Opposition im Seetal: Die Gegner markieren bei Ballwil den ungefähren Verlauf der geplanten Talstrasse. (Bild: Robert Müller)
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Opposition im Seetal: Die Gegner markieren bei Ballwil den ungefähren Verlauf der geplanten Talstrasse. (Bild: Robert Müller)

Widerstand gegen neue Strasse im Seetal

5min Lesezeit

Der Regierungsrat und der Kantonsrat Luzern sollen die Planung für die neue Talstrasse im Seetal stoppen. Das fordert die neu gegründete Interessengemeinschaft «querfeldnein» heute an ihrem ersten öffentlichen Auftritt im Seetal. 

Etwa zwanzig Vertreterinnen und Vertreter der Interessengemeinschaft «querfeldnein» baten heute zum Augenschein. Westlich von Ballwil hatten sie den ungefähren Verlauf der geplanten Talstrasse markiert; ein Plastikband zeigt, wo es langgehen könnte mit der neuen Strasse: Mitten durch eine unberührte Kulturlandschaft. (zentral+ hat darüber berichtet.)

«Wir wollen Emotionen wecken und aufzeigen, was die Talstrasse hier in dieser Landschaft anrichten würde», sagt Hans Bächler aus Hochdorf, Vorstandsmitglied der Interessengemeinschaft  «querfeldnein». Der Fluglärm der Patrouille-Suisse raubt ihm für einen Moment das Wort, doch dann doppelt Bächler nach: «Wir lancieren heute eine Petition. Sie fordert, dass der Kanton die Planung für die Talstrasse zurückstuft oder noch besser, das Projekt endgültig stoppt.»

Kanton nimmt nicht Stellung

Zur Forderung nach einem Planungsstopp will sich das Bau-, Umwelt- und Wirtschaftsdepartement des Kantons Luzern (BUWD) nicht äussern. Urban Henzirohs vom BUWD schreibt zentral+: «Zum aktuellen Zeitpunkt nehmen wir noch keine Stellung zur Petition. Das Projekt ist im Bauprogramm 2011 – 2014 für die Kantonsstrassen enthalten. Der Kantonsrat hat an seiner Sitzung vom 8. November 2010 das Projekt vom Topf C in den Topf B umgeteilt und die Verwaltung mit der Planung beauftragt.»

Talstrasse – was man weiss

Bekannt ist heute, dass der Kanton Luzern im Auftrag des Kantonsrates eine zusätzliche neue Strasse durchs Seetal plant, welche die Dörfer vom Durchgangsverkehr entlassen soll.

Was im Detail geplant ist, weiss hingegen niemand genau. Urban Henzirohs vom BUWD sagt dazu: «Es werden vier Linienführungen im Rahmen von Vorprojekten ausgearbeitet. Im Variantenstudium werden die Kosten je nach Variante auf 60 bis 190 Millionen Franken (+/- 30 Prozent) geschätzt.» Durchgesickert ist, dass Eschenbach östlich und danach Ballwil und Hochdorf westlich umfahren werden sollen.

Die Idee Seetal AG führt am 12. Juni 2014 einen Informationsabend zur Talstrasse durch. Der Kanton wird sich daran beteiligen. Auch die Interessengemeinschaft «querfeldnein» bleibt aktiv. Sie sammelt Unterschriften für ihre Petition und will im Sommer mit Profilen den Verlauf der Talstrasse aufzeigen und politische Entscheidungsträger im Seetal für das Thema sensibilisieren.

Nur – welche Planung? «Wir wissen es nicht, der Kanton macht vorwärts, aber was genau entstehen soll sagt man uns nicht», sagt Hans Bächler dazu. Auf diese Kritik an der Informationspolitik des Kantons sagt Urban Henzirohs: «Es werden für vier Varianten Vorprojekte ausgearbeitet. Diese Arbeiten haben erst begonnen. (...) Genauere Angaben zu Linienführungen können heute noch nicht gemacht werden.»

