Dr. med. Peter Beck ist überzeugt, dass Hausarztberuf wieder attraktiv werden muss. (Bild: bra)
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Dr. med. Peter Beck ist überzeugt, dass Hausarztberuf wieder attraktiv werden muss. (Bild: bra)

«Für die nächste Generation»

6min Lesezeit

Der Menzinger Arzt Peter Beck sagt, warum ein «Ja» zur medizinischen Grundversorgung am 18. Mai für seinen Berufsstand wichtig ist. Es gehe nicht um gesicherte Einkommen, sondern um Perspektiven – wie zum Beispiel bei seinem Sohn Samuel. Dieser wird sich in den nächsten Jahren für oder gegen den Beruf seines Vaters entscheiden.

An der Eingangstür seiner Praxis hängt ein blaues Plakat, «Ja zur medizinischen Grundversorgung». Und im Wartezimmer hängt nochmal eins. Selbstverständlich unterstützt der Menzinger Hausarzt Dr. med. Peter Beck die Vorlage seiner Gilde, über die das Schweizer Stimmvolk am nächsten Sonntag abstimmen wird. Obwohl er sagt, dass der Verfassungsartikel auf ihn keine direkten Auswirkungen mehr haben wird. Es gehe vielmehr um die «nächste Generation Hausärzte». Um seinen Sohn Samuel zum Beispiel. Dieser habe das Grundstudium in Medizin abgeschlossen und setzt sich intensiv mit den Vor- und Nachteilen des Hausarztberufes auseinander.

«Hausarzt» ist nicht mehr beliebt

«Ich bin Hausarzt aus Leidenschaft», sagt Beck mit voller Überzeugung. Schon seit 28 Jahren führt er seine Praxis in Menzingen. Unterstützt wird er von drei medizinischen Praxisassistentinnen, eine arbeitet im Vollzeitpensum, die anderen Teilzeit. Sohn Samuel war im letzten Winter hier, schnupperte in der Praxis seines Vaters. «Samuel wird sich in den nächsten Jahren entscheiden, ob er Hausarzt werden will, oder nicht», sagt Peter Beck. Momentan sei Samuel in Thusis und beginnt seine Zeit als Assistenzarzt auf der Chirurgie. Es freut Peter Beck, dass sich sein Sohn für die Medizin entschieden hat.

Im Sprechzimmer des 59-jährigen Hausarztes sind die wandhohen Regale voller Bücher. «Mit einer eigener Praxis ist man nicht nur Arzt, man übernimmt auch viel unternehmerische Verantwortung», sagt Beck. Ja, der «Beruf Hausarzt» habe an Attraktivität verloren. Ausserdem wollen junge Ärztinnen und Ärzte oft nicht mehr in einer Einzelpraxis arbeiten. Bund und Kantone sollen die Hausarztmedizin in Zukunft gezielt fördern. Der Verfassungsartikel für die Medizinische Grundversorgung ist wenig umstritten. Ziel sei es, die medizinische Grundversorgung als Ganzes zu stärken (siehe Box).

Chronische Krankheiten nehmen zu

Grundversorgung für alle

Die Menschen in der Schweiz sollen auch in Zukunft überall rasch und gut medizinisch versorgt werden, wenn sie erkranken oder einen Unfall haben. Mit dem neuen Verfassungsartikel werde die Grundlage dafür gelegt, schreibt das Eidgenössische Departement des Innern (EDI) in einer Mitteilung.

Der neue Artikel verpflichtet Bund und Kantone, gemeinsam die medizinische Grundversorgung zu stärken und die Hausarztmedizin zu fördern. Bund und Kantone könnten dafür sorgen, dass es genügend und gut ausgebildete Hausärztinnen und Hausärzte wie auch Gesundheitsfachpersonen gebe, schreibt das EDI.

Zentral sei eine gute Zusammenarbeit zwischen den Hausärztinnen und Hausärzten und den andern Gesundheitsfachpersonen, wie Spezialärzten, Pflegefach­leuten, Apothekerinnen, Ergo­ und Physiotherapeutinnen, Ernährungsberatern und medizinischen Praxisassistentinnen.

Aber weshalb entscheiden sich junge Medizinstudenten nicht mehr für den Hausarztberuf? Arbeiten sie wirklich zu viel und verdienen vergleichsweise «zu wenig»? Peter Beck weist das Klischee zwar nicht von der Hand. Aber die Sache sei komplexer. »Es geht primär um die langfristige Entwicklung des Berufsstandes», sagt Beck.

