerzi wurde 2009 fertiggestellt und beinhaltete acht Wohnungen und die Vergrösserung der Ladenfläche eines Grossverteilers. In Eschenbach bestehen erste Vorstellungen, auf welchem Areal eine Zentrumsüberbauung erfolgen sollte. In Sursee wurden in den letzten Jahren unzählige Millionen Franken in Infrastrukturprojekte investiert.

Die Aufzählung lässt sich beliebig weiter führen. In Ruswil soll der Dorfkern ebenfalls wiederbelebt werden. Die Bevölkerung stimmte diesen Frühling in einer Abstimmung dem Planungskredit für die Dorfkernerneuerung in der Höhe von einer halben Million Franken zu. Damit kann die Gemeinde die Detailplanung in Angriff nehmen. Die Kosten des Projekts «Ladegass» belaufen sich insgesamt auf ungefähr 30 Millionen Franken. In Sempach Station ist die neue Umfahrung seit kurzem befahrbar. Am Projekt «Seepark-Village» wird gebaut. In Wikon soll eine Überbauung mit 72 Wohnungen und Dienstleistungsfläche entstehen. Durch das Projekt möchte die Gemeinde ihre Identität stärken und generationenübergreifendes Wohnen ermöglichen. Und in Ebikon entstehen für rund 20 Millionen Franken ein neuer Dorfplatz und zwei Wohnblöcke mit 52 Mietwohnungen und Gewerberäume. Der Baustart ist dort erst kürzlich erfolgt.

Wettbewerb unter den Investoren

Das Geld der Investoren ist gefragt. Bei der gegenwärtig angespannten Finanzlage können sich die Gemeinden die Projekte selber kaum leisten - und zählt auch nicht zwingend zu deren Hauptaufgaben. Die Liste potentieller Geldgeber ist lang. Alex Widmer, Leiter Immobilien bei der Luzerner Pensionskasse, sagt: «Die Nachfrage nach Immobilien ist bei institutionellen Anlegern weiterhin ungebrochen gross.»

In der Gemeinde Wauwil war ein neues Gemeindezentrum im Gestaltungsplan zwar nicht explizit vorgesehen. Dennoch ist es jetzt in den ersten Vorschlägen Bestandteil des Projekts. Auf dem Gebiet der ehemaligen Glasi hinter der S-Bahn-Haltestelle ist eine Überbauung mit  250 bis 280 Wohnungen, Gewerbe und Dienstleistungsanbietern geplant. Der Baubeginn des Wauwiler Projekts „Zentrum Glasi“ soll 2015 erfolgen. Der Investor ist bei diesem Projekt auch schon bekannt. Die Stadtbauentwicklungs AG beteiligt sich mit gesamthaft über 100 Millionen Franken. Christoph Hug von Blickpunkt Lebensraum, einem Unternehmen, das sich im Namen des Bauherren um die Entwicklung und Projektsteuerung kümmert, bestätigt allgemein das grosse Interesse von Investoren: «Offenbar ist das Kapital vorhanden. Die Projekte sind günstige Investitionsmöglichkeiten. Viele Akteure reissen sich darum.»

Zufällige Entwicklung?

Dass die Gemeinden gerade jetzt derart bestrebt sind, ihre Zentren aufzuwerten, ist laut Jürg Inderbitzin, Wirtschaftsdozent an der Hochschule Luzern, zufällig. Die Bauprojekte erstreckten sich oft über mehrere Parzellen verschiedener Eigentümer, deren Interessen sich unterscheiden. Damit variiere auch die Geschwindigkeit der am Projekt beteiligten Akteure. Dorfkernerneuerungen seien aufgrund dieser langfristigen Prozesse schon länger ein Thema und die vielen gleichzeitig vorhanden Gemeindepläne deshalb reiner Zufall. Und Inderbitzin fügt an: «Durch die begrenzten Siedlungsflächen sind Entwicklungen im Siedlungsinnern mehr gefragt. Die Sensibilisierung dafür ist gewachsen.» Genau dieses Argument nimmt auch Kantonsplaner Mike Siegrist auf. «Das neue Raumplanungsgesetz führt zu einem Stopp der Zersiedelung. Und damit zu einer Siedlungsentwicklung nach Innen, wozu auch die Zentrums- und Dorfkernerneuerungen gehören.»

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