VBL-Direktor Norbert Schmassmann in seinem Büro an der Tribschenstrasse. (Bild: bra)
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VBL-Direktor Norbert Schmassmann in seinem Büro an der Tribschenstrasse. (Bild: bra)

«Wir bauen den ÖV nicht freiwillig ab»

11min Lesezeit

Die Verkehrsbetriebe Luzern (vbl) stehen immer wieder im Fokus der Öffentlichkeit. Zurzeit wird auf politischer Ebene heftig über das Sparpaket des Kantons diskutiert. Vor diesem Hintergrund spricht der vbl-Direktor und CVP-Kantonsrat Norbert Schmassmann in unserem Interview über das Sparen beim ÖV, rasende Bus-Chauffeure und komplizierte Tarifsysteme.

zentral+: Sie waren in Frankreich in den Ferien. Vergleichen Sie im Ausland auch den ÖV-Service mit denen ihres Unternehmens, der vbl?

Schmassmann: Ja, das mache ich in den Ferien immer wieder. Es reicht schon eine Woche Italien, Frankreich oder Griechenland. Da fallen mir dann schon einige Sachen auf. Komfort, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit. Das sind so die Kritierien, auf welche ich achte.

zentral+: Und, wie fällt der Vergleich aus?

Schmassmann: Positiv wie negativ. Sagen wir so: Bei uns wäre ich froh, wenn ÖV-Benutzer, statt laufend die hiesigen Verhältnisse immer wieder zu kritisieren, auch mal den Blick auf die wesentlich bescheidenere ÖV-Qualität im Ausland werfen würden.

zentral+: Sie haben die Kritik satt?

Schmassmann: Nein, das können Sie so nicht sagen. Aber am meisten stört mich, wenn die vbl kritisiert wird, weil zum Beispiel ein Bus den Bahnhof ein paar Minuten zu spät erreicht und man deshalb den Zug verpassen könnte. Die Ursache für die Verspätung ist jeweils die Behinderung durch den übrigen Verkehr und nicht die Fahrweise des Chauffeurs. Es gibt dann Leute, die sich dennoch beim Buschauffeur beschweren, sie müssten dann noch den Zug erreichen. Da muss ich sagen: Nehmen Sie doch in der Rushhour einen früheren Kurs!

zentral+: Der Kanton will über 200 Millionen Franken einsparen. Beim öffentlichen Verkehr sollen 10 Millionen gestrichen werden. Wo muss die vbl sparen?

Schmassmann: Wir selber sind in einer schwierigen Situation, wenn wir Sparvorschläge zum ÖV machen müssen. Denn wir setzen im Moment genau das um, was politisch von uns verlangt wird: nämlich den Ausbau des ÖV-Angebotes, um die Kapazitäten bis ins Jahr 2030 um 40 Prozent zu steigern, wie dies der vom Parlament genehmigte ÖV-Bericht vorsieht.

zentral+: Wenn Sie Regierungsrat wären, wo würden Sie den Sparhebel ansetzen? 

Schmassmann: Ich kann jetzt nicht behaupten, dass ich «überall», aber nur nicht beim ÖV ansetzen würde (lacht). Der billigste ÖV ist kein ÖV. Nein, ich würde nach gewissen Prioritäten kürzen, jedoch nicht einfach linear mit dem Rasenmäher.

zentral+: Das ist doch auch im Sinne des Sparpaketes?

Schmassmann: Ja, aber das bisher diskutierte Sparpaket, das ja im Moment alles andere als beschlossene Sache ist, hat als Ganzes bei den Parlamentariern grosses Unbehagen ausgelöst. Das haben ja auch die Parteien kritisiert. Man wirft der Regierung vor, dass sie zu wenig klar sagt, wo man sparen könnte. Es ist einfach ein Sammelsurium an Sparvorschlägen. Man erkennt keine sachlichen Prioritäten und vermisst Begründungen. 

«Der billigste ÖV ist kein ÖV»

Norbert Schmassmann, vbl-Direktor

zentral+: Also macht die vbl bei der Spardiskussion nicht mit?