Die geplante Strasse soll ein Problem lösen, das vor allem in den Morgen- und Abendstunden auftritt: Die heutige Seetalstrasse ist überlastet. Das räumen auch die Gegner der Talstrasse ein. «Es ist tatsächlich so, dass man in Spitzenzeiten von der Autobahnausfahrt Buchrain der A4 bis nach Hochdorf im Kriechverkehr steckt und dabei etwa 10 Minuten Fahrzeit verliert», sagt Martin Kaeslin, Raum- und Landschaftsplaner sowie Vorstandsmitglied der Interessengemeinschaft «querfeldnein». 

Aus dem Fenster geworfenes Geld 

Die punktuellen Verkehrsüberlastungen durch den Pendlerverkehr sind eine Folge des starken Wachstums im Seetal. Der regionale Entwicklungsträger, die Idee Seetal AG, hat das Gebiet in den letzten Jahren als Wohngegend vorangetrieben.

Doch für Martin Kaeslin ist eine neue Talstrasse die falsche Antwort auf das Verkehrsproblem. «Die Talstrasse ist ein Denkansatz aus den 70er Jahren», kritisiert er. «Eine neue Strasse neben der bestehenden Seetalstrasse können wir uns gar nicht leisten. Das ist aus dem Fenster geworfenes Geld.» Und vor allem, so der Raum- und Landschaftsplaner, löse sie keine Probleme. Denn der Löwenanteil des Verkehrs sei nicht Durchgangs-, sondern Quell-, Ziel- oder Binnenverkehr. «Die Entlastung durch eine neue Talstrasse wäre marginal», meint Kaeslin. Viel wirkungsvoller sei stattdessen eine Verstetigung des Verkehrs. 

Verstetigung ist erprobt

Darunter versteht Kaeslin eine Verlangsamung des Verkehrs, beispielsweise Tempo 30 statt Tempo 50 in den Dörfern. «Mit einem solchen Verkehrsregime gibt es weniger Stockungen, der Verkehr wird flüssiger und als Folge kann die Strasse mehr Verkehr abwickeln.» Eine Folge sei auch, dass sich alle besser arrangieren könnten, auch Fussgänger hätten eine Chance.

«Die Verstetigung als verkehrsplanerische Optimierung ist erprobt und erfolgreich», fügt Martin Kaeslin hinzu, und mit dem Ausbau der S9 (Seetalbahn) und weiteren Schritten könnte das Problem ohne neue Talstrasse gelöst werden.

Urban Henzirohs vom BUWD sagt dazu: «Im Variantenstudium wurden neben den Umfahrungslösungen auch Varianten mit massivem Ausbau des öffentlichen Verkehrs und mit Abwicklung des Verkehrs auf dem bestehenden Strassennetz untersucht.» Die Verkehrsmenge bleibe mit Verkehrsverflüssigungen konstant. Hauptziel des Projektes sei, den Verkehr um die Dorfkerne zu leiten, um diese zu entlasten.

Landwirte sind Verlierer

Gegen die neue Talstrasse wehren sich besonders auch die Landwirte, die Land hergeben müssten. «Das Gelände würde mit der neuen Strasse zerschnitten», sagt Lucius Kaufmann, Landwirt in Eschenbach und Vorstandsmitglied der Interessengemeinschaft «querfeldnein». «Der Verlust an wertvollem Kulturland wäre enorm. Es handelt sich hier auch um Fruchtfolgeflächen, die geschützt werden sollten.»

«Das Gelände würde mit der neuen Strasse zerschnitten.»

Lucius Kaufmann, Landwirt in Eschenbach

Urban Henzirohs sagt dazu, der Bedarf an Kulturland für dieses Projekt sei ein wichtiges Thema und es werde in der Planung berücksichtigt. «Das Thema Fruchtfolgeflächen wird im Umweltverträglichkeitsbericht abgehandelt.» 

Landwirt Lucius Kaufmann kritisiert, mit der Talstrasse würden nicht nur die Menschen, sondern auch die Tiere viel verlieren. Gegenwärtig laufe ein Vernetzungsprojekt für Wildtiere, das noch nicht abgeschlossen sei. «Das würde mit der neuen Strasse zerstört», sagt Lucius Kaufmann.

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