Judith Stamm besucht die zentral+-Redaktion. (Bild: mbe.)
Politik Gesellschaft

Judith Stamm besucht die zentral+-Redaktion. (Bild: mbe.)

«Klar bin ich eine Emanze, schauen Sie mich doch an»

23min Lesezeit

Ja, klar, sei sie eine Emanze – «voll!» – meint die Vorkämpferin für Frauenrechte lachend. Christoph Blocher bekommt im 50-Fragen-Interview sein Fett ab («hahnebüchen»), aber auch der Zuger Nationalrat Gerhard Pfister. Judith Stamm kritisiert die Tiefsteuerpolitik Luzerns und warnt junge Frauen, in der Zusammenarbeit mit den Männern nicht naiv zu sein: Wenn es um die Verteilung von Posten gehe, sei sich jeder selbst der Nächste, Gleichberechtigung hin oder her.

Judith Stamm ist in den letzten Jahren leiser getreten. Ihre letzten Ämter als Präsidentin der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft und der Rütlikommission hat sie schon lange nieder gelegt. Sie hatte dort zeitweise Kritik einstecken müssen: Nachdem Rechtsextreme den damaligen Bundesrat Samuel Schmid an einer 1.-August-Feier niedergeschrien hatten, war Stamm mitverantwortlich für die Zugangskontrolle zum Rütli mit einem Ticketsystem.

Heute beobachtet Stamm das Geschehen als interessierte Zeitgenossin: Doch trotz ihrer politischen Abstinenz ist die ehemalige Nationalratspräsidentin, die 1986 für den Bundesrat kandidierte, im Interview so provokativ und geistreich wie eh und je. Nach einer kurzen Besichtigung von zentral+, stellt sie sich bereitwillig den vielen Fragen. Und sie ist ganz selten um eine rasche Antwort verlegen.

1. Frau Stamm, das wievielte Interview ist das jetzt?

Ich habe sie nicht gezählt, aber es waren unzählige. Eine Zeitlang wollte ich einen Leitfaden für die Interviewer schreiben mit dem Titel «Interviews erlebt, erfahren, erlitten».

2. So schlimm?

Nein, ich hatte eigentlich nie Konflikte. Aber Journalisten klagen oft, Politiker seien nicht spontan und legten jedes Wort auf die Goldwaage. Aber wenn man spontan ist, kann die Aussage unter Umständen mehrfach interpretierbar sein. Zudem gibt es immer das Sprachproblem.

3. Wie meinen Sie das?

Zur Person

Als die Luzerner CVP-Nationalrätin Judith Stamm 1986 für den Bundesrat kandidierte, bewunderten viele ihren Mut. Andere empfanden ihre Kandidatur als störend und arrogant. Sie selbst wollte ein Zeichen setzen, dass Frauen selbstverständlich in die Landesregierung gehören.*
Heute ist das der Fall: Seit 2008 hat die Schweiz immer drei Bundesrätinnen. 1934 als Tochter einer katholischen Hausfrau aus Reiden und eines reformierten Eisenbahners in Schaffhausen geboren und in Zürich aufgewachsen, war Judith Stamm eine Pionierin in vielen Bereichen. Von 1960 bis 1984 arbeitete die Juristin bei der Kriminalpolizei Luzern. Sie war eine der ersten Luzerner Politikerinnen nach der Einführung des Frauenstimmrechts. 14 Jahre lang vertrat sie, neben Josi Meier, die CVP im Grossen Rat (heute Kantonsrat). Von 1983 bis 1999 politisierte Stamm im Nationalrat, auf dem linksliberalen Flügel der CVP. Dort setzte sich Stamm für eine Politik des Ausgleichs, für Frauenrechte und eine soziale und gerechte Schweiz ein.
*Die Journalistin Nathalie Zeindler schildert dies in einer Biographie über Judith Stamm: «Beherzt und unerschrocken. Wie Judith Stamm den Frauen den Weg ebnete», Xanthippe-Verlag, 2008.

Man redet viel, meist mehr als publiziert werden kann. Dann muss der Journalist das Gesagte vom Dialekt in die Schriftsprache übersetzen. Es gibt immer wieder Aussagen, wo man sich sagt: «Ich habe das zwar so gesagt. Aber lesen möchte ich es so nicht.» Doch man wird gelassener mit der Zeit.

4. Jetzt sind Sie im Ruhestand. Wie beginnt Judith Stamm ihren Tag?

Wenn ich nichts los habe, gehe ich meistens in ein Café Zeitungen lesen. Das ist meine grosse Freude. Lesen ist vielleicht übertrieben, durchsehen trifft eher zu.

