Talstrasse durch das Seetal (gestrichelte Linie). Der Landbedarf ist ungewiss. (Bild: Quelle: Richtplankarte Kanton Luzern)
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Talstrasse durch das Seetal (gestrichelte Linie). Der Landbedarf ist ungewiss. (Bild: Quelle: Richtplankarte Kanton Luzern)

Jede Gemeinde hat für sich alleine gewurstelt

9min Lesezeit

Durch das Seetal soll eine neue Umfahrungsstrasse gebaut werden, das «Jahrhundertbauwerk» Talstrasse. Damit sind die Seetaler Gemeinden auf Kurs. Mitte Juni wird ihnen der Kanton aufzeigen, welche Variante für die neue Strasse am meisten Punkte macht. Das Bauvorhaben ist aber umstritten, noch bevor die Planspiele auf dem Tisch liegen.

Der Verkehr quält sich durch die Dörfer, mal ist es Kriechverkehr, mal gibts Stau. Das passiert jeden Tag zu den Hauptverkehrszeiten am Morgen und am Abend und neuerdings auch an Samstagen in Eschenbach, Ballwil und Hochdorf. Peter Huber (FDP), Gemeindepräsident von Hochdorf, beschreibt die Situation so: «Unter dem Tag brauche ich mit dem Auto von der Autobahnausfahrt Buchrain bis nach Hochdorf 10 bis 12 Minuten, in den Hauptverkehrszeiten dauert es jedoch 30 Minuten. Darum brauchen wir eine Umfahrung der Dörfer im Seetal, und das erreichen wir mit einer neuen Talstrasse.»

Etappenziel im Juni

Der Kanton hat den Seetal-Gemeinden verschiedene Varianten für die Talstrasse zur Vernehmlassung unterbreitet. Am 18. Juni werden nun die Gemeinden und ihr gemeinsamer Entwicklungsträger Idee Seetal AG  von den Kantonsbehörden über die obsiegende Variante informiert. Ende Sommer soll dann auch die Öffentlichkeit informiert werden. 

Ganz anders nimmt Paul Langenegger von der SP-Ortspartei Hochdorf die Situation für sein Dorf wahr. «Zweimal am Tag eine halbe Stunde Rushhour in Hochdorf ist kein Verkehrsproblem – verglichen mit den Staus in den Agglomerationen.» Und er fügt bei: «Mehr als 5 bis maximal 10 Minuten verliert niemand in der Rushhour in Hochdorf. Die meisten Betroffenen könnten dem Stau problemlos mit dem Velo ausweichen, da sie in Hochdorf wohnen.»

Als Wohngegend gepusht

Die Wahrnehmung ist offensichtlich subjektiv – und konkretere Einschätzungen sind gegenwärtig noch unter Verschluss: Enthalten sind sie in einem Papier des Kantons über Varianten für eine neue Talstrasse durch das Seetal. «Die aktuelle und die für das Jahr 2030 prognostizierte Verkehrssituation wird das Variantenstudium Talstrasse aufzeigen», sagt Beat Hofstetter, Abteilungsleiter Planung Strassen der Dienststelle Verkehr und Infrastruktur VIF beim Kanton Luzern. Doch im Grundsatz ist klar, wohin die Reise geht:  «Wir haben den Auftrag des Kantonsrates, gemäss Bauprogramm für die Kantonsstrassen eine Talstrasse zu planen.»

Das Seetal mit seinen Gemeinden ist nicht bloss Opfer des Verkehrs, es ist selber auch «Täter»: Die Gemeinden, zusammengeschlossen im regionalen Entwicklungsträger Idee Seetal AG, haben das Tal mit dem Baldegger- und dem Hallwilersee als Wohngegend gepusht. Schlau kalkuliert, setzten die Gemeinden schon früh auf die Autobahn A4, die das Seetal näher an Zug und Zürich heranrückt.

Wer durchs Seetal fährt, sieht die Folgen. Der Bauboom ist ungebrochen. Vor allem «Einwanderer» aus Zug, wo Bauwillige Wohneigentum nicht mehr bezahlen können, leisten sich ein Haus oder eine Wohnung im Seetal. Sogar Pendler aus Zürich haben sich hier niedergelassen.