Schmassmann: Wir werden nicht von uns aus sagen, dass wir das Angebot kürzen oder Leistungen streichen sollen. Das ist die Aufgabe der Politik. Ich vergleiche das mit einer Bäckerei, die genau die Menge Brötchen liefert, die bestellt worden ist. Keine Bäckerei wird von sich aus weniger Brot backen, solange dieses Brot so bestellt wird. Auch wir bauen den ÖV sicher nicht von uns aus freiwillig ab.

Und ausserdem wird sich kaum ein Politiker in seinem Wahlkreis für die Ausdünnung des Fahrplans einsetzen, um Kosten zu sparen. Es könnte ein klarer Stadt-Land-Konflikt ergeben, wenn man den Sparfokus auf nur schwach ausgelastete Postautolinien im ländlichen Bereich legen würde.

zentral+: Apropos, sie sind auch CVP-Kantonsrat. Was werden Sie konkret unternehmen?

Schmassmann: Sicher werde ich mich gegen die Sparmassnahmen im ÖV wehren. Ausserdem sind die Meinungen in der ganzen Diskussion noch nicht gemacht. Die regierungsrätliche Botschaft zu den konkreten Sparmassnahmen liegt noch nicht vor. Die internen Gespräche in den Fraktionen stehen somit noch bevor. All das erfolgt im Herbst. Da werde ich über meine Kanäle Einfluss nehmen. 

zentral+: Sie gelten als ein untypisch stiller Politiker. Ein Nachteil, wenn’s ums Eingemachte geht?

Schmassmann: Ja, das stimmt. Ich bin eher ein «Hinterbänkler». Mir geht es aber um das, was ich konkret im Hintergrund und in meiner Fraktion bewirken kann – und nicht um grosse Sprüche. Ich habe auch schon für andere Politiker Vorstösse geschrieben und somit auch die Chancen für die Zustimmung erhöht. Es ist schon so: Ich setzte entweder den einen oder den anderen Hut auf. Aber in meiner beruflichen Funktion habe ich schon eine genügend hohe Medienpräsenz, so dass ich es mir leisten kann, ein eher stiller Kantonsrat zu sein. 

zentral+: Geht es nach dem Verband öffentlicher Verkehr, beziehungsweise nach der SBB, so werden die ÖV-Preise im Durchschnitt leicht angehoben. Wie teuer wird das vbl-Billett ab Mitte Dezember?

Schmassmann: Hier haben wir als beauftragte Transportunternehmung – wie alle anderen auch – nur wenig zu sagen. Die Tarife im Verbund Passepartout werden vom Verkehrsverbund Luzern in Absprache mit den beiden Partnerkantonen Obwalden und Nidwalden bestimmt. Denn der Verkehrsverbund muss uns wegen den Sparrunden die Abgeltung kürzen. Dies ist aber nur möglich, wenn die Erträge gesteigert werden können.

Und dies wiederum ist nur mit Tariferhöhungen möglich. Die Preise werden deshalb im Passepartout mit Sicherheit etwas steigen. Aber das genaue Ausmass muss der Verkehrsverbund bestimmen. Er wird die Tarifmassnahmen im Herbst dann auch selber kommunizieren. Sagen wir es so: Am Billettautomat wird man das nicht sehr stark merken.

zentral+: Die Preise steigen seit Jahren. Wie viele Preiserhöhungen können die ÖV-Nutzer eigentlich verkraften?

Schmassmann: Wir wissen aufgrund von Marktstudien und Expertenrechnungen, dass die ÖV-Benutzer kurzfristig – also innerhalb eines Jahres – eher empfindlich auf stärkere Preiserhöhungen reagieren. Spätestens nach einem ganzen Jahr erholt sich die Nachfrage in der Regel wieder. Wir können zudem aus Erfahrung sagen, dass man keine grossen Tariferhöhungen nur alle «sieben» Jahre machen sollte, sondern in kürzeren Abständen und in kleineren Schritten. Ansonsten geht die ÖV-Benutzung plötzlich stark zurück.

zentral+: Ihr Kollege, CVP-Kantonsrat Peter Zosso, wollte mit einen Vorstoss die Vereinfachung des Zonenplans. Das heisst, das Billett-Wirrwarr am Automat soll einfacher werden. Wo steckt das Projekt zurzeit?