5. Tagi oder NZZ?

Beide. Inklusive «Basler Zeitung», selbstverständlich der «Blick» und die «Neue Luzerner Zeitung», damit man weiss, wer was geworden und wer gestorben ist. Toll fände ich ein Café, wo es die «Aargauer Zeitung» und das «St. Galler Tagblatt» gibt. Aber leider habe ich das in Luzern noch nicht gefunden.

6. Nutzen Sie Social Media als Informationsquelle?

Denkt längere Zeit nach. Facebook und Twitter? Nein. Aber ich habe einen Kurs bei Computeria mit einem Professor der Pädagischen Hochschule Luzern besucht.

7. Eröffnen Sie bald ein Facebook-Profil?

Nein. Soviel Zeit möchte ich nicht verschwenden. Und eigentlich finde es nicht so zentral, den Leuten mitzuteilen, ob ich meine Blumen getränkt habe oder was ich gerade gegessen habe. Twitter hingegen ist spannend.

8. Wo engagieren Sie sich heute noch?

2007 habe ich alle «Ämtli» abgegeben. Ich interessiere mich immer noch für vieles, so für das Frauenhaus Luzern, das ich begleitet habe, seit es gegründet wurde. Ich schreibe Kolumnen, halte Vorträge, auch demnächst eine Erstaugustansprache in Schleitheim, meinem Heimatort. Und zusammen mit der Autorin gehe ich mit meiner Biografie (siehe Infobox) von Altersheim zu Altersheim, wo wir das Büchlein in einem Gespräch vorstellen. Gerade gestern hatte ich einen Spontanauftritt.

9. Erzählen Sie uns davon?

Im Rietbergmuseum in Zürich kam ein Lehrer auf mich zu, der mit seiner Klasse im Museum war. Er fragte mich spontan, ob ich seiner Klasse ein paar Worte sagen könnte. Er sagte, er verfolge mich schon mein Leben lang und habe immer gut gefunden, was ich machte. Sie lacht herzlich. Da war ich zuerst einmal überfordert. Ich bin das gar nicht mehr gewohnt. Ich habe den Kindern gesagt, es lohne sich immer, sich für etwas einzusetzen. Wenn man etwas nicht gerecht finde, könne man am Stammtisch darüber schimpfen oder sich fragen, ob man etwas verändern könne.

10. Wenn Sie Ihr Leben nochmals anfangen könnten, was würden Sie anders machen?

Gar nichts. Mein Leben war ja auch nicht so geplant. Ich habe als junge Frau nicht geahnt, dass ich einmal eine politische Karriere machen würde. 1959 wurde das Frauenstimmrecht letztmals abgelehnt, es gab keine politischen Mitbestimmungsmöglichkeiten für uns bis 1971. Dadurch ist eines nach dem anderen an mich herangekommen. Ich denke, so ist es recht gewesen.

11. Werden Senioren in der Gesellschaft benachteiligt?

Senioren werden bis zum geht nicht mehr bewirtschaftet. Wir sind ein boomender Markt, eine gute Kaufkraftklasse. Den alten Leuten in unserer Gesellschaft geht es gut, solange die Gesundheit stimmt, und die meisten sind finanziell gut dran.

«Ich bin ein wenig gelassener geworden»

12. Man hat Sie einmal als «Rose mit Stacheln» bezeichnet. Gibt es die Stacheln noch oder sind Sie altersmilder geworden?

Sie atmet tief durch. Ich bin ein wenig gelassener geworden. Früher hat mich Josi Meier (ihre 2006 verstorbene politische Weggefährtin, Luzerner Nationalrätin und später Ständerätin) jeweils die Wände raufgetrieben mit der Aussage, alles brauche seine Zeit. Und jetzt ertappe ich mich dabei, dass ich das selber sage.

13. Sie nehmen meine nächste Frage vorweg: Wie kann man Judith Stamm nerven?

Ich muss Ihnen dazu eine Geschichte erzählen. Ich war während meiner Tätigkeit bei der Kriminalpolizei Luzern bei den Polizeirekruten und gab dort Unterricht im Strafrecht. Im Café habe ich kürzlich einen Schüler von damals getroffen. Er meinte, die Polizisten wären gar nicht gegen das Frauenstimmrecht gewesen. «Aber Sie sind immer ‹d'Wänd uuf› deswegen», sagte er. Sie lacht herzlich. Das war ein Spielchen von denen, um ihre Instruktorin ein wenig zu nerven.