Eine neue Busverbindung, TransSeetalExpress genannt, fährt sie nun am Morgen auf den Bahnhof nach Rotkreuz und am Abend wieder zurück. Der Linienbus ist gut ausgelastet, und auch die Seetalbahn, die S9, ist zu Randzeiten proppenvoll, oft finden Passagiere keinen Sitzplatz.

Die Strasse wird teuer

Und es ist offensichtlich: Auch die Strasse vermag den Verkehr zumindest in den Hauptverkehrszeiten kaum noch zu schlucken. Hochdorf zählte 2011 bei seinem Kreisel im Zentrum 19'720 Fahrzeuge, 2005 waren es 18'410. Dabei entfallen rund 4,4 Prozent auf den Schwerverkehr.

Die neue Talstrasse soll also die Dorfzentren entlasten. Wer von der Autobahnausfahrt Buchrain auf der A4 oder aus dem Raum Emmen, Gisikon oder Rothenburg ins Seetal will, soll die Seetaldörfer umfahren können. Geplant ist eine rund sechs bis acht Kilometer lange Neubaustrecke mitten durch die grüne Landschaft.

Zwar ist noch nicht bekannt, wie genau die Linienführung verläuft. Durchgesickert ist, dass der Kanton eine Variante favorisiert, die Eschenbach östlich und danach Ballwil und Hochdorf westlich umfährt. Kostenpunkt: 110 Millionen Franken. Es könnten aber durchaus auch 220 Millionen werden, denn Eschenbach ist mit der Linienführung beim Dorf nicht zufrieden und fordert einen Tunnel.

Ist das nicht übertrieben viel Geld, wenn man die Probleme im Seetal mit jenen in den Agglomerationen vergleicht? «Nein», findet der Hochdorfer Gemeindepräsident Peter Huber, «denn wir haben auch eine hohe Belastung durch den Schwerverkehr. Den wollen wir nicht mehr in den Dörfern haben.»

Politischer Druck aus dem Seetal

Die Kantonsbürger sollen also dem Seetal eine neue Strasse finanzieren. Wie das politisch aufgegleist wurde, hat der grüne Kantonsrat Michael Töngi (Kriens) im Kantonsparlament miterlebt: «Die Parlamentarier aus dem Seetal haben mächtig Druck aufgesetzt, damit die neue Talstrasse mit tiefer Priorität ins gegenwärtig gültige Strassenbauprogramm des Kantons aufgenommen wird.» Und der Druck sei weiterhin hoch, damit die Talstrasse Ende 2014 mit hoher Priorität ins neue Strassenbauprogramm für die Jahre 2015 bis 2018 aufgenommen werde.

Michael Töngi versteht zwar, dass das Seetal gut erschlossen sein möchte. Er kritisiert jedoch: «Wenn man schon das Seetal als Wohngebiet pusht, muss man auch ein passendes Konzept für den öffentlichen Verkehr machen und nicht einfach die Strasse ausbauen.»

Dass ein solches gemeindeübergreifendes Erschliessungskonzept fehlt, räumt Pius Höltschi von der Idee Seetal AG ein. «Wir gingen davon aus, dass die bestehende Infrastruktur auf der Schiene und auf der Strasse reicht», sagt Höltschi, und fügt selbstkritisch hinzu: «Wir haben die Verkehrssituation zu wenig beachtet. Wir haben die Verkehrszunahme unterschätzt.» Dann hat also jede Gemeinde für sich gewurstelt? «Das kann man so sagen.»

Ausbau auch beim ÖV

Pius Höltschi ist Landwirt und Gemeindeammann der Seetaler Gemeinde Aesch, und er hatte schon als (früherer) CVP-Kantonsrat politisch für die Talstrasse lobbyiert. Doch er ortet das Versagen auch bei der Luzerner Regierung. «Ich habe vor Jahren im Kantonsrat einen Vorstoss für ein Verkehrskonzept Seetal eingereicht», erinnert sich Höltschi, «aber der damalige Baudirektor Max Pfister meinte, das sei nicht nötig.»

Jetzt erhofft sich Höltschi Verbesserungen durch die neue Talstrasse und den Ausbau des ÖV. Beim ÖV plant der Verkehrsverbund Luzern für 2017 auf der S9 Doppeltraktionen (zwei zusammengehängte Zugseinheiten) auf hoch belasteten Kursen. Damit würde die Kapazität solcher Kurse verdoppelt. Ausserdem plant er für 2020 zusätzliche Züge zu den Hauptverkehrszeiten (der entsprechende ÖV-Bericht ist in Vernehmlassung).