Der Hausarzt erklärt seine Aufgabe, seinen Alltag. Seine Praxis funktioniere wie alle anderen, mit Labor und Medikamentenschrank. Es gäbe viel zu tun. «Je nach Anzahl der Patienten, dauert mein Arbeitstag länger», sagt Beck. Praktisch täglich besucht er Patienten zu Hause. Dazu kämen Besuche in Pflege- und Altersheimen, sowie in der Strafanstalt Bostadel. Sein Pensum betrage schon mal zwölf Stunden am Tag. Das schmälert nicht die Motivation: «Der Beruf bereitet mir nach all den Jahren noch immer sehr viel Freude», sagt Peter Beck.

Viele Ärzte erreichen das Pensionsalter

Die demographische Entwicklung in der Schweiz zeigt für die Zukunft klare Tendenzen. Mit der wachsenden Anzahl an älteren Menschen, wächst auch die Zahl der Patientinnen und Patienten mit chronischen Krankheiten. Schon heute führt Peter Beck rund die Hälfte aller Untersuchungen und Behandlungen bei Senioren durch. Und wie er erreichen viele Hausärzte in den nächsten Jahren das Pensionsalter.

Vor allem deshalb sei die Verankerung der Hausarztmedizin in der Verfassung wichtig, sagt Beck. Damit für die immer älter werdenden Generationen auch genügend junge Ärzte nachkommen. «Es ist nun wirklich der späteste Zeitpunkt, um noch reagieren zu können».

Bis 70 Prozent der Einnahmen sind Praxis(un)kosten

Das sagt auch Franziska Zogg, ehemalige Tarifzuständige für den Verband Hausärzte Schweiz: «Bei dieser Abstimmung geht es den Ärzten nicht ums Geld, sondern um Perspektiven.» In den letzten Jahren seien den Hausärzten mehr und mehr Einkommensmöglichkeiten weggebrochen, so zum Beispiel wurden die Labortarife gesenkt. Oder in manchen Kantonen sei es der Wegfall der Medikamenten-Marge. Für junge Ärzte, die eine Hausarztpraxis eröffnen wollen, sei das ein Nachteil in der Planung.

Bund und Kanton hätte neu den Auftrag, dafür zu sorgen, dass die Leistungen der Hausärztinnen und Hausärzte «angemessen» vergütet werden. Doch was heisst «angemessen» für Hausärzte? Zogg macht dafür folgende Rechnung: Ein Schweizer Hausarzt sollte nach jetzigem Tarifsystem im Durchschnitt 127 Franken pro Stunde einnehmen können, das ist der ursprüngliche Richtwert von 1999.

Im Schweizer Durchschnitt betragen die Ausgaben für Infrastruktur und Personal 60 bis 70 Prozent der Einnahmen. «Als Entlöhnung bleiben dem Arzt aus dem Tarif noch um die 65 Franken», so Zogg. Das sei zu wenig. «Besonders, wenn man mit anderen Berufsgattungen in der Medizin vergleicht».

Medizin – mehr Beruf als Berufung

Als Hausarzt befinde man sich bei den Einkommen im hinteren Drittel, sagt Peter Beck. An der Spitze in Sachen Verdienst befänden sich die Spezialisten wie zum Beispiel Hirnchirurgen, oder Urologen. Auf Samuel Beck wird die Entscheidung in den nächsten Jahren zukommen. Für ihn, Sohn von Peter Beck, beginnt nun die Zeit als Assistenzarzt in verschiedenen Fachbereichen.

Der 26-Jährige hat kürzlich sein Grundstudium abgeschlossen. «Viele junge Ärzte und Ärztinnen würden Medizin heute mehr als Beruf denn als Berufung sehen», erklärt er. Viele seien nur noch bedingt bereit, solch eine hohe zeitliche Arbeitsbelastung auf sich zu nehmen.

Deshalb sei das Modell der Gemeinschaftspraxis bei jungen Ärzten auf dem Vormarsch. «Sie verbessern auch die Teilzeitarbeitsmodelle für die Work-Life-Balance.» In einer Gemeinschaftspraxis könne man zudem die Kosten teilen. «Ich lasse es mir noch offen, ob ich mich für die Hausarztmedizin entscheide». Wenn, dann würde er es ähnlich machen wollen wie sein Vater. «Ich kann es aber wirklich noch nicht sagen.»

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