14. Und wie kann man Ihnen eine Freude machen?

Die persönlichen Beziehungen spielen heute eine grosse Rolle. Ich treffe mich viel mit Bekannten, gehe mit ihnen essen. Das finde ich sehr schön.

15. Was kommt Ihnen als Erstes in den Sinn, wenn Sie an Luzern denken?

Die Landschaft finde ich wunderschön. Wenn ich über die Seebrücke laufe, bin ich glücklich. Die Berge, die Aussicht, alles gratis. Zu jeder Tageszeit ist die Stimmung anders.

16. Sie sind 1999 aus dem Nationalrat zurückgetreten. FDP-Nationalrat Ernst Mühlemann sagte bei seinem Rücktritt: «Jetzt bin ich niemand mehr». Wie erlebten Sie das damals?

Erstens habe ich ihm hoch angerechnet, dass er zu seinen Gefühlen gestanden ist – er war ja dann doch noch jemand. Natürlich habe ich Bern nachher vermisst. Weniger die Arbeit als das «Biotop». Übertrieben gesagt ist dort ist die ganze Schweiz versammelt, und mit jedem kann man einen Kaffee trinken gehen. Das hat man halt nicht mehr, man muss sich sein Beziehungsnetz anders aufbauen.

17. Werden Sie noch angesprochen auf der Strasse?

Nicht mehr so häufig wie früher, aber auch nicht selten. Nicht nur in Luzern, das kann mir auch in Zürich oder Basel passieren.

18. Was sagen die Leute?

Dass sie mein Wirken verfolgt haben. Sie hätten sich vertreten gefühlt oder sie loben meine Arbeit. Es sind weniger inhaltliche Gespräche als vielmehr mein Stil, der ihnen gefallen hat.

19. Womit assoziert man Sie am ehesten?

Am ehesten mit der Frauenpolitik. Eine Zeitlang auch mit dem Rütli, als wir die Rechtsextremen dort hatten.

20. Hatten Sie politische Vorbilder?

Eigentlich diejenigen, mit denen ich politisiert habe. Das war im Kanton Luzern Josi Meier. Die ersten vier Jahre sass ich neben der Schwyzer Nationalrätin Elisabeth Blunschy-Steiner. Ich kam ja 1983 in den Nationalrat, damals gab es erst wenige Frauen mit politischen Erfahrungen.

21. Vorbilder jenseits der Landesgrenze vielleicht?

Ja, Teresa von Avila, eine Mystikerin. Sie reiste im 16. Jahrhundert mit einem Ochsenkarren durch Spanien und brachte die Karmelitinnen-Orden, die das Leben allzu sehr genossen, wieder auf Kurs. Sie hat mit einer Hühnerfeder ihre Bücher geschrieben und uns ein grosses Werk hinterlassen. Es fasziniert mich, dass man unter solch widrigen Umständen seine Ideen durchsetzen kann und diese über Jahrhunderte erhalten bleiben.

22. Wie hat sich die Politik nach Ihren Beobachtungen verändert?

Wir hatten es noch schön, weil die Politik nicht so stark polarisiert war wie heute. Das Kräfteverhältnis war ausgeglichener. Dadurch hat man in den Kommissionen auf Lösungen hinarbeiten könne, es waren alle zu Kompromissen bereit.

23. Und heute?

Es ist oft ein Machtspiel. Dass ganz links und ganz rechts, oft miteinander, politische Geschäfte beerdigen, weil es den einen zu weit geht und den anderen zu wenig weit und man am Schluss gar keine Lösung hat, kann sich keine politische Institution erlauben.

«Dass ganz links und ganz rechts politische Geschäfte beerdigen, gefällt mir gar nicht»

24. Kommen Kompromisse nicht eher in den Kommissionen zustande?

Ich weiss nicht, wie es heute in den Kommissionen zu- und hergeht. Wir haben das Parteimänteli noch draussen abhängen können und dann drinnen geschaut, wie wir vorwärts kommen. 1999 spielten die Medien auch noch nicht so eine grosse Rolle. Natürlich musste man Rede und Antwort stehen und wollte in den Medien erscheinen. Aber heute fällt mir auf, dass die Medien die Politiker unglaublich «bewirtschaften». Keiner kann sich mehr eine falsche Bemerkung erlauben.

25. Nehmen die Medien die Politiker zu ernst?

Nein, aber Politik dient mehr der Unterhaltung und Sensation.