Doch vom ÖV-Ausbau allein erwarten die Gemeinden keine substanzielle Verbesserung. Der Hochdorfer Gemeindepräsident Peter Huber sagt, «wir sind uns in allen Gemeinden einig, dass der ÖV allein die Probleme nicht beseitigen kann».

Fraglicher Nutzen für Hochdorf

Doch gerade für Hochdorf ist der Nutzen der neuen Talstrasse zweifelhaft. Jedenfalls für Martin Kaeslin von der SP-Ortspartei Hochdorf. Der Raumplaner weist den Finger auf einen wunden Punkt: In Hochdorf ist das Problem weitgehend hausgemacht. «70 bis 80 Prozent des Verkehrs in Hochdorf sind Ziel- und Quellverkehr, das heisst, es ist nicht Durchgangs- sondern Binnenverkehr.»

Darum glaubt Kaeslin nicht, dass die Talstrasse den Ortskern von Hochdorf spürbar entlasten wird. «Das Problem ist, dass fast der gesamte Verkehr über einen einzigen Kreisel im Zentrum geführt wird. Es wäre weit sinnvoller, in Hochdorf schrittweise Ringstrassenabschnitte zu bauen und die Wohn- und Arbeitsgebietserschliessung darüber zu lenken.»

Die Kröte, die man dabei schlucken müsse, sei eine gewisse Belastung der Siedlungsränder, präzisiert Kaeslin, «aber das ist eher zu akzeptieren als der grosse Landverschleiss bei einer neuen Talstrasse.» Anders beurteilt Kaeslin die Situation für Eschenbach, das stärker vom Durchgangsverkehr belastet werde. Wenn eine Umfahrung gebaut werden soll, dann wäre diese in Eschenbach eher sinnvoll.

Darüber hinaus setzt Kaeslin auf neue Ideen. «Umfahrungen wie die Talstrasse, das sind Konzepte aus den 60er und 70er Jahren. Heute müssen wir neue Möglichkeiten ausschöpfen. Wie wäre es zum Beispiel mit einer E-Mobil und E-Bike-Schnellstrasse über Flurstrassen nach Luzern als Entlastung der Kantonsstrasse?» Das Problem, setzt dem der Hochdorfer Gemeindepräsident Peter Huber entgegen, «kann man mit dem Arbeitsweg per Velo nicht lösen.»

Weide- und Fruchtfolgeflächen in Gefahr

Bis jetzt gaben die bürgerlichen Gemeindevertreter und Parteien sowie die Idee Seetal AG den Takt an. Gemeindepräsident Peter Huber sagt, die FDP, CVP und SVP seien «grossmehrheitlich» für die Talstrasse.

Das gilt nicht für den Arzt Beat Meister, Mitglied der SVP. Bei der Talsstrasse sei er «nicht auf Parteilinie». «Mit der Talstrasse würden grosse Weide- und Fruchtfolgeflächen vernichtet», sagt Meister. «Und wenn wir die Strassenkapazitäten ausbauen, geht uns das verloren, womit wir werben: Das Seetal als Natur- und Landwirtschaftsregion.» Konsequenterweise, so Meister, müsse auch «der Wohnbauboom im Seetal gebremst werden».

Nach einem Marschhalt sieht es aber nicht aus. In den Seetaler Gemeinden werden, aufgelistet auf der Webseite von Idee Seetal AG, immer noch Dutzende von Bauparzellen zur Überbauung angeboten. Und so dürften sich die Verkehrsprobleme in Zukunft weiter verschärfen.

Noch ist die Meinungsbildung in der Bevölkerung nicht richtig in Fahrt gekommen. Einer der direkt Betroffenen, der junge Landwirt Urs Grüter in Urswil in der Nähe von Hochdorf, fürchtet die Diskussionen nicht. Grüter betreibt auf seinem Hof Ackerbau und Milchwirtschaft. Er müsste Land hergeben für die Talstrasse. «Ich mache mir keine Illusionen, als einzelner Bauer kann ich mein Land nicht verteidigen», sagt Grüter. Trotzdem wolle er optimistisch in die Zukunft schauen. «Wenn die Bevölkerung im Seetal erkennt, was sie an Natur- und Naherholungsräumen verliert, wird sie die Talstrasse ablehnen.» 

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