Schmassmann: Wir arbeiten mit Hochdruck an der technischen Umsetzung, so dass auf den kommenden Fahrplanwechsel vom 14. Dezember der neue, vereinfachte Zonenplan eingeführt werden kann.

Auch ich habe noch vor meiner Zeit im Kantonsrat zu denen gehört, die von Anfang an gesagt haben, dass das doppelte Zonensystem für Abonnemente einerseits und Einzelfahrausweise, andererseits für die Benutzer zu kompliziert ist und von Anfang an hätte einfacher gestaltet werden müssen. Die vbl ist ja schliesslich als Anbieter an der Kundenfront und weiss, wovon sie redet, denn die Kundenrückmeldungen kommen direkt zu uns. 

zentral+: Kommen wir zu den Ärgernissen des Alltags. Busfahrer rasen schon mal ziemlich schnell durch die Stadt, so der Eindruck. Müssen sie dann jeweils die verlorene Zeit wieder aufholen?

Schmassmann: Es wird manchmal so wahrgenommen. Dieselbe Geschwindigkeit in einem Bus wirkt aber anders als in einem Personenwagen. Objektiv betrachtet stimmt es aber nicht, dass die ÖV-Busse «rasen». Denn der Fahrer darf und kann in der Stadt sowieso nicht schneller als 50 km/h fahren – an vielen Stellen nur 30 km/h.

zentral+: Was auch mal passiert, wenn der Buschauffeur Blickkontakt hat und die Türe trotzdem nicht mehr aufmacht – sprich: Dann mit Absicht davon fährt. 

Schmassmann: Dann geht es nicht darum, den Fahrplan aufzuholen. In solchen Fällen hat der Chauffeur die Türen bereits verriegelt und ist abfahrtsbereit. Irgendwann muss ja der Chaffeur weiterfahren. Es geht nicht darum, Kunden zu verärgern. Wenn es geht, macht der Chauffeur die Türe nochmals auf. Aber eben: Das geht nicht immer.

zentral+: Werden solche Themen intern besprochen?

Schmassmann: Wir machen in der Schulung mehr, als man von aussen her denkt. In der Grundausbildung und auch in Weiterbildungskursen werden konkrete Vorfälle und Reklamationen, wie sie im Alltag vorkommen, gemeinsam aufgearbeitet. Wir arbeiten da auch mit externen Fachpersonen und Psychologen zusammen. Aber die behandelten Beispiele stammen immer aus der Praxis, womit der Lerneffekt gross ausfällt und auch nachhaltig wirkt.

zentral+: Die Stadt Luzern hatte in den vergangenen Jahren mit vbl-Bussen zwei tragische Unfälle zu verzeichnen, so etwa vor vier Jahren ein tödlicher Überholunfall mit einem Velofahrer oder eine für einen betagten Mann tödliche Kollision mit einem Bus. Da wurden Sie kritisiert, die Fahrplaneinhaltung sei sogar wichtiger als Menschenleben.

Schmassmann: Diese Unfälle sind und waren sehr bedauerlich. Sie haben uns intern sehr beschäftigt. Trotzdem: Die schweren Unfälle haben in der Statistik abgenommen. Wenn aber etwas Gröberes passiert, analysieren wir das Vorgefallene genauestens, gehen den Ursachen nach und kümmern uns um die Betroffenen; so auch in den erwähnten Fällen, wo die betroffenen Chauffeure – auch psychisch – sehr stark darunter gelitten haben und zum Teil immer noch leiden. 

zentral+: Einer der Fälle ist zurzeit noch beim Bundesgericht hängig. Warum?

Schmassmann: Ja, weil wir mit den Urteilen der Vorinstanzen (Verurteilung des Chauffeurs wegen fahrlässiger Tötung) nicht einverstanden sind, da die Zeugenaussagen widersprüchlich sind und die Eigenverantwortung des verunglückten, stark alkoholisierten Velofahrers überhaupt nicht gewichtet worden ist.

Auf jeden Fall kann ich bestätigen, dass wir unserem Fahrpersonal immer wieder «predigen», dass an oberster Stelle immer die Sicherheit steht. An zweiter Stelle kommt die Kundenfreundlichkeit. Erst an dritter Stelle kommt die Fahrplaneinhaltung.

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