26. Wie bilden die Medien die politischen Entscheidungen ab?

Es heisst zum Beispiel in einer Zeitungsmeldung: «Der Bundesrat entscheidet dies und das». Dann liest man nach und sieht, dass der Bundesrat dem Parlament eine Botschaft zuleiten wird. Dann ist es doch noch längst nicht beschlossen.

27. Also eine Falschmeldung?

Natürlich hat sich der Bundesrat in einer Streitfrage auf etwas geeinigt. Aber dann kommt ja der ganze Prozess. Ich frage mich manchmal, ob der Bürger sich überhaupt noch orientieren kann, wo ein Geschäft wirklich steht.

28. Früher war alles besser?

Vielleicht ein wenig.

Sie lacht, weil sie die Ironie der Frage verstanden hat.

29. Von Bern nach Luzern zurück: Sparen ist heute das Hauptthema in der Luzerner Politik. Haben soziale Anliegen noch eine Chance?

Da überfragen Sie mich jetzt. Bei der Revision des kantonalen Pflegefinanzierungsgesetzes befürchtet man als Folge einen Qualitätsabbau bei den Institutionen. Die sozialen Institutionen sagen auch, dass linear die Subventionen gekürzt werden. Doch warum müssen wir sparen? Weil wir die Steuern gesenkt haben…

30. Was halten Sie von der Luzerner Tiefsteuerpolitik für Unternehmen?

Ich finde sie paradox. Wir senken die Steuern, das soll Unternehmen nach Luzern bringen. Möglichst ausländische, die bringen Steuern durch ihre Mitarbeiter. Gleichzeitig hat das Schweizer Volk gesagt: Es ist genug. Ich lese immer noch Artikel, dass man sich freut, wenn sich Firmen ansiedeln. Dabei darf man sich doch gar nicht freuen, denn das gibt ja wieder Zuwanderung. Das ist alles sehr widersprüchlich.

«Man darf sich doch gar nicht mehr über die Ansiedlung neuer Firmen freuen. Das bringt ja wieder Zuwanderung.»

31. Unterschreiben Sie die Initiative, welche die Unternehmenssteuersenkung wieder rückgängig machen will?

Ich glaube fast, ich habe die schon unterschrieben. Aber ich bin nicht mehr ganz sicher.

32. Frau Stamm, sind Sie eine Emanze?

Ja klar, schauen Sie mich doch an. Sie lacht herzlich und lang. Voll!

33. Ist das für Sie kein Schimpfwort?

Nein, nein. Emanze ist wie Feministin. Ein Sammelbegriff für diejenigen, die sich für Frauenrechte einsetzen. Natürlich wird es von gewissen Leute als Schimpfwort verwendet. Nur keine Emanzen. Es gibt auch arrivierte Frauen, die heute von sich sagen, sie seien gar keine Feministinnen, aber…

34. ...aber?

Es sind oft junge Frauen, die Karriere machen. Sie betonen immer, dass sie eine Stelle erreicht haben aufgrund ihrer Leistungen und nicht wegen ihres Geschlechts. Ich denke im Herzen, dass das wahrscheinlich schon so ist. Aber sie müssten sich ein wenig überlegen, wieviel wir krampfen mussten, damit es überhaupt jemandem in den Sinn kommt, für den Posten auch eine Frau in Betracht zu ziehen.

35. Solidarität unter Frauen war Ihnen immer ein grosses Anliegen. Braucht es diese noch?

Ja. Wenn es ein Frauenanliegen ist, haben Sie halt unter den Frauen mehr Anhängerinnen, als wenn Sie wahrscheinlich Männer fragen würden.

36. Sind Frauen den Männern jetzt gleichgestellt?

Ich würde sagen, wir haben mindestens rechtlich-gesetzlich die gleichen Möglichkeiten. Aber sobald eine Frau heiratet und alle Möglichkeiten ausnützen will, Familie und Beruf und Kinder unter einen Hut bringen, fangen natürlich die Probleme an.

37. Sie haben gesagt: Um die ungerechtfertigten Lohndifferenzen zwischen Männern und Frauen anzufechten, müssten Frauen vor Gericht gehen. Aber das wollten diese nicht mehr. Haben die Frauen resigniert?

An der Wurzel der Lohndiskrepanz liegt ja unser Eherecht. Bis am 1. Januar 1988 war der Mann von Gesetzes wegen verpflichtet, die wirtschaftliche Grundlage der Familie bereitzustellen. Ich denke, da sind ganze Generationen von Buben aufgewachsen, die wussten, dass sie recht verdienen müssen und ganze Generationen von Arbeitgebern, die denken, dass ein Mann doch einen rechten Lohn haben muss: einen Ernährerlohn. Das ist jetzt zwar 26 Jahre her. Das bleibt aber lange in den Köpfen haften.

«Wenn ihr mit den Männern hohe Posten besetzen wollt, wünsche ich euch viel Glück»

38. Sie sagten auch, dass eine grosse Scheu bestehe, sich als Frau von den Männern abzugrenzen. Wie meinten Sie das?

Die jungen Frauen halten uns immer entgegen, dass sie nicht mehr so kämpferisch sein müssen wie wir. Sie würden jetzt mit den Männern zusammen arbeiten in Politik oder Wirtschaft. Das finde ich ja schön und recht. Ich sage dann immer: Wenn ihr mit den Männern zusammen hohe Posten besetzen wollt, dann wünsche ich euch viel Glück. Wenn es um Posten geht, auch im politischen Leben, ist sich jeder selbst der nächste.

39. Ich habe nachgerechnet: 37 Jahre ihres Lebens hatten Sie kein Stimmrecht. Waren Sie damals wütend auf die Männer?

Nein. Judith Stamm echauffiert sich ein wenig.
Ich bin nicht eine von denen, die der Meinung waren, Männer seien die Quelle allen Übels. Aber wir haben uns als Frauen einfach für unsere Belange wehren müssen. Da gab es die Männer, die einem halfen und andere nicht. Christoph Blocher hat damals 1985 als Nationalrat das revidierte Eherecht bekämpft. Das war einfach hahnebüchen! Man hatte das Eherecht von ganz links bis ganz rechts im Parlament als ausgewogene Vorlage durchgebracht und endlich eine Grundlage geschaffen, dass Männer und Frauen gleichgestellt sind, der Mann nicht das ganze Geld verwalten und verputzen konnte und auch die Meinung der Frau etwas gilt. Da sagte Christoph Blocher, wenn das Eherecht angenommen würde, ginge die Schweiz unter. Da habe man den Richter im Ehebett! Es wurde dann angenommen, aber knapp.

40. Was halten Sie vom «Binnen-I» (wie in MitarbeiterInnen) und ähnlichen genderspezifischen Anpassungen bei der Rechtschreibung?

Als ich 1983 in den Nationalrat kam, wurde ich im Büchlein mit «Frau Nationalrätin Judith Stamm» vorgestellt. Im Brief hiess es aber «Sehr geehrte Herren». Ich habe mich daraufhin beschwert und den Stellen geschrieben: «Teilen Sie Ihrem Computer bitte mit, dass es zweierlei Menschen gibt.» Man hat damals immer behauptet, der Computer sei schuld, das Programm sei so. Plötzlich klappte es dann, und in den Briefen wurden beide Geschlechter angesprochen. Auch auf der Kanzel hiess es früher «Liebe Brüder»; dabei ist ja die Kirche voller Frauen. Man musste dafür kämpfen, dass Frauen in der Sprache wahrgenommen werden.

«Teilen Sie Ihrem Computer mit, dass es zweierlei Menschen gibt.»

41. Und heute?

Jetzt ist wieder der Trend, dass man davon weg will. Ich finde es aber in Ordnung, dass man Frauen in der Sprache ebenfalls berücksichtigt. Aber es ist manchmal mühsam, wenn ich einen Artikel oder Vortrag schreibe und nach Wörtern suche. Statt «Sehr geehrte Damen und Herren» sage ich dann «liebe Gäste», oder «die Studierenden» statt Studenten und Studentinnen. Aber es würde mir schwer fallen, «Studenten» zu schreiben, wenn ich auch die Frauen meine. In meinen Ohren sind das alles männliche Begriffe.

42. Das «katholische Luzern» machte Front gegen Sie, als Sie für den Nationalrat kandidierten. Gibt es dieses katholische Luzern noch?

Konservative Kreise aus der CVP opponierten damals gegen mich. Ich war seit den 1970-er Jahren in der Frage des Schwangerschaftsabbruchs für die Fristenlösung. Man fand, es sei unmöglich, dass aus der Innerschweiz eine CVP-Frau nach Bern delegiert wird, welche diese Meinung vertritt.

43. Der Zuger Nationalrat Gerhard Pfister sagte im Interview mit zentral+, das «C» im Namen CVP stehe für die Freiheit des Menschen. Ihre Meinung?

Oje... Ich habe immer gesagt, das «C» ist für mich der Stachel im Fleisch, der mich daran erinnert, dass es neben der Tagespolitik grundlegende Werte und Richtlinien gäbe. Aber ich habe mich immer erinnert, dass es nicht immer möglich ist, das alles umzusetzen.

44. Pfister findet es auch toll, dass die CVP Zug als «Wirtschaftspartei» wahrgenommen wird.

Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen. Das ist natürlich überhaupt nicht toll.

45. Wofür steht die Luzerner CVP?

Ich bin 1971 in die CVP eingetreten, als die Katholisch-Konservative Partei und die Christlichsoziale Partei fusioniert haben zur heutigen CVP. Die CVP stand damals für mich als eine Partei des Ausgleiches. Ich habe es im Nationalrat als grossen Vorteil empfunden, dass wir auf der einen Seite den Eisenbahnergewerkschafter Rolf Seiler aus Zürich hatten und auf der anderen Seite Peter Baumberger, Präsident des Hauseigentümerverbandes. Sie vertraten die zwei Pole in der Fraktion. Wir hatten viel Übung im internen Ausjassen. Deshalb war die CVP auch eine Zeitlang die Partei, welche in Kommissionen immer Lösungen gebracht hat.

46. Geht Judith Stamm am Sonntag in die Kirche?

Ein wenig trotzig. Nein. Also, selten.

47. Sozusagen der Chef-CVPler ist ja Papst Franziskus. Was halten Sie von ihm?

Charmant. Liebenswürdig. Unkompliziert. Nahe bei den Leuten. Was man von ihm für die Weiterentwicklung der katholischen Lehre halten kann, wird man erst später beurteilen können. Er hat immer wieder gesagt: Ich bin ein Sohn der Kirche.

48. Sehen Sie seine Offenheit als gute Werbung oder als Zeichen für die Öffnung der Kirche?

Als Person wirkt er sehr authentisch. Aber das heisst noch nichts für den Inhalt der katholischen Lehre.

49. Braucht es katholische Priesterinnen oder eine Päpstin?

Es gibt auch Frauen, die sich zu diesem Amt hingezogen fühlen und ich sehe nicht ein, warum man sie ausschliessen soll. Vielleicht in 50 Jahren. Zur Päpstin: Es gab einmal ein Buch von Esther Vilar «Die amerikanische Päpstin», und natürlich die Legende von der Päpstin Johanna. Sie lacht.

50. Ich nenne Ihnen zum Schluss noch einige Namen von Politikerinnen. Was fällt Ihnen spontan dazu ein?

Ursula Stämmer:
Sie wollte ja Stadtpräsidentin werden. Aber die CVP hatte auch einen Kandidaten, ich habe Stefan Roth unterstützt. Das hat mich aber in eine Zwickmühle gebracht. Ich fand immer, Ursula Stämmer habe es gut gemacht.

Manuela Jost:
Sie kenne ich fast nicht und habe wenig mit ihrem Amt zu tun.

Yvonne Schärli:
Sie kenne ich ein wenig länger. Ich finde, dass sie es gut gemacht hat.

Doris Leuthard:
Sie hat von einem angenehmen in ein ganz schwieriges Departement gewechselt, mit grossen Geschäften wie der zweiten Gotthard-Röhre oder der Energiewende. Aber ich finde, sie schlägt sich gut.

Evelyne Widmer-Schlumpf:
Die finde ich ganz toll.

Elisabeth Kopp:
Judith Stamm seufzt tief.
Eigentlich eine tragische Figur, ich finde es toll, dass sie wieder in die Öffentlichkeit zurückgekehrt ist. Ihr Rücktritt 1988 war für mich das erste Ereignis, wo sich Politiker den Medien gebeugt haben.

Angela Merkel:
Ich bewundere sie und habe von ihr gelesen, dass sie auch Politik als Naturwissenschaft betrachte. Man wirft ihr manchmal vor, zu wenig Gestaltungskraft zu zeigen. Aber ich finde das noch toll und es hat mich überzeugt, dass es Menschen gibt, die finden, man könne auch warten. Ob das nun fürs Thema so gut ist oder nicht. Sie lacht wieder.

Hillary Clinton:
Fabelhaft überraschend ihre Laufbahn. Ich glaube, die wird noch antreten als Präsidentschaftskandidatin. Einen schwarzen Präsidenten haben die USA schon gewählt, warum jetzt nicht auch eine Frau.

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